»Portanferry,« lautete die Antwort.
»Ist Wache dort geblieben?« fragte Hazlewood weiter.
»Nein, auf Sir Robert Hazlewoods Befehl hin sind alle Mann hierher marschiert zum Schutz gegen einen von den Schmugglern geplanten Ueberfall.«
Charles Hazlewood begab sich auf der Stelle zu seinem Vater. Auf seine Frage nach dem Grunde der von ihm angeordneten Maßregel bekam er dieselbe Antwort wie von dem Wachtmeister. Er kannte seines Vaters Schwächen und versetzte, es wolle ihm nicht recht glaubhaft erscheinen, daß es auch den verwegensten Menschen einfallen sollte, ein Schloß mit so zahlreicher Dienerschaft und soviel Hörigen anzugreifen; dagegen möchte es doch bedenklich sein, Soldaten vom Dienste wegzurufen, um sich persönlichen Schutz zu schaffen, anderseits wäre wohl zu befürchten, daß man sich zum Gespött der ganzen Nachbarschaft machte, falls sich solche großartigen Vorsichtsmaßregeln als unnütz erweisen sollten.
Sir Robert wurde hierüber recht perplex, denn vor Gespött hatte er eine Heidenangst; aber es ging ihm nicht minder gegen den Strich, vor seinem Sohne die Segel zu reffen, und so stellte er sich, als ob ihm an der Meinung der Welt nicht das geringste gelegen wäre, und zog gegen den Sohn alle Register seiner väterlichen Würden.
»Ich sollte doch meinen,« sagte er, »daß die meinem Hause an Deiner Person, meinem nächsten Erben, widerfahrene Beleidigung, um nicht Ehrabschneidung zu sagen, beim größten Teile des Publikums Maßregeln, wie ich sie getroffen, sattsam rechtfertigen dürfte.«
»Ich habe Ihnen aber doch schon wiederholt erklärt, Vater, daß nach meiner festen Ueberzeugung das Gewehr bloß zufällig losgegangen ist.«
»Davon kann keine Rede sein; aber Du bist ja immer klüger als ältere Leute.«
»Aber, Vater, in einem Falle, der mich so nahe betrifft –«
»Dich geht er nicht näher an als mich – nicht näher als unsre ganze Grafschaft, als das ganze Königreich Schottland, insofern als das Interesse des Hauses Hazlewood in Dir benachteiligt, bedroht und gefährdet wurde ... Aber das Subjekt, das Dich angeschossen, ist in sicherem Verwahrsam, und Glossin meint –«
»Glossin, Vater?«
»Jawohl, Glossin, der jetzige Herr und Eigentümer von Ellangowan! Du kennst ihn doch?«
»Aber, Vater, daß Sie sich auf einen solchen Mann berufen möchten, hätte ich nie gedacht, nie für möglich gehalten – gilt er doch bei aller Welt als geizig, betrügerisch, gemein, intrigant, und wer weiß, was er noch für Tugenden an sich hat! Auf seinen Rat hin, Vater, ist wohl die Wache aus Portanferry abkommandiert worden?«
»Auf Glossins Rat?« wiederholte Sir Robert – »nun, lieber Sohn, ich glaube nicht von dem Herrn, daß er sich herausnehmen möchte, mir seine Meinung oder gar seinen Rat aufzudrängen, in Fällen, wo Haus und Geschlecht Hazlewood in Betracht kommen –«
»Aber zugestimmt zu Deinem Gedanken hat er – wie?« fragte Charles wieder.
»Mir erschien es angemessen, ihn als die nächste Amtsperson zu Rate zu ziehen, als mir die Nachricht von dem gegen mein Besitztum geplanten Ueberfalle bekannt wurde – und da muß ich freilich sagen, daß er zwar nichts davon wissen mochte, den diesbezüglichen Befehl an die Wache von Portanferry mit zu unterzeichnen, den Schritt selbst aber vollkommen guthieß.«
Mac Morlan trat ins Zimmer ... »Bedaure sehr, Sir Hazlewood, wenn ich stören sollte?«
»Durchaus nicht, Herr Mac Morlan, durchaus nicht,« fiel ihm der Laird ins Wort – »bitte, was führt Sie zu mir? amtliche Verrichtung oder eine Ursache privater Natur?«
»Amtliche Verrichtung, Sir Robert,« erwiderte Mac Morlan kühl – »es handelt sich um das Kommando von Portanferry, das unverzüglich zurückmarschieren muß. Für Ihres Hauses Sicherheit übernehme ich Bürgschaft.«
»Die Wache soll ich missen? und mit Ihrer Bürgschaft mich begnügen, Herr Mac Morlan?« fuhr Sir Robert auf; »wie sollte mir solche für meines Hauses Sicherheit ausreichen? Nicht eins von diesen Ahnenbildern möchte ich verrückt oder gar beschädigt sehen–«
»Darüber zu diskutieren, Sir Robert, muß ich zu meinem Bedauern ablehnen,« versetzte Mac Morlan, »glaube aber versichern zu dürfen, daß durch mein Verhalten kein unersetzlicher Verlust dieser Art entstehen wird, zumal sich kein sterblicher Mensch mit dem Gedanken eines Angriffs gegen Ihr Schloß trägt. Ich habe im Gegenteil Winke bekommen, die mir den Verdacht wecken, daß das Gerücht lediglich zu dem Zwecke ausgesprengt worden ist, einen Grund zur Entfernung der Wache von Portanferry zu haben. Infolgedessen muß ich von meinem amtlichen Rechte Gebrauch machen, und das Kommando, wenigstens zum großen Teil, wieder nach seinem Standquartiere zurückschicken. Für sehr bedauerlich halte ich es, daß durch meine zufällige Abwesenheit schon soviel Zeit verloren gegangen ist, daß ich fast fürchten muß, das Kommando wird zu spät in Portanferry wieder eintreffen.«
Gegen eine so bestimmte Erklärung der zuständigen Obrigkeit erlaubte auch der Baronet sich keinen weitern Einwand, sondern erteilte sogleich seinen Dienstmannen Befehl, sich zu bewaffnen. Charles Hazlewood hätte die Reiter, die unter Mac Morlans Führung nach Portanferry zurückritten, am liebsten begleitet, aber dem Vater solch empfindliche Kränkung anzutun, mochte er doch nicht wagen; mit schlechtverhehltem Unmute sah er dem Wegritt des Kommandos vom Fenster aus zu, und nicht lange währte es mehr, so waren die Reiter unter den Bäumen der Straße verschwunden und der Hufschlag ihrer Rosse verhallt.
