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Aber wie groß war sein Schreck, als er jetzt sah, daß der Fremde die große Kokarde trug, das in den Hochlanden so streng verbotene verhängnisvolle Abzeichen. Die Gestalt war groß; und durch den Schatten, den sie warf, wuchs sie ins Ungeheuerliche. Die Art, wie sie sich bewegte, glich mehr einem Schweben als einem Gehen. Kein Wunder, daß Hamish, dessen erhitzte Phantasie ohnehin zu dem bei seinen Landsleuten so scharf vorherrschenden Hange zum Wunderbaren neigte, von Furcht vor einer übernatürlichen Erscheinung, die im Zwielicht sich vor ihm her bewegte, befallen wurde, und daß es ihm nicht länger mehr eilig war, derselben näher zu kommen oder sie gar einzuholen. Aber dem Aberglauben des Hochländers gemäß, man solle solchem »Mar« oder Gespenst weder nahen noch aus dem Wege gehen, sondern abwarten, ob es reden und Kunde geben oder schweigen und Kunde weigern werde, je nachdem es seine Macht zulasse und seine Bestimmung fordere – diesem Aberglauben gemäß behielt er es im Auge.

Auf einer hohen Stelle seitlich vom Wege, gerade dort, wo der Pfad zu Elspats Hütte hinunterging, blieb die Gestalt stehen, als wolle sie auf Hamish warten, Hamish seinerseits sah, daß er an ihr vorbei müsse, nahm also all seinen Mut zusammen und näherte sich, wenn auch langsam, der Stelle, wo die Gestalt stand.

Zuerst zeigte sie auf Elspats Hütte; dann machte sie mit Kopf und Arm eine Bewegung, daß Hamish ihr nicht nahe kommen solle. Dann streckte sie die Hand nach dem südwärts führenden Wege aus und schien in dieser Richtung weiterziehen zu wollen. Dann noch ein Augenblick und die Gestalt war verschwunden. An Felsen und Unterholz, wohinter sie sich bergen konnte, war sicherlich kein Mangel. Aber Hamish war der festen Meinung, der Geist Mac Tavish Mhors sei ihm erschienen und habe ihn gemahnt, mit seiner Wanderung nach Dunbarton nicht zu säumen, nicht bis zum Morgen zu warten und die Hütte der Mutter nicht mehr zu betreten.

Es konnten wirklich allerhand Vorfälle sich ereignen, durch die sich die Reise verzögerte, zumal er über manchen Strom auf Fähren übersetzen mußte. So faßte er den festen Entschluß, nur so lange noch verziehen zu wollen, bis er Abschied von der Mutter genommen hätte, denn ohne solchen aufzubrechen, dazu konnte er sich nicht entschließen. Der erste Strahl der Frühsonne sollte ihn schon unterwegs nach Dunbarton sehen.

Er stieg den schmalen Pfad hinunter und trat in die Hütte. Hastig, in zitterndem Tone, nur mühsam die Erregung bekämpfend, die in seinem Innern tobte, gab er der Mutter seinen Entschluß, auf der Stelle aufzubrechen, bekannt. Zu seinem Befremden schien die Mutter nichts gegen diese Absicht zu haben. Bloß bat sie ihn, ehe er von ihr gehe, sich durch Speise und Trank noch zu stärken. Er aß von dem, was da war, schnell und schweigend, im Gedenken der nahen Trennung und mit der Zuversicht, daß es dabei ohne einen letzten Kampf mit der Mutter nicht abgehen werde.

Zu seinem Erstaunen füllte sie aber den Becher schweigend zum Abschiedstrunk.

»Geh, mein Sohn,« sprach sie, »da es nun doch einmal dein fester Entschluß ist. Aber trink erst noch einmal am elterlichen Herde, auf dem die Flamme erloschen sein wird, lange bevor du deinen Fuß wieder wirst hierher setzen können.«

»Dir zur Gesundheit, Mutter!« sagte Hamish; »möge es uns beschieden sein, trotz Eurer Rede schlimmer Vorbedeutung, in Glück und Freude wieder zusammenzukommen.«

»Besser, wir trennten uns überhaupt nicht«, versetzte die Mutter, ihn scharf im Auge haltend, als er den Inhalt des Bechers in die Kehle schüttete.

