Hinter dem Stuhle des Herrn Oldbuck – einem alten mit Leder bezogenen Sorgenstuhl, der von beständigem Gebrauch ganz glatt abgerieben war – stand ein riesiger eichener Schrank, der an jeder Ecke mit Cherubsköpfen verziert war mit ausgebreiteten kleinen Entenflügeln und mächtigen Pausbacken. Oben, auf diesem Schranke standen Büsten, römische Lampen und Opferschalen, dazwischen auch ein paar Bronzefiguren.
Die Wände des Gemaches waren zum Teil bekleidet mit alter düsterer Tapete, auf der die denkwürdige alte Geschichte von Sir Gawaines Hochzeit dargestellt war, der übrige Teil war mit schwarzem Eichengetäfel versehen, woran zwei bis drei Bildnisse in Rüstung hingen – Gestalten aus der schottischen Geschichte, Lieblinge des Herrn Oldbuck – und ebenso viele in Perücken und Spitzenröcken, glotzäugige Porträte von Herrn Oldbucks Ahnen.
Ein großer altmodischer Eichentisch war bedeckt mit einer Unmasse von Papieren, Pergamenten, Büchern und allerlei unbeschreiblichem Tand und Krimskrams, die trotz all ihrem Rost und offenkundigem Alter nach nichts besonderem aussahen. Inmitten dieses Wirrwarrs von antiken Büchern und Gegenständen, mit einer Würde wie Marius unter den Ruinen von Karthago, saß eine große schwarze Katze, die ein abergläubisches Auge für den genius loci, den Schutzgeist des Gemaches hätte halten können. Der Boden wie der Tisch und die Stühle waren ebenfalls überflutet von dem marc magnum kunterbunten Plunders, und es wäre wohl ebenso schwer gewesen, einen bestimmten Gegenstand, den man gerade haben, wollte, darin herauszufinden, wie ihn, wenn man ihn gefunden hätte, zu irgend etwas zu gebrauchen.
Inmitten dieses Gerümpels war es nicht leicht, den Weg zu einem Stuhle zu finden, ohne über einen hingeworfenen Folioband zu stolpern oder – was ein noch unangenehmeres Pech gewesen wäre – ein Stück römischer oder englischer Keramik umzustoßen. Und wenn man, glücklich den Stuhl erreicht hatte, so mußten erst Stiche, die leicht beschädigt werden konnten, und antike Sporen und Schnallen, die ihrerseits sicherlich jeden beschädigt hätten, der sich unversehens hätte daraufsetzen wollen, mit behutsamer Hand davon heruntergenommen werden.
Endlich hatte Lovel glücklich Platz gefunden und stellte nun allerlei Fragen nach den seltsamen Dingen um ihn her, die sein, Wirt, so weit wie möglich, bereitwillig beantwortete. So führte er ihm einen großen Kolben oder Prügel vor, mit einer eisernen Spitze am Ende, der allem Anschein nach vor kurzem auf einem Felde neben einem alten Friedhofe im Gute Monkbarns gefunden worden war. Das Ding sah ganz aus wie einer jener Stöcke, die die hochländischen Schnitter auf ihren jährlichen Wanderungen von den Bergen herab tragen, aber Herr Oldbuck neigte entschieden zu dem Glauben, daß es seiner eigentümlichen Form nach einer jener Prügel sein müsse, mit denen die Mönche in Ermangelung andern kriegerischen Gewehrs ihre Bauern bewaffneten, woher auch die Schurken die Bezeichnung Colve-carles oder Kolb-kerls, das heiße Clavigeri oder Keulenträger führten. Daß es mit diesem Brauche seine Richtigkeit habe, sei zu ersehen aus der Chronik von Antwerpen und der von St. Martin, und diesen Autoritäten hatte Lovel nichts, entgegenzusetzen, da er bis auf diesen Augenblick noch nie von ihnen gehört hatte.
Herr Oldbuck zeigte zunächst Daumschrauben, unter denen den Covenanters in der guten alten Zeit die Gelenke geknackt hätten, und ein Halseisen mit dem Namen eines wegen Diebstahl verurteilten Kerls. Mannigfach und zahlreich waren die anderen Raritäten, die er zeigte. Am meisten aber war er auf seine Bücher stolz.
