Ein negativer Umstand jedoch war sehr wesentlich, es wußte niemand etwas Schlechtes von Lovel. Wäre dies der Fall gewesen, so wäre es in der Tat schleunigst ruchbar geworden, denn das natürliche Verlangen, vom lieben Nachbar übel zu reden, wäre in seinem Falle von keinem Gefühl der Sympathie für einen so einsiedlerischen Menschen gemildert worden.
Nur in einem Punkte traute man ihm nicht recht über den Weg. Da er auf seinen einsamen Spaziergängen viel mit dem Bleistift arbeitete und mehrere Ansichten vom Hafen gezeichnet hatte, darunter auch den Signalturm und die Batterie mit den vier Geschützen, so verbreiteten ein paar biereifrige Kannegießer das Gerücht, dieser geheimnisvolle Fremdling müsse ein französischer Spion sein. Demzufolge war auch der Herr Sheriff bei Herrn Lovel gewesen, aber das »Interview« hatte dahin geführt, daß der Beamte seinen Verdacht völlig aufgegeben hatte, denn nicht nur wurde der junge Mann in seiner Behausung ganz ungeschoren gelassen, sondern er wurde, wie glaubwürdig berichtet wurde, sogar zweimal zu Tisch gebeten, welche beiden Einladungen eine höfliche Ablehnung erfuhren. Ueber den Inhalt der Auseinandersetzung aber bewahrte der Beamte der Obrigkeit tiefes Schweigen, nicht nur dem Publikum im großen und ganzen gegenüber, sondern auch vor seinem Schreiber, seiner Frau und seinen zwei Töchtern, die sonst in allen Fragen der Amtspflicht seinen geheimen Kabinettsrat bildeten.
All diese Einzelheiten, die Herr Caxon getreulich dem Gutsherrn von Monkbarns zutrug, ließen Lovel in der Meinung seines Reisegefährten sehr gewinnen.
»Ein anständiger, verständiger Bursche,« sagte er zu sich selber, »er hält es unter seiner Würde, die Dummheiten und den Mumpitz der Fairporter mitzumachen. – Ich muß mich ein wenig seiner annehmen – ich muß ihn zu Tisch laden – und ich will auch Sir Arthur schreiben, daß er nach Monkbarns kommen und ihn kennen lerne soll. – Da muß ich mal mit meinem Weibsvolk reden.«
Nachdem demgemäß eine solche Beratschlagung stattgefunden hatte, wurde ein Sendbote – kein Geringerer als Caxon selber – beauftragt, sich auf einen Weg nach Schloß Knockwinnock einzurichten und einen Brief mitzunehmen an den sehr ehrenwerten Sir Arthur Wardour von Knockwinnock, Baronet.
Dieses Schreiben lautete folgendermaßen:
»Sehr werter Sir Arthur!
Am Donnerstag den 17. curr. stilo novo veranstalte ich, zu Monkbarns ein Symposion von Zoenobiten und ersuche Sie, daran teilzunehmen und um 4 Uhr pünktlich zu erscheinen. Wenn meine schöne Feindin, Fräulein Isabella, uns die Ehre erweisen kann und mitzukommen will, so wird mein Weibsvolk nur zu stolz sein eine solche Verbündete in Sachen des Widerstandes gegen schwere Disziplin und direkte Knechtung zu erhalten. Wenn nicht, so werde ich das Weibsvolk für diesen Tag dem Pastor auf den Hals schicken. Ich habe einen jungen Bekannten Ihnen vorzustellen, in welchem eine Spur von besserem Geiste steckt, als sonst unserer hirnverbrannten Zeit zu eigen ist – hat Respekt vor älteren Herren und weiß auch ganz hübsch Bescheid über die Klassiker – und da ein solcher junger Mann naturgemäß den Pöbel um Fairport herum verachten muß, so wünsche ich ihm eine ebenso vernünftige wie ehrwürdige Gesellschaft zu zeigen.
Ich verbleibe, sehr werter Sir Arthur
etc. etc. etc.«
»Fliegen Sie mit diesem Briefe, Caxon,« sagte der alte Herr, und hielt ihm sein Schreiben hin, signatum atque sigillatum, »fliegen Sie mit diesem Briefe nach Kockwinnock und bringen Sie mir eine Antwort zurück. Fliegen Sie, wie wenn der Stadtrat zusammengetreten wäre und nur noch auf den Herrn Vorsteher und der Herr Vorsteher auf seine frisch gepuderte Perücke wartete.«
Während Caxon auf seinem Hin- und Rückwege sich befindet, ist es wohl ganz am Platze, dem Leser mitzuteilen, zu welchem Hause ihn seine Sendung führte.
