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»Um die Halket-Spitze? Da braust jetzt schon die Flut wie ein Wasserfall. Es war nachgerade ein Glück, daß ich vor zwanzig Minuten dort herumgekommen bin, da stand das Wasser schon drei Fuß hoch. Wir können aber vielleicht nach Ballyburgh Neß-Point zurückgelangen. Helf uns der liebe Gott! es ist das einzige, was uns noch übrig ist – wir können es nur versuchen.«

»Mein Gott! Mein Kind!« – »Mein Vater! Mein lieber Vater!« riefen Vater und Tochter aus. Die Furcht verlieh ihnen Kraft und beflügelte ihren Schritt, sie drehten um und versuchten den Punkt zu umschreiten, dessen vorspringende Höhe das Südende der Bucht bildete.

»Ich hatte gehört, daß Sie hier entlang gegangen waren – der Bursche, den Sie nach Ihrer Kutsche geschickt haben, hat mirs gesagt,« sagte der Bettler, indem er rüstig etwa einen Schritt hinter Fräulein Wardour dreinschritt. »Und ich mußte daran denken, in was für eine Gefahr die schmucke junge Dame geraten müsse, die schon zu allen Unglücklichen, die in ihre Nähe gekommen sind, lieb und freundlich gewesen ist. So sah ich denn nach der Fluthöhe und hab mich davon überzeugt, daß ich noch rechtzeitig hinunterkommen könnte, um Ihnen eine Warnung zu bringen, und daß dann noch alles gut ablaufen könnte. Aber ich befürchte, ich befürchte, ich habe mich verrechnet! denn hat' wohl je ein Sterblicher die Flut so reißend schwellen und steigen sehen wie jetzt? Sehen Sie da drüben die Rattenklippe, sie hat sonst immer mit der Spitze übers Meer geschaut – jetzt ist sie ganz unter Wasser.«

Sir Arthur warf einen Blick in die Richtung, nach der der alte Mann deutete. Ein gewaltiger Felsen, der gewöhnlich, selbst wenn Springflut war, einen Kamm gleich dem Kiele eines großen Schiffes zeigte, stand jetzt ganz unter Wasser, und sein Standort war nur durch die kochenden brandenden Wogen, die sich an dem Widerstände brachen, gekennzeichnet.

»Halten Sie sich dazu, schnell, schnell, gute Name, und es gelingt uns am Ende noch!« fuhr der Alte fort. »Halten Sie sich an meinem Arme – ein alter gebrechlicher Arm ists jetzt, aber er war einmal straff und kraftvoll. Halten Sie sich an meinem Arme fest, meine holde Dame! Sehen Sie den schwarzen Fleck dort unter den wallenden Wogen? Heute morgen noch war er so hoch wie der Mastbaum einer Brigg – jetzt ist er recht klein – aber wenn ich auch jetzt nur noch so viel Schwarzes dort herumsehe wie mein Hutdeckel dahier, so denke ich doch, wir werden trotz alledem noch um Ballyburgh-Neß herumkommen.«

Isabella nahm schweigend den Beistand des alten Mannes an, da Sir Arthur noch weniger imstande war, sie zu stützen. Die Wellen waren jetzt so weit auf dem Strande vorgedrungen, daß sie den festen und glatten Pfad, auf dem sie über den Sand hergekommen waren, nicht mehr gehen konnten und einen weit rauheren Pfad dicht am Fuße der Felsenabstürze einschlagen mußten, der stellenweise sogar auf die niedrigeren Kamme hinaufführte.

Ohne die Führung und die Ermutigung des Bettlers, der schon oft bei hoher Flut hier gewesen war, wenn auch, wie er zugab, noch nie in einer so entsetzlichen Nacht, wäre es für Sir Arthur und seine Tochter ganz unmöglich gewesen, sich in diesen Scheren zurechtzufinden.

Es war in der Tat ein fürchterlicher Abend. Das Heulen des Sturmes, in das das Gekreisch der Seevögel hineinklang, tönte wie das Grablied der drei todgeweihten Wesen, die – mitten innen zwischen zweien der prachtvollsten und doch auch entsetzlichsten Bildungen der Natur, einer rasenden See und einem unübersteigbaren Felsabsturz, eingekeilt waren – und auf ihrem mühsamen und gefahrvollen Pfade dahinschritten, oft bespritzt von einer riesigen Welle, die höher zum Gestade herausschlug als ihre Vorgänger.

Mit jeder Minute gewann ihr Todfeind sichtlich Boden vor ihnen. Nicht willens, der letzten Hoffnung auf Leben zu entsagen, hingen sie mit den Blicken noch immer an dem schwarzen Felsen, auf den Ochiltree deutete. Noch immer war er deutlich in der Brandung zu sehen und blieb sichtbar, bis sie an eine Biegung ihres spärlichen Pfades gelangten, wo ein vorspringender Felsen ihn ihren Blicken entzog.

