»Ich will's, wenn's der Mann ist, an den ich denke,« sagte Bertram – »wenn's Jansen ist!«
»Ja, Jansen ist's oder Hatteraick – führt er wohl an die zwanzig Namen!«
»Dinmont, jetzt müßt Ihr Euren Mann mitstellen – denn dieser Kerl ist der wahre Teufel!«
»Zweifelt nicht daran,« antwortete Dinmont leise. »Aber ehe ich der Hexe in ihre Höhle nachkrieche, möchte ich zuvor beten; es wäre doch ein böses Ding, wenn wir in solchem Loche umkommen sollten wie ein Fuchs in seinem Baue. Aber des Teufels will ich sein, wenn ich Euch im Stiche lasse.«
Der Eingang zur Höhle lag jetzt offen. Meg kroch auf Händen und Füßen hinein, Bertram folgte, ihm hinterher Dinmont, nachdem er sich noch einmal bekümmert nach dem Tageslichte umgesehen hatte. Im selben Augenblick aber, als er sich mühsam durch die Oeffnung zwängte, griff eine kräftige Hand nach seinem Beine. Dem kühnen Manne fing das Herz zu schlagen an, und nur mühsam gelang es ihm, einen Schrei zu unterdrücken, der in der wehrlosen Lage, in der sie sich befanden, ihnen allen das Leben hätte kosten können. Er wurde des Schrecks aber Herr und zog. ohne einen Laut von sich zu geben, den Fuß aus der Hand dessen, bei sich so unvermuteterweise an seine Fersen gehängt hatte.
»Seid ruhig,« sprach jetzt eine Stimme hinter ihm, »gut Freund – Charles Hazlewood.«
Meg Meirilies, die den Klang seiner Stimme, so leise er auch sprach, vernommen haben mochte, fuhr erschrocken zusammen. Sie war schon an der Stelle, wo die Höhle sich erweiterte, und fing schon an zu murmeln und zu singen, als ob sie ein horchendes Ohr hätte täuschen wollen, hantierte auch zwischen dem Reisig, das in der Höhle aufgehäuft lag. Da schrie eine Stimme aus dem Innern her: »Teufelsbraten! Was treibst Du da?«
»Ich rücke das Holz zurecht. Der kalte Wind soll nicht Eingang finden.«
»Bringt Ihr mir Schnaps und Kunde von meinen Leuten?«
»Hier habt Ihr die Flasche! Eure Leute sind zerstreut und flüchtig vor den Rotröcken.«
»Schlag der Teufel drein! Diese Küste ist das schlimmste Pech für mich!«
»Vielleicht gibt sie Euch noch bessern Grund zu solcher Rode!«
Während dieses Zwiegespräch geführt wurde, hatten Bertram und Dinmont das Eingangsloch Passiert und sich hinter dem Holzstoße aufgerichtet. Die Höhle wurde von dem Flackerlicht des Kohlenfeuers erhellt, das auf einem Roste, wie ihn die Fischer nachts beim Lachsfange brauchen, aufgeschichtet brannte. Hatteraick warf wohl dann und wann eine Hand voll Späne hinein, aber die Höhle in ihrem ganzen Umfange zu erleuchten, war der Feuerschein viel zu gering. Der Schleichhändler lag auf derjenigen Seite des Rostes, die am weitesten vom Höhleneingange entfernt lag; es war daher leicht möglich, daß er sah, was dort vorging. Die in die Höhle eingedrungenen Männer, deren Zahl sich so unvermutet um einen vermehrt hatte, standen hinter dem aufgehäuften Reisig, und Dinmont hatte soviel Geistesgegenwart gehabt, den jungen Hazlewood mit der Hand solange festzuhalten, bis er Bertram hatte zuflüstern können: »Gut Freund – Hazlewood!«
Die Kohlenglut wurde bald Heller, bald düsterer, je nach der Holzmenge, mit der Hatteraick das Feuer speiste; bald stieg eine schwarze Dampfwolke zur Decke der Hohle auf, bald loderte eine Flamme durch die Rauchsäule, mit einem Male helles Licht verbreitend; bei solch wechselnder Beleuchtung konnten die versteckten drei Männer bald schärfer, bald schwächer die Gestalt des Schmugglers unterscheiden, dessen wilde Züge durch seine finstere Stimmung noch schrecklicher wurden und vortrefflich zu der wilden Szenerie paßten, die die Höhle um ihn her bildete. Die aufrechte Gestalt der Zigeunerin, die langsam um ihn herschritt, bald im hellen Lichtschein der Flamme, bald umhüllt von Dampf, stach kräftig ab gegen den am Boden hingestreckten Hatteraick, der, da er vom vollen Flammenschein getroffen wurde, immerfort sichtbar blieb, während Meg Merrilies wie ein Gespenst erschien und verschwand.