»Und nun geh!« – sprach sie – und leise vor sich hin wiederholte sie: »Geh! wenn du – kannst!«

»Mutter,« erwiderte Hamish, indem er den leeren Becher auf den Tisch setzte, »Euer Trank schmeckt gut, aber statt zu stärken schwächt er.«

»Das ist seine erste Wirkung, mein Sohn«, versetzte Elspat; »leg dich auf dies weiche Lager und ruhe eine Weile! Eine einzige Stunde wird dich kräftiger machen als der gewöhnliche Schlaf von drei Nächten.«

»Mutter,« rief Hamish, bei dem sich schon die schnelle Wirkung des Trankes zeigte, »gebt mir mein Barett! Ich muß jetzt Abschied nehmen und gehen. Aber wie wird mir? Mir ist zu Mute, als sei mir der Fuß an den Boden genagelt.«

»Es wird dir sicherlich schnell wieder besser, wenn du dich ein halbes Stündchen legst. Bloß ein halbes Stündchen! Noch ist es acht Stunden hin bis Tagesanbruch, dann ist noch immer Zeit im Überfluß für deines Vaters Sohn, solche Wanderung anzutreten.«

»Ich muß Euch gehorchen, Mutter,« antwortete Hamish mit schwerer Zunge, »ich fühle, daß ich es muß, aber weckt mich, sobald der Mond aufgeht.« Er setzte sich auf das Lager, sank um und lag bald in festem Schlafe.

Neuntes Kapitel

Mit klopfendem Herzen, halb vor Freude, halb vor Bangigkeit, gleich dem, der ein schweres Stück Arbeit glücklich zu Ende gebracht hat, trat Elspat leise zu dem bewußtlosen Schläfer, dem ihr Übermaß von Liebe so verderblich werden sollte, und legte ihm sanft den Mantel über die Beine. Dabei gab sie ihrer Freude durch Zeichen der Liebe und durch Frohlocken Ausdruck.

»Ja«, sagte sie, »Kind meines Herzens! Der Mond wird heraufsteigen und auf dich scheinen und auch die Sonne; aber nicht, um dir aus deinem Vaterhaus zu leuchten dorthin, wo du einem fremden Fürsten dienen sollst oder zinsbarem Feinde. Keinem Sohne von Dermid soll ich überliefert werden, um von ihm gefüttert zu werden wie eine Sklavin, sondern der wird mein Hüter und Beschützer sein, der mein Stolz ist und meine Freude! Ihr sagt, das Hochland sei anders geworden? Aber ich sehe, der Ben Cruachan hebt sein Haupt am Abendhimmel noch ganz so hoch wie ehedem! Noch hat niemand die Kühe unten in der Tiefe des Loch Awe zur Weide getrieben, und noch immer beugt sich der Eichbaum nicht wie Farrenkraut. Aber die Kinder der Berge werden sein wie ihre Väter, bis die Berge gleich werden den Tälern. Noch immer geben diese wilden Forste, einst der Tummelplatz für Tausende von Männern, sichere Zuflucht für ein altes Weib und einen schönen Jüngling aus altem Geschlecht und von alter Sitte.«

Durch das Leben in der Wildnis, das Elspat mit ihrem Manne durch Jahre hindurch geführt hatte, war sie zu ungewöhnlicher Kenntnis von Pflanzen und Kräutern gelangt. Sie wußte sie ebenso leicht zu finden wie zu behandeln. Sie konnte Krankheit besser heilen, als mancher wirkliche Arzt. Aus diesen bereitete sie die Farben für den bunten Tartan des Hochländers, aus jenen Tränke von allerlei Wirkung, und so besaß sie auch das Geheimnis der Bereitung eines stark wirkenden Schlaftrunks. Auf ihn setzte sie, wie der Leser schon gesehen haben wird, die Hoffnung, ihren Sohn über die Frist hinaus festhalten zu können, die ihm für die Rückkehr gesetzt war. Sie kannte

sein Entsetzen vor der Strafe, welcher er sich hierdurch aussetzte, und hierauf baute sie ihre Hoffnung, ihn von aller Rückkehr fernzuhalten.

Zehntes Kapitel

Hamishs Schlaf an diesem verhängnisvollen Abend war tiefer, als es der Natur gemäß ist, aber die Mutter fand keine Ruhe. Kaum schloß sie von Zeit zu Zeit einmal die Augen, so schreckte sie auch schon auf, von Furcht erfüllt, ihr Sohn möchte aufgewacht und weggegangen sein. Dann trat sie an sein Lager heran und lauschte den tiefen, regelmäßigen Atemzügen, bis sie sich wieder beruhigt hatte darüber, daß er noch immer fest schlafe.