Sie hielt inne. Alle verließen die Höhle, bis auf den Wundarzt und zwei bis drei Frauen. Seine Untersuchung währte nur kurze Zeit. Er gab alle Hoffnung auf und räumte seinen Platz dem Geistlichen.
Der Gerichtsfron hielt, um Hatteraick wegzuführen, einen Wagen an, der leer nach Kippletringan unterwegs war. Als der Kutscher horte, was in Derneleugh vorgegangen, übergab er einem Burschen seine beiden Pferde und rannte zum Turme hin und drängte sich durch das Landvolk, das sich inzwischen angesammelt hatte, den wiedergefundenen Sohn des verstorbenen Grundherrn zu sehen. Kaum hatte er den Blick auf Bertram geworfen, so rief er feierlich: »Fürwahr! das ist Ellangowan, vom Tode auferstanden!«
Diese spontane Erklärung eines einwandfreien Zeugen setzte, wie ein Funke, die Gemüter der vor der Hohle gruppierten Menschen in Flammen. »Hoch Bertram,« erklang es von allen Seiten – »lang lebe Ellangowan! Möge Gott ihn in sein Erbe einsetzen, daß er uns ein gütiger Herr sei, wie es all seine Vorfahren waren!«
»Hört ihr's? Hort ihr's?« rief, aus der die nahe Auflösung kündenden Betäubung wild emporfahrend, die Zigeunerin, der der Geistliche vergeblich Gebete vorsagte – »hört ihr's? Alle kennen ihn wieder, – O, nur so lange hat mein Leben reichen sollen – ich bin ein sündiges Weib ... was aber mein Fluch über ihn brachte, das hat mein Segen von ihm wieder genommen. O, daß mir noch andere Worte vergönnt gewesen wären! Doch kann's nicht sein und soll's nicht sein. – Aber halt!« fuhr sie fort, ihr Gesicht zu dem Lichtschimmer hin wendend, der durch die enge Mauerspalte fieclass="underline" »Steht er nicht dort? Geht mir aus dem Wege, daß ich ihn noch einmal sehe . ... Ueber meine Augen legt sich die Finsternis« – starr schaute sie in das Dämmerlicht – dann sank sie zurück, und nur undeutliches Lallen fand noch den Weg über ihre Lippen. – »Alles ist aus! Alles!« schien sie sagen zu wollen –
»Odem muß gehn,
Tod, laß Dich sehn!«
Mit diesem letzten Wunsche verschied sie ohne einen Seufzer, Pfarrer und Wundarzt brachten die Aussage der Frau zu Papier, in der festen Ueberzeugung von ihrer Wahrhaftigkeit, doch mit dem Bedauern, daß man sie nicht schärfer verhört hatte.
Hazlewood war der erste, der dem Erben von Ellangowan zu der erfreulichen Aussicht gratulierte, die sich ihm eröffnete. Der Kutscher erzählte nun von dem Renkontre, das der junge Laird mit Bertram gehabt, und von dem unglücklichen Zufall mit dem Schusse, und nun gedachten die Anwesenden auch Hazlewoods mit ehrenden Zurufen.
Hatteraicks starrer Sinn schien während der letzten Auftritte doch zu weichen. Wenigstens ließ sich wahrnehmen, daß er die Augen niederschlug und mit den gefesselten Händen den Hut tiefer ins Gesicht hineinzuziehen suchte, ja sogar unruhig nach der Straße hinblickte, als ob er sich vor dem Wagen gefürchtet hätte, der ihn wegführen sollte. Hazlewood bangte es davor, daß sich die Volkswut gegen den Gefangenen richten möchte; er ließ ihn nun nach Kippletringan abführen, während er Mae Morlan durch einen besonderen Boten von den Vorgängen des Tages unterrichten ließ ... »Es würde mir recht lieb sein,« sagte er schließlich zu Bertram, »wenn Sie mich nach Hause begleiteten. – Da ich aber wohl annehmen darf, daß es Ihnen heute weniger recht sein möchte als hoffentlich in ein paar Tagen, so bleibt mir nur übrig, Sie nach Woodbourne zu begleiten. Aber Sie sind nicht beritten –«
Ein halbes Dutzend Stimmen auf einmal wurden unter den Landleuten laut, um dem jungen Laird ein Pferd anzubieten, und einer suchte dem andern die Gunst streitig Zu machen. Während das Pferd, zu dem sich Bertram entschlossen hatte, weil es von ihm hieß, es laufe fünf Meilen in einer Stunde, ohne daß man ihm die Peitsche oder den Sporn zu geben brauche, gesattelt und gezäumt wurde, begab sich Bertram mit dem Geistlichen in den Turm. Dort heftete er minutenlang schweigend den Blick auf den Leichnam. Der Tod hatte die Züge der Zigeunerin noch verschärft: noch immer aber verrieten sie den ernsten, kräftigen Geist, durch den sie die rohe Horde beherrscht hatte, unter der sie gelebt hatte, – Dann bat er den Geistlichen, für ein anständiges Begräbnis zu sorgen, mit dem Bemerken, daß er noch Geld in Händen hätte, das der Verstorbenen gehöre, und daß er also für die Kosten unter allen Umständen eintrete.
