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Oldbuck aber als kniffliger mißtrauischer Mann gab nicht viel auf göttliches Erbrecht und machte sich gern über diese geheiligte Ahnenreihe lustig.

Ein andrer heikler Punkt war der gute Ruf der Königin Maria, den der Baron aufs ritterlichste behauptete, wahrend der Lord ihn trotz ihrer Schönheit und trotz ihres Unglücks angriff. Wenn ihre Unterhaltung sich auf noch spätere Zeiten erstreckte, so fanden sich Gründe zur Uneinigkeit fast auf jeder Seite der Geschichte. Oldbuck war aus Prinzip ein hartnäckiger Presbyterianer und ein Freund von revolutionären Grundsätzen und von der protestantischen Dynastie, und Sir Arthur war in all diesen Stücken sein gerades Widerspiel. Der einzige Punkt, in dem sie eins waren, war treue Liebe und Anhänglichkeit für den Herrscher, der zur Zeit auf dem Throne saß. So kam es denn mitunter zu heißen Plänkeleien zwischen beiden, in welchen Oldbuck nicht immer seinen kaustischen Humor unterdrücken konnte, während bei dem Baronet oft die Erinnerung an die Beschlagnahme der Kutschpferde und die Besetzung seines Herrenhauses durch Oldbucks Vater zum Durchbruch kam und zugleich seine Wangen und seine Redeweise erhitzte.

Und letztens einmal, als Herr Oldbuck die Meinung gefaßt hatte, daß sein Freund und Kamerad in mancher Hinsicht ein richtiger Esel sei, war er der Unhöflichkeit, diese ungünstige Meinung zu äußern, näher gekommen, als die Vorschriften der modernen Höflichkeit es gestatten. In solchen Fallen gingen sie oft in tiefem Groll auseinander und waren fest entschlossen, in Zukunft sich überhaupt nicht mehr anzusehen.

Aber jeder wußte doch, daß ihm die Gesellschaft des andern durch langjährige Gewohnheit zur Gemütlichkeit erforderlich war, und so war der Bruch zwischen beiden immer bald wieder geheilt. Dann bekundete immer Oldbuck, der sehr richtig kalkulierte, daß der Baron in seiner Empfindlichkeit wie ein kleines Kind sei, stets seinen überlegnen gesunden Sinn und machte mitleidsvoll die ersten Schritte zur Versöhnung. Und wenn gar einmal der Bruch unheilbar zu sein schien, so gelang es doch stets den liebevollen Bemühungen und der Vermittlung der Tochter des Baronets, Fräulein Isabella Wardour, die neben einem Sohne – jetzt in fremdem Lande beim Militär – die ganze Familie ausmachte.

Sie wußte sehr wohl, wie unentbehrlich Herr Oldbuck ihrem Vater zum Zeitvertreib und zur Gemütlichkeit war, und stets war ihre Einmischung von günstigem Erfolge. Da sie aber in diesen Streitigkeiten in der Regel die Partei ihres Vaters ergriff, wenn auch in scherzhafter Weise, so nannte Oldbuck sie immer seine schöne Feindin – im Grunde aber hielt er von ihr mehr als von irgend einer andern Person ihres Geschlechtes, von dem er ja, wie wir gesehen haben, kein Bewunderer war. Noch eine andere Beziehung bestand zwischen diesen Ehrenmännern, die abwechselnd einen abstoßenden und anziehenden Einfluß auf ihren Verkehr hatte. Sir Arthur wünschte immer zu borgen, und Herr Oldbuck war nicht immer willens zu leihen. Dahingegen wünschte Herr Oldbuck immer regelmäßig Zurückzahlung, und Sir Arthur war nicht immer – ja fast nie in der Lage, dem vernünftigen Wunsche nachzukommen, und bei so entgegengesetzten Neigungen kam es gelegentlich zu Verdrießlichkeiten. Dennoch bestand, alles in allem, der Geist gegenseitiger Anpassung, und sie trotteten durchs Leben wie zwei angeschirrte Hunde – gelegentlich haperte es und sie knurrten einander an, aber zu einem völligen Stillstand oder daß gar einer den andern erwürgt hatte, soweit kam es nie.

Eine kleine Mißstimmung, wie wir sie beschrieben haben, ob sie nun aus Geschäften oder aus politischer Plänkelei entstanden sein mochte, hatte die Häuser Knockwinnock und Monkbarns wieder einmal entzweit, als der Bote des letzteren erschien, seine Sendung zu erfüllen. In seinem altgotischen Zimmer, dessen Fenster auf der einen Seite auf den ruhelosen Ozean hinausschauten und auf der andern eine Aussicht auf die lange schnurgerade Allee boten, saß der Baron und blätterte gerade in einem dickleibigen Folio, ab und zu einen gelangweilten Blick nach den Sonnenflecken werfend, die auf dem dunkelgrünen Laub und den glatten Stämmen der breitwipfligen Linden der Allee zitterten.