Na ihnen nun der Anblick der Warte fehlte, auf die sie sich verlassen hatten, empfanden sie die doppelte Qual des Entsetzens und der Spannung. Sie kämpften sich weiter vorwärts, aber als sie den Punkt erreichten, von dem aus sie den Felsen wieder hätten erblicken müssen, da war er nicht mehr zu sehen. Ihr Wahrzeichen der Rettung war unter tausend brandenden Wellen verschwunden, die an der Spitze des Vorgebirges zerschellten und in riesigen Massen schneeigen Schaumes emporschlugen gegen die finstre Wand des Absturzes, so hoch, wie der Mast eines Kriegsschiffes erster Klasse.

Der Alte wurde totenbleich. Isabella stieß einen schwachen Schrei ans.

»Der Herr erbarme sich unser!« murmelte feierlich ihr Führer, und von Sir Arthurs Lippen klang es in kläglichem Tone: »Mein Kind! mein Kind! – solch eines Todes zu sterben!«

»Mein Vater, mein lieber Vater!« rief seine Tochter, »und auch Ihr, der Ihr Euer Leben verliert in dem Bemühen, das unsere zu retten!«

»Das ist nicht der Rede wert,« sagte der alte Mann. »Mein Leben war so, daß ich es lange schon satt habe, und hier oder dort – ob in einem Schneesturm oder in der brandenden Flut – was besagt es, wie der alte Bettler stirbt?«

»Guter Mann,« sagte Sir Arthur, »habt Ihr keinen Ausweg? – keine Hilfe mehr? – ich will Euch reich machen – ich will Euch eine Farm geben – ich will–«

»Wir werden bald einer so reich sein wie der andere,« sagte der Bettler, mit einem Blick auf die wogende See. »Ja, wir sind es schon, denn ich habe kein Land, und Sie würden all Ihre schönen Güter und Ihre Baronie hingeben für einen Fuß breit Felsen, der zwölf Stunden lang trocken bliebe.«

Während sie so sprachen, machten sie auf dem Felsenrande Rast, so hoch sie hatten hinansteigen können. Denn nun schien es, als ob jeder Versuch, weiter vorzudringen, ihr Verderben nur beschleunigen mußte, hier standen sie nun und warteten das sichere langsame Steigen des rasenden Elements ab.

Noch diese furchtbare Pause gab Isabella Zeit, die Kräfte eines von Natur starken mutigen Gemütes zu sammeln, die sich eben an den Schrecken dieser furchtbaren Lage stählten.

»Müssen wir das Leben lassen,« sagte sie »ohne einen Kampf? Ist denn kein Pfad, und wäre er noch so entsetzlich, auf dem wir die Klippe erklimmen oder wenigstens zu einer Höhe gelangen könnten, die über der Flut läge und wo wir warten könnten bis zum Morgen, oder bis Hilfe käme? Sie müssen sich denken können, in welcher Lage wir uns befinden und werden das ganze Land aufbieten, uns zu erlösen.«

Sir Arthur, der die Frage seiner Tochter hörte, aber kaum begriff, wandte sich instinktiv und begierig nach dem Alten, als ob ihr Leben in seiner Hand läge.

Ochiltree hielt inne.

»Ich war ein kühner Kletterer,« sagte er, »wie ich noch jung war. Manches Vogelnest habe ich ausgenommen unter diesen schwarzen Felsen hier, aber das ist schon lange her, lange, lange her! Und da kann kein Sterblicher ohne ein Tau hinauf – und wenn ich eins hätte – mein Auge ist schwach und meine Hand und mein Fuß sind nicht mehr sicher und fest – wie sollte ich Sie retten können? Aber einen Pfad hats hier einmal gegeben, freilich, wenn wir ihn sehen könnten, so würden Sie vielleicht lieber bleiben, wo Sie sind. – Gelobt sei sein Name!« rief er plötzlich aus. »Da kommt einer den Felsen herunter!«

Dann strengte er seine Stimme an und rief dem tollkühnen Kletterer Ratschläge und Weisungen zu, die seine frühere Übung und die Erinnerung an die örtlichen Verhältnisse ihm eingaben.

»So ist recht! so ist recht! da gehts hindurch – jawohl! Machen Sie Ihr Seil am Kuhhorn fest – das ist der schwarze Stein da – zweimal herumgeschlungen – so ist recht! Nun wenden Sie sich ein kleines Stück mehr nach Osten – noch ein bißchen mehr bis zu dem andern Steine da – wir haben die Stelle immer das Katzenloch genannt – da hat sonst eine Eiche gewurzelt – so ist recht! – Nun behutsam, Bursch! Behutsam! Geben Sie acht und nehmen Sie sich Zeit! – Um Himmels willen, lassen Sie sich doch Zeit! – Sehr gut so! – Nun müssen Sie hinüber zu Liesels Schürze – das ist der breite flache blaue Stein dort – und dann denk ich, mit Ihrer Hilfe und dem Tau kann ich zu Ihnen gelangen, und dann wird es uns möglich sein, die junge Dame und Sir Arthur hinaufzuholen.«