»Du bist also die einzige, die mir geblieben,« sprach Bertram bewegt, »Oberst Mannering hat mir das Unglück, das über unsere Familie hereingebrochen, eben ausführlich erzählt, aber er hat mir nicht gesagt, daß ich hier eine Schwester finden würde.«
»Das sollte Dir der gute Mann hier sagen,« erwiderte Lucy, »einer der besten, gütigsten, treuesten Freunde, der meinen Vater in seiner langen Krankheit pflegte, ihn sterben sah und mich, die Waise, selbst unter den härtesten Schicksalsschlägen nicht hat verlassen wollen.«
»Gott segne ihn dafür!« rief Bertram, Sampson herzlich die Hand drückend. »Er ist der Liebe wert, mit der ich auch den Schatten seines Andenkens immer verehrt habe, das mir aus meiner Kindheit immerfort vorgeschwebt hat.«
»Gott segne euch beide, ihr lieben Kinder!« rief Sampson wieder; »wäret nicht ihr noch auf Erden gewesen, so hätte ich, wenn es dem Himmel gefallen hätte, mich abzurufen, mein Haupt neben dem Rasen hingelegt, der meines Gönners irdische Reste deckt.«
»Aber ich rechne,« rief Bertram, »daß wir noch bessere Tage erleben werden, denn der Himmel hat uns Freunde gegeben.«
»Freunde, fürwahr,« wiederholte Sampson, »und Ihr habt recht, er hat sie geschickt. Er, zu welchem ich Euren Blick frühzeitig lenkte, als zu der Quelle alles Guten! Den wackern Oberst Mannering aus Ostindien, einen in Anbetracht der spärlichen Gelegenheiten, die ihm zum Studium blieb, grundgescheiten Herrn – den tüchtigen Advokat Pleydell, und den biedern Dandie Dinmont, der zwar kein gelehrter Mann ist, sich aber gleich den Patriarchen des Altertums auf alles versteht, was Viehzucht und Herden anbelangt. Endlich bin auch ich da. Ich habe mehr Gelegenheit zu Studien gehabt als besagte achtbare Männer, und habe sie auch nie versäumt! und all mein Wissen soll meinem kleinen Harry zu gute kommen, denn, lieber Harry, wir müssen wieder lernen, und von Grund auf müssen wir's! Mit Englisch fangen wir an und gehen bis zum Hebräischen und Chaldäischen zurück.«
Als Mannering sich von seinem Gast verabschiedet hatte, begab er sich in das Zimmer seiner Tochter.
»Lieber Papa,« rief ihm Julie entgegen, »Sie scheinen vergessen zu haben, daß in der letzten Nacht recht wenig Schlaf in unsere Augen gekommen ist; denn Sie lassen mir ja kaum Zeit, mir das Haar zu machen, und wenn sie einem bei all dem Wust von Wundern, die über uns gekommen, zu Berge stehen, so ist das wahrlich nicht zu verwundern!«
»Mich interessiert jetzt nicht Dein Haar, sondern Dein Herz, Julie, aber in ein paar Minuten wirst Du Dich Deiner Kammerfrau wieder überantworten können.«
»Aber, lieber Papa, bedenken Sie, mir muß es ja noch ganz wüst im Kopfe sein – wie können Sie meinen, mir in ein paar Minuten Dinge plausibel zu machen, die mein Herz angehen? Ist's mir doch, als hätte ich einen wilden, wilden Traum durchlebt,« rief Julie.
»Nun, ich will sehen, ob sich Dein Traum deuten läßt,« versetzte Mannering, und nun erzählte er ihr von Bertrams Schicksal und von den Aussichten, die sich für dessen weiteres Leben eröffneten, und Julie lauschte seinen Worten mit unverhohlener Teilnahme.
»Nun?« fragte der Oberst, als er zu Ende war – »hat sich Dein Traum ein wenig geklärt?«
»Daß ich nicht wüßte, mein lieber Papa! Da kommt ein junger Mensch, den man für tot gehalten, aus Indien zurück, wie Abulfuaris, der große Reisende zu seiner Schwester Canzade und seinem Bruder Hur. Doch nein! da irre ich mich doch; denn Canzade war ja seine Frau; Lucy mag die eine und der Magister den andern abgeben, und der wunderliche, aber kreuzfidele Rechtsanwalt macht sich dabei wie ein Pantaleone am Schlusse eines Trauerspiels ... Eins aber soll uns alle freuen, ich meine, wenn unsre Lucy wieder zu ihrem Gelde kommt!«
»Was aber mir,« bemerkte Mannering wieder, »am geheimnisvollsten bei der ganzen Sache vorkommt, ist, daß meine Julie, der doch ihres Vaters Bekümmernis über Browns Schicksal kein Geheimnis war, ihn, als Hazlewood den unglücklichen Schuß bekam, gesehen haben und ihrem Vater doch kein Wort davon gesagt haben, sondern es ruhig geschehen lassen sollte, daß man den jungen Mann als des Mordes verdächtig verfolgte.«
Julie, die bis jetzt allen Mut zusammengenommen hatte, diese Unterredung mit dem Vater zu bestehen, senkte jetzt still den Blick Zu Boden. Umsonst hatte sie nach einem Worte gerungen, um in Abrede zu stellen, daß sie Brown bei dieser Gelegenheit wiedererkannt habe.
