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»Herr Pleydell,« versetzte Glossin, schnell gefaßt, »wären Sie im vorliegenden Falle mein Anwalt, so dürften Sie mir vermutlich den guten Rat geben, auf eine Anschuldigung, die ein gemeines Subjekt durch einen Meineid erhärten zu wollen scheint, nicht ohne weiteres zu reagieren.«

»Mein Rat würde sich nach der Ansicht richten, die ich mir über Ihre Schuld oder Nichtschuld gebildet habe. Im vorliegenden Falle dürfte es wohl jedem als das geratenste erscheinen, Sie in Haft zu nehmen!«

»In Haft!« wiederholte Glossin, »und auf welchen Verdacht hin? Doch nicht am Ende gar als Mordes verdächtig?«

»Nein, Glossin,« versetzte Pleydell, »aber verdächtig als Anstifter von Kinderraub!«

»Das läßt Haftentlassung gegen Sicherstellung zu,« meinte Glossin.

»Bitte recht sehr,« versetzte Pleydell, »Kinderraub ist ein plagium – ein Kapitalverbrechen – und bedingt strenge Haft.«

Er gab dem nächsten Fron einen Wink, worauf Glossin abgeführt wurde. Nun wurde zum Verhöre des Zigeuners Gabriel Faa geschritten, der von dem Schiffe, auf dem er deportiert werden sollte, entwichen war und sich an dem verhängnisvollen Tage unter den Schleichhändlern befunden hatte. Nach seiner Aussage hatte Hatteraick Feuer im Schiffe angelegt, als es zu sinken drohte, und war unter Wahrnehmung der dadurch entstandenen Verwirrung mit seiner Mannschaft und allem rettbaren Gute entflohen ... In der Höhle hatten sie Zuflucht gesucht. Hatteraick, Vanbeest Brown und drei andere, darunter Gabriel, hatten sich zur Beratung mit ein paar Bekannten aus der Gegend in den nahen Wald begeben. Hier waren sie unvermutet auf Kennedy gestoßen, den Hatteraick und Brown als den Urheber des über sie hereingebrochenen Mißgeschicks zu ermorden beschlossen. Nach Vollbringung der blutigen Tat waren sie alle auf verschiedenen Wegen nach der Höhle zurückgekehrt. Hatteraick hatte dort erzählt. wie er dem Ermordeten einen Felsblock nachgestürzt hätte; da war Glossin unter ihnen erschienen und ließ sich sein Stillschweigen teuer bezahlen. Ueber Vertrams Schicksal konnte Gabriel bis Zu seiner Verschiffung nach Indien Auskunft geben. Von da ab hatte er ihn jedoch aus dem Gesichte verloren und ihn erst im Liddes-Tale wiedergesehen. Er hatte es sogleich seiner Muhme, der Meg Merrilies, erzählt, daß er Bertram gesehen, sie hatte ihm aber streng verboten, hiervon Hatteraick Mitteilung zu machen, der Zur selben Zeit an der schottischen Küste gelandet war; kurz nachher hatte Meg Merrilies erklärt, dem jungen Ellangowan zu seinem Rechte helfen zu wollen, selbst wenn sie Dirk Hatteraick dadurch bloßstellen müsse. Auf ihr Geheiß sei Bertram bei dem Sturm auf das Zollhaus durch ihn befreit worden. Zuletzt berichtete der Zigeuner, die Meg Merrilies hätte immer gefügt, Bertram trüge etwas um den Hals, das über seine Herkunft klaren Ausweis gebe, einen Talisman, den ein Oxforder Studiosus für ihn gemacht habe, und den er wohl noch bei sich tragen werde, wenigstens hätte sie den Schleichhändlern vorgeredet, daß das Schiff dem Untergange geweiht wäre, wenn dem Kinde der Talisman genommen würde.

Bertram brachte ein kleines Beutelchen von Sammet zum Vorschein, das er, wie er sagte, seit seiner Kindheit um den Hals getragen und anfangs aus Aberglauben, späterhin aber in der Hoffnung, daß es ihm einmal zur Ermittlung seiner Herkunft dienen werde, aufbewahrt habe; und als das Beutelchen nun geöffnet wurde, fand sich darinnen in einer blauseidenen Hülle das Horoskop, das Mannering sofort wiedererkannte. Nun erzählte er, wie er bei dem ersten Besuche, den er in Ellangowan abgestattet hatte, dazu gekommen war, den Sterndeuter zu spielen.

