»O, darum keine Sorge, Papa! Weiß ich nur erst, wie ich mich, um Ihnen zu Willen zu sein, verhalten muß, und meinem Gewissen nach, verhalten kann, so wird mir nichts schwer sein zu befolgen, was Sie mir vorschreiben.«
»Gut denn, mein Kind,« versetzte Mannering, sie auf die Stirn küssend: »hoffentlich werden an Deinen Heldensinn nicht allzu hohe Anforderungen gestellt: was aber die Bewerbungen jenes jungen Mannes anbetrifft, so darf vor allen Dingen keine Rede sein von irgend welchem heimlichen Verständnis, – denn auf dergleichen darf sich kein junges Mädchen einlassen, das sich nicht in ihren eigenen und in den Augen ihres Geliebten herabsetzen will. Das ist mein striktes Verlangen, Julie! Fragt Bertram nach Gründen, dann weise ihn an mich! Doch auch Du wirft sie kennen lernen wollen; sie sind einfach, aber einleuchtend genug: vorerst will ich Gemüt und Charakter des jungen Mannes genauer kennen lernen, als es Umstände und Vorurteile mir früher ermöglichten. Nicht minder muß es mein Wunsch sein, ihn wieder in seinem standesgemäßen Verhältnis zu sehen. Darum, ob er wieder in den Besitz von Ellangowan gelangen wird, bin ich nicht besonders ängstlich, wenn auch solcher Umstand, von Romanen abgesehen, von niemand auf Erden für gleichgültig gehalten werden wird. Harry Bertram, als Erbe von Ellangowan, ob er nun sein Erbe wieder antritt oder nicht, ist eo ipso eine durchaus andere Persönlichkeit als Vanbeest Brown, der den lieben Niemand zum Vater hatte. Die Bertrams sind mit Ruhm und Ehre dem Banner ihrer Könige gefolgt, während die Mannerings bei Crecy und Poitiers gefochten haben. Mit einem Worte, ich will meine Zustimmung weder geben, noch weigern; ich erwarte aber von Dir, daß Du frühere Irrungen wieder gut machst, und da Du nun leider nicht beide Eltern mehr zur Zuflucht hast, so rechne ich auf Erfüllung Deiner Kindespflicht mit Zuversicht insoweit, als Du mir all Dein Vertrauen schenken wirst, zumal mich mein Verlangen, Dich glücklich zu machen, dazu berechtigt, es als eine Kindesschuld von Dir zu fordern.«
»Ich verstehe Sie, Papa, vollständig,« versetzte sie und küßte ihn, tief ergriffen von seinen Worten, »Sie werden mich als Ihre gehorsame Tochter finden.«
»Ich danke Dir, mein Kind,« sagte Mannering, ihren Kuß innig erwidernd – dann setzte er hinzu: »Was mir vor allem am Herzen liegt, ist Dein Lebensglück – nichts anderm gilt meine Sorge – aber jetzt wische Dir die verräterischen Perlen aus Deinen Augen – wir wollen ins Frühstückszimmer gehen.«
Achtzehntes Kapitel
Bei wohl allen Personen, die um den Frühstückstisch herumsaßen, war ein gewisser Grad von Verlegenheit zu bemerken. Juliens Stimme war, als sie Bertram fragte, ob sie ihm noch Tee einschenken solle, kaum vernehmlich, und Bertram war, als er unter Mannerings Augen sein Butterbrot verzehrte, nicht minder verlegen. Lucy kam, bei aller Liebe für den nach so langem Alleinsein gefundenen Bruder oder vielmehr um dieser Liebe willen, sein Zwist mit Hazlewood nicht aus dem Sinne. Den Obersten berührte es unangenehm, sich bezüglich seines Tun und Lassens der peinlichen Kontrolle seiner Umgebung ausgesetzt zu sehen. Das Gesicht des Advokaten legte sich in ernste Falten, während er sich sein Brot mit Butter bestrich. Sampson dagegen war in der fidelsten Stimmung, musterte bald Bertram, bald Lucy, schwatzte in allen Tonarten, verstieß aller Augenblicke gegen Gewohnheit und Sitte und beging einen Schnitzer über den andern, schüttete die Rahmkanne in seine Morgensuppe, die Morgensuppe in die Zuckerschale, statt auf seinen Teller, zuletzt die ganze heiße Brühe über des Obersten Lieblingshund, den alten Plato, der für solche Aufmerksamkeit nichts als Geheul und Gewinsel hatte, das seinem philosophischen Sinn freilich sehr wenig Ehre machte.
