Sir Arthur stimmte bereitwillig ein.
Es sei nicht gerade angenehm, sagte er, wenn dieser junge Mann mit ihnen gehen wollte, den Oldbuck ihnen vorzustellen sich die Freiheit genommen habe. Seine altmodische Höflichkeit wußte noch nichts von den bequemen Manieren unserer Zeit, einen, mit dem man eine Woche lang Verkehr gehabt hat, zu »schneiden«, wenn man gerade so gelaunt ist, oder wenn man sich in einer Lage befindet, wo es einem unangenehm ist, sich als einen Bekannten des Betreffenden zu bekennen. Sir Arthur bestimmte nur, daß ein kleiner, zerlumpter Bengel für ein Trinkgeld von einem Penny zum Kutscher laufen und ausrichten sollte, daß die Equipage nach Knockwinnock zurückfahren solle.
Als dies erledigt und der Sendbote abgeschickt war, bogen der Ritter und seine Tochter von der Chaussee ab und schlugen einen Pfad ein, der sich zwischen hügeligen Dünen hinschlängelte. Sie waren zum Teil bewachsen mit Pfriemenkraut und Binsen. Auf diesem Wege erreichten sie bald die Meeresküste. Die Flut konnte bei weitem nicht mehr so fern sein, wie sie erwartet hatten, aber das beunruhigte sie nicht, es gab kaum zehn Tage im Jahre, wo sie so dicht an die Klippen herangekommen wäre, daß nicht noch ein trockener Fußweg geblieben wäre.
Aber zu Zeiten der Springflut, oder wenn die gewöhnliche Flut durch hohe Winde beschleunigt wurde, dann war dieser Weg ganz unter Wasser, und es wurden manche Unglücksfälle berichtet, die dann sich zugetragen hatten. Allein solche Gefahr hielten die beiden für ausgeschlossen, und sie ließen sich dadurch nicht abhalten, am Strande entlang von Monkbarns nach Knockwinnock zu gehen, wie es die meisten andern Leute ja auch taten.
Als Sir Arthur und Fräulein Wardour dahinschritten, den schönen Spaziergang auf dem kühlen feuchten festen Sande angenehm empfindend, bemerkte Fräulein Wardour unwillkürlich, daß die letzte Flut die gewöhnliche Fluthöhe beträchtlich überschritten habe. Sir Arthur machte die gleiche Beobachtung, aber sie erblickten beide hierin keinen Grund, sich zu beunruhigen.
Die Sonne ruhte jetzt mit ihrer riesigen Scheibe am Saume des spiegelglatten Ozeans und vergoldete die Masse aufgetürmter Wolken, durch die sie den lieben langen Tag gewandelt war, und die jetzt von allen Seiten herbeiwallten wie Mißgeschick und Unheil um ein sinkendes Reich und um einen fallenden Monarchen. Aber ihr ersterbender Glanz kleidete in düstre Herrlichkeit und Pracht die wuchtige Dunstmasse, die aus ihrem wesenlosen Dunkel heraus Pyramiden und Türme hervorblicken ließ, hier mit Gold bekleidet, dort von Purpur angehaucht, dort wieder in tiefes, dunkles Rot getaucht.
Die ferne See, unter diesem bunten prunkenden Baldachin hingestreckt, lag fast unheimlich und verderbendrohend still und spiegelte die blendenden wagerechten Strahlen des untergehenden Tagesgestirns wider und die prächtige Färbung der Wolken, in deren Mitte es versank. Näher dem Strande kräuselte sich die Flut in Wellen von blitzendem Silber, die unwahrnehmbar, aber doch reißend schnell höher und höher zur Düne heranfliegen.
Im Geiste in Bewunderung dieses romantischen Anblicks versunken oder vielleicht auch mit einem anderen Gegenstande von beunruhigenderer Art beschäftigt, schritt Fräulein Wardour schweigend neben ihrem Vater her, der in seiner kürzlich gekränkten Würde sich zu keinerlei Gespräch herabließ. Sie folgten den Windungen des Gestades und überschritten einen vorspringenden Punkt oder Klippenansatz nach dem andern. So befanden sie sich jetzt unter einer riesigen langhingedehnten Masse steil abstürzender Klippen, wie sie an den meisten Stellen diese Küste wie ein eiserner Gürtel umschließt und schützt.
Lang vorgestreckt lagen Riffe unter Wasser, die nur hier und da an einer freien herausragenden Spitze oder an den »Weißköpfen« und der Brandung, die über den teilweis unter Wasser befindlichen schäumten, zu erkennen waren.
