»Er hat sich stramm gewehrt,« sagte Dinmont, indem er sich den brennenden Flachs vom Rocke und aus dem halbversengten Haare schüttelte, »und das gefällt mir nicht am schlechtesten von ihm.« »Bleib bei ihm, Dinmont, und bewacht ihn,« sagte Bertram. »Ich will sehen, ob das arme Weib tot ist oder noch lebt.«
Er hob mit Hazlewoods Beistand die Zigeunerin auf ... »Daß es so kommen mußte,« lallte sie, »habe ich gewußt.«
Die Kugel war unter der Kehle in die Brust gedrungen. Bertram erkannte auf der Stelle, daß die Wunde gefährlich war. »Du mein Gott,« rief er, »was sollen wir mit der Aermsten anfangen?«
»Mein Pferd steht oben im Walde angebunden,« sagte Hazlewood: »ich will ein paar Leute herbeiholen, auf die Verlaß ist – halten Sie mittlerweile den Eingang zur Höhle!«
Mit diesen Worten stürmte er hinaus. Bertram verband die Wunde der Zigeunerin, so gut es anging, und postierte sich dann draußen vor der Höhle, während Dinmont den Schleichhändler bewachte. Tiefe Stille herrschte nun, bloß hie und da gestört durch das gedämpfte Wehklagen des verwundeten Weibes und die schweren Atemzüge des gefesselten Schmugglers.
Zwanzigstes Kapitel
Nach dreiviertel Stunden, die Bertram sowohl wie auch Dinmont in ihrer Ungewissen, gefahrvollen Lage wie eine halbe Ewigkeit dünkten, wurde draußen Hazlewoods Stimme laut und im andern Augenblick er selbst sichtbar. Unter den Leuten, die er mitbrachte, war ein Gerichtsfron, der den Weitertransport des durch den jähen Wechsel von Dunkel und Helle schier geblendeten Gefangenen übernahm, während die übrigen sich mit der Zigeunerin befaßten. Als der Fron die Schmuggler aufforderte, sich auf einen Felsblock dicht am Strande nahe der Fluthöhe zu sehen, ergriff es ihn wie ein Schauder, und er schrie: »Alle Hagel! Bloß hier nicht! Bloß hier nicht!«
Seinen Leib- und Magenfluch abgerechnet, waren es nur drei Worte; aber das tiefe Entsetzen, das aus ihnen sprach, ließ deutlich erkennen, was in seinem Innern vorging.
Auch nach einem Wundarzt hatte Hazlewood geschickt und riet, das verwundete Weib bis zur Ankunft desselben nach der nächsten Hütte zu schaffen; aber sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen ... »In den Turm von Dernclengh bringt mich – in den Turm von Derncleugh! Nirgends wo anders als dort kann die Seele frei werden vom Leibe.«
»Es wird am besten sein, ihr den Willen zu tun,« meinte Bertram! »wir müssen sonst befürchten, daß ihr verstörtes Gemüt das Wundfieber verschlimmert.«
Man trug sie auf einer Weidenbahre in den Turm; auf dem Wege dorthin schien sie sich mehr mit den letzten Vorgängen als mit Gedanken an ihren nahen Tod zu beschäftigen ... »Drei Männer waren über ihm,« meinte sie; »und ich hatte doch nur zwei mit hergebracht, Wer war der dritte? Ist er etwa selbst zurückgekehrt, seine Rache zu stillen?«
Offenbar hatte Hazlewoods unerwartetes Erscheinen tiefen Eindruck auf sie gemacht, da sie, auf den Tod verwundet, ihn nicht hatte erkennen können, und sie kam oft auf ihn zurück. Bertram war über das Zusammentreffen mit ihm nicht weniger verwundert, bis Hazlewood ihm erzählte, wie er der Zigeunerin und ihren beiden Begleitern durch Heide, Tal und Wald bis zur Höhe gefolgt und endlich dem Landmanne nachgekrochen sei und ihn in dem dunklen Gange am Beine festgehalten Hab?,
Vor dem Turme angelangt, zog Meg Merrilies den Schlüssel aus der Rocktasche; als man sie aber auf einen Heuhaufen betten wollte, rief sie unruhig: »Nein, nein! so nicht, nicht mit dem Gesicht gen Abend! Zum Morgen hin! Zum Morgen hin!« Sie nahm die Schmerzen, die der Wechsel ihrer Lage verursachte, willig hin und wurde, als sie zur Sonne hin lag, zusehends ruhiger.