Die Sammlung war in der Tat merkwürdig und hätte Wohl den Neid eines Bibliophilen erregen können. Doch war sie nicht zu den enormen Preisen der Neuzeit gesammelt worden, die sicherlich selbst den passioniertesten wie frühesten Bücherfex, von dem die Geschichte weiß, zurückgeschreckt hätten, und für diesen erklären wir keinen geringern als den berühmten Don Quixote de la Mancha, denn abgesehen von anderen unwesentlichen Andeutungen aus nicht ganz zuverlässigen Quellen berichtet sein wahrheitsgetreuer Biograph, Cid Hamet Benengeli, von ihm, daß er Felder und Farmen gegen Folio- und Quartbände der ritterlichen Literatur eingetauscht hätte.
In dieser Abart der Bodenverwertung haben diesem guten irrenden Ritter Lords, Ritter und Adelige unserer Zeit nachgeahmt, wenngleich wir noch von keinem weiter gehört haben, der ein Wirtshaus für ein Schloß angesehen oder die Lanze gegen eine Windmühle gefällt hätte. Herr Oldbuck hatte es diesen Sammlern in ihren verschwenderischen Ausgaben nicht nachgetan, aber es hatte ihm Vergnügen gemacht, die Zusammenstellung seiner Bibliothek persönlich zu besorgen, und wenn es ihn auch mehr Zeit und Mühe gekostet hatte, so war er doch billiger dazu gekommen.
»Ich kann Ihnen, Herr,« sagte er, »ein paar Sachen zeigen, die ich zusammengetragen habe – nicht durch Geldaufwand, denn das kann jeder reiche Mann – sondern in einer Art und Weise, die zeigt, daß ich was von der Sache verstehe. Sehen Sie dieses Pack von Balladen – keine davon stammt aus einer jüngeren Zeit als 1700 und einige sind sogar noch hundert Jahre älter. Das habe ich einer alten Frau abgezwiebelt, die es höher gehalten hatte, als ihr Gesangbuch. Tabak, Herr, Schnupftabak hab ich dafür gegeben. Für diese verstümmelte Abschrift der Complaint of Scottland habe ich dem letzten gelehrten Besitzer zwei Dutzend Flaschen starken Biers spendiert, und aus Dankbarkeit hat er es in seinem Testament mir vermacht. Diese kleinen Elzeviers sind die Souvenirs und Trophäen manches abendlichen und morgendlichen Weges durch Cowgate, Canongate, Bow und St. Mary's Wynd – und wo nur immer Trödler- und Althändlerbuden, zu finden waren. Wie oft hab ich gestanden und gefeilscht um einen halben Penny und nicht gleich ohne weiteres die erste Forderung des Krämers bewilligt, damit er nicht Verdacht wittern sollte, wie großen Wert ich dem Dinge beilegte und wie viel mir daran gelegen sei! Und dann die heimliche Freude, Herr Lovel, mit der man den Betrag zahlt und das Ding einsteckt – kalte Gleichgültigkeit heuchelt man, während die Hand vor Wonne zittert! – Und dann die Augen unserer reicheren und neidischen Konkurrenten zu blenden, indem man ihnen einen Schatz wie diesen zeigt (und er wies ihm ein kleines schwarz geräuchertes Büchlein von ganz winziger Form) – sich an ihrem Erstaunen und ihrer Begehrlichkeit zu werden – dies, mein junger Freund, sind die lichten Augenblicke im Leben, die Mühe und Schererei und beharrlichen Fleiß uns vergelten, denn ohnedem wird in unserm Fache vor allen andern nichts geschafft.«
Es bereitete Lovel nicht geringes Vergnügen, den alten Mann in dieser Weise reden zu hören, und obgleich er nicht sich zu der vollen Würdigung dessen, was er sah, versteigen konnte, so bewunderte er doch, soweit von ihm erwartet werden konnte, die verschiedenen Schätze, die Oldbuck ihm zeigte. Hier waren Ausgaben, die besonders hochgeschätzt waren, weil sie die ersten der betreffenden Werke waren, und hier waren, Ausgaben, die kaum weniger geschätzt waren, weil sie die letzten und besten waren. Hier war ein Buch, dessen Wert darin bestand, daß es die Schlußverbesserungen des Verfassers enthielt, und hier war wieder eins, dessen Wert – seltsamerweise – wieder darin bestand, daß es keine solche Verbesserungen enthielt., Das eine war kostbar, weil es ein Folio war, das andere, weil es ein Duodez war, einige, weil sie groß waren, andere, weil sie klein waren, beim einen lag der Wert im Titelblatt, bei andern in der Stellung der Lettern bei dem Worte Finis. Wie es schien, machten alle nur möglichen noch so unbedeutenden und winzigen Unterscheidungen den Wert eines Bandes aus, abgesehen von der unerläßlichen Eigenschaft der Seltenheit,