Aus Rücksicht auf seinen Stand und Bildungsgrad war unterlassen worden, Glossin Fesseln anzulegen. Mac Guffog, der nach der Zerstörung des Zuchthauses in Portanferry nach Kippletringan versetzt wurden war, wies ihm eine der besseren Zellen an. Als er dort allein mit sich war und seine Lage überdachte, konnte er sich nicht verhehlen, daß es um seine Sache höchst gefährlich stand, und sobald Mac Guffog wieder in seine Zelle trat, sprach er ihm die Bitte aus, ihm zu einer Zusammenkunft mit Hatteraick zu verhelfen, Mae Guffog sprach von ausdrücklichem Befehle, die beiden Arrestanten in strenger Sonderhaft zu halten, aber ein paar Goldstücke schafften seine Bedenken aus dem Wege, und er erklärte sich bereit, Glossin zur Schließzeit in Hatteraicks Kerker einzulassen, wo er aber dann bis zum Tagesanbruch aushalten müßte. Um zehn Uhr fand sich Mac Guffog auch mit einer kleinen Blendlaterne ein. Glossin mußte die Schuhe ausziehen; dann ging es, nachdem Mac Guffog die Zellentür mit recht viel Lärm zugeschlagen und geschlossen hatte, eine steile Treppe hinauf zur Armensünderzelle. Hier hinein schob ihn Mac Guffog, um die Tür wiederum geräuschvoll hinter ihm zu schließen.

In dem finstern Raume, beim matten Schimmer seiner Laterne, sah Glossin zuerst so gut wie nichts, bis er den Blick auf die Pritsche richtete, auf der Dirk Hatteraick lag. Er rief ihn an, und der Delinquent fuhr empor, mit seinen Ketten rasselnd ... »Alle Hagel!« schrie er; »wird mein Traum denn wahr? Hinweg, hinweg! Laßt mich allein! Es ist am besten für Euch!«

»Aber, alter Freund,« sagte Glossin, »macht Euch die Aussicht auf eine kurze Haft denn völlig mürbe?«

»Ja, denn mich macht bloß ein Strick noch frei! Hinweg, sage ich – und bringt mir das Licht aus dem Gesichte!«

»Aber, Dirk, seid doch ohne Furcht! Mir ist ein feiner Plan eingefallen, alles wieder ins Lot zu bringen.«

»Hol Euch der Teufel mit samt Euren Plänen! Ihr habt mich um Schiff, Ladung und Leben gebracht – und eben hat mir geträumt, Meg Merrilies schleppte Euch bei den Haaren herbei und reichte mir ein langes Messer – seid gescheit und versetzt mich nicht in Versuchung!«

»Hatteraick, steht auf und laßt uns zusammen reden!«

»Ich mag nicht. Ihr seid an all meinem Unglück schuld. Ihr wolltet der Meg den Jungen nicht lassen. Sie hätte ihn wiedergebracht, wenn er alles vergessen hätte.«

»Hatteraick, Ihr faselt ja!«

»Ha! und Portanferry? hat uns der Streich dort nicht alles gekostet? habt Ihr mich dazu angestiftet aus andrer Ursache als Eurem Vorteil?«

»Aber Euer Hab und Gut –«

»Der Teufel soll's fressen! Wir hätten was andres gewinnen können. Aber Schiff und Mannschaft zu verlieren und sein eignes Leben gefährdet zu sehen um eines elenden Schuftes willen, der immer mit andrer Leute Händen seine Tasche füllt und sich weißbrennt – kein Wort mehr, sage ich – Ihr habt's mit einem Kerl zu tun, der –«

»Bloß ein Wort, ein einziges, Hatteraick!«

»Alle Hagel! Kein Wort mehrt! Keine Silbe mehr!«

»So steht wenigstens auf, Ihr Dickhäuter!« rief Glossin, die Fassung verlierend, und stieß den Schmuggler mit dem Fuße, der rasend vor Wut aufsprang und ihn mit den Ketten umschlang – »wenn Ihr's nun einmal nicht besser haben wollt!«

Es kam zu einem wilden Ringen, in welchem Glossin schließlich unterlag und mit dem Genick auf das eiserne Geländer schlug. Die Zelle unter der Armsünderzelle war nun leer – es war Glossins Zelle – aber die Insassen der Nachbarzellen hatten den schweren Fall und dann Stöhnen vernommen ... doch gewöhnt an dergleichen Schreckenstöne, machten sie keinerlei Lärm.

Früh bei Tagesanbruch kam Mac Guffog herein und rief leise Glossin bei Namen.

»Lauter!« versetzte Hatteraick höhnisch, »lauter!«

»So kommt doch bloß heraus, Glossin!«

»Ohne Eure Hilfe wird's kaum gehen,« sagte Hatteraick wieder.

»Was sind das für Reden, Mac Guffog?« rief der Inspektor von unten her.

Nochmals mahnte Mac Guffog zur Eile, aber schon kam der Inspektor mit Licht. Mit Entsetzen sah nun Mac Guffog Glossins Leiche an dem Geländer hängen, der Hals war ihr umgedreht; und nicht weit von ihr lag Dirk Hatteraick auf seiner Streu. Neben der Leiche stand die kleine Laterne mit eingeschlagenen Scheiben.