Bertrams Blut fing an zu sieden, als er den Schleichhändler sah. Er hatte ihn als jenen Jansen wiedererkannt, der ihn nach Kennedys Ermordung im Verein mit seinem Steuermann Brown während seiner ganzen Kindheit gräßlich gequält und gemißhandelt hatte. Bertram begriff nun, indem er seine eigenen dunklen Erinnerungen mit Mannerings und Pleydells Erzählungen verwob, daß dieser Mann es hauptsächlich gewesen war, der ihn aus dem Kreise der Seinen und aus der Heimat gerissen hatte. Kaum konnte er noch an sich halten, auf den Verruchten loszustürzen und ihm den Kopf an der Felswand zu zerschmettern. Aber Hatteraick war bis an die Zähne bewaffnet, und daß der Schurke sich verzweifelt wehren würde, stand mit Sicherheit zu erwarten. Zudem wäre es, sagte sich Bertram, weder schicklich noch rühmlich, dem Henker vorzugreifen; dagegen von höchster Wichtigkeit, ihn lebendig zu fangen und seinen Rächern zu überliefern. Er wartete also ab, was weiter zwischen der Zigeunerin und dem Schurken vorgehen würde.
»Und wie ist's geworden mit Euch?« fragte Meg Merrilies mit rauhem Tone; »Hab' ich Euch nicht gesagt, daß es so kommen würde? Ja, und eben in dieser Höhle, wo Ihr Euch verstecktet nach der Tat.«
»Potz Sturm und Wetter, Du Hexe! Geh und bete zu Beelzebub, bis man Dich braucht ... Habt Ihr den Glossin gesehen?«
»Nein! Ihr habt Euch verrechnet – von diesem Versucher habt Ihr Bluthund nichts mehr zu erwarten!«
»Alle Hagel!« schrie der Schurke; »hätt' ich ihn nur bei der Kehle! ... Was soll ich jetzt machen?«
»Sterben wie ein Mann,« antwortete die Zigeunerin, »oder am Galgen verrecken wie ein Hund.«
»Am Galgen, Du Hexe! Der Hanf ist noch nicht gesät zu dem Strick, an dem ich hängen soll.«
»Er ist gesät und ist gewachsen; er ist gehechelt und auch gesponnen, Hatteraick! Hab ich Euch nicht gesagt, als Ihr den kleinen Harry Bertram wegführen wolltet, all meinen Bitten zum Trotze, daß er wiederkehren werde, wenn sein Schicksal erfüllt sei im fremden Lande, wenn er sein einundzwanzigstes Jahr vollendet hätte? Habe ich Euch nicht gesagt, daß das alte Feuer niederbrennen werde bis zum letzten Funken, an ihm aber auflodern werde zum neuen Brande?«
»Ja, Teufelsmutter, gesagt habt Ihr's! Und, alle Hagel! Ich glaube beinahe, Ihr habt wahr geredet. Der Junker von Ellangowan ist mir zeitlebens ein Stein im Wege gewesen; und nun ich durch Glossins Ränke meine Mannschaft eingebüßt und meine Kähne verloren habe – ja, wie ich fürchte, auch mein Schiff, auf dem nicht Mannschaft genug war, es zu bugsieren, geschweige zu verteidigen, nun – alle Hagel! nun darf ich mich in Vlissingen, Gott straf mich! nicht mehr sehen lassen!«
»Das erste kann passieren – das andere braucht Ihr nicht mehr.« sagte Meg Merrilies.
»Was führt Euch her, Weib – und was soll die Rede heißen?«
Meg Merrilies hatte während des Zwiegespräches Flachs auf ein Häufchen geschoben und Branntwein darauf geschüttet – und ehe sie auf Hatteraicks Frage Antwort gab, warf sie nun Brand darauf, daß im Nu eine Flammensäule zur Decke aufloderte – da rief das Weib mit wildgellender Stimme: »Ich bin gekommen, weil Stunde und Mann gekommen sind!«
Auf diese Parole hin sprangen Bertram und Dinmont hinter dem Holzstoß vor und über Hatteraick her. Ihnen auf dem Fuße folgte, aber ohne Kenntnis dessen, um was es sich handelte, Charles Hazlewood. Kaum hatte der Bösewicht erkannt, daß er verraten worden, als seine Rache sich zuerst gegen Meg Merrilies wandte, auf die er sein Pistol abdrückte. Mit wildem Schrei brach sie zusammen ... »Daß es so kommen werde,« ächzte sie, »habe ich gewußt.«
Bertram strauchelte beim Sprunge über den unebenen Boden und stürzte – zum Glück für ihn, denn im andern Augenblicke pfiff Hatteraicks Kugel über ihn hinweg, und so gut gezielt war der Schuß, daß Bertram, wenn er gestanden hätte, unfehlbar ein Kind des Todes gewesen wäre. Bevor er aber den dritten Schuß abgeben konnte, fiel Dinmont über ihn her: aber so groß war die Stärke des rabiaten Bösewichts, daß er den Riesen von Landmann durch den brennenden Flachs riß, – und wenig fehlte, so wäre es ihm geglückt, Dinmont mit einem dritten Schuß niederzustrecken, woran er aber durch Bertram und Hazlewood noch glücklich verhindert wurde, die mit rasender Anstrengung den Schmuggler niederwarfen, entwaffneten und fesselten. Als er inne wurde, daß ihm nichts mehr helfen konnte, lag er regungslos da wie ein Klotz.