»Ja.« antwortete Elspat, »und mit Recht ließ der Häuptling ihm den Kopf vor die Füße legen, weil er den Vater des Volkes entehrte angesichts der versammelten Clans. Allein die Häuptlinge des Hochlandes waren edler in ihrem Zorn: sie straften mit der scharfen Klinge und nicht mit dem Stocke. Ihre Strafe war blutig, aber sie brachte keinen Schimpf. Kannst du gleiches sagen von den Gesetzen, unter deren Joch du deinen, freigeborenen Nacken gebeugt hast?«
»Nein, Mutter, ich kann es nicht,« sagte Hamish düster, »selbst mit angesehen habe ich es, wie man einen Sassenach wegen Desertion oder Fahnenflucht, so lautet der Ausdruck im Kriegsgesetz, strafte. Er wurde geschlagen, mit Riemen geschlagen, ich bekenne es, wie ein Hund, der seine herrischen Herren erzürnt hat. Empört hat mich der Anblick, das muß ich sagen, und mir ist schlecht dabei geworden. Aber man straft nur solche wie Hunde, die schlechter sind als Hunde, elende Patrone, die Wort und Treue nicht zu halten wissen.«
»Gleichem Schimpf, Hamish, bist aber auch du ausgesetzt,« erwiderte Elspat, »wenn du was versiehst im Dienst oder deine Offiziere Anstoß an dir nehmen sollten. Ich mag nicht mehr mit dir über den Fall sprechen. Bloß eins sage ich noch: wäre der sechste Tag, von der heutigen Morgensonne ab gerechnet, mein Sterbetag und du verweiltest hier, mir die Augen zuzudrücken, so würdest du gleicherweise Gefahr laufen, an einen Pfahl gebunden und wie ein Hund gepeitscht zu werden? Ja! Sofern du kein Tröpfchen Mut besäßest, mich allein und an einsamem Herde sterben zu lassen, auf daß der letzte Funke von deines Vaters Herdfeuer und deiner Mutter letzter Lebensfunke zusammen verlöschen.«
Hamish schritt, von Ungeduld und Zorn befallen, in der Hütte auf und ab.
»Mutter,« sprach er nach einer Weile, »laß dich nicht durch solche Dinge beirren! Solcher Schande kann ich nicht ausgesetzt sein, denn ich werde mich der Ursache dazu nie schuldig machen, und sollte sie mir doch einmal drohen, dann werde ich, ehe ich mich so entehren lasse, zu sterben wissen.«
»Das spricht der Sohn meines Mannes!« rief Elspat.
Dann gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. Es schien, als hörte sie dem Sohn mit stiller Schwermut zu, als er sie nun an die kurze Frist gemahnte, die sie noch miteinander zu verleben hätten, und herzlich bat, sie nicht mit unnützen und unangenehmen Erinnerungen zu vergeuden.
Siebentes Kapitel
Elspat hatte jetzt die Überzeugung gewonnen, daß außer anderen Eigenschaften des Vaters auch dessen stolzer männlicher Geist auf den Sohn überkommen sei, und daß sie nicht rechnen dürft, ihn von einem freiwillig gefaßten Schlusse abzubringen. Sie gab sich zufolgedessen das Ansehen, als schicke sie sich in diese unvermeidliche Trennung, und wenn sie auch dann und wann noch einmal zu klagen anfing, so geschah dies nur, weil sie ihr ungestümes Temperament nicht zügeln konnte oder weil sie denken mußte, es möchte ihrem Sohne auffällig sein, wenn sie sich so ohne weiteres fügen und ihn veranlassen wollte, auf seiner Hut zu sein und ihr alle Mittel, durch die sie ihn noch immer bei sich zu halten hoffte, aus der Hand zu winden. Die heiße, eigensüchtige Liebe, die sie für den Sohn fühlte und die sie unfähig machte, das wahre Interesse desselben zu erkennen, glich der dem Tiere vom Instinkt eingegebenen Liebe zu seinem Jungen, und wenn sie auch weiter in die Zukunft sah als Geschöpfe, die auf niedriger Daseinsstufe stehen, so hatte sie im Grunde doch keine andere Empfindung, als daß Trennung von Hamish für sie gleichbedeutend mit Tod sei.
