»Bitte um Pardon, schönes Fräulein, einzig und allein Ihre Strenge hat mich zu der Taktlosigkeit verführt, mir in Ihrer Gegenwart einen guten Happenpappen schmecken zu lassen. Wie ließe sich Ihrer Strenge stand halten, wollte man nicht für Auffrischung der Kräfte sorgen? Nach diesem und keinem andern Grundsätze vergönnen Sie mir, bitte, die Freiheit, Ihnen ein Gläschen zu kredenzen?«
»Wohl auch Utrechter Sitte?«
»Bitte um Pardon, liebes Fräulein. »Die Franzosen, bekanntlich Muster in der Galanterie gegen das schöne Geschlecht, geben dem Gastwirte den Namen Restaurateur, doch sicher im Hinblick auf die Stärkung und Erfrischung, die er dem geknickten Liebhaber zu bieten vermag, der sich vom Busen seiner gestrengen Herzensdame hinweg an den seinen flüchtet – wie auch ich jetzt tun möchte, indem ich Herrn Sampson bitte, mir noch einen Entenflügel zu reichen,«
Während der alte Herr, durch Juliens Lebhaftigkeit und Aufmerksamkeit erfreut, sie und sich selber zu unterhalten suchte, konnte Mannering seine Ungeduld nicht mehr bemeistern, stand von der Tafel auf unter dem Vorwande, nie viel zu Abend zu essen, rannte in der Stube auf und nieder, trat bald ans Fenster, um in die Nacht hinauszusehen, lauschte bald unruhig, ob sich nicht draußen ein Wagen hören ließe, und verließ endlich, von seiner Ungeduld getrieben, das Zimmer, stülpte sich den Hut auf, warf den Mantel über und lief draußen auf dem Baumwege herum, der zu dem Landhause führte.
»Wenn sich der Oberst doch nicht nachts ins Freie hinauswagen möchte!« sagte Lucy; »Sie haben wohl von dem Schrecken gehört, Herr Pleydell, den wir jüngst hier ausgestanden haben?«
»Mit den Schleichhändlern meinen Sie?« fragte der Advokat; »das sind ja alte Bekannte von mir, habe vor langer Zeit, als ich hier Sheriff war, einige dieser Brüder nach Nummer Sicher gebracht.«
»Einer hat seinen Rachedurst an uns stillen wollen – ach! waren das schreckliche Stunden!« rief Lucy.
»Sie meinen Herrn Hazlewoods Verwundung?« fiel Pleydell ein, »davon habe ich auch gehört.«
»Sie können sich gar nicht denken, Herr Pleydell, wie es uns angegriffen hat, Fräulein Mannering und mich! war's doch ein Räuber, der auf uns losstürzte, gleich schrecklich durch seine Stärke, wie durch den wilden Ausdruck seines Gesichts,«
»Die Sache liegt hier nämlich so, Herr Pleydell,« nahm Julie hier das Wort, die ihren Verdruß über diese, wenn auch unabsichtliche, so doch nicht minder garstige Schmähung ihres Anbeters nicht länger unterdrücken konnte, »daß der junge Hazlewood bei den Damen der hiesigen Gegend für solchen Seladon gehalten wird, daß ihm keiner ein Haar krümmen oder auch nur zu nahe treten darf, ohne gleich für einen Strauchdieb oder einen Fra Diavolo gehalten zu werden.«
»Oho!« dachte Pleydell, ein scharfer Beobachter, wie es ja sein Beruf schon mit sich bringt, »zwischen den beiden Mädchen ist doch sicher etwas nicht ganz in Ordnung!« – »Ich habe den jungen Herrn Hazlewood,« wandte er sich an Julien, »schon seit Jahren nicht gesehen, und so muß ich schon wohl oder übel unsern Damen ihr Recht lassen; aber glauben Sie mir, Sie mögen spotten, soviel Sie wollen, wer wirklich hübsche junge Männer sehen will, der muß nach Holland gehen. Einen schönern Mann, als den jungen Vanbost oder Vanbuster, oder wie der barbarische Name sonst geheißen haben mag, habe ich mein Lebtag nicht wiedergesehen.«
Nun war die Reihe an Julien, aus der Fassung zu kommen; zum Glück trat gerade jetzt der Oberst wieder herein ... »Ich höre noch nichts,« sagte er; »doch bleiben wir noch beisammen. Wo ist Sampson, unser Magister?«
»Hier, Herr!«
»Was haben Sie da für ein Buch in der Hand, lieber Sampson?«
»De Lyra, Herr! Ich wollte Herrn Pleydell um seine Meinung über eine streitige Stelle bitten.«
»Lieber Herr Sampson,« beschied ihn Pleydell, »dazu bringen Sie mich momentan nicht, so lange mich ein kräftigeres Metall anzieht, wie unsere schönen Damen, die ich noch immer zu bestimmen hoffe, eins mit mir zu singen, heißt es doch in Edinburg, daß sich mein Baß ganz gut hören lassen könne – lassen Sie also Ihren de Lyra vorläufig von der Tagesordnung, mein Lieber.«
Sampson klappte das Buch zu, nicht wenig verwundert, wie sich ein so gelehrter Mann wie Herr Pleydell mit dergleichen Tand befassen könne. Den alten Herrn ließ es aber jetzt sehr kalt, ob er seinen Ruf als Gelehrter in Gefahr setzte oder nicht, sondern füllte seinen Humpen mit Burgunder und animierte, mit seiner schon stark »lädierten« Stimme die Melodie zum »alten Matrosen« anstimmend, die jungen Damen lustig, ihn zu begleiten – wozu sich beide auch nicht lange nötigen ließen.
