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Nach dem Thee faßte der Oberst den Arm des Rechtsgelehrten und führte ihn in eine, an das Wohnzimmer anstoßende Studierstube, in der es abends nie an Licht und Feuer fehlte.

»Wie ich sehe,« begann hier Pleydell, »haben Sie mir etwas über Ellangowan zu sagen. Ist's irdischer oder himmlischer Art? Was spricht mein kriegerischer Albumasar? Haben Sie die Sterne befragt und die Zukunft berechnet?«

»Nein, lieber Pleydell, Sie sind der einzige Ptolemäus, an den ich mich bei gegenwärtigem Anlasse wenden will, denn ich habe, ein anderer Prospero, meinen Stab zerbrochen und mein Buch ins Meer versenkt. Aber große Neuigkeiten, trotz allem, lieber Freund – trotz allem! Unsere Sibylle Meg Merrilies ist heute vor dem Magister erschienen und mag den Biedermann nicht wenig erschreckt haben,«

»Was Sie sagen!«

»Ja, und mir hat sie die Ehre eines Schriftwechsels angetan, in der Annahme, ich sei in die Geheimnisse der Sterndeutung noch eben so tief eingeweiht, wie zur Zeit unserer ersten Begegnung. Hier ist das Blättchen, das der Magister mir behändigt hat.«

Pleydell setzte hurtig die Brille auf die Nase. »Was für ein Gekritzel, Inizialbuchstaben so spitz und gerade wie die Spanferkelrippen! Ich kann's nicht entziffern – wenigstens nur langsam,«

»Lesen Sie doch laut,« meinte Mannering.

»Versuchen will ich's ... Ihr könnt's wohl suchen, wißt's aber nicht zu finden. Ihr gabt Euch Mühe, ein wackliges Haus zu stützen, hattet aber etwas wie Ahnung, es wieder erstehen zu sehen. Helft jetzt bei dem Werke, das nahe ist, wie Ihr das ferne Schicksal im Auge hieltet. Laßt heute nacht um zehn Uhr beim Graben von Portanferry einen Wagen halten und die Leute nach Woobourne bringen, die die Eurigen fragen werden, ob sie da seien, in Gottes Namen. Halt, nun kommen gar Verse:

Was dunkel ist, soll Licht

Und Unrecht werden Recht,

Und Bertrams Recht und Bertrams Macht

Auf Ellangowan sind erwacht.«

Fürwahr, ein Brief mit sieben Siegeln,« rief Pleydell, »der kumäischen Sibylle würdig. Und wie haben Sie sich dazu verhalten?«

»Nun, eine Gelegenheit, Licht in die Sache zu bringen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Das Weib mag ja nicht ganz bei Verstand sein, und vielleicht beruht alles, was sie redet, bloß auf Einbildung: aber Sie waren ja selbst der Meinung, daß Meg Merrilies von der wunderlichen Geschichte mehr wisse, als sie je gesagt habe,«

»Sie haben den Pagen also an den bezeichneten Ort geschickt?«

»Wenn ich ja sage, lachen Sie mich vielleicht aus!«

»Ich? ganz gewiß nicht! Ich möchte eher meinen, es sei das klügste, was Sie tun konnten.« »Nun, schlimmstenfalls wäre der Fuhrlohn hinausgeworfen gewesen. Kurz und gut, ich habe einen Vierspänner von Kippletringan abgehen lassen und den Kutscher angewiesen, sich nach dem Schreiben zu verhalten. Einen harten Stand wird er in der kalten Nacht freilich haben, wenn wir falsch berichtet wurden.«

»Wir dürften meiner Ansicht nach das Gegenteil erfahren. Die alte Hexe hat ihre Rolle so lange gespielt, daß sie endlich selbst daran glaubt oder, falls ihr Tun nur eitel Trug und sie dabei tatsächlich frei von Selbsttäuschung sein sollte, vielleicht darauf sehen zu müssen meint, daß sie nicht aus der Rolle fällt. Eins darf ich sagen, daß bei ihr alle gewöhnlichen Mittel, aus einem Menschen was herauszubringen, nichts gefruchtet haben. Das klügste, was wir tun können, dürfte vielleicht noch sein, ihr die Sache ganz in die Hand zu geben, – ich meine, es ihr zu überlassen, wie sie dabei vorgehen will. Nun, sind wir fertig? Oder haben Sie noch etwas auf dem Herzen? Wenn nicht, so wollen wir zu unseren schönen Damen zurückgehen.«

»Ich fühle mich heute über die Maßen erregt und – doch nein, ich habe nichts mehr auf dem Herzen, bloß die Minuten zählen werde ich, bis der Wagen kommt. Daß Sie meine Ungeduld teilen, darf ich freilich nicht erwarten.«