In der kurzen Zeit, die noch blieb, erschöpfte sich Elspat in der Kunst, die nur Liebe eingeben kann, ihn auf alle erdenkliche Weise zu erfreuen und zu unterhalten. Sie suchte in ihrem Gedächtnis nach Erzählungen und Sagen, die seit jeher für den Hochländer, wenn er Muße hat, die angenehmste Kurzweil bilden. Eine ungemeine Kenntnis bewies sie mit den Liedern der alten Sänger und mit den Märchen der berühmtesten Erzähler. Ihre Aufmerksamkeit gegen den Sohn kannte fast keine Grenzen, und wenn er ihr wehren wollte, blühendes Heidekraut für sein Lager zu sammeln oder ihm ein leckeres Mahl zu bereiten, dann sagte sie:
»Laß mich, Hamish, laß mich! Wenn du deine Mutter verläßt, so handelst du nach deinem eigenen Willen, laß nun auch deiner Mutter den Willen, wenn sie dir Freude machen will, so lange sie dich noch hat!«
Es schien, als sei sie nun mit den Anstalten, die er für ihren Unterhalt getroffen, zufrieden, denn, sie hörte ihn ruhig an, wenn er davon sprach, daß er sie zu Green Colin hinüber bringen wolle, auf dessen Grund und Boden er ein Asyl für sie ausbedungen hatte. In Wahrheit aber war sie weit entfernt davon, sich mit solchem Gedanken zu befreunden. Aus den feindseligen Worten, die während ihrer ersten Unterhaltung gefallen waren, hatte sie entnommen, daß er sich der Gefahr einer körperlichen Züchtigung aussetzte, wenn er zur festgesetzten Frist von seinem Urlaub nicht zurückkehrte. Aber sie wußte nun, daß er sich solcher Schmach auch nie unterziehen, also gewiß nicht zum Regiment zurückkehren werde. Ob sie die weiteren Folgen ihres Planes überdachte, ob sie sich gutes oder schlimmes für ihren Sohn daraus ersah, läßt sich nicht sagen. Aber soviel steht fest, daß sie als Frau des Mac Tavish Mhor, den sie auf allen Raub- und Kriegszügen begleitet und in keiner Gefahr im Stich gelassen hatte, hunderte, von Mitteln und Wegen zum Widerstand oder zur Flucht kannte, durch die ein braver Kerl in einem Landgebiet voll Felsen, Seen, Bergen, gefährlichen Pässen und dichten Wäldern sich der Verfolgung Hunderter entziehen könne. Für die Zukunft des Sohnes bangte ihr also nicht. Der einzige Gedanke, der sie beherrschte, war, ihren Sohn daran zu hindern, daß er seinem Vorgesetzten sein Wort halte.
Zufolge dieses geheimen Planes suchte sie den Vorschlag, den Hamish ihr wiederholt machte, nach der für sie gemieteten Hütte zu Green Colin hinüberzuziehen, zu hintertreiben durch allerlei Gründe und Ausflüchte, die bei ihrem Charakter so natürlich waren, daß sie bei dem Sohne weder Mißfallen noch Unruhe erregten.
»Laß mich nicht auch noch von dem Tale, in welchem ich so lange gelebt habe, in der gleichen Woche Abschied nehmen, in der ich dem einzigen Kinde Lebewohl sagen muß. Gönne meinen Augen, wenn sie von den Tränen um dich sich trüben, noch eine Weile Zeit, über den See Uwe und auf den Ben Cruachan zu blicken!«
Hamish fügte sich in die Launen der Mutter um so williger, als verschiedene andere Leute, deren Söhne sich gleichfalls bei Barcaldine hatten anwerben lassen, auf dessen Gütern verteilt werden sollten. Es wurde also beschlossen, daß sich Elspat an sie anschließen solle, wenn sie in ihre neuen Asyle zögen.
Auf diese Weise glaubte Hamish sowohl die Launen der Mutter berücksichtigt, als für ihre Bequemlichkeit und Sicherheit gesorgt zu haben. Die Mutter aber leiteten ganz andere Pläne!
Hamishs Urlaub nahte sich seinem Ende. Mehr denn einmal faßte er den Entschluß, aufzubrechen, um noch früh genug nach Dunbarton, der Stadt, in welcher sein Regiment in Quartier lag, zu gelangen. Aber die Bitten der Mutter, die eigene erklärliche Gemütsstimmung, die Liebe zu der ihm so teuren Heimat, vor allem aber das Vertrauen in sich, auf seine Schnelligkeit und Körperkraft, bestimmten ihn, den Aufbruch bis zum sechsten Urlaubstage, hinauszuschieben, dem letzten, den er bei der Mutter zubringen durfte, sofern er nicht gegen die Bedingungen seines Urlaubs verstoßen, also für fahnenflüchtig angesehen sein wollte.
Achtes Kapitel
Am Abend vor dem für den Aufbruch festgesetzten Tage ging Hamish Zum Flusse hinab, um zu angeln, ein Geschäft, in welchem er sehr geschickt war. Es sollte ihm zugleich ein besseres Mahl bringen, als die Mutter sonst hatte bereiten können. Das Glück war ihm hold, und er fing bald einen prächtigen Salm.
Auf dem Heimweg trug sich ein Fall zu, geeignet, einem Hochländer wie Hamish als schlimme Vorbedeutung zu gelten, der schließlich, wenn er auch eine Zeitlang in der Fremde gelebt hatte, noch immer nicht frei von Aberglauben war. Auf dem zu seiner Hütte hinaufführenden Pfade erblickte er nämlich zu seinem nicht geringen Erstaunen eine Gestalt, die gleich ihm die alte Hochlandstracht und die alten Waffen des schottischen Kriegsmannes trug. Sein erster Gedanke war, er habe jemand von seinem Korps vor sich, weil es, als durch die Regierung angeworben, außerhalb der gegen hochländische Tracht und Waffen erlassenen Verordnungen stand. Unter diesem Eindruck verdoppelte er seine Schritte, um den vermeintlichen Kameraden einzuholen, den er für den kommenden Tag zu sich einzuladen vorhatte.