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»Meines Wissens in Schottland, doch kann ich den Ort nicht nennen.«

»Besinnen Sie sich auf keinerlei Umstände aus Ihrem frühesten Leben, ehe Sie aus Schottland den Fuß setzten?«

»Kaum – von unbestimmten Erinnerungen abgesehen, daß ich in meiner ersten Kindheit viel Liebe und Güte erfahren, und daß ich einen lieben freundlichen Herrn Papa und eine kränkliche Dame Mama genannt habe; aber dies alles steht mir nur wirr und unklar vor der Seele. Doch eines langen, magern, schwarzgekleideten Mannes, der mir Unterricht im Schreiben und Lesen gab, und mit mir ins Freie hinausging und, soweit ich mich besinnen kann, gerade in der letzten Zeit meiner glücklichen Kindheit – erinnere ich mich noch –«

Sampson konnte sich nicht länger halten; verriet ihm doch jedes Wort, das der junge Mann sprach, daß der Sohn seines Wohltäters vor ihm stand. Wohl hatte er sich bis jetzt Gewalt angetan, seine Erschütterung zu verbergen; als aber Bertram sich seiner so unmittelbar zu entsinnen anfing, als er von ihm in so treffenden Worten zu reden anfing, da konnte der ehrliche Magister nicht mehr an sich halten, und aufspringend und die Hände zusammenschlagend, rief er mit schlotternden Gliedern und mit Tränen in den Augen: »Harry Bertram, sieh mich an, bin ich es nicht gewesen, der Dich lehrte und leitete?«

»Ja!« rief Bertram, von seinem Stuhle emporfahrend, als ob es Licht in seinem Geiste würde; »ja, so hat der Mann mich gerufen – und jetzt erkenne ich Stimme und Gestalt des Mannes, der mir ein guter, sanfter Lehrer war.«

Sampson riß Bertram an seine Brust mit einer Inbrunst, die sein ganzes Wesen erschütterte. Mannering verbarg die Bewegung nicht, die auch ihn ergriffen hatte; und Pleydell verzog das Gesicht und putzte an den Gläsern seiner Brille herum, während Dinmont heftig zu schlucken anfing und mühsam stotterte: »Ein Teufelsbraten, dieser Rittmeister – kriegt's, weiß es Gott, fertig, das etwas über mich kommt, was ich seit meiner alten Mutter Tode nicht gespürt habe!«

»Achtung jetzt!« rief Pleydell; »noch sind wir nicht zu Ende – bevor der Tag graut, wird es, vermute ich, noch weitere Arbeit setzen.«

»Ich will ein Pferd satteln lassen, wenn Sie meinen,« fiel der Oberst ein.

»Nein, nein! Dazu ist noch Zeit! Aber, Magister, Sie haben nun Zeit genug gehabt, Ihrer Empfindungen Herr zu werden. Ich muh die Sache richtig in die Hand nehmen. Jahren wir also fort!«

Sampson war an Gehorsam gegen jeden Befehl gewöhnt, der ihm erteilt wurde. Er sank auf seinen Stuhl zurück, hielt sich das Schnupftuch vor die Augen und faltete die Hände über der Brust, woraus sich folgern ließ, daß seine Seele sich dankend zum Himmel erhob. So saß er nun in sich gekehrt, den Blick nur zuweilen hebend, um sich zu vergewissern, daß die liebe Gestalt seines einstigen Schülers nicht etwa verschwunden sei, in fromme Betrachtungen versunken, bis der Anwalt durch weitere Fragen an Bertram ihn auf neue Gedanken brachte.

»Und nun,« sagte Pleydell, nachdem er noch mehreres über Dinge gefragt, die in Bertrams Kindheit gehörten – »mein lieber Herr Bertram, – denn es wird sich nun wohl so gehören, daß wir Sie bei Ihrem rechten Namen nennen – nun erzählen Sie uns doch, bitte, was Ihnen noch darüber, wie Sie Schottland verlassen haben, in Erinnerung geblieben.«

»Ich weiß mich zwar auf den grausigen Tag noch deutlich zu besinnen, aber eben der Schreck über all jene Geschehnisse hat die nähern Umstände in meiner Seele gänzlich verwirrt und verwischt. Nur daß ich mich irgendwo im Freien befand – wenn ich mich nicht irre, in einem Walde, das ist mir im Gedächtnis geblieben.«

»Richtig, lieber Harry, im Warroch-Walde war es,« rief Sampson lebhaft.

»Still, Herr Magister,« fiel ihm Pleydell ins Wort.

