»Aber das müßte Ihnen doch bekannt geworden sein?«
»Wieso? Ich bin häuslicher Verhältnisse wegen aus Indien nach England zurückgekehrt und habe mich seitdem um das Regiment wenig bekümmert. Der Name Brown ist zudem so alltäglich, daß sich von seiner Beförderung vielleicht auch gelesen habe, ohne darauf zu achten. In ein paar Tagen werden aber seine Legitimationspapiere zur Stelle sein.«
»Mir ist zu Ohren gekommen, Herr Pleydell,« nahm der Baronet wieder das Wort, »daß er nicht gesonnen sei, den Namen Brown weiterzuführen, sondern als ein Bertram Anspruch auf Ellangowan zu erheben.«
»Und von wem wissen Sie das, Herr Baronet?« fragte Pleydell.
»Gibt solches Gerücht,« fiel Mannering ein, »dem Gerichte ein Recht, ihn in Arrest zu nehmen?«
»Still, Oberst still!« rief Pleydell, »sollte er als Betrüger entlarvt werden, würden Sie ihn so wenig wie ich einer Unterstützung für würdig erachten – aber im Vertrauen, Sir Robert, von wem haben Sie diese Mitteilung?«
»Von einem Mann, dem sehr viel daran liegt, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich muß indessen ablehnen, verzeihen Sie, mich bestimmter darüber auszulassen.«
»So? und wie begründet er dieses Gerücht?« fragte Pleydell weiter.
»Es soll sich unter Zigeunern und anderm solchen Gelichter die Kunde verbreitet haben, daß der junge Mann, von dem wir sprechen, ein Bastard des feigen Ellangowan sei und durch seine große Aehnlichkeit auf den Gedanken gekommen sei, den Betrüger zu spielen.«
»Existiert denn solch unehelicher Sohn wirklich, Sir Robert?«
»Allerdings, darüber bin ich genau unterrichtet. Ellangowan hat ihn durch Vermittlung eines Verwandten als Schiffsjungen auf einen Zollkutter gebracht.«
»Gut, Sir Robert,« versetzte Pleydell, dem ungeduldigen Obersten das Wort vom Munde nehmend: »Sie erzählen mir etwas Nagelneues, und ich werde es nicht verabsäumen, es zu untersuchen; bewahrheitet sich das Gerücht, so hat der junge Mensch auf Unterstützung von unserer Seite nicht mehr zu rechnen. Trotz allem würden Sie sich einer gesetzwidrigen Handlung schuldig machen und großer Verantwortung aussetzen, wenn Sie die von uns angebotene Bürgschaft ausschlagen wollten.«
»Wenn Sie mir versprechen, Herr Pleydell, den jungen Mann fallen zu lassen –«
»Falls es sich ausweist, daß er ein Betrüger ist,« erklärte Pleydell.
»Nichts anders meinte meine Rede – unter dieser Bedingung, wie gesagt, will ich Ihre Bürgschaft gelten lassen. Immerhin muß ich bemerken, daß ein sehr wohlgesinnter, höflicher Nachbar, der sich auch auf die Rechtsfragen versteht, mir erst heute morgen noch den Wink gegeben hat, solchem Verlangen nicht Folge zu leisten; von ihm habe ich auch gehört, daß der junge Mensch seine Freiheit wiedererlangt oder vielmehr aus dem Gefängnis ausgebrochen ist.«
Die Angelegenheit wurde schnell geregelt, der Bürgschein vom Obersten und Herrn Pleydell, der Freilassungsbefehl von Sir Robert Hazlewood ausgestellt, und bald saßen die ersteren beiden wieder in ihrem Wagen, jeder in eine Ecke gelehnt. Es verging geraume Zeit, bis die Unterhaltung zwischen ihnen in Gang kam. »Sie wollen den armen jungen Menschen,« nahm der Oberst endlich das Wort, »also gleich bei der ersten Schwierigkeit, die sich bietet, fallen lassen?«
»Ich?« rief Pleydell, »das sollte mir einfallen! Aber was hätte es mir genützt, mich mit dem alten Toren über Rechtsfragen zu streiten? Weit besser dient er uns, wenn er seinem Einhelfer Glossin meldet, daß wir uns gleichgültig oder lau bei dem ganzen Handel gezeigt haben. Ich wollte überdies dem Feinde gern ein bißchen in die Karten gucken.«
»So? Also auch Ihr Rechtsleute habt Eure Kriegslisten, so gut als wir Soldaten? Und wie denken Sie über die feindliche Aufstellung?«
»Gar nicht übel gewählt, aber ein wenig gewagt,« erwiderte Pleydelclass="underline" »man will mit zuviel List operieren – bei solchen Dingen bekanntlich der gewöhnliche Fehler.«
Der Wagen setzte inzwischen seine Fahrt schnell fort, ohne daß sich irgend etwas von Wichtigkeit ereignet hätte – abgesehen davon, daß sie den jungen Hazlewood trafen, der von einem Morgenritte heimkehrte. Mit wenigen Worten erzählte ihm der Oberst, daß Bertram in Woodbourne sei, was Hazlewoods lebhafte Teilnahme erweckte, so daß er seinem Pferde die Sporen gab, um den beiden Herren vorauszureiten und Lucy zu dem frohen Ereignis von Herzen zu gratulieren.
