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Die Bäume der Allee sind bereits beschrieben worden – und noch viele andere stattliche Bäume standen umher, wie um die allgemeine Ansicht zu widerlegen, daß man in der Nähe des Meeres kein Nutzholz ziehen könnte.

Die beiden Männer machten Halt und schauten nach dem Schlosse zurück. Sie standen auf einem kleinen Hügel, über den ihr Heimweg hinführte. Das Gebäude warf seinen breiten Schatten auf das buschige Laub des Gestrüpps am Grunde, die Fenster der Vorderseite blitzten in der Sonne,

Die beiden, die jetzt danach hinsahen, betrachteten das Bild mit verschiedenen Empfindungen. Mit der zärtlichen Sehnsucht, die ihre Nährung aus Kleinigkeiten nimmt, war Lovel bemüht, herauszufinden, welche von den zahlreichen Fenstern zu dem Zimmer gehörten, das jetzt durch, Fräulein Wardours Anwesenheit geziert wurde.

Die Betrachtungen des Altertümlers waren von mehr melancholischer Art und kamen zum Teil zum Ausdruck in dem Rufe: cito peritura [Wie bald wirst du vergehen], während er sich von dem Anblick abwandte. Aus seiner Träumerei aufgeschreckt, sah Lovel ihn an, wie um ihn zu fragen, was er mit einem so böses verheißenden Ausrufe sagen wolle. Der alte Mann schüttelte den Kopf.

»Ja, mein junger Freund,« sagte er, »ich befürchte stark – und es preßt mir das Herz ab, daß ich es sagen muß – mit dieser alten Familie geht es rasch zu Grunde!«

»Wirklich!« rief Lovel. »Sie setzen mich aufs höchste in Erstaunen.«

»Umsonst härten wir uns ab,« fuhr der Altertümler fort, seinem eigenen Gefühls- und Gedankengange folgend, »vergeblich härten wir uns ab, daß wir mit der Gleichgültigkeit, die sie verdienen, die Wandlungen in dieser lumpigen firlefanzigen Welt hinnehmen – wir mühen uns fruchtlos ab, ein selbstgenügsames, unverwundbares Wesen zu werden – die stoische Erhabenheit, die die Philosophie uns über die Schmerzen und Verdrießlichkeiten des Lebens verleiht, ist ebenso eine Sache der Einbildung, wie der Zustand mystischer Gleichgiltigkeit und Vollkommenheit, auf den hirnverbrannte Enthusiasten hinarbeiten.«

»Verhüte der Himmel, daß es anders wäre!« sagte Lovel mit Wärme. »Verhüte der Himmel, daß ein philosophisches System imstande wäre, so sehr unsere Gefühle abzustumpfen und zu verhärten, daß sie durch nichts mehr in Wallung gebracht werden könnten, als was unmittelbar unsre eignen selbstischen Interessen angeht! Ehe jener Stoizismus, der mein Herz hart wie einen Mühlstein machen sollte, mein Ehrgeiz wäre, eher möcht ich wünschen, meine Hand wäre so schwielig wie Horn, daß sie gegen einen gelegentlichen Stich oder Riß unempfindlich wäre.«

Der Altertümler maß seinen jugendlichen Gefährten mit einem Blick halb des Mitleids und halb der Sympathie. Achselzuckend erwiderte er:

»Warten Sie, junger Mann, warten Sie, bis Ihre Barke sechzig Jahre lang im Sturme irdischen Unbestands herumgeworfen worden ist. Dann werden Sie es schon lernen, die Segel zu reffen, daß das Boot dem Steuer gehorcht, oder um mit der Sprache dieser Welt zu reden, Sie werden genug Mißgeschicke erfahren, die schon erduldet sind oder die noch zu erdulden sind, daß Sie Ihre Gefühle und Ihre Teilnahme sich in voller Frische erhalten und sich doch nicht mehr darum härmen, wie es andern ergeht, als eben unbedingt nötig ist.«

»Wohl, Herr Oldbuck, das mag ja sein, bis jetzt aber kann ich nicht anders, als am Schicksal der Familie, die wir eben verlassen haben, das tiefste Interesse zu nehmen.«

»Und dazu haben Sie auch Ursache,« erwiderte Oldbuck. »Sir Arthur ist in letzter Zeit in vielfältige und arge Schwierigkeiten geraten, und es wundert mich nur, daß Sie nicht schon davon gehört haben. Und dann seine albernen kostspieligen Unternehmungen mit diesem Landstreicher, dem Dusterschieler.«

