Er trat schnell zu Lucy, »Sehen Sie doch den jungen Mann an, Lucy! Haben Sie nicht schon jemand in Ihrem Leben gesehen, der ihm aufs Haar ähnlich war?« Lucy hatte auf den Mann, in welchem sie auf der Stelle denjenigen wiedererkannte, der das Leben ihres Geliebten bedroht hatte, nur einen flüchtigen Blick geworfen; aber Furcht lähmte sie dermaßen, daß sie außerstande war, der Aufforderung des Anwaltes nachzukommen ... »Sprechen Sie mir nichts von ihm!« rief sie leise, »um Gottes willen nicht! Schicken Sie ihn weg – weit weg – denn er bringt uns alle noch um!«
»Umbringen?« wiederholte Pleydell, nicht ohne Unruhe, »Aber ich bitte Sie! Wir sind unser drei, das Dienstvolk nicht gerechnet. Und unsern ehrlichen Freund aus dem Liddes-Tale rechnen Sie nicht? und doch wiegt er ein halbes Dutzend Landsknechte auf. Immerhin, David, Dindie, oder wie Ihr Euch nennt, faßt Posten zwischen dem Patron und uns, zum Schütze unserer Damen.«
»Ei, du meine Güte, Herr Pleydell, das ist ja doch Rittmeister Brown. Kennt Ihr ihn denn nicht?«
»Nein,« antwortete Pleydell, »aber wenn Ihr Euch gut mit ihm steht, werden wir wohl nichts zu fürchten haben; doch haltet Euch immerhin in unserer Nähe.«
Alles dies spielte sich so geschwind ab, daß Sampson in seiner Ecke nicht einmal Zeit blieb, sich zu sammeln; er klappte das Buch zu, worin er gelesen hatte, und machte einen Schritt vorwärts, um sich die Fremden anzusehen. Aber kaum hatte er einen Blick auf Bertram geworfen, als er auch mit lauter Stimme rief:
»Wenn Gräber Tote wiedergeben können, dann ist dies mein lieber, über den Tod hinaus verehrter Herr!«
»Beim Himmel, Sie haben recht,« rief Pleydell, »und ich wußte es! Das wahre Ebenbild seines Vaters! Aber was fehlt Ihnen, lieber Oberst, daß Sie Ihren Gast nicht willkommen heißen? Ich glaube, ich hoffe, ja – ich weiß: wir sind im Recht, Nie ist mir solche Aehnlichkeit vor Augen gekommen. Aber Geduld! – Sampson, sagen Sie nichts, und Sie, junger Herr, setzen Sie sich!«
»Bitte,« versetzte Bertram, »ich bin, wie ich höre, im Hause des Obersten Mannering, und möchte zuvor hören, ob er Anstoß an meinem zufälligen Erscheinen nimmt, oder ob er mich willkommen heißen will.«
Oberst Mannering überwand die Regung in seinem Herzen und zwang sich zu der Antwort: »Willkommen? O, gewiß; vor allem, wenn Sie mir sagen können, wie ich mich Ihnen dienstfertig zeigen kann. Manches Unrecht habe ich ja doch gegen Sie gut zu machen. Eine innere Stimme hat es mir schon oft gesagt, aber Ihr so plötzliches und unerwartetes Auftauchen hat mancherlei schmerzliche Erinnerung geweckt und mich zunächst verhindert, Ihnen zu sagen, daß Ihr Besuch mir angenehm ist, gleichviel, welchem Umstände ich ihn beizumessen habe,«
Bertram verneigte sich vor dem, wenn auch höflichen, so doch ernsten Manne dankbar, doch zurückhaltend.
»Liebe Julie,« nahm der Oberst wieder das Wort, »besser möchte es wohl sein, wenn Du uns verließest; Herr Brown wird Dich entschuldigen! Mancherlei Erinnerungen rufen Dir, wie ich sehe, schmerzliche Gedanken wach.«
Julie stand auf und verließ das Zimmer, hatte aber, als sie an Bertram vorbeiging, nicht umhin gekonnt, ihm zuzuflüstern: »Unbesonnener! Zum zweitenmale!« Niemand als er hatte die Worte vernommen. Lucy ging mit ihrer Freundin hinaus. Ihr war der Schreck so in die Glieder gefahren, daß sie sich nicht traute, noch einen zweiten Blick auf diesen Mann des Grauens zu werfen; es mußte ein Mißverständnis obwalten, das merkte sie, und sie wollte die Verwirrung nicht dadurch vermehren, daß sie den Fremden als Mörder hinstellte; sah sie doch, daß der Oberst ihn kannte und als Ehrenmann behandelte; die Tat fiel ihm also entweder gar nicht zur Last, oder Hazlewood hatte doch recht, daß das Gewehr durch einen unglücklichen Zufall losgegangen war.
