Kurz: Elspat Mac Tavish sah Zeit und Menschen noch mit den Augen eines verwichenen Zeitalters, mit den Augen von Menschen aus solch verwichenem Zeitalter an. Seit ihr Mann den Tod gefunden hatte, war ihr Leben in Armut und Elend verflossen. Auf ihrem Sohne ruhte ihre Hoffnung und fußte ihr Glaube, daß sie schon lange im Kalten Grabe ruhen würde, daß die Totenklage des Stammes der Mac Tavish, nach altem Brauche, um ihren Heimtritt längst verhallt sein würde, wenn ihrem Havish der Tod winken, wenn er mit der Faust im Knauf seines vom Blute der Feinde geröteten Schwertes fallen und das Erdreich küssen würde. War doch des Vaters Haar schon grau gewesen, als er nach hundertfältiger Gefahr mit den Waffen in der Faust den Tod gefunden hatte!
Daß Elspat Mac Tavish solchem Tode ihres Einzigen mit solcher Ruhe ins Auge sah, war eine natürliche Folge damaliger Sitte. Es entsprach ihrer stolzen Sinnesart besser, ihn auf offenem Felde, im Kampf mit dem Feinde fallen zu sehen, als Zeugin seines langsamen Hinsiechens in rauchiger Hütte oder, einem alten Jagdhunde oder kranken Stiere gleich, auf verfaultem Stroh zu sein. Aber diese Stunde war ihrem Hamish, ihrem Einzigen, noch fern! Sie schlug ihm erst, gleichwie sie dem Vater erst geschlagen hatte, wenn er hundertfältige Gefahr überstanden hatte, wenn er in hunderten von Kämpfen Sieger gewesen war, wenn er hundertfältige Beute eingeheimst hatte. In dieser Zuversicht konnte Elspat Mac Tavish nicht irren! Und wenn er dereinst im Kampfe fallen, wenn blutiger Tod ihm winken würde, dann läge sie, seine Mutter, die Frau von Mac Tavish Mhor, dem ritterlichen Freibeuter der Hochlande, schon längst in der kalten Erde, und weder seinen Todeskampf würde sie sehen, noch über seinem Grabe trauern können.
Während solche Gedanken den Weg durch ihren Sinn nahmen, stieg der Mut der Greisin auf seinen früheren, oder vielmehr auf einen wesentlich höheren Standpunkt. Nach den kräftigen Worten der Bibel, die nur wenig verschieden sind von der Ausdrucksweise der Gälischen, stand sie auf, wusch sich und wechselte die Kleider, aß ihr Brot und fand ihre Kraft und Stärke wieder.
Mit Zweifel und Sorge harrte sie nun der Wiederkehr ihres Einzigen. Daß gar viel dazu gehöre, um in Zeiten, wie den damaligen, zu einem Anführer von Ruf und Ansehen sich zu erheben, sagte sie sich gar wohl. Sie erwartete aber, ihn nicht anders wiederzusehen, als an der Spitze einer kühnen Schar mit schallenden Sackpfeifen und fliegenden Bannern, die ohne Scheu vor den strengen Strafen, die auf dem Tragen der altberühmten Nationaltracht und des sonstigen Zubehörs hochländischer Ritterschaft standen, die edlen Hochlandsmäntel frei im Winde flattern ließ. Und daß dies also geschähe und nicht anders, dazu waren für die erhitzte Phantasie der Greisin bloß wenige Tage vonnöten, und schon übermorgen, schon morgen konnte der Fall eintreten.
Von dem Augenblick an, da dieser Glaube in ihrem Gemüt zur festen Überzeugung wurde, befaßte sie sich mit dem Gedanken, ihre Hütte zum Empfang des Sohnes an der Spitze seiner Anhänger auszuschmücken, wie es dereinst Brauch bei ihr war, wenn der Gatte heimkehrte.
Mittel zum Unterhalt zu beschaffen, war sie freilich nicht imstande, doch hielt sie dies für nicht erheblich, denn sie meinte, die Raubritter würden Kühe und Schafe mit heimbringen. Aber das Innere ihrer Wohnung war zum Empfange bereit, und das heimische Biskebah war in großer Menge gebraut und abgezogen wurden. Die Art, wie sie ihre Hütte ausgeschmückt hatte, deutete auf einen Freudentag. Mit allerhand Zweigen war sie geputzt, gleich dem Hause einer Israelitin, wenn das Laubhüttenfest naht. Was ihre kleine Herde an Milch gab, war nach allen Weisen, die sie kannte, zubereitet und in so reicher Menge, daß ihr Sohn mit den zahlreichen Gefährten, die sie erwartete, nicht Mangel leiden würde.
Der Hauptzierat für ihre Hütte, den sie mit vieler Mühe suchte, denn er wuchs nur auf hohen Bergen und auch hier in nicht großer Menge, war die Zwergmaulbeere, die von ihrem verstorbenen Manne, vielleicht auch schon einem seiner Vorfahren, zum Sinnbild für seinen Stamm erwählt worden war, weil sie durch ihr spärliches Vorkommen, die geringfügige Ausdehnung und durch den Ort, wo sie wuchs, die hochfahrenden Pläne desselben anzudeuten schien.