Jetzt rief Dinmont, der von einem Bekannten ein Pferd geliehen, daß alles bereit sei. Bertram und Hazlewood legten dem auf etliche hundert Köpfe angewachsenen Landvolk ans Herz, durch unbedachtsamen Eifer dem jungen Laird, wie sie ihn nannten, nicht etwa zum Schaden zu sein, und verabschiedeten sich dann herzlich von der ihnen von neuem zujubelnden Menge.
Ein schneller Ritt brachte sie nach Woodbourne, wohin die große Neuigkeit ihnen vorausgeeilt war, und von allen Insassen der Gutsherrschaft wurde Bertram mit Heilrufen bewillkommt.. »Den treuen Freunden hier,« sprach er zu der ihm zuerst von allen zufliegenden Schwester, »hast Du es zu danken, daß Du mich wiedersiehst.« Während Julie Manning einen Blick von ihm zu erhaschen suchte, dankte Lucy unter holdem Erröten dem Geliebten durch ein Nicken, und dem wackern Dinmont durch einen Händedruck. Dinmont nahm sich im Uebermaß seiner Freude die Freiheit, dem Mädchen durch einen Kuß seinen Tank abzustatten, wich aber im andern Augenblick wie ein betrippter Pudel ein halbes Dutzend Schritte zurück und stotterte, schier außer sich vor Schreck: »Um Jesu Christi willen, liebes Fräulein, nehmen Sie es mir nicht übel! Hab ich doch, weiß Gott im Himmel, gedacht, eins von meinen Kindern vor mir zu haben. Ueber der Liebe und Leutseligkeit unsers Rittmeisters lernt man wahrhaftig vergessen, wer man ist.«
»Oho! wenn hier mit solcher Münze die Sporteln bezahlt werden –« rief der Anwalt, der gerade hinzutrat, mit lustigem Lachen.
»Gemach, gemach, Herr Pleydell,« fiel ihm Julie ins Wort, »Sie haben sich für Ihre Gebühren den üblichen Vorschuß zahlen lassen – Sie wissen doch – gestern abend?«
»Zu einem einmaligen Vorschuß bekenne ich mich,« erwiderte der alte Herr, »aber ich werde doppelte Gebühren zu kassieren haben, von Ihnen und von Fräulein Lucy, wenn ich morgen Hatteraick verhört habe – und kirre will ich den Patron schon machen! Darum keine Sorge! Sie sollen's erleben, Oberst, und die spröden jungen Damen auch – zum wenigsten hören sollen's die beiden, wenn sie's nicht sehen mögen.«
»Vorausgesetzt, daß wir es hören wollen,« bemerkte Julie.
»Wollen wir wetten, daß Ihnen die Neugierde schon Lust machen wird, einen kleinen Appell an Ihre Ohren zu richten?« fragte neckisch der Anwalt.
»Im Verkehr mit so naschhaften Herren, wie Ihnen, wird es nichts schaden, sich ein bißchen Fingerfertigkeit anzueignen,« meinte Julie mit Lachen.
»Die ist am besten Platze am Klavier, mein schönes Fräulein,« erwiderte Pleydell, scherzhaft die Hand gegen sie schwenkend – »dort schadet sie zum wenigsten nicht.«
Die Tür ging auf, und Oberst Mannering führte Mac Morlan, den Untersheriff, herein, um ihn seinem Gaste vorzustellen.
»Sie haben meiner Schwester Ihr Haus geöffnet,« rief Bertram bewegt und schloß ihn in die Arme, »als sie sich von Verwandten und Freunden verlassen sah.«
Da aber drängte sich Sampson vor, versuchte zu lachen, brachte es aber nur zu einer Art von Geknurr, versuchte zu Pfeifen, was ihm aber noch weniger gelang, und rannte schließlich hinaus, um sich unbehelligt von andern auszuweinen.
Einundzwanzigstes Kapitel
Am andern Morgen war alles auf den Beinen nach Kippletringan, dem Verhöre des Schleichhändlers beizuwohnen. Anwalt Pleydell wurde zufolge seiner Vertrautheit mit dem Falle, nicht minder auch wegen seiner hervorragenden juristischen Tüchtigkeit und Kenntnisse, mit dem Vorsitz bei der Verhandlung betraut. Bevor er sie eröffnete, ließ er noch einmal die Zeugen vortreten und brachte nach ihrem Verhör die vom Pfarrer und Wundarzt zu Papier gebrachten letztwilligen Aussagen der Zigeunerin Meg Merrilies zur Verlesung. Dieselbe hatte, wie beide Amtsträger bestimmt behaupteten, sich als Augenzeugin von Kennedys Ermordung bekannt und Hatteraick und zwei andere Schleichhändler des Mordes beziehentlich der Teilnahme bezichtigt: ihren Neffen Gabriel, mit Vatersnamen Faa, und einen, über den sie weiteres auszusagen durch ihre Schwäche verhindert worden war.