»Die Damen verdienen sicher Ihre satirische Darstellung ganz und gar nicht, oder ich müßte mich sehr täuschen,« sagte Lovel. »Wischiwaschi! Herr Lovel, Sie werden selber sehen, sie sind weiter nichts als eben Weiber – aber da sind sie. Ich stelle Ihnen, wie es sich gehört, meine sehr artige Schwester Griselda vor und meine ausgezeichnete Nichte, – ihre Mutter hieß Mary und wurde manchmal Molly gerufen.«
Die ältliche Dame rauschte einher in Seide und Satin und trug auf ihrem Haupte einen Bau, wie man sie in den Modeblättern von 1770 findet – ein prächtiges Stückchen Architektur – nicht sonderlich geringer als ein modernes gotisches Schloß – die Locken konnten die Türmchen darstellen, die schwarzen Nadeln die Chevaux de frize und die Haubenflügelchen die Banner.
Das Gesicht, das gleich dem der antiken Bestastatuen also mit Türmen gekrönt war, war groß und lang und spitz an Nase und Kinn und hatte im übrigen eine so spaßhafte Ähnlichkeit mit der Physiognomie Jonathan Oldbucks, daß Lovel, wären sie nicht zu gleicher Zeit beide vor ihm erschienen, hätte denken können, die Gestalt vor ihm sei sein alter Freund in weiblicher Verkleidung.
Ein antikes geblümtes Seidenkleid zierte die außerordentliche Person, der dieser unverhältnismäßige Kopfputz angehörte – ihr Bruder sagte immer, er passe besser zu einem Turban von Mahund oder Termagent, statt auf den Kopf einer vernünftigen Kreatur oder gar eines christlichen Weibes. Zwei lange knöcherne Arme waren an den Ellbogen von dreifachen Spitzenkräuschen umgeben, und da sie vor dem Leibe kreuzweis übereinander gelegt waren und mit langen Handschuhen von grellroter Farbe geziert waren, so hatten sie eine große Ähnlichkeit mit einem Paar gigantischer Hummern. Schuhe mit hohen Absätzen und ein kurzes seidnes Mäntelchen, das sie in graziöser Nachlässigkeit über die Schultern geworfen hatte, vervollständigten das Äußere der Jungfer Griselda Oldbuck.
Ihre Nichte – dieselbe, die Lovel auf seinem ersten Besuche flüchtig gesehen hatte, war ein hübsches junges Weibchen, der Mode des Tages entsprechend gefällig gekleidet, mit einem Zug von Schalkhaftigkeit, der ihr sehr gut stand, und der vielleicht aus dem der Familie des Oheims eignen kaustischen Humor auf sie übergegangen war – nur nach der Übertragung gemildert und verfeinert.
Herr Lovel begrüßte beide Damen aufs höflichste. Die ältere Dame antwortete mit dem echten langen Knicks von 1760, die jüngere mit einer modernen Verneigung, mit der sie viel rascher fertig war.
Während noch diese Begrüßungen ausgetauscht wurden, erschien Sir Arthur mit seiner schönen Tochter am Arme an der Gartentür – er hatte eben seinen Wagen weggeschickt – mit aller gebührenden Achtung bekomplimentierte er die Damen.
»Sir Arthur,« sagte der Altertümler, »und Sie, meine schöne Feindin, lassen Sie mich Ihnen meinen jungen Freund, Herrn Lovel, vorstellen, einen jungen Herrn, der inmitten des Scharlachfiebers, das jetzt auf dieser unserer Insel grassiert, doch so viel Tugend und Anstand besitzt, in einem Rock von gesitteter Farbe zu erscheinen. Sie sehen indessen, daß die Modefarbe, die zwar nicht an seinem Anzüge zu finden ist, ihm doch in die Wangen gestiegen ist. Sir Arthur, lassen Sie mich Ihnen einen jungen Herrn vorstellen, den Sie bei näherer Bekanntschaft als ernst, weise, höflich, gebildet, wohlbewandert und tief belesen und von Grund auf vertraut mit all den verborgenen Geheimnissen der Bühne – er errötet wieder –«
»Mein Bruder« sagte Jungfer Griselda, »hat eine so närrische Manier, sich auszudrücken, mein Herr. Kein Mensch gibt was drauf, was Monkbarns schwatzt, so bitte ich Sie, lassen Sie sich nicht so verwirren von seinem Unsinn. Aber es muß Ihnen unterwegs in der brennenden Sonne warm geworden sein – wollen Sie etwas zu sich nehmen – ein Gläschen Balsam-Wein?«
Ehe Lovel antworten konnte, mischte der Altertümler sich drein.
