»Von wem haben Sie das Papier?«
Sampson, wenn Lucys Interesse in Betracht kam, oft außerstande gegen sein Zartgefühl anzukämpfen, gedachte der schmerzlichen Umstände, die mit der Zigeunerin zusammenhingen, blickte die beiden Mädchen an und schwieg.
»Ich sehe,« wandte sich Mannering an sie, »daß Herr Sampson mit mir allein sprechen will – geht also – wir kommen gleich zum Tee. – Nun, die Mädchen sind fort, lieber Sampson,« wandte er sich an ihn, – »nun sagen Sie mir, was dies alles bedeutet?«
»Vielleicht eine Botschaft vom Himmel,« antwortete Sampson, »aber bestellt ist sie von Beelzebubs Postmeisterin worden, denn ich hab sie von der Hexe Meg Merrilies, die schon vor zwanzig Jahren in einer Teertonne hätte verbrannt werden müssen als Hure, Diebin, Hexe.«
»War es auch wirklich die Zigeunerin?« fragte Mannering lebhaft.
»Gewiß, Herr Oberst! Ein zweites Frauenzimmer wie die Merrilies gibt's nicht mehr auf Erden.«
Der Oberst ging hastig auf und ab, in stürmischen Gedanken ...
»Ob man sie festnehmen läßt?« fragte er sich ... »Aber darüber geht zuviel Zeit verloren, muß ich doch erst zu Mac Morlan schicken, und der alte Hazlewood ist ein eingebildeter Tropf ... und wenn wir sie dort, wo wir sie suchen, nicht finden sollten, oder, wenn sie wieder, wie früher, den Mund nicht auftun sollte? ... Nein, und wenn man mich zehnmal für einen Esel hält, so will ich doch lieber dem Wink folgen, den sie mir gibt. Mancher von ihrem Schlag fängt mit Betrug an und hört mit Muckerei auf oder wandelt eine Bahn, die zwischen beidem liegt, ohne Ahnung, womit sie sich selbst oder andere betrügen. Nun, mir ist der Weg auf alle Fälle vorgezeichnet, – er geht schnurgerade – mag mir Vorteil oder Nachteil, Lohn oder Schaden daraus entstehen; daß ich mich auf meine Klugheit verlassen sollte, um Nachteil oder Schaden aus dem Wege zu gehen, kann mir nicht passieren.«
Darauf klingelte er Barnes, seinem Diener. Ehe wir aber dem Leser melden, wie die Weisungen lauteten, die er ihm heimlich erteilte, wollen wir uns nach einem anderen Ereignisse dieses Tages umsehen. Charles Hazlewood hatte sich während Mannerings Abwesenheit in Woodbourne nicht sehen lassen. Aus Mannerings ganzem Benehmen gegen ihn war ihm klar geworden, daß es der Oberst übel aufnehmen würde, und der Respekt vor dem angesehenen Heerführer und feingebildeten Manne war bei Charles Hazlewood so groß, daß er sich der Gefahr, ihn zu verletzen, unter keinen Umständen hätte aussetzen mögen; wohl meinte er durchblicken zu können, daß der Oberst seine Beziehung zu Lucy nicht eben tadelte; aber sein Zartgefühl sagte ihm, wie ungeziemend unter solcher Voraussetzung jedes Bemühen, sich mit Lucy auf vertrauteren Fuß zu setzen, erscheinen mußte, zumal sich seine Eltern, wie er recht gut wußte, nicht anders als ablehnend dagegen verhalten würden – darum respektierte er die zwischen dem Mädchen und ihm gezogene Schranke ebensowohl um Mannerings willen, als um sie nicht dem Schutz eines so edlen und wohlwollenden Freundes zu berauben ... »Nein,« sagte er zu sich selbst, »meine Lucy in solche Gefahr zu bringen, wird mir nie einfallen – selbst dann nicht, wenn ich ihr ein eigenes Heim zu bieten vermag.«
Um jeder Versuchung die Spitze abzubrechen, beschloß er einen Besuch bei entfernten Verwandten zu machen, den er schon lange zugesagt hatte, und bis zur Rückkehr des Obersten von Woodbourne fernzubleiben. Allerhand widrige Zufälle durchkreuzten aber diesen Plan: dem Pferde mußten die Eisen geschärft werden, weil über Nacht Frostwetter eingetreten war; dann gefiel es der Hausfrau, mit dem Frühstück warten zu lassen; dann mußte er sich die Jungen ansehen, die sein bester Hühnerhund in der Frühe geworfen hatte. Darüber verstrich der Morgen, und jetzt zum Essen nach Woodbourne zu reiten, erschien ihm nicht mehr schicklich. Er ließ also den Weg zum Landhaus seitwärts liegen, aber während er den Blick auf die blaue Rauchsäule richtete, die an dem bleichen winterlichen Abendhimmel aufstieg, war es ihm, als ob er Sampson