»Du findest keine Antwort auf meine Frage?« fuhr Mannering fort; »nun, dann sage mir wenigstens, ob Du Brown damals zum erstenmal seit seiner Rückkehr aus Indien gesehen? ... Auch darauf keine Antwort? So muß ich denn annehmen, daß Du ihn damals nicht zum erstenmal gesehen? – Auch jetzt noch keine Antwort? Julie, laß mich, bitte, nicht ohne solche! – Wer ist der junge Mann gewesen, der in Mervyn-Hall unter Dein Fenster gekommen und sich mit Dir unterhalten hat? Julie, ich fordre Aufrichtigkeit von Dir – ich bitte Dich um Aufrichtigkeit.«
Julie lichtete den Blick auf den Vater ... »Ich bin töricht gewesen, Papa – bin es wohl noch immer – bin's in hohem Maße. Papa, es ist hart, sehr hart für mich, mit diesem Manne, der mich zu meiner Torheit wohl nicht eigentlich veranlaßt, doch aber sich mitschuldig daran gemacht hat, in Ihrer Gegenwart – unter Ihren Augen zusammenzutreffen.« Darauf schwieg sie wieder.
»Er hat also Dir in Mervyn-Hall Serenaden gebracht?« fragte Mannering weiter.
Julie faßte bei dieser Frage wieder Mut ... »Er war es, Papa, und wenn ich unrecht getan habe, wie ich oft gedacht, so kann ich doch etwas zu meiner Entschuldigung anführen.«
»Und das wäre?« fragte Mannering schnell und nicht ohne Strenge.
»Ich traue mir, sie zu sagen, Papa, aber –« hier nahm sie ein kleines Etui aus der Tasche, öffnete es und gab ihrem Vater verschiedene Briefe ... »Hieraus, Papa,« sagte sie, werden Sie ersehen können, wie es zu Beziehungen zwischen ihm und mir kam, und durch wen ich dazu aufgemuntert worden bin.« Mannering, dem sein Stolz es nicht gestattete, weiter zu gehen, trat mit den Papieren ans Fenster und überflog einige Stellen darin mit unruhigem Blicke und mit heftiger Erregung; es gelang ihm aber, sich zu beherrschen, und als er nun zu seiner Tochter zurücktrat, die Empfindungen, die ihn beherrschten, zu unterdrücken ... »Allerdings keine geringe Entschuldigung für Dich, Julie,« sagte er, aber aus dem Ton seiner Stimme war noch immer nicht alle Strenge gewichen – »so weit ich nach einem flüchtigen Blick auf diese Briefe urteilen kann. Du bist wenigstens gegen Deine Mutter gehorsam gewesen. Doch laß uns an ein schottisches Sprichwort denken, das Sampson neulich anführte:
»Geschehen ist geschehen; was kommt, wird noch gehen.« Vorwürfe über den Mangel an Vertrauen mir gegenüber mag ich Dir nicht machen, Julie. Schließe aber auf meine Gesinnungen aus meinen Handlungen, die Dir bis jetzt Wohl noch keine Ursache zu Klugen gegeben haben. Nimm Deine Briefe wieder; für mich sind sie niemals bestimmt gewesen, und mehr davon zu lesen, als Dir zu Deiner Rechtfertigung wünschenswert, verlangt mich nicht. Und nun, Julie, sind wir Freunde? oder vielmehr gewinnst Du Verständnis für meine Weise und mein Verhalten?«
»O, mein lieber guter – mein edler Papa!« rief Julie, ihm in die Arme sinkend; »wie konnte es kommen, daß ich Sie nur einen Augenblick nicht verstand?«
»Kein Wort mehr davon, Julie! Wen Stolz hindert, Zuneigung und Vertrauen dort zu fordern, wo er auch ohne Bitten auf beides Anspruch zu haben meint, wird sich oft und vielleicht nach Verdienst getäuscht sehen. Es ist schon ein mir unsäglich teures Wesen, ohne mich zu verstehen, ins Grab gestiegen, aus dem es keine Klage, keine Reue zurückholen kann – mag es genug daran sein! möge mir Gott das Herzeleid, das Vertrauen einer Tochter zu verlieren, die mich lieben muß, wenn sie sich nicht vor sich selbst verleugnen will, in seiner Allgüte ersparen!«