Solange diese Zurüstungen die Frau in Anspruch nahmen, war sie in einem Zustande von Unruhe und Freude zugleich. Nur eins machte ihr Sorge, daß sie nicht rechtzeitig mit allem fertig werden möchte, daß ihr Hamish früher kommen könne, als sie die letzte Hand an alles gelegt habe.
Endlich aber war es so weit, daß sie außer ihren Ziegen nichts mehr zu besorgen hatte. Nun musterte sie noch einmal all die Anstalten, die sie getroffen hatte, ersetzte die welken Zweige durch frische, setzte sich dann auf ihr Plätzchen vor der Tür der Hütte und hielt nun die Straße im Auge, die sich auf der einen Seite vom Ufer des Awe heraufzog und auf der anderen am Gebirge hinlief. Nun gedachte sie der Vergangenheit und malte sich nach den Bildern, die ihr Auge dort traf, die Zukunft: und in den Nebeldünsten am Morgen wie in den Trugschatten des Abends tauchten die wilden Gestalten eines Trupps kühner finsterer Krieger im schottischen Tartan, »Sidier-Dhu« genannt, zum Unterschiede von den englischen Rotröcken, in langen Zügen vor ihr auf.
über solchem Sinnen und Schauen verbrachte sie morgens und abends stundenlang.
Sechstes Kapitel
Aber lange, lange hielt Elspat die Blicke über die ferne Straße hin gerichtet, vom Frühlicht bis zum Ersterben der Abenddämmerung, und keine Staubwolke weckte frohe Hoffnung in ihrem Herzen, keine wallende Feder oder glitzernde Waffe zauberte Lächeln auf ihre Lippen. Im braunen Kittel des Talschotten, mit dem schwarz oder dunkelrot gefärbten Tartan, wie es dem Gesetz nach sein mußte, das alle bunte, gewürfelte Tracht verbot, mit gesenktem Haupt und niedergeschlagenem Wesen zog hin und wieder wohl ein einsamer Wanderer vorbei, in Trauer über die strengen Vorschriften, die gegen hochländische Tracht und Bewaffnung, jedem Schotten heilig als Vorrechte seiner Geburt, vom Erbfeind erlassen worden waren. In solchem Wanderer erkannte aber Elspat den frischen munteren Tritt des Sohnes nicht wieder, der ihrer Meinung nach nun alle Zeichen sächsischer Sklaverei von sich gestreift haben müsse.
Eine Nacht um die andere schlich sie, wenn es dunkel geworden, von der Tür ihrer Hütte, die sie nie abschloß, hinweg zu ihrem ärmlichen Lager, das ihr aber nur selten Ruhe brachte. Der Tapfere und Furchtbare, sagte sie, wandelt bei Nacht; in der Finsternis, wenn alles still ist, außer dem Wind und dem Wasserfall, vernimmt man seinen Tritt; nur wenn die Sonne über dem Gipfel des Berges steht, wagt sich das scheue Reh hervor, aber der gierige Wolf wandelt im roten Lichte des Erntemonds. Umsonst waren solche Gedanken; nimmer weckte ihr Sohn sie von dem harten Lager, auf dem sie von seiner Ankunft träumte. Ihr Hamish kam nicht.
»Betrogene Hoffnung,« spricht der königliche Weise, »macht das Herz krank,« und so kräftig auch Elspat, in körperlicher Hinsicht war, so spürte sie doch allmählich, daß sie den Anforderungen nicht mehr so wie früher gewachsen war, die ihre ungezügelte Sehnsucht an ihren Körper stellten.
Da aber kam ein Morgen, an welchem auf der einsamen Bergstraße in weiter Ferne von der Hütte ein Wanderer sichtbar wurde. Die trostlose Verzweiflung, deren Beute sie seit so langer Zeit war, wich herrlicher Hoffnung. Denn je näher der Wanderer kam, desto deutlicher trat in Sicht, daß von sächsischer Sklaverei kein Zeichen an ihm war. Bald konnte sie den Hochlandsmantel wehen sehen, der sich in schönen Falten niederlegte, und bald auch die wallende Hutfeder, das Merkmal von Rang und edler Geburt.
Über der Schulter trug er die Flinte, an seiner Seite hing das breite Schlachtschwert, im Gürtel steckten Dolch und Pistol, und an der Seite hing der »Sporren-Mollach«, die geißlederne Tasche, die der Hochländer um den Leib geschnallt trägt. Näher und näher heran kam der Wanderer, seine Schritte schienen sich zu weiten, sein Herz schien ihnen Flügel zu geben – und nun, ein Augenblick noch, und die Greisin umarmte den geliebten Sohn, der vor sie hintrat in der Tracht des Vaters und der Ahnen, als Schönster für die Augen der Mutter unter zehntausend.