Vierzehntes Kapitel
Wir eilen den Reitern zuvor, und blicken in das Gemach, wo wir Bertram und seinen biedern Freund zurückließen. Der Landmann schlief sehr fest, Bertram aber erwachte noch vor Mittelnacht aus dem ersten tiefen Schlafe, und konnte nicht wieder einschlummern. Die Bewegung seines unruhigen Gemüts wurde durch einen Fieberschauer erhöht, den die dumpfige Luft des engen Gemachs ihm zugezogen hatte. Endlich erhob er sich und suchte das Fenster zu öffnen, um frische Luft zu schöpfen. Aber ach! der erste Versuch erinnerte ihn, daß er in einem Gefängnisse war. Er blieb vor dem fest verschlossenen Fenster stehen. Der kleine Silvan, so müde er noch von der vorigen Tagfahrt war, kroch auch aus dem Bette, rieb sich an den Beinen seines Herrn und schien durch freundliches Knurren seine Freude über die Wiedervereinigung aussprechen zu wollen. Bertram blickte einige Zeit auf das Meer. Die Flut schwoll hoch an und schlug dumpf und dicht bis an die Grundmauer des Hauses. Zuweilen stiegen hohe Wogen bis an das die Gebäude schützende Bollwerk und brachen sich hier mit heftigerer Gewalt als die am Sandufer zerfließenden. Fern in der Beleuchtung des eilenden, oft bewölkten Mondes wälzte das Meer in wildem Gedränge seine Wogen. »Ein wildes, finstres Schauspiel,« sprach Bertram zu sich selbst. »Ganz wie die drängenden Wellen des Schicksals, die mich seit meiner Kindheit durch die Welt fortgestoßen haben! Wann wird diese Ungewißheit aufhören? wann wird es mir vergönnt sein, nach einer stillen Heimat zu sehen, wo ich ruhig und ohne Furcht, ohne Unruhe die Künste des Friedens pflegen kann, von denen mich bis jetzt eine mächtige Gewalt abgezogen hat? Möchte es doch wahr sein, was man sagt, daß das geistige Ohr die Stimme der Seenymphen und Tritonen unter dem Wogengeräusch unterscheiden könne! Mochte doch eine Sirene, oder ein Proteus, aus den Wellen aufsteigen, um mir das Rätsel des seltsamen Schicksals zu lösen, das mich von allen Seiten umfängt ... Glücklicher Freund,« fuhr er fort, auf den tief schlummernden Landmann blickend: »Deine Sorgen sind beschränkt auf den engen Kreis einer gesunden und gedeihlichen Beschäftigung. Du kannst sie nach Gefallen beiseite legen und die tiefe Ruhe des Leibes und der Seele genießen, die eine gesunde Arbeit Dir bereitet hat.«
In diesem Augenblicke wurden seine Betrachtungen durch Silvan, der mit wütendem Gebell zu dem Fenster hinanzuspringen versuchte, unterbrochen. Dinmont vernahm den gellenden Ton, aber noch verschwand die Täuschung des Traumes nicht, der ihn aus dem armseligen Raum hinaus unter seine grünen Hügel geführt hatte, und einige Töne aus seiner Kehle verrieten, daß er seinen Schäferhund rief. Silvans Gebell wurde durch das Geheul des Kettenhundes im Hofe sekundiert, der sich lange still verhalten und nur einmal, als der Mond jäh aus den Wolken hervorblinkte, einen kurzen, tiefen Ton ausgestoßen hatte, nun aber ein wütendes Gebell anhob, als ob er durch irgend eine Störung gereizt worden wäre. Bertram, dessen Aufmerksamkeit nun lebhaft gespannt war, glaubte ein Boot auf dem Meere zu sehen, und unterschied deutlich Ruderschlag und menschliche Stimmen unter dem Brausen der Wogen ... »Vielleicht ein Schiffer, den die Nacht überfallen,« dachte er, »oder verwegene Schleichhändler von der Insel Man? Sehr verwegen, dem Zollhause so nahe zu kommen, wo doch Wache liegen muß? Das Boot ist groß und dicht besetzt. Vielleicht sind's Leute vom Zollamt?«