»Ja, in einem Walde war's,« nahm Bertram wieder das Wort, in dessen Geiste sich die Gedanken langsam zu ordnen anfingen, »und jemand war bei mir, der würdige Herr dort, glaub' ich–«

»Ja, ja, Harry, Gott segne Dich! Ich war es – ich war es!« rief Sampson. »Ruhig, Magister,« rief Pleydell wieder – »lassen Sie doch unsern jungen Freund sich selbst finden und sammeln« – dann wandte er sich wieder zu Bertram: »und weiter?«

»Dann hab ich auf einem Pferde gesessen, vor dem Manne, glaub ich, der bei mir war.«

»Nein, nein!« rief Sampson; »ich habe meine Glieder nie in solche Gefahr gesetzt, und Deine, Harry, erst recht nicht.«

»Das kann ja kein Mensch aushalten!« rief Pleydell; »noch ein Wort, Magister, ohne meine Erlaubnis, und ich lese drei Sprüche aus dem schwarzen Buche, schwinge dreimal meinen Stab ums Haupt, vernichte alles Zauberwerk dieser Nacht und verwandle unsern Harry Bertram flugs wieder in Vanbeest Brown.«

»Bitte vielmals um Verzeihung, würdiger Herr Pleydell,« rief Sampson kläglich, »es war ja nur verbum volans

»Sie haben eben nolens volens den Schnabel zu halten, Magister,« versetzte der Anwalt mit kurioser Barschheit.

»Für Ihren jungen Freund, mein Lieber,« wandte sich der Oberst an Sampson, »ist es freilich von Belang, wenn Herr Pleydell in seinen Fragen ungestört bleibt,«

»Ich will ja stumm sein wie das Grab,« erklärte Sampson eingeschüchtert.

»Da sprangen plötzlich Männer auf uns zu,« erzählte Bertram weiter, »und rissen uns vom Pferde ... Aber von da ab weiß ich nur noch, daß es zu einem wilden Kampfe kam zwischen dem Manne, der hinter mir gesessen hatte, und den Männern, die uns überfallen hatten – und daß ich zu entfliehen suchte, aber von einem großen Weibe, das aus dem Gebüsch hervorstürzte, gepackt wurde, das mich mit wegriß, – – – auf mehr kann ich mich nicht entsinnen, alles andere liegt wie ein banger Traum auf mir – nur eine matte Erinnerung habe ich noch von einem Strande und einer Höhle, und daß ich durch ein starkes Getränk in langen Schlaf versetzt worden bin. Von da ab ist aber eine weite Lücke in meinem Gedächtnis bis zu der Zeit, wo ich mich als Schiffsjungen an Bord einer Schaluppe wiederfinde, bis ich dann nach Holland unter dem Schutze eines alten Kaufherrn gelangt bin, der mich sehr lieb gehabt hat.«

»Und was hat Ihnen dieser alte Kaufherr über Ihre Herkunft gesagt?«

»Wenig, und hat mir obendrein befohlen, nicht weiter zu forschen. Mein Vater habe Schleichhandel an der östlichen Küste Schottlands getrieben und sei in einem Gefechte mit der Zollwache umgekommen; Kameraden von ihm hätten mich aus Mitleid nach Holland geschafft. In meinen spätern Jahren schien mir freilich mancherlei mit meinen Erinnerungen nicht übereinzustimmen; ich besah aber keine Mittel, mich solcher Zweifel zu entledigen, und keinen Freund, mit dem ich darüber hätte sprechen können, Ueber mein späteres Leben ist Oberst Mannering unterrichtet. Ich fand in Ostindien Unterkunft als Kommis in einem holländischen Handlungshause, das aber fallierte, habe mich dann beim Militär anwerben und mir während des Dienstes nichts zu schulden kommen lassen, bin vielmehr ziemlich rasch befördert worden.«

»Aber die Geschichte mit Hazlewood?« fragte Pleydell.

»Sie ist weiter nichts, als ein unglücklicher Zufall,« versetzte Bertram; »ich war auf einer Erholungstour durch Schottland und acht Tage beim Pächter Dinmont gewesen, mit dem ich zufällig bekannt, und, wie ich zu meinem Glücke sagen darf, befreundet geworden –«

»Für mich war's ein Glück,« fiel ihm Dinmont ins Wort, »denn wenn er nicht gewesen wäre, hätten mir ein Paar Strolche auf der Heerstraße den Schädel eingeschlagen!«

»Bald nachher – wir hatten uns im nächsten Städtchen getrennt – wurde mir mein Gepäck gestohlen, und in Kippletringan traf ich zufällig mit dem jungen Hazlewood zusammen, als ich auf Fräulein Mannering zutreten wollte, um ihr als einer ostindischen Bekanntschaft guten Tag zu sagen. Es mag wohl sein, daß mein Touristenanzug bei dem jungen Herrn keine hohe Meinung von mir geweckt hat; er hieß mich gehen; mein Stolz bäumte sich dagegen auf, und so wurden wir handgemein, und mir passierte das Mißgeschick, ihn durch einen unglücklichen Zufall zu verwunden. Hiermit meine ich nun, Ihnen volle Beichte abgelegt zu haben –«