Tiefes Schweigen herrschte nun; jeder war zu rege mit sich selbst beschäftigt, als daß es ihm hatte auffallen können, was mit den andern vorging. Bertram sah sich unvermutet in dem Hause des Mannes, in welchem er bald seinen persönlichen Feind erblicken mußte, bald wieder den Vater seiner Geliebten zu achten sich verpflichtet sah. In Mannering kämpfte der rege Sinn für Höflichkeit und Gastfreundschaft, das frohe Bewußtsein, sich der Schuld, ein Menschenleben im Zweikampfe zerstört zu haben, ledig zu wissen, mit den in seinem stolzen Gemüt älter eingesessenen Empfindungen von Abneigung und Vorurteil, die jetzt von neuem erwachten, als ihm der Mann, der sie geweckt hatte, vor Augen stand, Sampson fühlte sich so heftig ergriffen, daß er sich auf eine Lehne stützen mußte; keinen Blick ließ er von Bertram, und auf sein Gesicht trat ein Ausdruck so heftiger Bestürzung, daß sich seine Züge förmlich verzerrten. Dinmont, in seinem weiten zottigen Oberrock an den Bären in seinen Bergen erinnernd, blickte mit seinen großen Augen ganz verdutzt auf das seltsame Schauspiel. Pleydell allein war ganz in seinem »esse« und sah sich pfiffig und rege um; seine Gedanken waren schon bei dem absonderlichen, fast präcedenzlosen und mysteriösen Prozesse, der ihm winkte, und aus dem er sich als Sieger hervorgehen sah – er kam sich vor wie ein Feldherr, umgeben von seinem Generalstabe, dem das Herz vor Stolz darüber schwillt, daß er allein die schwierige Aufgabe, den Kampf zum Siege zu wenden, lösen solle und lösen könne –
»Kommt, meine Herren,« rief er, lebhaft hin und her tretend, »das fällt alles in meinen Ressort – das muß ich alles für euch alle ins Lot bringen ... Bitte, Platz zu nehmen, mein lieber Oberst, und bitte, freie Hand! – Herr Brown, bitte, gleichfalls Platz zu nehmen – auf quocunque alio nomine voceris – Magister Sampson, keine Umstände, und braver Dinmont, nieder auf den Stuhl da!«
»Ich weiß nicht, Herr Pleydell,« versetzte dieser mit einem Blick von seinem groben Rock hinüber auf das stattliche Zimmergerät – »aber es wäre wohl besser, ich ginge anderswohin, und ließe Sie allein, bis Sie mit Ihrer Angelegenheit ...«
Der Oberst erkannte erst jetzt den ehrlichen Landmann und hieß ihn von Herzen und mit ein paar artigen Worten, daß er nach allem, was er in Edinburg von ihm gesehen, überzeugt sei, sein grober Rock und derbes Schuhzeug dürfte sich in jedem Prunkgemache mit Ehren sehen lassen, willkommen.
»Nein, nein, Herr Oberst, Landvolk paßt bloß aufs Land, aber daß ich gern erführe, ob das Glück dem Rittmeister heute 'mal hold sein wird, kann ich nicht in Abrede stellen. Anderseits weiß ich freilich, daß alles gut und recht gehen wird, was der Herr Pleydell in die Hand nimmt.«
»So stimmt's, Dandie Dinmont,« versetzte Pleydell, »und nun still verhalten! – Also, jetzt sitzen wir alle! Aber ehe ich mit meinem Sermon beginne, noch ein Glas Wein! ... Und dann, mein lieber junger Herr, wer und was sind wir?«
So betroffen sich auch Bertram fühlte, so konnte er bei diesem, Verhörsanfange sich einer Anwandlung, zu lachen, nicht erwehren ... »Ich muß nun freilich sagen,« erwiderte er, »daß ich das bisher zu wissen gemeint habe; jüngst sind aber mancherlei Dinge passiert, die mich in dieser Meinung einigermaßen erschüttert haben.«
»Und welcher Meinung über sich waren Sie bisher?«
»Nun, daß ich Vanbeest Brown sei, dem Namen nach, den ich führte. Ich habe als Freiwilliger im Ostindischen Dragonerregiment des Herrn Obersten gedient und darf wohl hinzusetzen, daß ich die Ehre hatte, ihm damals nicht unbekannt zu sein.«
»Das trifft zu,« versetzte Mannering, »und hinzusetzen darf ich, daß Herr Brown sich recht intelligent und mutig erwiesen hat.«
»Läßt sich hören, Herr Oberst – läßt sich hören,« fiel ihm Pleydell ins Wort; »doch das gehört ins allgemeine Auskunftswesen. Wir müssen jetzt von Herrn Brown hören, wo er das Licht der Welt erblickt hat.«