Wir haben bereits gesagt, daß Herr Oldbuck wenig Verkehr mit den Edelherren der Umgegend pflegte, abgesehen von einer einzigen Person. Dies war Sir Arthur Wardour, ein Baronet aus altem Geschlecht und von großem Vermögen, aber trotzdem mißlichen Verhältnissen.
Sein Vater, Sir Anthony, war Jakobit gewesen und hatte alle Begeisterung für diese Partei an den Tag gelegt, so lange man ihr noch mit bloßen Worten nützlich sein konnte. Niemand hat die Zitrone mit einer bezeichnenderen Handbewegung ausgedrückt, und niemand konnte mit mehr Geschick einen gefährlichen Trinkspruch ausbringen, ohne dabei unter die Paragraphen des Strafgesetzbuches zu fallen; und vor allem, niemand hat auf den Erfolg der Sache annähernd soviel und annähernd so anhänglich getrunken.
Aber als 1745 die Hochlandsarmee heranrückte, schien der Eifer des würdigen Baronets ein wenig nachzulassen, während doch gerade die Konsequenz eine Steigerung erheischt hätte. Er schwatzte in der Tat viel davon, daß er für die Rechte Schottlands und Karl Stuarts seinen Mann stellen wolle; aber sein Sattel paßte nur auf eins von seinen Pferden, und das konnte kein Pulver riechen und war auch nicht dazu zu bringen. Vielleicht teilte der würdige Eigentümer die Bedenken dieses scharfsinnigen Vierfüßlers und begann zu denken, was dem Tiere solches Grausen einflöße, könne auch dem Reiter nicht zuträglich sein.
Dieweil Sir Anthony Wardour schwatzte und trank und zauderte, rückte der herzhafte Amtmann von Fairport (der niemand andres war als der Vater unseres Altertümlers) an der Spitze einer Schar von Bürgern aus, besetzte im Namen Georgs II. ohne weiteres Knockwinnock, nahm die vier Kutschpferde in Beschlag und verhaftete den Besitzer. Kurz darauf wurde Sir Anthony laut königlichem Haftbefehl nach dem Tower zu London geschickt, und mit ihm ging sein Sohn Arthur, damals noch ein Jüngling. Da man ihnen aber nichts als offenkundige Verräterei auslegen konnte, so wurden Vater und Sohn wieder in Freiheit gesetzt und kehrten nach ihrem Herrenhause Knockwinnock zurück, um auch weiterhin fünf Klaftern tiefe Gesundheiten aus das Haus Stuart zu trinken und zu erzählen, was sie alles für die königliche Sache gelitten hatten.
Und so sehr wurde dies zu einer Art Gewohnheit, daß nach seines Vaters Tod Sir Arthur noch immer unentwegt für das Haus Stuart betete, selbst als die Familie schon längst erloschen war.
Sonst führte Sir Arthur dasselbe Leben wie die Mehrzahl der schottischen Krautjunker – jagte, angelte, gab Diners und ging zu Diners – war bei Pferderennen und Landtagen zugegen, war Vizestatthalter und Administrator der Chauseeverwaltungskommission. In seinen vorgerückten Jahren, als er für den Sport in Feld und Wald zu faul und auch zu schwerfällig wurde, las er statt dessen ab und zu schottische Geschichte, und da er allmählich Geschmack an Raritäten zu finden begann – freilich ging die Liebhaberei nicht sehr tief und blieb auch ohne Fachkenntnis – so wurde er ein intimer Freund seines Nachbars, des Herrn Oldbuck von Monkbarns, und Mitarbeiter in seinen antiquarischen Beschäftigungen.
Es bestanden aber zwischen den beiden wunderlichen Heiligen verschiedene Meinungsverschiedenheiten, die manchmal zu kleinen Mißstimmungen führten. Sir Arthur war als Altertümler von grenzenloser Leichtgläubigkeit, und Herr Oldbuck war – trotz der Geschichte mit dem Praetorium im Kaim of Kinprunes – viel bedenklicher und vorsichtiger, ehe er eine Legende als giltige oder authentische Münze annahm. Sir Arthur hätte sich selber des Verbrechens der Majestätsbeleidigung für schuldig erachtet, wenn er an der Existenz eines einzigen in der fürchterlichen Reihe von einhundertundvier schottischen Königen gezweifelt hatte, – eine Ahnenreihe, aus die Jakob IV. seinen Anspruch auf den Thron begründete und deren Porträte noch jetzt grimmig von der Galerie von Holyrood herunterschauen.