»Hebe dich weg, Hexe! wolltest du meine Gäste vergiften mit deinem infernalischen Gebräu? Erinnerst du dich nicht mehr, wie es dem Pfarrer ergangen ist, den du verlockt hast, von diesem heimtückischen Getränk zu genießen?«
»O pfui, pfui, Bruder! Sir Arthur, ist Ihnen so etwas schon vorgekommen? Es muß alles nach seiner Manier sein, sonst erfindet er derartige Geschichten. Aber da geht Hanne die alte Glocke läuten, um uns anzukünden, daß das Mittagessen fertig ist.«
Streng in seiner Sparsamkeit, hielt sich Herr Oldbuck keinen männlichen Bedienten. Er verbarg dies unter dem Vorwande, das männliche Geschlecht sei zu edel, um in dieser Tätigkeit persönlichen Dienstes verwendet zu werden, die in früheren Gesellschaftsperioden ausschließlich von den Weibern verrichtet worden sei.
»Warum,« sagte er, »warum hat der Bengel, Tom Rintherout, den ich auf meiner Schwester Anregung hin, ich, der ich doch so klug bin, auf Probe angestellt hatte, warum hat er Apfel gemaust, Vogelnester ausgenommen, Gläser zerschlagen und mir schließlich gar die Brille gestohlen – bloß weil er den edlen Tatendrang in sich hatte, der dem männlichen Geschlecht die Brust schwellt? Und dieser Tatendrang hat ihn denn auch nach Flandern geführt, mit einem Schießprügel über der Schulter, und wird ihn ohne Zweifel noch zu einer ruhmvollen Hellebarde bringen oder gar an den Galgen! Und warum bewegt sich dieses Mädchen, seine leibliche Schwester, Hanne Rintherout, in demselben Berufe mit so sicherem geräuschlosen Fuße, ob sie nun Schuhe anhat oder barfuß geht, so leise wie eine Katze oder so sachte wie ein Hühnerhund – warum? Eben weil es ihr Beruf ist. Dienen mögen sie uns, Sir Arthur, dienen – sage ich – das ist das einzige, wozu sie sich eignen. Alle Gesetzgeber des Altertums – von Lykurg bis auf Mohammed, fälschlich Mahommet genannt – stellen sie einstimmig auf den ihnen zukommenden untergeordneten Rang, und nur in den verrückten Köpfen unserer ritterlichen Ahnen sind die Dulcineas zu despotischen Prinzessinnen aufgerückt.«
Fräulein Wardour protestierte laut gegen diese jeder Galanterie Hohn sprechende Doktrin, aber jetzt läutete die Glocke zum Mittagstisch.
»Einer so schonen Gegnerin gegenüber will ich all die Pflichten zarter Höflichkeit erfüllen,« sagte der alte Herr, ihr den Arm bietend.
Er führte sie in das Eßzimmer, das Lovel noch nicht gesehen hatte. Es war mit Getäfel versehen und enthielt wunderliche Gemälde. Bei Tische bediente Hanne, aber eine Art weiblichen Mundschenks stand am Serviertische und nahm das schwere Los auf sich, mehrmals Tadel von Herrn Oldbuck und weniger grobe, aber nicht minder beißende Bemerkungen von seiner Schwester hinzunehmen.
Das Mittagessen war ganz der Manier eines berufsmäßigen Altertümlers entsprechend und enthielt mehrere schmackhafte altschottische Gerichte, die jetzt von den sogenannten vornehmen Tischen verschwunden sind. Da gab es die köstliche Solandgans oder Rotgans, die einen so starken Duft an sich hat, daß sie nie im Hause drinnen zubereitet wird. Diesmal war sie unglücklicherweise noch blutig und nicht ganz gar, und Oldbuck drohte, den fettigen Seevogel der liederlichen Haushälterin an den Kopf zu werfen. Aber zum Glück war das schottische Allerlei ihr besser gelungen – es wurde einstimmig als unnachahmlich erklärt.
»Daß uns das glücken würde, hab ich von vornherein gewußt,« sagte Oldbuck in heller Freude, »denn Davie Nibble, der Gärtner – er ist Junggeselle wie ich –läßt es nicht zu, daß das nichtsnutzige Weibsvolk ihm das Gemüse verschandelt. Und hier haben wir Fisch mit Sauce – das Gericht versteht unser Weibsvolk ganz ausgezeichnet zu bereiten, geb ich zu – sie haben dabei aber auch das Vergnügen, zweimal die Woche mit der alten Maggie Mucklebackit, dem Fischweib, herumzufeilschen. Die Hühnerpastete, Herr Lovel, ist nach einem Rezept gemacht, das mir meine Großmutter selig hinterlassen hat. Und wenn Sie sich auch an ein Glas Wein herantrauen, so werden Sie finden, es macht einem alle Ehre – einem, der sich zu dem Grundsätze des Königs Alphons von Kastilien bekennt: Altes Holz zum Brennen – alte Bücher zum Lesen – alten Wein zum Trinken – und alte Freunde, Sir Arthur – ja, Herr Lovel, und auch junge Freunde zum Plaudern.«