durch den Wald gehen sähe. Er rief ihn an, aber umsonst, denn der für äußere Eindrücke überhaupt nicht empfängliche Magister hatte eben die alte Meg Merrilies verlassen, und war über die von ihr gehörten Dinge noch in so tiefen Gedanken, daß er für alles um sich her weder Auge noch Ohr hatte. So kam der junge Laird um die Gelegenheit, sich über die Bewohner von Woodbourne zu befragen, wobei Lucys Namen doch sicher genannt worden wäre. Er ließ nun seinem Tiere die Zügel frei, einen steilen, sandigen Weg hinauf, der zwischen zwei hohen Wänden entlang auf eine Anhöhe führte, die einen weiten Ausblick über die umliegende Gegend bot. Da schreckte ihn eine Stimme, zu rauh für eine weibliche, zu hoch und hell für eine männliche, aus seinem Sinnen ... »Was hält Euch so lange auf der Straße? Müssen wohl andere Leute Arbeit für Euch verrichten?«
Eine Frau von großer Figur, mit einem dicken Tuch um den Kopf, unter dem wirre graue Locken hervorquollen, in langem, rotem Mantel, einen Stecken mit beschlagener Spitze in der Hand, stand vor ihm: Meg Merrilies! Charles Hazlewood hatte sie noch mit keinem Blicke gesehen und zog verdutzt die Zügel an ... »Ich dachte,« fuhr sie fort, »wer's gut meint mit Ellangowan, sollte nicht schlafen heute nacht. Drei Leute waren schon auf der Suche nach Euch, und Ihr bleibt zu Hause in Eurem Bette? Denkt Ihr denn, der Schwester könnte es wohl gehen, wenn der Bruder umkommt?«
»Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht, Frau,« erwiderte Hazlewood, »sprecht Ihr von Fräulein – ich meine, von jemand aus dem einstigen Hause von Ellangowan – dann sagt – sagt schnell, was ich für sie tun kann!«
»Das einstige Haus Ellangowan!« wiederholte sie heftig – »und wann war je ein Geschlecht Ellangowan, das nicht den edlen Namen Bertram führte – wann wird ein solches Haus sein ohne diesen Namen?«
»Aber was soll das alles, gute Frau?«
»Eine gute Frau bin ich nicht: das ganze Land weiß es; aber ich kann tun, was kein gutes Weib kann, kein gutes Weib darf; ich kann tun, was Weibern, die von zu Hause nicht weggekommen und nichts weiter verstehen, als Kinder päppeln und schaukeln, das Blut in den Adern gerinnen macht. Hört, was ich Euch sage! Man hat die Wache aus Portanferry nach Hazlewood abrücken lassen auf Befehl Eures Vaters, der für heute nacht einen Ueberfall durch Schmuggler befürchtet. Aber kein Mensch denkt an so etwas gegen einen Herrn von gutem und edlem Blut. Schickt die Reiter wieder heim auf ihre Posten. Heute nacht gibt's Arbeit, viel Arbeit; es werden Flinten knallen und Schwerter im Mondschein glitzern.«
»Was faselt Ihr, Weib? Man könnte meinen, Ihr seid verrückt: und doch scheint alles, was Ihr sagt, in gewissem, wenn auch wunderlichem Zusammenhange.«
»Verrückt bin ich nicht, wenn sie mich auch als verrückt eingesperrt und gegeißelt und des Landes verwiesen haben. Aber verrückt bin ich nicht! Charles Hazlewood, sagt, grollt Ihr dem Manne, der Euch verwundete?«
»Um Gottes willen nicht – mein Arm ist wieder hergestellt, und ich habe immer behauptet, daß das Gewehr zufällig losging – lieb wär's mir, ich könnt's dem jungen Manne selbst sagen.«
»So tut, was ich Euch sage, und Ihr werdet ihm mehr Gutes tun, als er Euch je Böses tat. Fällt er seinen Feinden in die Hände, so ist er früher, als der Tag graut, eine Leiche, oder aus dem Lande geschafft – aber noch ist Einer über uns allen! Tut, was ich Euch heiße, und schickt die Reiter wieder heim!«
Nach dieser Mahnung war sie mit ihrer gewöhnlichen Schnelligkeit verschwunden.
Hazlewood hatte die jähe Erscheinung der Zigeunerin und ihre gebieterische Redeweise heftig alteriert. Er ritt schnell nach Hause, kam nach Anbruch der Dunkelheit hin, und fand beim ersten Blick in den Hof die Bestätigung für die Worte der Zigeunerin; dreißig Dragonerpferde standen zusammengekoppelt unter einem Schuppen; drei bis vier Reiter hielten Wache, die andern marschierten mit gezogenem Seitengewehr vor dem Hause auf und ab. Hazlewood fragte den Wachtmeister nach dem Standquartier.