»Der freche Schurke!« murmelte der entrüstete Altertümler zwischen den Zähnen, »dafür soll aber doch noch dein Buckel die Geißel des Henkers kennen lernen.« Und in lauterm Tone setzte er hinzu: »Gebt Euch zufrieden, Edie, es ist alles ein Irrtum.«
»Wahrlich, so denk ich auch,« fuhr sein Peiniger fort, dem es Vergnügen zu machen schien, die wunde Stelle zu kitzeln. »Wahrlich, so hab ich immer schon gedacht, und es ist noch gar nicht so lange her, da hab ich zu Lucie Gemmels gesagt: Kein Gedanke daran, hab ich gesagt, daß seine Ehren Monkbarns so eine Dummheit gemacht haben sollte und einen Boden, von dem der Acker fünfzig Schilling wert ist, für so eine Wüstenei, die mit einem schottischen Pfund zu teuer bezahlt wäre, hingegeben hätte. Verlassen Sie sich drauf, der gnädige Herr ist übers Ohr gehauen worden von dem alten Teufelskerl, dem Hannes Howie. – Aber soll der Himmel uns behüten, Ihr Herrn, wie ist das nur möglich,« sagt sie, »der Lord ist doch so gelehrt in den Büchern– so einen gibts überhaupt nicht wieder hier herum – und Hannes Howie hat doch, nicht Grieps genug im Schädel, daß er seine Rindviecher aus dem Gemüsegarten jagen kann? – Ja doch, ja doch, sag ich, – er hat ihn an der Nase herumgeführt mit einer von seinen Geschichten aus der alten Welt – denn Sie besinnen sich doch wohl noch, Herr, wie Sie damals mal von einem alten schottischen Dreier sagten, es wäre eine antike Münze.«
»Geh zum Teufel,« sagte Oldbuck, und dann setzte er in milderm Tone hinzu, wie einer, der wohl weiß, daß sein Ruf in der Macht seines Gegners läge: »Schert Euch nach Munkbarns, und wenn ich zurückkomme, will ich Euch 'ne Flasche Bier in die Küche schicken.«
»Lohns der Himmel Euer Ehren!«
Diese Worte waren gesprochen in dem echten weinerlichen Geplärr des Bettlers, während er, seinen Stab vor sich setzend, in der Richtung auf Monkbarns hinwegschritt.
»Aber haben Euer Ehren,« und er wandte sich noch einmal um, »jemals das Silber zurückbekommen, das Sie dem herumziehenden Trödler für den schottischen Dreier bezahlt haben?«
»Fluch dir! geh an dein Geschäft!«
»Schon gut, schon gut, Herr! Gott segne Euer Ehren! – Ich hoffe, Sie werdens Hannes Howie schon heimzahlen, und ich erlebs noch!«
Und mit diesen Worten ging der alte Bettler, Herrn Oldbuck endlich von Erinnerungen befreiend, die nichts weniger als angenehm waren.
»Wer ist der zudringliche alte Kerl?« fragte Lovel, als der Schnorrer aus Hörweite war.
»O, eine von den Landplagen dieser Gegend – ich bin immer gegen die Abgaben für die Armen und gegen die Arbeitshäuser gewesen – ich denke, ich werde jetzt dafür stimmen, damit dieser Schurke hinter Schloß und Riegel kommt. Wer er ist? Ei, er ist mit allem so ziemlich durch! Ist Soldat gewesen, Bänkelsänger, wandernder Kesselflicker, und jetzt ist er Bettler. Unser törichter Landadel schont seiner und verhätschelt ihn förmlich. Sie lachen über seine Witze und erzählen die Schnurren Edie Ochiltrees weiter.«
»Er nimmt sich viel Freiheit heraus – was ja die Seele des Witzes ist,« bemerkte Lovel.
»Ei ja, Freiheiten genug,« sagte der Altertümler. »In der Regel erfindet er so eine verdammte unwahrscheinliche Schwindelei, um einen zu hänseln, wie den Mumpitz, von dem er eben geschwatzt hat, aber ich will jetzt noch nicht weiter darauf eingehen, bis ich nicht der Sache auf den Grund gegangen bin.«
»In England,« sagte Lovel, »würde mit einem solchen Bettler kurzer Prozeß gemacht werden.«
»Freilich, die Parochievorsteher und Büttel würden ihm seine faulen Witze bald versalzen! Aber hier! – Fluch ihm! – hier ist er eine Art privilegierten Ärgernisses – einer der letzten Vertreter der altmodischen schottischen Bettlersippschaft, die in einem Landstrich ihre Runde machten und der Neuigkeitskrämer, der fahrende Sänger und oft auch der Chronist des Kreises waren. Dieser alte Gauner weiß mehr alte Balladen und Traditionen als irgend einer in diesem oder den vier nächsten Sprengeln. Und schließlich,« setzte er hinzu und wurde ein wenig milder gestimmt, während er Edies gute Seiten beschrieb, »der Hund hat Humor und ist eine gutmütige Haut. Er hat sein hartes Geschick mit ungebrochenem Mute ertragen, und es wäre grausam, wenn man ihm den Trost versagen wollte, über die Leute, denen es besser geht wie ihm, sich lustig zu machen. Für das Vergnügen, daß er mich gefoppt hat, kriegt er auf ein paar Tage Essen und Trinken. Aber ich muß zurück und ihm nachschaun, sonst verbreitet er seine verdammte unsinnige Geschichte über die halbe Gegend.«
Nach diesen Worten verabschiedeten sich unsere Helden, Herr Oldbuck kehrte zu seinem hospitium in Monkbarns zurück, und Lovel nach Fairport, wo er ohne jeden weiteren Zwischenfall anlangte.