Endlich – welch erfreulicher Anblick! ist etwas zu sehen, das sich bewegt, und Ursache gibt zu den üblichen Fragen: Wer ist das wohl? Und was mag er zu bestellen haben? An dem alten weißlich grauen Kittel, dem Hute, der halb Schlapphut, halb steifer Hut ist, war der abgedankte Perückenmacher zu erkennen, und so blieb denn nur noch die zweite der beiden Fragen aufzuwerfen. Und diese wurde bald beantwortet, indem ein Diener hereintrat.

»Ein Brief von Monkbarns, Sir Arthur!«

Mit der gebührlichen Miene der Würde, die ihren Standpunkt festzuhalten weiß, nahm Sir Arthur die Epistel entgegen.

»Nimm den alten Mann in die Küche, und laß ihm etwas Erfrischung geben,« sagte die junge Dame, deren mitleidiges Auge sein dünnes graues Haar und seine abgetragene Kleidung erkannt hatte.

»Herr Oldbuck, meine Liebe, lädt uns für Donnerstag, den 17. zu Tisch,« sagte der Baronet mit Unterbrechungen, »er scheint wahrhaftig zu vergessen, daß er sich neulich nicht gerade so höflich gegen mich benommen hat, wie wohl zu erwarten gewesen wäre.«

»Lieber Vater, du hast soviel vor dem armen Herrn Oldbuck voraus, daß es wohl kein Wunder ist, wenn er einmal ein wenig mißmutig wird. Aber ich weiß, er hat soviel Respekt vor deiner Person und vor deiner Konversation, und nichts würde ihm mehr leid tun, als wenn es an aufrichtiger Aufmerksamkeit sollte fehlen lassen.«

»Wahr, wahr, Isabella, und man muß auch seiner Herkunft manches zu gute halten, es fließt noch ein wenig von der deutschen Grobheit in seinen Adern, etwas von der der Partei der Whigs eigentümlichen hartnäckigen Auflehnung gegen alteingesessnen Rang und Vorrechte. Du wirst bemerken, er hat in keiner Debatte einen Vorteil vor mir, außer wenn er mit seiner chikanösen Beschlagenheit in Daten, Namen und allerlei nebensächlichen Ereignissen loslegt – eine ermüdende, gehaltlose Gedächtnisfaxe, die auch bloß dem Umstande zuzuschreiben ist, daß er von einem Handwerker abstammt.«

»Das mag ihm aber meiner Meinung nach bei historischen Untersuchungen sehr zu gute kommen.«

»Es führt zu einer unhöflichen rechthaberischen Führung jeder Debatte, und es führt auch zu einer kaufmännischen krämerhaften Manier in Geschäftssachen, die selbst ein Gutsbesitzer von einem zwei bis drei Generationen alten Geschlechte unter seiner Würde halten sollte – ich frage nur, versteht es wohl in Fairport irgend ein Ladenschwengel eines Händlers so gut, wie Monkbarns, eine Zinsenrechnung aufzusetzen?«

»Aber du nimmst doch seine Einladung an, Papa?«

»Na ja – jawohl, wir haben, glaube ich, gerade nichts weiter vor. Wer mag nur der junge Mann sein, von dem er spricht? Eine neue Bekanntschaft bei ihm ist eigentlich eine Seltenheit, und Verwandte hat er auch nicht – habe nie von welchen gehört.«

»Wahrscheinlich ein Verwandter seines Schwagers, des Kapitäns M'Intyre.«

»Sehr leicht möglich, jawohl, wir werden annehmen. Die M'Intyres stammen aus sehr alter hochländischer Familie. Du kannst sein Schreiben in zusagendem Sinne beantworten.«

Diese wichtige Angelegenheit war also erledigt. Fräulein Wardour bestellte für sich und Sir Arthur beste Grüße, und sie würden sich die Ehre geben, Herrn Oldbuck zu besuchen. Fräulein Wardour benutzte die Gelegenheit, ihre Feindseligkeiten mit Herrn Oldbuck zu erneuern, weil er sich solange nicht auf Knockwinnock habe sehen lassen.

Mit dieser Antwort trat Caxon, der inzwischen wieder zu Kräften und auch zu Atem gekommen war, den Rückweg nach dem Hause des Altertümlers an.

Sechstes Kapitel

Unser junger Freund, Lovel, der eine entsprechende Einladung erhalten hatte, traf pünktlich zur festgesetzten Stunde, und zwar noch fünf Minuten vor vier Uhr am siebenten Juli in Monkbarns ein. Der Tag war merkwürdig trübe, und große Regentropfen waren ab und zu gefallen, das drohende Unwetter war aber bis jetzt immer wieder vorübergezogen. »Willkommen zu meinem Symposion, meinem Gastmahle!« begrüßte ihn Herr Oldbuck, – »und nun will ich Ihnen mein unglückseliges nichtsnutziges Weibsvolk vorstellen – malae bestiae, Herr Lovel!«