Der Frager ließ sich aber durch diesen gelehrten Titel nicht abschrecken und stellte mehrere Fragen, welche bewiesen, daß er von einer guten Erziehung auf gute Weise Gebrauch zu machen wußte, und, obwohl über Antiquitäten nicht genau unterrichtet, doch von den Klassikern Kenntnis genug besaß, um einen verständigen und teilnehmenden Zuhörer abzugeben, wenn sie sich weiter über dieses Thema verbreiteten.
Der ältere Reisende sah mit Vergnügen, daß sein zeitweiliger Gefährte fähig war, ihn zu verstehen und ihm zu antworten, und tauchte nun kopfüber in eine See von Erörterungen über Urnen, Vasen, Votiv-Altäre, römische Lager und die Regeln des Lageraufbaues.
Das Vergnügen an diesem Gespräche hatte eine so lindernde Wirkung, daß trotz zweier Anlässe zum Aufenthalt, die beide von bedenklicherer Dauer waren, als eine Verspätung, die seinen Zorn auf die unglückliche Frau Macleuchar heraufbeschworen hatte, unser Antiquar den Versäumnissen nur ein paar eingestreute Puhs und Pahs widmete, die mehr der Unterbrechung seiner Auseinandersetzung als der Verzögerung seiner Reise zu gelten schienen.
Der erste Aufenthalt hatte seine Ursache darin, daß eine Feder sprang, die nach halbstündiger Arbeit mit knapper Not ausgebessert war. Zu dem zweiten hatte der Antiquar selber mit den Anlaß gegeben, wenn er nicht gar allein daran schuld war, denn als er bemerkte, daß eines der Pferde ein Hufeisen an den Vorderfüßen verloren hatte, machte er den Postillon auf diesen schwerwiegenden Verlust aufmerksam.
»Der Hufbeschlag ist laut Kontrakt an Jamie Martingale übertragen,« antwortete der Schwager, »und ich bin nicht befugt, Aufenthalt zu nehmen oder auf irgendwelche Vorstellungen über derartige Vorfälle zu hören.«
»Wenn Sie nicht auf der Stelle anhalten und das arme Vieh zum nächsten Schmied bringen, so sorge ich dafür, daß Sie bestraft werden, sofern es noch ein Friedensgericht in Midlothian gibt.«
Und er öffnete die Kutschentür und sprang heraus, während der Postillon sein Geheiß befolgte und vor sich hinmurmelte, wenn der Herr nun die Flut versäumte, so ließe sich nichts anderes sagen, als daß es seine eigene Schuld sei, denn er, der Postillon, habe den besten Willen gehabt, schnell vorwärts zu kommen.
Ich habe so wenig Lust, den Wirrwarr von Ursachen zu analysieren, aus dem Handlungen fließen, daß ich mich nicht darauf einlasse, festzustellen, ob die Teilnahme unseres Antiquars mit dem armen Pferde nicht in gewissem Grade von seinem Verlangen unterstützt war, seinem Reisegefährten ein Piktenlager zu zeigen, ein in Kreisform angelegtes Lager – ein Gegenstand, über den er sehr ausführlich gesprochen hatte – und ein Exemplar dieser Gattung, das sehr merkwürdig und wirklich ganz vollkommen war, befand sich zufällig in unmittelbarer Nähe des Ortes, wo die Unterbrechung stattfand.
So viel Zeit ging über diesen Unterbrechungen ihrer Reise verloren, daß bei ihrer Ankunft an dem »Hügel über den Hawes« (so heißt der Gasthof an der Südseite von Queensferry) das kundige Auge des Antiquars an der weiten Strecke weißen Sandes und der großen Zahl schwarzer von Seetang bedeckter Steine und Klippen, die entlang dem Ufersaume zu sehen waren, auf den ersten Blick erkannte, daß die Stunde der Flut vorüber sei.
Der junge Reisende erwartete einen Ausbruch der Entrüstung, aber ob unser Held sich durch seine Klagen schon im voraus mit seinem Mißgeschick abgefunden hatte, so daß er es nicht mehr empfand, als es in der Tat eintraf, oder ob ihn die Gesellschaft, die er gefunden hatte, zu kongenial anmutete, als daß es ihm um irgendwelchen Aufschub seiner Reise hätte leid sein sollen, jedesfalls gab er sich mit großer Seelenruhe in sein Schicksal.
