»Und was bringen Sie uns Neues aus Edinburgh, Monkbarns?« fragte Sir Arthur.
»Toll, toll, Sir Arthur – nicht wieder gut zu machen! Die schlimmste Art von Wahnsinn – ein Militärrappel – hatte Mann, Weib und Kind ergriffen.«
»Und das ist auch hohe Zeit, dünkt mich,« sagte Fräulein Wardour, »wenn wir mit Einfallen von außen und Revolution von innen bedroht sind.«
»Oh, ich habe auch gar nicht daran gezweifelt, daß Sie auf die Seite des scharlachroten Heeres der Feinde treten würden – die Weiber sind wie die Truthähne, über einen roten Lappen verlieren sie den Verstand. Aber haben Sie je die Geschichte von der Schwester Margarete gehört? Der Kopf, der sie ausgeheckt hat, ist zwar jetzt alt und auch schon grau, hat aber mehr gesunden Menschenverstand und politischen Scharfblick, als heutzutage in einer ganzen Synode zu finden ist. Besinnen Sie sich auf den Traum der Amme, in jenem ausgezeichneten Werke, den sie in so großer Todesangst Hubble-Bubble erzählt? – Wenn sie in ihrem Traum, ein Stück breite Leinwand in die Hand genommen hatte, – bums! explodiert wars wie eine große eiserne Kanone. Wenn sie nach einer Spindel griff, reckte sie sich in ihren Augen als Pistole empor. Mir war in Edinburgh zu Mute, als ob ich einen ähnlichen Traum hätte. Ich bin zu meinem Anwalt gegangen, er trug Dragoneruniform, gestiefelt und gespornt, und war im Begriff, ein Streitroß zu besteigen, das sein Schreiber (der als Scharfschütze eingekleidet war) vor der Tür hin- und herführte. – Da ging ich zu meinem Geschäftsführer, um ihn auszuzanken, daß er mich an einen Irrsinnigen gewiesen hätte, er hatte sich einen ganzen Busch von den Federn, die er in ruhigeren Zeiten sonst zwischen den Fingern abstrapaziert hatte, auf den Kopf gesteckt und war als Artillerieoffizier gekleidet. Mein Schnitthändler hatte eine Hellebarde in der Hand, als wolle er mit diesem Gerät sein Tuch messen, statt mit der gesetzmäßigen Elle. Der Bankiersbuchhalter, der angewiesen war, mein Konto aufzustellen, verrechnete sich dreimal, weil er noch den Kopf voll hatte von seinem militärischen Rapport bei der Vormittagsübung, und das machte ihn ganz dumm. Mir war unwohl, und ich schickte zu einem Arzt.
Er kam – doch Mut in seinen Augen glühte, Ein Säbel an der Seite Flammen sprühte, Er war, bei Gott, so ganz zu Stahl geworden – Ich dacht, er käm – zu heilen nicht – zu morden. Ich wandte mich an einen andern Arzt, aber er schien auch den Menschenmord mehr en gros zu üben, als sein Beruf ihm vermutlich sonst gestattet hatte. Und nun ich hierhergekommen bin, hat die Laune der Tapferkeit selbst unsre weisen Nachbarn von Fairport ergriffen. Ich hasse ein Gewehr wie eine angeschossene Wildente, ich verabscheue eine Trommel wie einen Quäcker – und sie donnern und rasseln da drüben auf der Stadtwiese, daß jeder Wirbel und jede Salve mir schier das Herz zersprengt!«
»Lieber Bruder, sprich doch nicht so von den Herren Freiwilligen. Sie haben doch eine sehr schmucke Uniform. Ich wette, vergangene Woche sind sie zweimal bis auf die Haut naß geworden. Denk doch, was sie sich für Blackerei machen – dafür müssen wir ihnen doch sicherlich dankbar sein.«
»Und mein Onkel,« sagte Fräulein M'Intyre, »hat auch zwanzig Guineen bewilligt als Beisteuer für ihre Ausrüstung.«
»Branntwein und Zuckerkant sollten sie dafür kaufen,« versetzte der Zyniker, »damit Schwung in den Handel kommen sollte und die Offiziere, die sich im Dienste des Vaterlandes heiser gebrüllt hatten, sich die Kehlen wieder ein bißchen schmieren sollten.«
»Nehmen Sie sich in acht, Monkbarns, wir werden Sie noch auf die schwarze Liste setzen.«
»Nicht doch, Sir Arthur, einen harmlosen Brummbär wie mich! Ich verlange nur das Recht, hier in meinem eigenen Winkel krakehlen zu können, aber dem großen Chorus der Heerstraße misch ich mein Trotzen nicht bei. Ni quito, Rey, ni pongo Re – das heißt, ich mache keinen König und ich tu auch keinem König weh, wie Sancho Pansa sagt. Ich bete von ganzem Herzen für unsern Herrscher, zahle Steuern und Abgaben und schimpf auf den Einnehmer, aber da kommt zur rechten Zeit der Schafkäse, der ist besser für den Magen als die Politik.«
Als das Mittagsmahl vorüber war und die Becher auf den Tisch kamen, brachte Herr Oldbuck die Gesundheit des Königs aus in einem großen Humpen, und Lovel und der Baronet taten ihm gern Bescheid – denn der Jakobitismus des letzteren war jetzt bloß noch spekulative Ansichtssache – der Schatten eines Schattens.