Zum Glück machte ein Brief der Frau Mac Morlan der schiefen Situation ein Ende. Sie schrieb, daß ihr Mann noch nicht aus Portanferry wieder da sei, was Pleydell im ersten Augenblicke verdrießlich war, da ihm die Beihilfe seines Amtsbruders in mancherlei Hinsicht fehlte ... »Indessen,« setzte er, sich tröstend, hinzu, ist ja durchaus nichts verloren, denn unser junger Freund muß vor allem als entwichener Gefangener, auf den das Gericht ein gewisses Anrecht hat, sui juris werden, deshalb, Herr Oberst, wollen wir nach Hazlewood hinüberfahren, um uns als Bürgen für ihn zu stellen. Sir Robert Hazlewood wird solche Bürgschaft, meine ich, wohl gelten lassen müssen.«
»Selbstverständlich bin ich dazu bereit,« versetzte der Oberst und erteilte sogleich die nötigen Befehle, »Und unterdessen ..?« fragte er.
»Müssen wir uns nach triftigem Beweismaterial umsehen, denn Bertrams Erinnerungen gelten natürlich nicht als solches, und Fräulein Bertram, Herr Sampson und meine Wenigkeit können bloß sagen, was jeder andere sagen wird, der den seligen Laird gekannt hat und jetzt den jungen Mann sieht: daß er das leibhaftige Ebenbild desselben ist; solche Ansicht oder Meinung macht ihn aber noch nicht zu Ellangowans Sohne und verschafft ihm das Erbgut nicht wieder.«
»Und was ist also dazu nötig?« fragte Mannering.
»Klare Beweise. Da wären ja zunächst die Zigeuner da; aber, Du lieber Himmel, sie gelten doch vor unsern Richtern fast als ehrlos und kaum fähig, Zeugnis abzulegen; vor allem wird das zutreffen auf die Meg Merrilies, die doch so verschiedenerlei Aussagen gemacht, ja im Verhör, dem ich sie unterzog, alle Kenntnis der Sache rundweg bestritten hat.«
»Wir müssen zusehen, aus Holland von den Leuten, die sich unsres jungen Freundes in seiner Knabenzeit angenommen haben, Beweismaterial zu bekommen. Freilich werden sie fürchten, noch wegen des an dem Zollbeamten begangenen Mordes zur Rechenschaft gezogen zu werden, und ihre Aussage weigern oder, wenn sie sich dazu bereit finden lassen, für uns wiederum den Nachteil haben, als Ausländer oder als Leute, die außerhalb des Gesetzes stehen, angesehen zu werden. – »Kurz, überall Hemmnisse!«
»Hoffen wir das, liebster Herr Sampson,« erwiderte Pleydell; »solche fromme Zuversicht enthebt uns aber der Pflicht nicht, nach den rechten Mitteln zur Geltendmachung dessen, was wir für recht halten, zu suchen, und sie zu erlangen, wird, fürchte ich, uns schwerer fallen, als ich mir in der ersten Zeit vorgestellt habe; ein Herz ohne Mut gewinnt aber nie eine schöne Braut . ... Aber der Wagen fährt vor, Herr Oberst,« rief er – »also auf fröhliche Wiederkunft, Leutchen! und Sie, Fräulein Julie, bewahren Sie ja bis dahin Ihr Herzchen, damit ich dann auch mein Recht noch finde, – bin ja doch jetzt imstande des non volens agere.«
Sir Robert Hazlewood bereitete den beiden Herren, trotzdem er vor dem Obersten gewaltigen Respekt und von Advokat Pleydell seit langem die beste Meinung hatte, einen recht trockenen, frostigen Empfang. Gegen die angebotene Bürgschaft ließe sich ja nichts einwenden, sagte er, und er nähme sie sicher an, trotzdem sein Sohn, Hazlewood junior von Hazlewood, der Betroffene sei, aber der Missetäter habe sich einen Stand beigelegt, der ihm nicht gehöre, und sich als ein so gemeingefährliches Subjekt erwiesen, daß man die Verantwortung, ihn freizulassen, der Gesellschaft gegenüber schwerlich übernehmen könne ...
»Hoffentlich werden Sie, Sir Hazlewood,« nahm der Oberst das Wort, »in meine Aussage, daß der Deliquent als Kadett in Indien unter mir gedient hat, keinen Zweifel setzen?«
»Durchaus nicht,« versetzte der Baronet; »der Mann behauptet aber, nicht Kadett, sondern Rittmeister zu sein!«
»Seit ich mich von meinem Posten begeben, ist er in höhere Chargen aufgerückt,« sagte Mannering.