»Warum nicht? Gewohnheit ist die Mutter alles Schlendrians, im Tun wie im Denken. Drum nehme ich gewiß lebhaften Anteil an Ihrem Empfinden, werde aber über die Zwischenzeit wohl hinwegkommen, wenn die jungen Damen so nett sein wollen, uns mit etwas Musik zu unterhalten.«

Mit diesen Worten stand er auf und ging in das Wohnzimmer, wo sich Julie auf seine Bitte ans Klavier setzte. Lucy Bertram, die im Vortrag von Liedern ihrer Heimat Vorzügliches leistete, begleitete die Freundin, die zuletzt noch ein Paar Sonaten von Diabelli zum besten gab. Der alte Rechtsgelehrte, der einem Edinburger Musikkränzchen angehörte, und das Cello leidlich spielte, war so erbaut über diese improvisierte Abendunterhaltung, daß ihm die Wildenten ganz aus dem Gedächtnis gekommen zu sein schienen, als Lakai Barnes zur Abendtafel invitierte.

»Sage Mrs. Allan,« befahl der Oberst dem Diener, »sie möge sich auf weitere Gäste einrichten. Ich rechne – wollte sagen hoffe, daß wir heute abend noch Gesellschaft bekommen. Bleib Du mit den übrigen Leuten auf! Das äußere Hoftor wird heute nicht eher geschlossen, als ich Befehl dazu gebe.«

»Aber wer könnte noch kommen, Papa?« fragte Julie verwundert. »Nun, ein paar Fremde vielleicht, die heute abend noch mit mir sprechen wollen – in Geschäften natürlich, es ist aber auch noch ganz ungewiß.«

»Wir werden Ihnen aber die Störung nicht verzeihen, außer sie bringen eine ebenso freundliche Laune, ein ebenso offenes Herz mit, wie mein Freund, und wie er sich selbst zu nennen liebt, Verehrer, Herr Pleydell,« erwiderte Julie.

»O, Fräulein Julie,« versetzte Pleydell, ihr höflich den Arm reichend, um sie ins Speisezimmer zu führen: »es hat eine Zeit gegeben – damals als ich von Utrecht nach England zurückkam, anno 1788 –«

»O bloß nicht tempi passati streifen, Herr Pleydell, wir haben Sie lieber, so wie Sie jetzt sind, Utrecht! Du lieber Gott! Ein Glück für uns, daß Sie all die spätere Zeit darauf verwandt haben, sich von den Schlacken Ihrer holländischen Kultur wieder zu säubern.«

»O, bitte sehr, mein Fräulein, die Holländer sind weit galanter gegen Frauen, als ihre quecksilbrigen Nachbarn zugeben wollen: Pünktlich wie die Uhr sind sie in ihren Huldigungsbeweisen.«

»Das möchte mich bald ennuyieren,« meinte Julie.

»Und von unerschütterlichem Ebenmaße in allem Tun und Lassen.«

»Was mich noch viel weniger reizen könnte!«

»Und hat Ihnen Ihr Galan sechsmal dreihundertfünfundsechzig Tage lang den Pelzkragen um den Hals gelegt und das Kohlenbecken unter die Füße geschoben, im Winter Sie im Sitzwägelchen über das Eis und im Sommer im Kabriolett durch den Staub gefahren, so dürfen Sie ihm ohne Grund und Entschuldigung über Nacht den Abschied geben am zweitausendeinhundertundneunzigsten Tage – so lange wird ungefähr, das Schaltjahr nicht gerechnet, die Periode der supponierten Verehrung dauern, – und nicht einmal in dieser Zeitspanne wird sich für Ihre Empfindungen die mindeste Veranlassung zu Besorgnissen, daß Mynheer durch seine Zärtlichkeit in irgendwelche Schwulitäten kommen könnte, geboten haben,«

»Nun, Herr Pleydell, das letzte ist wahrlich Empfehlung für einen Sohn Hollands – doch müßten Gläser und Herzen in der Welt dann alles Wertes verlustig gehen, wenn sie nicht zerbrechlich wären.«

»Darum, liebes Fräulein, ist es ja doch ebenso schwer, Herzen zu finden, die noch brechen, und eben darum möchte ich jetzt mein Glas erheben – aber ich sehe, Herr Sampson hält die Augen schon geschlossen und die Hände gefaltet, um das Tischgebet zu sprechen – und die Wildenten sehen gar zu appetitlich aus –«

Damit setzte er sich und setzte alles Süßholzraspeln außer Kurs, um den die Tafel zierenden Finessen schottischer Küche alle gebührende Ehre zu erweisen. Geraume Zeit ließ er nichts mehr von sich hören, eine kleine Lobrede auf die Köchin ausgenommen, bis ihn endlich Julie unterbrach. »Ei, ei, Herr Pleydell, gleich am ersten Tage muß ich es erleben, daß mir ein so schlimmer Rivale um Ihre Verehrung erwächst?«