»Ich glaube, diesen Mann habe ich gesehen, als ich durch einen seltnen Zufall mal in das Café zu Fairport gekommen bin – ein großer vierschrötiger Mensch mit buschigen Augenbrauen, der, wie es wenigstens meiner Unmaßgeblichkeit erschien, mit mehr Zuversicht als Sachkenntnis über wissenschaftliche Themata sprach, in sehr rechthaberischer Weise seine Meinungen darlegte und bekräftigte und seine wissenschaftlichen Ausführungen mit einem seltsamen Kauderwelsch von Mystizismus vermischte. Ein simpler Jüngling flüsterte mir zu, er wäre ein Erleuchteter und pflege Verkehr mit der unsichtbaren Welt.«

»Das ist er – das ist er – er hat genug praktische Kenntnisse, daß er zu denen, die in ihrer Borniertheit Respekt vor ihm haben, wie ein Gelehrter, ja wie ein Weiser reden kann, und daß ich die Wahrheit gestehe, diese Fähigkeit, zusammen mit seiner beispiellosen Unverschämtheit, hatte es auch mir eine Zeitlang angetan, als ich ihn kennen gelernt hatte. Aber seitdem habe ich erkannt, daß er, wenn er mit Eseln und mit Weibsvolk zusammen ist, sich als ein Charlatan durch und durch zeigt – dann spricht er vom Magistertum – von Sympathien und Antipathien – von der Kabbala – von der Wünschelrute und von all dem Humbug und Blendwerk, mit dem die Rosenkreuzer ein weniger aufgeklärtes Zeitalter zum Narren gehalten haben und das zu unsrer Schande in unsrer Zeit wieder in gewissem Grade zur Geltung gekommen ist. Mein Freund Heavysterne hat diesen Kerl im Auslande kennen gelernt und hat mir unabsichtlich – denn er, müssen Sie wissen, glaubt selber ein wenig an derlei Zeug – einen tiefen Einblick in die wahre Art dieses Gauners verschafft. Und nun hat dieser erbärmliche Lump und Quacksalber den letzten Schlag zur Vernichtung einer alten ehrenvollen Familie getan!«

»Aber wie hat er denn Sir Arthur soweit täuschen können, daß es der Ruin des Barons werden kann?«

»Ja, das weiß ich nicht – Sir Arthur ist ein gutmütiger, ehrenwerter Mann – aber mit dem Verstand ist es bei ihm nicht eben sehr weit her – wie man sagt, er ist gerade kein Kirchenlicht. Seine Besitzung ist ein unveräußerliches Gut laut testamentarischer Bestimmung, und so ist er immer schon in finanziellen Schwierigkeiten gewesen, der Schwindler versprach ihm goldene Berge, und es wurde eine, englische Gesellschaft gegründet, die große Summen hergab, und zwar, wie ich fürchte, gegen Sir Arthurs Bürgschaft. Einige Herren – ich selber bin auch mit unter den Eseln – haben sich, bei der Sache mit kleinen Beiträgen beteiligt, und Sir Arthur selber hat viel hineingesteckt. Wir wurden durch! falsche Vorwände und noch falschere Lügen hingehalten, und nun geht es uns wie John Bunyan, wir erwachen und erkennen, daß alles ein Traum war.«

»Es wundert mich, Herr Oldbuck daß auch Sie Sir Arthur durch Ihr Beispiel ermutigt haben.«

»Freilich,« sagte Oldbuck, und seine starken grauen Augenbrauen senkten sich, »das wundert und beschämt mich eigentlich selber. Es war nicht die Sucht, ein Geschäft zu machen. Kein Mann schert sich weniger – soweit es ein kluger Mann kann – um Geld als ich. Aber ich dachte, die kleine Summe könnte ich ruhig riskieren. Ich habe auch so eine Idee gehabt, als ob die Phönizier in alten Zeiten an eben derselben Stelle Kupfer gefunden Hütten. Dieser pfiffige Schurke, der Dusterschieler, hat meine Achillesferse zu finden verstanden und hat schnurrige Geschichten vorgebracht – hol ihn der Satan – daß alte Schächte und Spuren von Bergwerksarbeiten gefunden worden seien, die wären ganz andrer Art gewesen, als sie in unsrer Zeit ausgeführt würden, und ich –na kurz und gut, ich bin ein Esel gewesen, und damit basta! Ich verliere nicht viel – nicht der Rede wert, aber Sir Arthur sitzt, das weiß ich, tief drin, sehr tief, und das Herz tut mir weh um ihn und um die arme junge Dame, die sein Unglück teilen muß.«

Nach diesen Worten trat eine Pause in ihrem Gespräch ein. Wir nehmen die Fortsetzung im folgenden Kapitel wieder auf.

Vierzehntes Kapitel

Ner Bericht über Sir Arthurs verhängnisvolles Unternehmen hatte Oldbuck ein wenig abgebracht von seinem Vorsatz, Lovel auszufragen, zu welchem Zwecke er sich eigentlich in Fairport aufhalte. Nun aber war, er entschlossen, sein Verhör zu beginnen, »Fräulein Wardour kennt Sie schon von früher her, wie sie mir sagt, Herr Lovel?«