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»Rittmeister,« sagte Dinmont leise, »wenn sie bloß nichts Schlimmes im Sinne hat! Was sie spricht, klingt nicht, als käme es von Gott oder wie aus anderer Menschen Munde.«

»Habt keine Furcht, Freund,« erwiderte Bertram.

»Furcht? Nein, mich schert weder Hexe noch Teufel!« rief Dinmont, »bloß klar sehe ich gern.«

»Still!« rief Meg und guckte ihm finster über die Schulter: »meint Ihr, Zeit und Ort wäre beschaffen danach, daß Ihr reden dürftet?«

»Gute Frau,« fiel Bertram ein, »ich zweifle ja nicht an Eurer redlichen Absicht und Freundschaft, denn Ihr habt mir ja schon Beweise davon gegeben; aber Ihr sollt auch mir Vertrauen entgegenbringen. Drum sagt mir, wohin Ihr mich führt.«

»Ich habe nur eine Antwort darauf, Harry Bertram. Meiner Zunge habe ich verschworen, es Euch zu sagen, nicht aber meinem Finger, es Euch zu zeigen. Geht voran, und sucht Euer Glück! oder kehrt um und verliert's! Ganz, wie Ihr wollt! Weiteres kann ich Euch nicht sagen.«

»Vorwärts denn,« rief Bertram, »ich werde Euch keine weitern Fragen stellen.«

Ungefähr auf derselben Stelle, wo Meg sich früher von Bertram getrennt hatte, kletterten sie in die Schlucht hinunter. Einen Augenblick lang blieb Meg unter dem hohen Fenster stehen, von wo aus er damals die Beeidigung mit angesehen, und stampfte auf ben Boden, der trotz aller angewandten Vorsichtsmaßregeln noch deutlich verriet, daß er vor kurzem erst aufgewühlt worden ... »Hier ruht einer,« sagte sie, »der vielleicht bald Nachbarn bekommt.«

Dann ging sie längs dem Bache hin zu dem zerstörten Dörfchen, wo sie vor einem noch aufrecht stehenden Giebel verweilte. Ihr Auge schien ein milderes Gefühl zu beseelen, und als sie nun wieder das Wort nahm, geschah es nicht in der abgerissenen Weise von ehedem, aber noch immer in dem feierlichen Tone, der ihrer Stimme eigen war: »Seht Ihr das schwarze verfallene Stück Hütte dort? Dort hat mein Kessel vierzig Jahre gekocht; dort habe ich zwölf Söhne und Töchter geboren, – wo sind sie heute? Wo sind die Blätter, die an jener alten Esche am Martinstage hingen? Der Abendwind hat sie kahl gefegt. – Auch ich bin kahl! Seht Ihr den Weidenbaum dort? Es ist bloß ein schwarzer, verfaulter Stumpf noch ... An manch schönem Sommerabend hab ich drunter gesessen im Schatten der frischen Zweige, die über dem murmelnden Wasser hingen. Dort saß ich –« fuhr sie fort, ihre Stimme verschärfend, – »dort hielt ich Euch auf meinem Schöße, Harry Bertram, und sang Euch Lieder von den alten Baronen und den blutigen Kämpfen, die sie geführt haben. Sie wird nie wieder grünen, die alte Esche, und Meg Merrilies nie wieder singen, weder ein frohes Lied noch ein trauriges; aber vergessen werdet Ihr sie nicht; werdet Ihr doch die alten Mauern wieder aufbauen lassen, um ihretwillen! Und laßt jemand hier wohnen, der nicht bös genug ist, die Schatten aus einer andern Welt zu fürchten. Kehren die Toten je wieder unter die Lebendigen, dann soll man mich, wenn diese Gebeine Staub geworden, in diesem Tale hier Nacht für Nacht sehen.«

Während sie dies sprach in einem Tone, der sich wahnsinnig, halb wie wild-pathetisch anhörte, hielt sie den entblühten rechten Arm ausgestreckt, den linken gebogen unter den tiefroten Falten ihres Mantels verborgen ... »Und nun,« fuhr sie fort, jäh wieder in die ihr eigene, abgerissene ernste hastige Redeweise fallend, »zur Arbeit – zu unserer Arbeit!«

Sie nahm den Weg zu dem vorspringenden Berge hin, der den Turm von Derncleugh trug, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und schloß die Tür auf. Innen herrschte bessere Ordnung als sonst ... »Ich hab's anständig eingerichtet,« sagte sie, »und könnt mich wohl hier hinstrecken bis zum Einbruch der Nacht. Zur Totenwache werden ohnehin nur wenige sich einfinden, denn nicht wenige von unseren Leuten werden mir grollen um deswillen, was ich getan und was ich tun will.«

Sie wies nun auf einen Tisch mit kalten Speisen, die besser und sauberer aussahen, als man von Meg sich hätte vermuten lassen ... »Eßt,« sagte sie, »Ihr werdet's brauchen, heute abend.«

Bertram nahm, um die alte Frau nicht zu kränken, ein paar Bissen; Dinmont aber langte wacker zu, denn ihm konnten weder Abenteuer noch Gefahren die Eßlust verderben. Meg reichte zum Schlusse der Mahlzeit jedem ein Glas Schnaps, aber nicht mehr.