Fünftes Kapitel
Das Theater in Fairport war eröffnet, aber kein Herr Lovel erschien auf der Bühne, noch lag in dem Wesen und Benehmen des jungen Mannes etwas, das Herrn Oldbucks Vermutung, sein Reisegefährte sei ein Bewerber um die Gunst des Publikums, hätte bekräftigen können. Regelmäßig erkundigte sich der Altertümler bei einem altmodischen Barbier, der die einzigen drei Perücken im Sprengel frisierte – trotz der Kosten und des Zeitaufwandes durfte er sie immer noch regelmäßig pudern und kräuseln, und er verteilte daher seine Zeit unter die drei letzten Kunden, die ihm im Wechsel der Mode treu geblieben waren – regelmäßig, wie gesagt, erkundigte sich Herr Oldbuck bei dieser Person nach den Neuigkeiten des kleinen Theaters in Fairport, und jeden Tag erwartete er, von Herrn Lovels Auftreten zu hören. Der alte Herr hatte sich fest vorgenommen, zu Ehren seines jungen Freundes nicht nur selber sich das Stück anzusehen, sondern sogar sein Weibsvolk mitzunehmen. Aber der alte Jakob Caxon brachte keine Nachricht, die ihn zu einem so entscheidenden Schritt, sich eine Loge zu kaufen, hätte veranlassen können.
Er brachte im Gegenteil die Mitteilung, es lebe jetzt ein junger Mann in Fairport, aus dem die Stadt (mit diesem Begriff meinte er alle Klatschmäuler, die selber nichts zu tun haben und daher sich die faule Zeit damit vertreiben, daß sie sich um anderer Leute Angelegenheiten bekümmern) nicht klug werden könne. Er suche keinen Umgang, ja vermeide sogar den Verkehr, den nach seiner äußeren Vornehmheit und auch aus einiger Neugierde viele Leute ihm angeboten hätten.
Und doch könne man sich nichts Regelmäßigeres und einem Abenteurer Unähnlicheres denken als seine Lebensweise, die zwar einfach, aber doch so wohl geordnet sei, daß alle Leute, die geschäftlich mit ihm zu tun hätten, des Lobes über ihn voll wären.
Dieser Tugenden könne sich freilich ein Held des Kothurns nicht rühmen, dachte Oldbuck bei sich selber. So hartnäckig er auch gewohnheitsmäßig an seinen Meinungen festhielt, so hätte er doch wohl oder übel die in diesem Fall gefaßte Meinung aufgeben müssen, hätte nicht Caxon in seinem Bericht den folgenden Zusatz gemacht:
»Der junge Herr, das haben viele gehört, hat oft mit sich selber gesprochen und im Zimmer herumspektakelt, als wenn er einer von dem Komödiantenvolk wäre.«
Außer diesem einzigen Umstand konnte jedoch nichts Herrn Oldbucks Annahme bestätigen, und es blieb ein ungelöstes Rätsel, was ein wohlgebildeter junger Mann ohne Freunde, Beziehungen oder Beschäftigung irgendwelcher Art in Fairport zu tun haben könne. Augenscheinlich machte er sich weder aus Portwein noch aus Whist etwas. Er vermied es, an den geselligen Zusammenkünften einer der beiden Parteien, in die sich die Einwohnerschaft von Fairport schied – wie die ja auch in größeren Städten der Fall ist – teilzunehmen. Er war zu wenig Aristokrat, um dem Klub der königlichen Blaublütler beizutreten, und zu wenig Demokrat, um sich mit einer Gesellschaft der sogenannten Volksfreunde zu verbrüdern, die der Kreis auch das Glück hatte zu besitzen. Kaffeelokale waren sein Abscheu, und für einen Teetisch – leider kann es nicht verschwiegen werden – hatte er wenig Sympathie. In der Tat, seit der Name in Romanen oder Erzählungen gebräuchlich war – und das ist schon sehr, sehr lange her – hatte es noch nie einen Herrn Lovel gegeben, über den so wenig Bestimmtes bekannt war und über den alle Welt nur Beschreibungen in so ausschließlich negativer Form vorzubringen gewußt hätte.