Bertram fragte, ob kein Geistlicher in der Nähe sei, der unglücklichen Frau in ihrer letzten Stunde beizustehen. Dem Ortspfarrer, Hazlewoods einstigem Lehrer, war, wie anderen Leuten auch, die Kunde, daß Kennedys Mörder endlich vom Schicksale ereilt und daß ein Zigeunerweib von ihm auf den Tod bei seiner Festnahme verwundet worden sei, Zu Ohren gekommen. Neugierde und Pflichtgefühl hatten seine Schritte zum Turme von Derncleugh gelenkt, und gleichzeitig mit ihm fand sich der von Hazlewood zitierte Wundarzt ein, Meg Merrilies aber wies beide von sich ... »Menschenkunst kann mich nicht heilen noch retten,« lallte sie; »was noch gesagt werden muß, laßt mich sagen; dann sollt Ihr Euern Willen haben. Ich mag Euch nicht hinderlich sein – aber wo ist Harry Bertram?«
Die Umstehenden, denen dieser Name so lange nicht mehr zu Ohren gekommen, sahen einander betroffen an.
»Ja,« wiederholte sie, ihre rauhe Stimme verstärkend: »Harry Bertram von Ellangowan rufe ich ... Tretet mir aus dem Lichte, daß ich ihn sehen kann.«
Aller Blicke richteten sich auf Bertram, der zu dem armseligen Lager trat, Meg Merrilies nahm ihn bei der Hand ... »Seht ihn an,« rief sie, »jeder, der seinen Vater oder Großvater gekannt hat, lege Zeugnis ab, daß er beider leibhaftes Ebenbild ist.«
Die Aehnlichkeit sprang in die Augen, und durch die Reihen der Männer, die das Lager umstanden, lief dumpfes Gemurmel.
»Und nun hört mich,« fuhr die Zigeunerin fort und wies mit der Hand auf den Schmuggler, der in einigem Abstande zwischen, seinen Wächtern saß – »mag Hatteraick leugnen, was ich nun sprechen werde, sofern er's leugnen kann. Der Mann, der dort vor euch steht, ist Harry Bertram, Godfrey Bertrams, weiland Herrn von Ellangowans leibhafter Sohn, der als Knabe durch Dirk Hatteraick im Walde von Warroch geraubt wurde, an dem Tage, da der Zöllner Kennedy durch diesen ermordet wurde. Ich war Zeuge beider Vorgänge, denn mich drängte es, noch einmal den Wald zu sehen, ehe wir die Gegend verließen. Ich rettete dem Knaben das Leben; ich bat und flehte, ihn mir zu lassen. Aber sie beharrten darauf, ihn mitzunehmen, und er ist lange, lange überm Meer gewesen. Nun aber kommt er zurück, sein väterliches Erbe zu fordern. Wer will etwas wider ihn? Ich habe geschworen, sein Geheimnis zu wahren, bis er sein einundzwanzigstes Jahr vollendet habe. Daß er sein Schicksal tragen müsse, bis der Tag gekommen, habe ich gewußt und habe meinen Schwur gehalten. Mir selbst aber habe ich einen andern Schwur getan: daß ich ihn, wenn ich den Tag seiner Rückkehr erlebte, in sein väterliches Erbe wieder einsetzen wolle, sollte auch jeder Schritt über eine Leiche gehen! Auch den Schwur habe ich gehalten. Ein Schritt wird über meine eigene Leiche führen – ein anderer Schritt,« schloß sie, auf Hatteraick weisend – »über jenes Mannes Leiche – und auch ein dritter noch wird sein Leben nach uns lassen müssen.«
Hier schwieg sie. Der Geistliche meinte, es sei bedauerlich, daß ihre Aussage nicht in rechtlicher Form zu Papier gebracht werden könnte; dem Wundarzt erschien es notwendiger, die Wunden der Frau zu untersuchen, statt sie durch ein Verhör zu erschöpfen. Als der Schleichhändler hinausgeführt werden sollte, damit der Wundarzt in seinen Verrichtungen nicht gestört werde, richtete Meg Merrilies sich in die Höhe und richtete die laute Frage an ihn: »Dirk Hatteraick, erst vor Gottes Richterstuhl sehen wir uns wieder. Wollt Ihr bekennen, was ich Euch gesagt?« Der Schmuggler sah sie mit frecher Stirn an; aus seinen Blicken sprach unbeugsamer Trotz.
»Dir! Hatteraick, Blut klebt an Euren Händen, wagt Ihr's, ein Wort von dem zu leugnen, was mein sterbender Mund gesprochen?«
Noch immer sah er sie frech und verstockt an, und noch immer fand sich kein Wort über seine wildarbeitenden Lippen.
»Lebt Wohl denn, und vergeb Euch Gott!« sprach die Zigeunerin, das Wort zum drittenmal an ihn richtend, »Eure Hand hat durch Blut mein Zeugnis besiegelt, Unter Menschen galt ich nie anders denn als wahnsinniges Zigeunerweib, das man auspeitschen, brandmarken, des Landes verweisen lieh – das sich von Haus zu Haus betteln mußte, das von Kirchspiel zu Kirchspiel gehetzt wurde, wie ein verlaufener Köter ... Wer hätte da wohl auf mein Wort gehört? Jetzt aber bin ich Mensch wie sie, denn ich liege im Sterben; jetzt werden meine Worte nicht tot auf die Erde fallen, die bald mein Blut tränken wird.«