Infolgedessen war die Bai von Knockwinnock von Lotsen und Schiffseignern gefürchtet. Die Felsen, die zwischen dem Gestade und dem Festlande sich erhoben, zwei- bis dreihundert Fuß hoch, beherbergten in ihren Spalten unzählige Seevögel, die in der schwindelnden Höhe augenscheinlich vor der Raubsucht des Menschen gesichert waren.
Viele dieser wilden Schwärme, getrieben von dem Instinkt, vorm Ausbruch eines Sturmes das Land aufzusuchen, kamen jetzt mit dem schrillen mißtönenden Geschnarr und Geschrei, das Unruhe und Furcht bekundet, ihrem Neste zugeflattert. Ehe die Scheibe der Sonne schon ganz unter den Horizont gesunken war, wurde sie fast völlig verfinstert, und ein früher fahler Schatten von Dunkelheit trübte das heitere Zwielicht eines Sommerabends.
Nun sprang auch ein Wind auf, aber schon lange war sein klagendes wildes Brausen zu hören und schon lange war seine Wirkung auf der Meeresfläche sichtbar, ehe am Strande noch die Brise sich bemerkbar machte. Finster jetzt und drohend begann die Wassermasse sich in breiteren Kämmen zu heben und in tieferen Furchen zusammenzusinken und bildete Wogen, die in lauter Schaum auf den Riffen hoch emporstiegen oder am Strande mit einem Grollen wie feiner Donner barsten.
Erschrocken über diese plötzliche Veränderung des Wetters schmiegte sich Fräulein Wardour eng an ihren Vater und hielt seinen Arm fest umklammert.
»Ich wünschte,« sagte sie endlich, aber in fast flüsterndem Tone, als schäme sie sich ihrer wachsenden Angst, »ich wünschte, wir wären auf der Chaussee geblieben oder hätten in Monkbarns auf die Kutsche gewartet.«
Sir Arthur hielt Umschau, aber er sah nichts oder wollte nichts sehen, was auf bevorstehenden Sturm deutete. Sie würden Knockwinnock, sagte er, längst vor dem Ausbruch des Unwetters erreichen. Dabei ging er aber so eilig, daß Isabella kaum Schritt halten konnte, als ob er sich selber bewußt sei, daß sie sich doch sehr dazuhalten müßten, wenn er mit seiner tröstlichen Versicherung Recht behalten wolle.
Sie waren jetzt dem Mittelpunkt einer tiefen engen Bucht oder eines Einschnittes nahe, der von zwei vorspringenden Spitzen hoher unersteigbarer Felsen gebildet wurde. Wie die Hörner der Mondsichel ragten sie in die See hinein. Sie wagten beide nicht, einander die Befürchtungen zu gestehen, die sie hegten, daß bei dem reißend schnellen Wachsen der Flut, ihnen der Weg um das Vorgebirge vor ihnen herum. Wie auch die Umkehr auf dem Wege, auf dem sie hierher gekommen waren, abgeschnitten würde.
Während sie so vorwärts schritten – zweifellos von dem Wunsche beseelt, von dem leichten Bogen, den sie bei den Krümmungen der Bucht machen mußten, abzukommen und auf einen geraderen und kürzeren Pfad zu gelangen, wenn sie dabei auch auf die landschaftlichen Schönheiten hätten verzichten sollen, erblickte Sir Arthur eine menschliche Gestalt, die am Strande ihnen entgegenkam.
»Gott sei Dank!« rief er aus. »Wir werden um die Halket-Spitze herum kommen. Der Mann da muß von da herkommen.«
»Ja, wirklich! Gott sei Dank!« sagte halb hörbar, halb bei sich selber seine Tochter, wie um die Dankbarkeit auszudrücken, die sich mächtig in ihr regte.
Die Gestalt, die auf sie zukam, machte viele Zeichen, die sie in der dunstigen Luft, in dem Winde und dem treibenden Regen nicht erkennen oder gar verstehen konnten. Erst kurz vor ihrem Zusammentreffen konnte Sir Arthur den alten Bettler im blauen Kittel, Edie Ochiltree, erkennen.
Man sagt, selbst die rohe Kreatur, selbst die wilden Tiere lassen ihre Feindseligkeiten und Abneigungen fallen, wenn sie von unmittelbarer und gemeinsamer Gefahr gedrängt sind. Der Strand unter der Halket-Spitze, der durch die vorspringende hereinschlagende Springflut und dem Nordwestwind an Breite reißend verlor, war gewissermaßen ein neutraler Boden, auf dem selbst ein Friedensrichter und ein herumstrolchender Bettler sich mit einander vertragen konnten.
»Kehrt um! kehrt um!« rief der Landstreicher. »Warum sind Sie nicht schon umgekehrt, wie ich Ihnen zuwinkte?«
»Wir dachten,« antwortete Sir Arthur, »wir könnten noch um die Halket-Spitze herumkommen.«