Sofort gab er die Schurkerei öffentlich kund, und die Vermählung wurde natürlich infolgedessen aufgehoben. Entgegen der Ansicht besonnener Männer, die Sir Philipp Forester für einen Schuft erklärten, der nicht mehr auf die Rechte eines Ehrenmannes Anspruch hätte, gestand ihm Kapitän Falconer doch noch das Vorrecht eines solchen zu und nahm die Herausforderung zum Zweikampf an, in welchem er tötlich verwundet wurde.
So waltet und wirkt geheimnisvoll die Vorsehung. Lady Forester hat sich von dem Schreck dieser Trauerkunde nie wieder erholt.
Sechstes Kapitel
»Ereignete sich der traurige Vorfall,« fragte ich, »genau zu der Zeit, als das Bild im Spiegel gezeigt wurde?«
»Es ist verdrießlich, die Wirkung einer Erzählung in etwas abzuschwächen. Um jedoch bei der Wahrheit zu bleiben, muß ich sagen, daß das Ereignis einige Tage vor der Erscheinung im Spiegel sich zugetragen hatte.«
»Mithin ist auch die Möglichkeit vorhanden,« sagte ich, »daß der Schwarzkünstler durch geheime und schnelle Botschaft rechtzeitig Nachricht von dem Vorfall erhalten hatte.«
»So sagten alle, die nicht daran glaubten,« erwiderte meine Tante.
»Und was ist aus dem Adepten geworden?« fragte ich.
»Ein Haftbefehl wurde gegen ihn erlassen, aber er verstand das Wahrsagen viel zu gut, als daß er nicht das tragische Schicksal vorausgesehen hätte, das seiner warten würde, wenn er dem Manne des Gesetzes nicht aus dem Wege ginge, er schlug sich daher, wie man so sagt, seitwärts in die Büsche, und man hat nie wieder von ihm gehört, noch ihn je wieder gesehen.«
»Und ist auch Sir Philipp Forester für immer von der Bildfläche verschwunden?« fragte ich weiter.
»Nein,« versetzte meine liebe Erzählerin, »bei einem seltsamen Anlaß hat man wieder von ihm gehört. Es heißt, wir Schotten – sofern wir uns als ein besonderes Volk für sich bezeichnen können – haben unter unsern vollen Scheffeln von Tugenden auch einige Gerstenkörner von Lastern. Besonders macht man uns den Vorwurf, daß wir Schmähungen und Unbilden selten oder nie verzeihen und daß wir unsern Groll gehörig hegen, damit er hübsch heiß bleibt. Auch Lady Bothwell hegte solchen Grimm, und ich glaube, nichts hätte ihr mehr Entzücken verursacht, als wenn sie an Sir Philipp für die doppelte Untat, durch die er ihr einen Bruder und eine Schwester geraubt hatte, vollgiltige Rache hätte nehmen können. Aber erst nach vielen Jahren hörte man wieder von ihm.
An einem Fastnachtsabend, als die ganze vornehme Gesellschaft von Edinburgh versammelt war, trat ein Bedienter zu Lady Bothwell und sagte ihr leise, ein Herr wünsche sie insgeheim zu sprechen.
»Insgeheim? und hier in einer Gesellschaft? der muß nicht recht bei Sinnen sein. Sagt ihm, er solle morgen früh zu mir kommen.«
»Das habe ich ihm schon gesagt,« entgegnete der Diener. »Er hat mir aber aufgetragen, dieses Billet an Euch abzugeben.«
Sie öffnete das seltsam gefaltete und versiegelte Schreiben. Auf der Adresse standen nur die Worte: In Sachen über Leben und Tod – und zwar in einer Handschrift, die sie zuvor noch nie gesehen hatte.
Sie folgte dem Boten in ein kleines Nebenzimmer, wo Erfrischungen zubereitet wurden und wohin die Gesellschaft sonst nicht Zutritt hatte. Dort fand sie einen alten Mann, der, als sie näher kam, sich erhob und sich tief verneigte. Er sah körperlich völlig zerrüttet aus, seine Kleider, die er der Etikette des Balles entsprechend sorgfältig angelegt hatte, waren fadenscheinig und verschossen und hingen faltenreich um seine hagre Gestalt.
Lady Bothwell zog bereits die Börse, um mit einem Almosen den Bittsteller loszuwerden, aber im selben Augenblick hatte sie doch das Gefühl, daß sie sich irren könne, und sie hielt die Hand zurück. Indessen ließ sie dem Manne Zeit, seine Sache vorzutragen.
