Fräulein Wardour blieb einen Augenblick in der Stellung, in der sie die letzten seltsamen Worte des alten Mannes gehört hatte – gegen das Fenster gelehnt, – sie vermochte sich nicht aufzuraffen, auch nur ein Wort über diese so heikle Angelegenheit zu äußern, bis der Bettler verschwunden war. Es war wirklich schwierig, sich zu irgend etwas zu entschließen. Daß sie eine geheime Unterredung unter vier Augen mit dem jungen unbekannten Fremden gehabt hatte, in dieses Geheimnis war also ein Mann aus der letzten Klasse eingeweiht, in der eine junge Dame einen Vertrauten hätte suchen können. Es war einem Manne preisgegeben, der von Gewerbe die Klatschbase für die ganze Umgegend war. Das schmerzte sie tief.
Sie hatte allerdings keinen Grund zu glauben, daß der alte Mann absichtlich sie verletzen oder ihr einen boshaften Streich spielen würde, aber daß er überhaupt sich die Freiheit genommen hatte, darüber mit ihr zu reden, das bewies, wie es ja nicht anders zu erwarten gewesen wäre, daß ihm jegliches Zartgefühl abging und daß ein so erklärter Verehrer aller Zwanglosigkeit auch ohne alle Bedenken tun oder sagen würde, was ihm eben gerade in den Sinn kommen würde. Dieser Gedanke schmerzte sie so sehr, daß sie fast gewünscht hätte, sie hätte am verflossenen Abend Lovels und Ochiltrees Beistand nicht gefunden.
Während sie in solcher Erregung sich befand, sah sie plötzlich Oldbuck und Lovel in den Hof treten. Sie trat sofort so weit vom Fenster zurück, daß sie die beiden sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden. Sie sah, wie der Altertümler vor dem Gebäude stehen blieb und mit der Gebärde, als tische er Lovel manche lehrreiche Ausführung auf, nach den verschiedenen Wappenschilden der früheren Besitzer deutete, und wie Lovel – sie erkannte es deutlich an seiner abwesenden Miene – gar nicht darauf hörte.
Sie sah ein, daß sie auf der Stelle einen Entschluß fassen müsse – sie klingelte daher einem Dienstmädchen und befahl, die Gäste in den Salon zu führen, während sie auf einer anderen Treppe sich in ihr eigenes Zimmer begab, um, ehe sie sich zeigte, zu überlegen, wie sie sich am passendsten zu verhalten hätte. Ihren Weisungen gemäß wurden die Gäste in das, Zimmer geführt, wo in der Regel Besuch empfangen wurde.
Dreizehntes Kapitel
Ein hohes Rot bedeckte Fräulein Wardours Wangen, als sie nach einer Weile den Salon betrat.
»Es freut mich, daß Sie gekommen sind, meine schöne Feindin,« begrüßte der Altertümler sie aufs freundlichste, – »denn in meinem jungen Freunde hatte ich einen sehr gleichgültigen Zuhörer, als ich ihn in die Geschichte von Knockwinnock einweihte. Mich dünkt, die Gefahr von gestern nacht hat den armen Jungen schier um den Verstand gebracht. Aber Sie, Fräulein Isabella, Sie sehen aus, als ob das Fliegen durch die Nachtluft Ihre natürliche und liebste Beschäftigung sei. Ihre Gesichtsfarbe ist sogar besser als gestern, wie Sie zu meinem Hospitium kamen. Und Sir Arthur – wie geht es meinem alten Freunde?«
»Leidlich wohl, Herr Oldbuck, aber ich fürchte, er wird nicht in der Lage sein, Ihre Glückwünsche entgegenzunehmen oder Herrn – Herrn Lovel seinen Dank abzustatten für seine unvergleichliche Tat.«
»Ich hätte nicht beabsichtigt, mich aufzudrängen,« sagte Lovel, indem er zu Boden sah und zögernd und mit unterdrückter Erregung sprach, »ich war nicht willens, Sir Arthur zu belästigen – oder Fräulein Wardour ich weiß ja, daß ich unwillkommen sein muß, – da ich ja doch nur schmerzliche Erinnerungen wachrufe.«
»Halten Sie meinen Vater nicht für undankbar und ungerecht,« sagte Fräulein Wardour »Ganz gewiß,« fuhr sie fort, in der gleichen Beklommenheit wie Lovel, »ganz gewiß – ich bin überzeugt – würde sich mein Vater glücklich schätzen, seine Dankbarkeit zu erzeigen – auf irgend eine Weise – ich meine, auf eine Weise, die Herr Lovel wohl angeben könnte.«
»Ei, zum Kuckuck,« unterbrach sie Oldbuck, »lassen wir doch diesen Unsinn beiseite – Sir Arthur, wird uns schon ein andermal guten Tag sagen. – Was haben Sie für Nachricht aus dem Königreiche der unterirdischen Finsternis und der luftigen Hoffnung? Was sagt der schwarze Geist des Bergwerks? – Hat Ihr Vater gute Nachricht von seinem letzten Unternehmen in Glen-Withershins?«
Fräulein Wardour schüttelte den Kopf.