Endlich schlug es ein Uhr ... »Heute wird's nichts mehr werden,« meinte Mannering, schon lange am Ende seiner Geduld, und wollte eben vom Fenster wegtreten, – doch was nun folgt, erheischt ein besonderes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
»Ein Wagen!« rief Mannering dumpf, die Uhr, die er aus der Tasche genommen, wieder einsteckend – »oder rauscht der Wind durch die kahlen Bäume? Treten Sie ans Fenster, Herr Pleydell!«
Pleydell saß, mit seinem großen seidenen Schnupftuch in der Hand, neben Julien, in einer seiner Meinung nach interessanten Unterhaltung, leistete aber, nachdem er vorher, um sich nicht zu erkälten, sein Schnupftuch um den Hals geworfen, der Aufforderung Mannerings auf der Stelle Folge. Rädergerassel wurde nun deutlicher hörbar. Pleydell, als ob er seiner Neugier nun die Zügel schießen ließe, rannte zur Tür hinaus; Mannering rief seinen Diener und hieß ihn die Insassen des in der Herfahrt begriffenen Wagens in ein besonderes Zimmer führen, da man sich doch erst vergewissern müsse, wer es sei. Noch aber hatte er nicht seinem Befehl vollen Ausdruck gegeben, als sich auch schon die Tür öffnete. »Sieh da,« rief Pleydell von draußen, »unser Freund aus dem Liddes-Tale, mit einem kräftigen jungen Burschen von gleichem Schlage.«
Dinmont erkannte den befreundeten Anwalt gleich an der Stimme ... »O, wenn Sie es sind, Herr Pleydell,« rief er lustig, »dann ist alles auf gutem Wege.« Während er stehen blieb, dem Anwalt sein Kompliment zu machen, trat Bertram, von dem jähen Lichtglanz geblendet und über die Situation noch völlig im unklaren, in die ihn sein letztes Abenteuer gebracht, in die offene Tür, fast ohne es zu wissen, und erkannte nun seinerseits den ihm entgegentretenden Oberst. Der helle Lichtschein im Zimmer ließ keinen von beiden über sich im Zweifel, und einer war über die unerwartete Begegnung genau so betroffen wie der andere. Mannering hatte den Mann vor Augen, den er in Indien ums Leben gebracht zu haben glaubte; Julie erblickte ihren Geliebten in einer für ihn höchst gefahrvollen Lage, und Lucy erkannte im Nu den Mann, der ihrer Meinung nach auf Charles Hazlewood geschossen hatte, Bertram aber, seinerseits in der Meinung, den starren Ausdruck im Gesicht des Obersten als Unwillen über seine Zudringlichkeit deuten zu müssen, entschuldigte sich auf der Stelle, er sei nicht aus freiem Willen hier, wisse nicht, wer ihn hierhergebracht, und habe auch nicht gewußt, wohin man ihn Zu bringen vorgehabt.
»Herr Brown, sofern ich nicht irre?« fragte Oberst Mannering,
»Jawohl, Herr, derselbe, den Sie in Indien kannten,« versetzte Bertram bescheiden, »und der sich der Hoffnung hingibt, trotz allem, was Ihnen damals über ihn bekannt geworden, als Mann von Ehre vor Sie treten und auf Ihr Zeugnis als solcher anderen gegenüber rechnen zu dürfen.«
»Herr Brown, solche Ueberraschung habe ich selten, fast wohl nie erlebt – aber daß ich Sie nach dem zwischen uns Vorgefallenen für berechtigt halte, sich auf mein Zeugnis zu berufen, darüber meine ich Sie keine Sekunde im unklaren lassen zu dürfen.«
Pleydell sah zu seiner nicht geringen Verwunderung, wie der Oberst fast sprachlos war, wie Lucy sich kaum auf den Füßen halten konnte, wie Julie sich umsonst bemühte, die Fassung zu behalten.
... »Was geht denn vor?« rief er; »hält dieser junge Mensch etwa das Gorgonenhaupt in seiner Hand? Vergönnt mir doch einen Blick auf ihn! – Meiner Treu!« meinte er leise bei sich, »das leibhaftige Ebenbild des alten Ellangowan! Die Hexe hat Wort gehalten!«