Die Unterhaltung in Woodbourne hatte sich zumeist um das alte Haus Ellangowan, seine einstige Macht und Größe gedreht. »Also unter der Burg meiner Väter,« sagte Bertram, »war es, wo ich vor einigen Tagen ans Land stieg, kaum zu unterscheiden von einem Landstreicher! Und die verfallenen Türme und dunklen Gewölbe weckten Gedanken in mir, die meine ganze Seele tief ergriffen, Erinnerungen, über die ich mir nicht klar werden konnte. Ich will die alte Stätte nun wieder besuchen, aber mit andern Gefühlen und, wie ich hoffen darf, mit besseren Lebensaussichten.«
»Geh jetzt nicht hin,« bat die Schwester; in unserer Väter Hause wohnt jetzt ein Schurke, ebenso tückisch wie gefährlich. Durch seine Schlechtigkeit ist unserm armen Vater frühzeitig das Herz gebrochen worden.«
»Du wehrst durch Deine Worte mein Verlangen, dem Wichte gegenüber zu treten, in dem Schlupfwinkel, in dem er sich verkrochen hat. Gesehen habe ich ihn wohl schon.«
»Vergessen Sie nicht, Heu,« nahm hier Julie das Wort, »daß wir beide, Lucy und ich, über Sie wachen sollen und Sie für Ihr Tun und Lassen verantwortlich machen. Oder meinen Sie, ich solle auf die Ehre, zwölf Stunden lang die besondere Gunst eines Rechtsanwalts genossen zu haben, so ohne weiteres verzichten? Es wäre doch wahrhaftig eine Torheit ihresgleichen, jetzt nach Ellangowan gehen zu wollen; es ginge doch höchstens an, daß wir zusammen bis ans Ende der Allee gingen, und daß wir Ihnen dann noch in unserer Gesellschaft den Aufstieg auf die nahe Höhe gestatten, damit Ihr Auge sich an dem Blick auf die dunklen Türme Ihres väterlichen Schlosses werden kann.«
Der Spaziergang wurde sogleich beschlossen; die Damen nahmen die Mäntel, und machten sich in Bertrams Gesellschaft auf den Weg. Es war ein schöner Wintermorgen, der Wind nicht kalt, sondern nur frisch. Ein geheimes Band verknüpfte die beiden Mädchen, wenn auch keines von ihnen sich darüber aussprach. Bertram dagegen sorgte, daß die Unterhaltung nicht ins Stocken kam, indem er von seinen Erlebnissen in Indien erzählte. Lucy war nicht wenig stolz auf einen Bruder, der soviel erstaunliche Gefahren mit so großem Mute bestanden hatte, Julie aber, der Worte ihres Vaters eingedenk, wiegte sich in der frohen Zuversicht, daß ihr Vater Vertrams stolzen Sinn nicht mehr für Anmaßung eines bürgerlichen, sondern für den Erben eines berühmten Geschlechts angemessenen Edelsinns schätzen werde.
Die drei Spaziergänger erreichten bald die in unserer Geschichte oft erwähnte Höhe über dem Hohlwege an der Grenze der Herrschaft Ellangowan, und ein überaus liebliches Landschaftsbild zeigte sich ihren Blicken: Täler und Hügel, begrenzt von Wäldern, die zur herrschenden Jahreszeit eine dunkle Purpurfarbe aufwiesen, während an andern Stellen die Aussicht scharf abgeschnitten wurde durch dichtes Kiefergebüsch, dessen dunkles Grün in allerhand Tönen hervorstach. Ungefähr eine halbe Stunde weit lag die Bai von Ellangowan, deren Wellen der Westwind kräuselte. Die Türme des alten Schlusses ragten in der Landschaft des alten Schlosses hoch empor und färbten sich heller im Strahlenmeer der Wintersonne.
»Dort liegt es, das Heim unserer Väter!« rief Lucy, auf das ferne Schloß zeigend. »Nicht die Macht und Größe dieser alten Burgherren ist's, Bruder, die ich für Dich begehre, – dafür ist mir Gott Zeuge, denn die Macht haben sie, heißt, oft übel angewandt und die Größe nicht festzuhalten verstanden. Aber soviel noch von beiden möchte ich in Deinen Händen sehen, daß Du unabhängig von andern und frei von irdischer Sorge leben, auch den alten Dienern unseres Hauses Unterstützung gewähren könntest, die seit unseres armen Vaters Tode –«