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»Noch nicht,« fiel ihm Pleydell ins Wort, mit den Augen zwinkernd, »ein paar Fragen bleiben noch, die ich aber bis morgen aufsparen will, denn für heute nacht, oder vielmehr heute morgen, ist's nun Zeit, die Sitzung zu schließen.«

»Immerhin meine ich, nachdem ich auf alle Fragen Rede und Antwort gestanden, die Sie an mich zu stellen für angemessen erachteten, meinerseits berechtigt zu sein zu der Frage, warum Sie solchen Anteil an meinen Verhältnissen nehmen? und, da meine Abkunft so große Bewegung verursacht, zu der weitern Frage: für wen Sie mich eigentlich halten?«

»Was mich angeht, so bin ich Paul Pleydell, Advokat und Notar in Edinburg. Für wen wir aber Sie halten, darüber läßt sich momentan noch nichts völlig Verläßliches sagen; ich hoffe jedoch, Sie in kürzester Zeit als Harry Bertram, letzten Erben und Sprößling eines der ältesten Häuser in Schottland und Fideikommis-Erben der Herrschaft Ellangowan, begrüßen zu dürfen. »Ja,« schloß er seine Rede, während ihm die Augen schon zufielen, mehr zu sich als zu den andern gewandt: »es wird das beste sein, den Vater zu übergehen und ihn als Erben seines Großvaters, des Fideikommisses Stifter, auftreten zu lassen, der war der einzige wirklich gescheite Mensch in dem ganzen Geschlechte, von dem wenigstens ich gehört habe.«

Alle hatten sich erhoben, um ihr Nachtlager aufzusuchen. Oberst Mannering trat zu Bertram, der von Pleydells Mitteilung aufs tiefste betroffen war ... »Zu der Aussicht, die das Schicksal Ihnen eröffnet, gratuliere ich Ihnen von Herzen. Ich habe in meinen jungen Jahren Gelegenheit gehabt, Ihren Vater zu meinen Bekannten zu rechnen – ja, der Zufall hat es sogar gefügt, daß ich in derselben Nacht, in der Sie geboren wurden, auf Ellangowan als ein ebenso unvermuteter Gast eintraf, wie jetzt Sie in meinem Hause. Von solcher Ahnung war ich nun freilich weit entfernt; will nun aber hoffen, daß alles, was zwischen uns vorgefallen, vergessen sein soll. Daß ich mir, als ich Sie als Herr Brown hier vor mir sah, wie von einem Alpe erlöst vorkam, dürften Sie mir glauben; daß mir aber Ihr Anrecht auf Rang und Namen meines alten Freundes Bertram Ihre Gegenwart doppelt willkommen macht, werde ich Ihnen nicht erst zu beteuern brauchen,«

»Und meine Eltern?« fragte Bertram.

»Ihre Eltern sind tot, Ihr Erbe ist zwangsweise verkauft worden, wird sich aber hoffentlich wiedererlangen lassen, und was zur Geltendmachung Ihrer Rechte nötig sein wird, stelle ich Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung,« antwortete Mannering. – »Nein, das lassen Sie meine Sache sein,« nahm Pleydell das Wort, »das schlägt in meinen Ressort und ich werde schon wissen, was hier zu tun ist.«

Hiermit griff der alte Herr zu seinem Licht und ging hinaus. Die übrigen folgten seinem Beispiel. Nur Sampson ließ es sich nicht nehmen, seinen »kleinen Harry,« wie er den sechsfußhohen Soldaten nannte, vorher noch einmal zu herzen und zu küssen.

Siebzehntes Kapitel

Andern Tags, zur festgesetzten Stunde, saß Pleydell vor einem lustigen Kaminfeuer, im warmen seidenen Schlafrock, mit seinem Sammetkäppchen auf dem Kopfe, und ordnete beim flackernden Licht von zwei Wachskerzen die über Kennedys Ermordung vorhandenen Papiere. An Mac Morlan war bereits ein Eilbote abgefertigt worden, mit der Aufforderung, eines wichtigen Falles wegen sobald wie möglich nach Woodbourne zu kommen. Dinmont, den die Vorgänge der letzten Nacht stark angegriffen hatten, war von seinem Bett im Vergleich zu den Schragen, auf dem er in Portanferry nächtigen mußte, so erbaut, daß er es nichts weniger als eilig hatte, sich aus ihm herauszufinden, Bertram hätte die Ungeduld längst ins Freie hinausgetrieben, hätte er nicht auf Oberst Mannering warten müssen, der seinen Besuch beim Auseinandergehen angekündigt hatte.

Endlich kam der Oberst, und Bertram hatte mit ihm eine lange, auch befriedigende Unterredung, Beide aber hielten mit etwas hinter dem Berge: Mannering konnte es nicht über sich gewinnen, von dem Horoskop zu sprechen, das er bei Harry Bertrams Geburt gestellt hatte, und dieser wiederum verschwieg aus leicht begreiflichen Gründen seine Liebe zu Julien.

