»Wer kann sich so versündigt haben, daß er an solch elender Stätte hausen muß?« rief ich unwillkürlich.
»Sie haben recht, Lady!« versetzte Donald Mac Leish; »hier ist schwere Sünde getan worden, aber auch Jammer genug geerntet worden. Indessen ist die Hütte nicht eines Mannes Behausung, sondern eines Weibes.«
»Eines Weibes?« wiederholte ich. »Ein Weib haust hier? An solch einsamer Stätte? Was für ein Weib kann dies sein?«
»Treten Sie hierher, Lady!« sagte Donald Mac Leish leise, »und urteilen Sie selber!«
Wir gingen ein paar Schritte vorwärts und erblickten, als wir um eine scharfe Ecke bogen, die herrliche große Eiche jetzt von einer der bisherigen direkt entgegengesetzten Richtung.
»Ist sie ihrer alten Gewohnheit treu geblieben,« sagte Donald, »so wird sie jetzt hier sein.«
Sogleich aber schwieg er, als wenn ihn Furcht ankäme, seine Worte möchten von anderen gehört werden, und zeigte mit dem Finger nach der Eiche hin. Ich blickte auf und sah nun, nicht ohne ein Gefühl von Angst, an dem Stamm der Eiche eine weibliche Gestalt liegen, dicht eingehüllt in einen schwarzen Mantel, die ihre Hände gefaltet und das Haupt tief auf die Brust gesenkt hielt: ganz in der Stellung und Haltung, wie man Judäa, unter einem Palmbaum sitzend, auf syrischen Münzen abgebildet sieht.
Von der Scheu, die meinen Führer vor diesem Wesen zu erfüllen schien, ging ein Teil auf mich über. Auch mochte ich nicht früher zu ihr treten und sie ansehen, als bis ich einen fragenden Blick auf Donald gerichtet hatte. Leise flüsternd gab er die Antwort:
»Sie war ein schrecklich böses Weib, Mylady!«
»Verrückt, meint Ihr?« fragte ich, denn ich hatte nicht recht verstanden, was er sagte. »Dann ist sie am Ende gefährlich?«
»Nein, verrückt ist sie nicht,« antwortete Donald, »denn wäre sie es, so würde sie glücklicher sein als sie ist. Und doch wieder kann es mit ihrem Verstande nicht ganz in Ordnung sein, wenn man erwägt, was sie getan hat und welche Ereignisse sie veranlaßt haben, von ihrem gottlosen Willen nicht eine Handbreit nachzugeben. Aber verrückt ist sie nicht, und auch keine Unheilstifterin. Nichtsdestoweniger, Lady, möchte ich es für besser halten, Sie gingen nicht näher zu ihr heran!«
Hierauf machte er mich durch ein paar flüchtige Worte mit der Geschichte dieses Weibes bekannt, die den Stoff für die folgende Erzählung abgibt. Mit einer Empfindung, halb Schauder, halb Mitleid, lauschte ich Mac Donald Leishs Worten. Wohl drängte es mich, zu ihr zu treten und ihr Worte des Trostes zu sagen; anderseits wieder konnte ich mich der Furcht vor ihr nicht erwehren. Mit ebensolcher, halb aus Furcht, halb aus Mitleid gemischter Empfindung betrachtete sie jedermann im Hochlande, diese Elspat Mac Tavish, wie sie hieß mit ihrem Geburtsnamen, oder »das Weib der Eiche«, wie sie gemeinhin vom Volke genannt wurde. Wie im Altertum die Griechen Menschen mieden, die von den Furien verfolgt wurden, nämlich geistige Qualen zur Strafe für verbrecherische Handlungen litten, so wurde Elspat Mac Tavish von allen Hochländern gemieden; aber gleichwie den Griechen solche Unglückliche weniger als die freiwilligen Verüber ihrer Verbrechen galten, als vielmehr als die leidenden Werkzeuge, durch welche die furchtbaren Schlüsse des Schicksals vollstreckt wurden, sahen auch die Hochländer Elspat Mac Tavish mehr als solches Schicksalswerkzeug denn als eigentliche Verbrecherin an, und in das Grausen, das sie vor ihr fühlten, mischte sich, bei dem Aberglauben, der in allen Hochländerherzen sitzt, recht Wohl erklärlich, ein Gefühl von Scheu, das gewissermaßen an Ehrfurcht grenzte.
Ich erfuhr nun weiter von Donald Mac Leish, daß man im ganzen Hochland meine, wer die Kühnheit besäße, solch unaussprechlich elendem Wesen sich zu nahen oder es in seiner Einsamkeit zu stören, den würde schweres Unglück heimsuchen; denn keiner, der solchem Wesen nahe, könne von Ansteckung mit Unglück verschont bleiben.
Nicht ohne Widerstreben ließ mich deshalb Donald Mac Leish näher zu der Unglücklichen treten. Aber er folgte mir, als ich mir nicht wehren ließ, und war mir beim Abstieg des rauhen Pfades, der zu der ärmlichen Hütte hinunterführte, behilflich. Seine Rücksicht gegen mich mochte ihm wohl helfen, Herr über die bösen Ahnungen zu werden, die ihm als Lohn für solche Dienstleistung Lähmung der Pferde, Verlust von Achsennägeln, Kippen von Kutschen und andere solcher Fährlichkeiten im Postillonsleben vor die Seele führen mochten.