Nachdem die Damen das Zimmer verlassen hatten, entspannen sich zwischen dem Wirt und Sir Arthur mehrere tiefsinnige Erörterungen, an denen der jüngere Gast, wohl weil sie sich in zu komplizierter Gelehrsamkeit verloren, nur geringen Anteil nahm, bis er endlich aus einer tiefen Träumerei erwachte, indem er inne wurde, daß beide in hitzigern Ton verfallen und auf einen jener Punkte geraten waren, über die es leicht zwischen ihnen zu Mißstimmungen kam.
»Es gibt eine Liste von Königen der Pikten,« sagte Sir Arthur, »die vollauf beglaubigt ist, von Crentheminachcryme (das Datum seiner Regierung steht nicht genau fest) bis auf Drusterstone, mit dessen Tode ihre Dynastie erloschen ist. Die Liste dieser Herrscher ist von Henry Maule von Melgum aus den Chroniken von Loch-Leven und Saint-Andrews kopiert worden, er hat sie dann in seiner kurzen aber befriedigenden Geschichte der Pikten veröffentlicht im Jahre des Herrn siebzehnhundertundfünf oder sechs, das weiß ich nicht genau, aber ich habe selber ein Exemplar zu Hause. Was sagen Sie dazu, Herr Oldbuck?«
»Was ich dazu sage? Je, ich lache über Harry Maule und seine Geschichte,« antwortete Oldbuck.
»Lachen Sie nicht über einen Mann, der mehr wert ist, wie Sie selber,« erwiderte Sir Arthur in etwas verächtlichem Tone. »Henry Maule war ein Ehrenmann.«
»Ich dächte, darin hätte er vor mir nichts voraus,« sagte der Altertümler, ein wenig patzig.
»Gestatten Sie, Herr Oldbuck, er war ein Edelmann aus hoher Familie und von sehr alter Abkunft und daher –«
»Daher sollte der Abkömmling eines westfälischen Druckers nicht mit Geringschätzung von ihm sprechen? – So mögen Sie ja denken, Sir Arthur. Ich bin der Meinung, daß meine Abkunft von dem betriebsamen und sorgfältigsaubern Typographen Wolfbrand Oldenbuck, der im Dezember 1493 unter der Gönnerschaft von Sebaldus Scheyter und Sebastian Kammermeister den Druck der großen Chronik von Nürnberg vollendet hat – ich bin der Meinung, daß meine Abkunft von diesem großen Manne der Bildung für mich als Gelehrten rühmlicher ist, als wenn ich in meiner Genealogie alle die bramarbasierenden, alten gotischen Barone mit Köpfen und Fäusten von Eisen von den Tagen des Crentheminachcryme an aufzuweisen hätte – von denen nicht einer, glaub ich, seinen eigenen Namen hat schreiben können.«
»Wenn Sie diese Bemerkung als Hohn auf meine Ahnen gemünzt haben,« sagte der Ritter mit einer Pose würdevoller Überlegenheit, »so habe ich das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß mein Ahnherr, Gamelyn de Guardover, seinen Namen in sauberer Schrift eigenhändig in die früheste Kopie der Ragman-Liste eingetragen hat.«
»Was beweist weiter gar nichts, als daß er der erste war, der das niedrige Beispiel gegeben hat, sich Eduard I. zu unterwerfen. Was haben Sie noch von der fleckenlosen Königstreue Ihrer Familie zu sagen, Sir Arthur, nach solcher Abtrünnigkeit?«
»Es ist genug, Herr,« sagte Sir Arthur und fuhr zornig auf, den Stuhl zurückstoßend, »ich werde in Zukunft mich vorsehen, mit meiner Gesellschaft einen Mann zu beehren, der sich für meine Herablassung so undankbar erzeigt.« »In diesem Punkte handeln Sie nur ganz nach Belieben, Sir Arthur. Ich bin mir allerdings nicht vollauf bewußt gewesen, ein wie großes Entgegenkommen Sie mir erzeigt haben, indem Sie mein armes Haus besuchten, ich hoffe daher, Sie werden es mir nicht verübeln, daß ich die Dankbarkeit nicht bis zur knechtischen Unterwürfigkeit getrieben habe.«