Lucy war schon zum Frühstück im Wohnzimmer, als Sampson mit freudestrahlendem Gesicht hereinstolziert kam. Solche Stimmung war bei ihm so ungewöhnlich, daß Lucy im eisten Augenblick glaubte, es habe sich jemand einen Scherz mit ihm durch irgendwelche Tatarennachricht gemacht.

Ein Paar Augenblicke rückte er unruhig auf dem Stuhle herum, bis er zuletzt mit der Frage hervortrat: »Und wie ist denn Ihre Ansicht über ihn, Fräulein Lucy?«

»Ueber wen, Herr Sampson?«

»Nun, über Har- nein, über den Mann, den Sie kennen.«

»Den ich kenne?« wiederholte Lucy, außerstande, den Sinn seiner Worte zu fassen,

»Nun ja doch, über den fremden Gast, der gestern abend spät noch in der Postkutsche kam, – der den jungen Hazlewood – Ha! ha!« und Sampson lachte so überlaut, daß es sich fast wie ein Gewieher anhörte.

»Aber, Herr Sampson, ich begreife wahrhaftig nicht, wie Sie darüber so lustig sein können ... Ich habe gar keine Meinung über den Mann, und wünsche und hoffe lediglich, daß sein Renkontre mit Hazlewood zufällig gewesen und keine Wiederholung erleben möge.«

»Zufällig! Ha! ha!« lachte Sampson wieder.

»Sie sind ja heute ganz außer Rand und Band,« meinte Lucy leicht empfindlich.

»Stimmt, stimmt,« rief der Magister, in die Hände klatschend – »stimmt wie eine schottische Orgel – aus Rand und Band – ha! ha! ha!«

»Jawohl, und zwar dermaßen, Herr Sampson, daß ich bitten möchte, mich über die Ursache zu Ihrer frohen Stimmung zu unterrichten, mit ferneren Ausbrüchen derselben aber zu verschonen.«

»Na, na, erzürnen, liebes Fräulein, will ich Sie nicht – da sei Gott vor! Aber können Sie sich noch auf Ihren Bruder besinnen?«

»Jesus! ist das eine Frage! Sie wissen doch recht gut, daß er am Tage meiner Geburt vermißt wurde!«

»Ach, richtig, richtig!« rief Sampson, mit Lachen auf der Stelle aufhörend, »wie konnte ich nur so vergeßlich sein! Ja doch, ja doch! Aber auf Ihren lieben guten Vater besinnen Sie sich?«

»Aber, Herr Sampson, sind das heute Fragen! Wie können Sie meinen, ich besänne mich auf den Vater nicht mehr? Ist er doch erst vor knapp einem Jahre uns genommen worden!«

»Richtig, richtig! Ich will nicht mehr lachen und scherzen bei diesen trüben Erinnerungen ... Sehen Sie sich aber den jungen Mann doch einmal genau an!«

Bertram trat gerade ins Zimmer ... »Ja, Fräulein Lucy, sehen Sie ihn 'mal recht genau an,« fuhr Sampson fort, »ist er nicht Ihres Vaters leibhaftes Ebenbild? – Und da Gott euch, meine lieben Kinder, eure lieben Eltern genommen hat, so liebt euch einander um so herzlicher – um so inniger!«

»Jesus, Sampson! was sehe ich? es sind wahrhaftig meines Vaters Züge, es ist wahrhaftig der Vater, wie er leibt und lebt,« rief Lucy, und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Bertram aber flog zu ihr hin, um sie zu halten, und Sampson fuhr mit der Hand in seiner Zerstreutheit in die Theekanne, um ihr das heiße Wasser ins Gesicht zu spritzen – als sich zum Glück ihre Wangen wieder röteten, so daß er auf dieses prekäre Mittel, sie wieder zu sich zu bringen. Verzicht leisten konnte ... »Herr Sampson,« flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte, hörte sich aber seltsam-feierlich an ... »Sagen Sie mir, Herr Sampson, ist's wirklich mein Bruder?«

»Er ist's, Lucy, er ist's! ja, Lucy, es ist der kleine Harry, der Harry Bertram, so wahr Gottes Sonne am Himmel scheint!«

»Und sie ist meine Schwester!« rief Bertram, außer sich vor Freude, und zu lautem Ausbruch kamen die brüderlichen Empfindungen, die so lange in seiner Brust geschlummert hatten.

»Sie ist's! Sie ist's! Fräulein Lucy Bertram! Meisterin in den Sprachen von Frankreich, Italien, ja selbst von Spanien; Meisterin in ihrer Muttersprache, im Rechnen und in der einfachen und doppelten Buchhaltung, Von ihren Kenntnissen im Zuschneiden, Säumen und in der Hauswirtschaft spreche ich nicht, da sie sie nicht mir, sondern der alten Wirtschafterin dankt. Auch rechne ich mir ihre musikalischen Kenntnisse nicht zum Verdienst, denn daß sie auch solche besitzt, ist die Schuld eines edlen, tugend- und sittsamen, auch recht gutherzigen, lustigen Fräuleins, der Tochter des, Obersten, Julia Mannering, Der Wahrheit die Ehre – und suum cuique tribuito