»Nicht der Rede wert, fürchte ich,« antwortete sie. »Aber dort liegen ein paar Proben, die vor kurzem hinuntergesandt worden sind.«
»Ach, meine armen lieben hundert Pfund, für die ich auf Sir Arthurs Zureden hin Anteile an diesem hoffnungsvollen Unternehmen genommen habe! – Wollen uns die Dinger mal ansehen!«
Mit diesen Worten setzte er sich an den Tisch, auf dem die Minenprodukte lagen, und fing an sie zu untersuchen, wobei er über jedes brummte, das er aufnahm und unbefriedigt wieder hinlegte.
Inzwischen war Lovel durch Oldbucks Verhalten, gewissermaßen in ein notgedrungenes Tête-à-tête mit Fräulein Wardour hineingeraten – er benutzte die Gelegenheit, sie mit leiser Stimme, in stockender Rede anzusprechen.
»Ich hoffe zuversichtlich, Fräulein Wardour wird es fast unwiderstehlichen Umständen zuschreiben, wenn sich in dieser Weise ein Mann, der Ursache hat, sich für einen so unwillkommenen Gast zu halten, in ihre Nahe gedrängt hat.«
»Herr Lovel,« antwortete Fräulein Wardour, den gleichen vorsichtigen Ton anschlagend, »ich glaube, ganz gewiß, daß Sie – ich bin überzeugt, daß Sie nicht der Mann sind, die Vorteile zu mißbrauchen, die Sie durch die uns erwiesenen Dienste über uns erlangt haben. Soweit sie meinen Vater betreffen, können diese Dienste nie hinreichend anerkannt oder vergolten werden. Könnte Herr Lovel mich sehen, ohne daß sein Gemütsfriede darunter litte – könnte er mich wie eine Freundin besuchen – wie eine Schwester – so wird niemand – und nach allem, was ich von Herrn Lovel gehört habe, würde er das auch vollauf verdienen – willkommner sein, aber –«
Im Innern wiederholte Lovel jetzt Oldbucks Verurteilung des leidigen Aber.
»Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie unterbreche, Fräulein Wardour. – Sie brauchen nicht befürchten, daß ich einen neuen Versuch machen würde, wo ich bereits so strenge Abweisung erfahren habe. Es ist aber streng genug, daß Sie meine Liebe abweisen, fügen Sie nicht noch die Grausamkeit hinzu, daß Sie mich zwingen wollen, meine Liebe zu verleugnen.«
»Sie bringen mich in größte Verlegenheit, Herr Lovel,« versetzte die Baroneß, »durch Ihre – ich möchte nicht gern ein hartes Wort gebrauchen – durch Ihre romantische hoffnungslose Hartnäckigkeit – nur um Ihretwillen bitte ich, denken Sie daran, daß unser Vaterland einen Anspruch hat auf Ihre reichen Talente. Vergeuden Sie doch nicht in müßiger grilliger Hingebung an eine schlecht angebrachte Verliebtheit die kostbare Zeit, die, in reger Tätigkeit klug angewendet, für Sie der Grundstein zu künftiger Auszeichnung wäre. Lassen Sie mich Sie ersuchen – fassen Sie einen männlichen Entschluß –«
»Es ist genug, Fräulein Wardour, ich sehe klar, daß –«
»Herr Lovel, Sie fühlen sich verletzt – und glauben Sie mir, mich selber schmerzt es, daß ich Ihnen weh tun muß. Aber kann ich, wenn ich gegen mich selbst gerecht und gegen Sie ehrenvoll handeln will, anders tun? – Ohne meines Vaters Einwilligung werde ich niemals Verkehr mit irgendwem unterhalten, und es ist ja ganz und gar unmöglich, daß er die Neigung begünstigen würde, mit der Sie mich beehren – Sie selber wissen ja vollkommen – und in der Tat ... .«
»Nein, Fräulein Wardour,« antwortete Lovel im Tone leidenschaftlicher Bitte, – »gehen Sie nicht weiter – es ist genug damit, daß Sie jede Hoffnung in unserer gegenwärtigen Lage zueinander vernichten – gehen Sie nicht weiter in Ihren Entschlüssen – warum wollten Sie mich wissen lassen, wie Sie sich verhalten würden, wenn Sir Arthurs Einwendungen sich beseitigen ließen?«