Ob mich persönlicher Mut in so dichte Nähe von Elspat Mac Tavish geführt hätte, wenn er mir gefolgt wäre, kann ich nicht sagen. Der Eindruck, den dieses Weib auf mich machte, möchte nicht dafür sprechen.
Auf ihrem Gesichte lag finsterer Trotz, jener Trotz, der sich gegen jeden Einfluß von außen her verschließt, der schweren hoffnungslosen Kummer allein auf sich nimmt und in sich vergräbt, der allem Selbstvorwurf den Stolz entgegensetzt. Vielleicht erriet Elspat Mac Tavish, daß Neugierde, ihre seltsame Lebensgeschichte kennen zu lernen, mich herführe. Vielleicht war sie mir abhold, daß ich mich in ihre Einsamkeit drängte, um aus ihrem Schicksal flüchtige Unterhaltung zu schöpfen. Der Blick, mit dem sie mich maß, sprach nicht von Verlegenheit, sondern kündete Stolz: zu der Last ihres Elends konnte die Meinung der Welt kein Jota fügen, aber die Meinung der Welt konnte auch kein Jota von der Last ihres Elends nehmen!
Kein Leichnam, kein Marmorbild konnte sich gleichgültiger verhalten gegen meinen Blick, als sie.
Elspat Mac Tavish war über mittelgroß. Ihr Haar war ergraut, aber noch immer dicht und voll. In den jüngeren Jahren war es tiefschwarz gewesen. Schwarz war auch die Farbe ihrer Augen, und in ihren Augen funkelte jenes wilde, verstörte Licht, das dem Wahnsinn anzeigt.
Nachdem ich auf dieses Opfer von Schuld und Jammer so lange geblickt hatte, daß ich mich meines Schweigens zu schämen anfing, begann ich, ohne zu wissen, wie ich das Weib anreden solle, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß sie sich solch einsame, jämmerliche Behausung gewählt habe.
Ohne den Ausdruck ihres Gesichts zu ändern, ohne ihre Lage und Haltung zu ändern, schnitt sie mein Mitleid ab durch die finstere Antwort:
»Tochter der Fremden! Wer erzählte dir mein Leben?«
Diese Frage legte mir Schweigen auf; ich fühlte, daß ich verachtet wurde gleich allem, was Freude in dieses abgeschlossene Leben zu bringen trachtete. Ohne nochmals das Wort zu nehmen, griff ich in meine Börse, denn Donald hatte mir zugeflüstert, daß sie von Almosen lebe. Aber sie streckte die Hand nicht aus nach der Gabe, auch wies sie die Gabe nicht zurück: es schien, als sehe sie nicht, daß ich ihr etwas geben wolle, oder als sei ihr die Gabe nicht wert, trotzdem es ein Goldstück war im Betrage von sicher des Zwanzigfachen, als ihr sonst angeboten wurde. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihr das Geldstück auf den Schoß zu legen.
»Möge Gott Euch verzeihen und Euch erlösen!« sprach ich dabei unwillkürlich.
Nie werde ich den Blick vergessen, den sie zum Himmel lichtete, und nie den Ton, mit dem sie den Ausruf tat:
»Mein herrlicher Sohn! Mein tapferer Sohn!«
Es war die Sprache der Natur. Sie entsprang dem Herzen einer des Sohnes beraubten Mutter.
Zweites Kapitel
Elspat hatte, wenn auch ihr Alter in untröstlichen Gram und Kummer versunken war, auch glückliche Tage gekannt. Einst war sie des Hamish Mac Tavish, dem Körperkraft und Kriegstaten den Titel Mac Tavish Mhor gebracht hatten, schönes und glückliches Weib. Mac Tavish Mhors Leben war voll Unruhe und Gefahr, denn er war ein Hochländer vom alten Schlage und führte das Leben eines solchen. Etwas zu entbehren, was daß Stehlen verlohnte, hielt er für Schande. Niederländer, die in seinem Bereich wohnten und ihr Hab und Eigentum mit Ruhe genießen wollten, verstanden sich gern dazu, ein Schutzgeld in Gestalt einer freiwilligen Gabe an ihn zu leisten, des alten Sprichworts eingedenk: »Besser dem Teufel das Maul schmieren, als mit ihm raufen.« Andere, die solche Abfindung für schimpflich hielten, wurden zuweilen von Tavish Mhor und seinen Anhängern überfallen und gefangen hinweggeführt, bis sie sich zur Zahlung eines Lösegeldes verstanden. Wer sich des Lösegelds weigerte, wurde nicht bloß am Leibe, sondern auch am Besitztum gestraft. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Mac Tavish Mhors Raubzug nach Monteith in aller Leute Munde, von wo er 150 Kühe an einem einzigen Morgen wegtrieb, und wo er den Gutsherrn von Ballybugh zur Strafe für die Drohung, ein schottisches Wachtkommando zum Schutze seiner Person und seines Eigentums aufzubieten, nackt in einer Jauchengrube aufhing, so daß er bloß mit Mund und Wasser über die ekle Flüssigkeit hinausragte.