»Habe ich die Ehre, mit Lady Bothwell zu sprechen?«
»Ich bin Lady Bothwell, ich muß Euch aber sagen, daß hier nicht der Ort und auch nicht die Zeit zu einer längern Auseinandersetzung ist. Was ist Euer Begehr?«
»Eure Ladyschaft,« sagte der alte Mann, »hatte einmal eine Schwester.«
»Allerdings, und ich liebte sie wie mich selber.«
»Auch einen Bruder.«
»Den tapfersten und liebevollsten Bruder.«
»Diese beiden Lieben habt Ihr verloren durch die Schuld eines Elenden,« fuhr der Fremde fort.
»Durch das Verbrechen eines unnatürlichen, blutgierigen Mörders,« sagte die Dame.
»Ich habe nun meinen Bescheid erhalten,« versetzte der alte Mann und verneigte sich zum Abschied.
»Halt, Herr! ich befehle es Euch!« rief Lady Bothwell. »Wer seid Ihr, daß Ihr an solchem Ort und zu solcher Zeit so furchtbare Erinnerungen in mir wachruft? Das will und muß ich wissen.«
»Ich bin einer, der nichts Böses gegen Lady Bothwell im Schilde führt, der es ihr im Gegenteil ermöglichen will, eine Tat christlicher Barmherzigkeit auszuüben, um die die Welt sie bewundern und der Himmel belohnen würde. Ich sehe aber, daß sie nicht in der Stimmung ist, um zu solchem Opfer, das von ihr zu erflehen ich mich gerüstet hatte, fähig zu sein.«
»Sprecht Herr, was begehret Ihr?«
»Der Elende,« begann der Fremde wieder, »der Euch so bittern Kummer zugefügt hat, liegt auf dem Totenbett. Seine Tage gehörten dem Jammer, seine Nächte der schlaflosen Angst. Er kann nicht sterben, ohne daß Ihr ihm verziehen habt. Sein Leben war ununterbrochener Buße geweiht, er hat aber nicht den Mut, sich von dem ihm so qualvollen Dasein zu trennen, so lange noch Euer Fluch auf seiner Seele lastet. Eure Verzeihung ist sein letzter innigster Wunsch. Aus ihr kann er auf eine Begnadigung hoffen, die er dann von seinem Schöpfer, Mylady, und von dem Eurigen erflehen kann. Bedenkt, Lady Bothwell, auch Euch steht ein Totenbett bevor. Auch Eure Seele muß den Schrecken spüren, der keiner Menschenseele erspart bleibt, mit der frischen, brennenden Wunde eines nicht ausgeheilten Gewissens vor das jüngste Gericht zu treten. Wie wird Euch dann das Bewußtsein quälen: Ich habe keine Gnade gewährt – wie darf ich um Gnade bitten?«
»Mensch, wer du auch sein magst,« versetzte Lady Bothwell, »dringe nicht so grausam in mich ein. Heuchelei, ja Gotteslästerung würde es sein, wollten meine Lippen die Worte sprechen, gegen die jede Fiber meines Herzens sich auflehnt. Spräche ich solche Worte, die Erde täte sich auf – und die hingemarterte Gestalt meiner Schwester – die blutüberströmte Gestalt meines Bruders stiege herauf –! ich ihm vergeben – nimmermehr!«
»Großer Gott im Himmel!« rief der Alte, die Hände emporreckend, »so also, so also befolgen die Würmer, die du aus dem Staube erschufst, die Gebote ihres Schöpfers! Fahr wohl, stolzes, erbarmungsloses Weib! Freue dich, denn zu einem Ende in Not und Elend hast du die Qual religiöser Verzweiflung hinzugetan. Nie aber wage es, den Himmel zu höhnen und ihn um die Verzeihung zu bitten, die du selber zu gewähren dich geweigert hast.«
Mit diesen Worten wollte er von ihr gehen.
»Halt!« rief sie. »Ich will es versuchen, ja, ich will versuchen, ob ich ihm verzeihen kann.«
»Edle Frau,« sagte der alte Mann, »Ihr erleichtert die schwerbelastete Seele, die sich von ihrem sündigen Genossen hinieden nicht zu trennen wagt, ehe sie nicht mit Euch Frieden geschlossen hat.«
»Ha!« schrie die Dame, der plötzlich alles klar wurde, »es ist der Schurke selber!«
Sie packte Sir Philipp Forester – denn er war es selbst – beim Gewand und rief:
»Mörder, Mörder, nehmt den Mörder fest!«
Auf diesen an solchem Orte ganz unvermuteten Schrei stürzte die ganze Gesellschaft herein, allein Sir Philipp Forester war verschwunden.