»Der Teufel steckt, in dem Omnibus und in der alten Hexe, der er gehört. – Omnibus sag ich? Die reine Schneckenpost ist es! Aber einerlei! Die Flut und die Zeit halten sich eines Menschen wegen nicht auf, und so wollen wir, mein junger Freund, einen Plausch veranstalten hier im Hawes-Gasthof – es ist ein sehr anständiges Lokal, und es wird mir große Freude machen, den Bericht zu vollenden, den ich Ihnen gegeben habe über den Unterschied zwischen der Methode der castra stativa und der Methode der castra aestiva – zwei Begriffe, die von zu vielen unserer Geschichtsschreiber durcheinander geworfen werden. Wenn sie sich bloß die Mühe genommen hätten, sich durch eigenen Augenschein zu überzeugen, statt einer es dem andern blind nachzuschreiben! – Na, im Hawes-Gasthofe werden wir sehr gut aufgehoben sein, und irgendwo müssen wir ja schließlich doch etwas essen, und es wird angenehmer sein, die Überfahrt mit der Ebbe und bei der Abendbrise zu machen.«
In dieser durchaus christlichen Stimmung, allen Zwischenfällen die beste Seite abzugewinnen, stiegen unsere Reisenden im Hawes-Gasthofe ab.
Zweites Kapitel
Als der ältere Reisende die wackeligen Stufen des Omnibusses am Gasthofe hinabkletterte, wurde er begrüßt von dem fetten, schwammigen, pustenden Wirt mit jener Mischung von Respekt und Vertraulichkeit, mit der die schottischen Wirte von der Alten Schule ihre besseren Kunden zu empfangen pflegen.
»Ei du meine Güte, Monkbarns,« sagte er, indem er ihm den Namen seiner Besitzung beilegte, der stets dem Ohre eines schottischen Grundbesitzers am angenehmsten klingt, »Sie sinds? Ich hätte nicht gedacht, Euer Ehren noch vor dem Ablauf der Sommer-Gerichtsperiode zu sehen!«
»Sie verflickster alter Teufelskerl,« antwortete sein Gast, bei dem in der Erregung der schottische Akzent vorherrschte, »Sie verflickster alter verkrüppelter Idiot, was hab ich zu schaffen mit der Gerichtsperiode oder mit den Gänsen, die dahin gehen, oder mit den Geiern, von denen sie sich rupfen lassen?«
»Wahr freilich und richtig!« sagte unser Wirt. »Das ist sehr wahr, aber ich dachte, Sie hätten vielleicht eine eigene Gerichtssache zu vertreten gehabt – ich selber habe eine – ein Bandwurm von einem Prozeß, den mein Vater mir hinterlassen hat und den er schon von seinem Vater hinterlassen bekommen hat. Wegen unserm Hinterhofe ist es – vielleicht haben Sie von der Geschichte schon gehört im Parlamentshause – Sachen Hutchinson contra Mackitchinson – das ist ein weit und breit bekannter Prozeß – viermal ist schon Termin gewesen, und die Gescheitesten haben einen Teufelsquark was draus machen können, und allemal ist die Sache wieder vertagt worden. Es ist doch was Schönes, wenn man so mitansieht, wie lange und wie sorgfältig in diesem Lande die Gerechtigkeit erwogen wird.«
»Halten Sie doch den Mund, Sie Schafskopf,« sagte der Reisende, aber in breiter Gutmütigkeit, »sagen Sie uns lieber, was Sie diesem jungen Herrn und mir zum Mittag vorsetzen können.«
»O, da wäre zuvörderst Fisch, jawohl ja – Schellfisch und Lachsforellen,« sagte Mackitchinson, indem er sein Serviertuch in den Händen drehte, »auch ne Hammelkeule können Sie haben, und Törtchen von Kranichbeeren sind da – äußerst delikat – und überhaupt es ist alles da, was Sie nur haben möchten.«
»Das heißt so viel, wie sonst ist weiter nichts da. Schon gut, schon gut, Fisch, Keule und Törtchen genügen vollständig. Aber machen Sie nicht den umsichtigen Zeitaufwand nach, den Sie vom Gerichtshof so loben, verstehen Sie!« »Nein, nein,« sagte Mackitchinson, der ganze Bände von Gerichtszeitungen gelesen hatte und daher einige Gerichtsausdrücke kannte, »das Essen soll quam primum serviert werden und zwar peremptorie...«
Und mit dem einschmeichelnden Lachen eines Wirtes, der etwas verspricht, ließ er sie in seiner mit frischem Sand bestreuten Gaststube allein.