»Und Ihr? – nehmt Ihr nicht auch etwas zu Euch?« fragte Dinmont die Alte.

»Ich werde nichts brauchen,« antwortete sie. – »Aber Ihr – Ihr müßt auch Waffen haben. Doch greift nicht vorwitzig dazu! Nehmt gefangen, wen Ihr bekommen könnt, aber schont das Leben! Die Gerechtigkeit will auch ihr Teil haben; und er muß reden, bevor er stirbt.«

»Wen sollen wir fangen, und wer soll reden?« fragte Bertram verblüfft, als sie ihm geladene Pistolen reichte.

Ohne auf seine Frage zu achten, drückte sie auch Dinmont ein großes Taschenpistol in die Hand und holte aus einem Winkel ein paar Knüttel, verdächtigen Aussehens hervor. Hierauf verließen fie zusammen den Turm; Bertram aber nahm den günstigen Augenblick wahr, dem Freunde zuzuraunen: »etwas ist hier nicht begreiflich; wir wollen uns aber vornehmen, von den Waffen nur im äußersten Notfall Gebrauch zu machen. Richtet Euer Verhalten in dieser Hinsicht ganz nach dem meinigen!« Dinmont antwortete mit pfiffigem Blinzeln, Dann ging es weiter über Moor und Brachfeld, der Zigeunerin nach, die sie Zum Warroch-Walde auf dem nämlichen Pfade geleitete, den der unglückliche Ellangowan an jenem Abend geritten war, als Kennedy ermordet wurde, um in Derncleugh sein Kind zu suchen. Endlich kamen sie in das Gehölz, durch dessen Wipfel rauh und kalt der winterliche Seewind pfiff. Meg Merrilies schien sich einen Augenblick auf den Weg besinnen zu müssen. – »Wir können keinen andern Weg wählen,« sagte sie im Weitergehen, schritt aber nicht mehr, wie bisher, geradeaus, sondern im Zickzack und auf Schlangenwegen. Endlich brachte sie die beiden Männer durch das Dickicht auf einen offenen, von Bäumen und Sträuchern wild umwachsenen Platz, der selbst im Winter, trotzdem es an dem Schatten grüner Wipfel fehlte, still und lauschig war, Bertram hatte sich umgesehen, und sein Gesicht hatte sich jäh verfinstert ... »Hier ist's gewesen,« sprach Meg leise vor sich hin – dann sah sie ihn von der Seite an und fuhr fort: »Besinnt Ihr Euch?«

»Ja,« versetzte Bertram, »eine dunkle Erinnerung taucht mir auf« –

»Dort drüben stürzte der Mann vom Pferde,« hob die Zigeunerin wieder an; »ich stand im selben Augenblicke dort hinter dem Hollunderbusche. Er wehrte sich wacker, sehr wacker und schrie oft um Erbarmen; aber er hatte es zu tun mit Menschen, die kein Erbarmen kannten. Nun laßt ihn Euch weiter zeigen, den Weg, den Ihr damals gewandelt seid – getragen hier von diesen Armen.«

Einen langen, fast ganz mit Buschwerk verwachsenen Schlangenpfad ging es nun entlang, und mit einem Male standen sie, ohne daß der Weg merklich bergab geführt hatte, am Meeresstrande. Meg lief an der Felswand hin, an der sich die Flut brandete, bis zu einem großen, freiliegenden Steinblocke. ... »Hier,« sagte sie in leisem kaum hörbarem Tone, »hier wurde sein Leichnam gefunden.«

»Und die Höhle,« ergänzte Bertram im gleichen Tone, »ist dicht in der Nähe. Bringt Ihr uns zu ihr hin?«

»Ja. Faßt Euch beide ein Herz! Kriecht mir hinterher – ich habe das Brennholz so geschichtet, daß Ihr verdeckt steht. Bleibt solange hinter dem Stoße, bis ich rufe: Stunde und Mann sind gekommen! Dann fallt über ihn her, nehmt ihm die Waffen ab und bindet ihn – fest! so fest, bis ihm das Blut zwischen den Nägeln hervorspritzt.«