»Er hätte das Vergnügen gehabt,« antwortete Lovel, »sie bei Frau Wilmot in Yorkshire zu sehen.«
»Nanu! Sie haben mir davon noch gar nichts gesagt und haben Sie auch nicht wie eine alte Bekannte begrüßt.«
»Ich – ich wußte nicht gleich,« sagte Lovel in großer Verlegenheit, »daß es dieselbe Dame war, bis wir uns sahen, und dann war es doch meine Pflicht, zu warten, ob sie mich wiedererkennen würde.«
»Ich verstehe Ihr Zartgefühl. Der Ritter ist ein peinlich formeller alter Schafskopf, aber ich verspreche Ihnen, seine Tochter ist über all diese unsinnigen Zeremonien und Vorurteile erhaben. Und da Sie nun hier neue Freunde gefunden haben, darf ich Sie fragen, ob Sie Fairport auch nun noch so bald verlassen werden, wie Sie vorhatten?«
»Wie, wenn ich nun Ihre Frage durch eine andre beantworte?« versetzte Lovel. »Wie, wenn ich Sie frage, was halten Sie von Träumen?«
»Von Träumen, närrischer Junge? – ei, was sollt ich von ihnen halten? Für mich sind Sie Trugbilder der Phantasie, die sich einstellen, wenn die Vernunft die Zügel fallen laßt. – Ich kenne keinen Unterschied zwischen ihnen und den Halluzinationen des Irrsinns – in beiden Fällen gehen die unbewachten Pferde mit dem Wagen durch – nur ist im einen Fall der Kutscher betrunken, und im andern schläft er.«
»Dann sagen Sie mir,« fuhr Lovel fort, »wie geht das zu? Als ich noch nicht ganz schlüssig war, ein Unternehmen aufzugeben, das ich vorschnell vielleicht begonnen habe, ist mir gestern nacht im Traum Ihr Ahnherr erschienen und hat mir einen Sinnspruch gezeigt, der mich zur Ausdauer ermutigte. Warum sollen mir diese Worte in den Sinn gekommen sein, die ich mich nicht erinnern kann, je vorher gehört zu haben, die in einer mir unbekannten Sprache sich mir zeigte und die mir doch in der Übersetzung eine Lehre erteilt haben, die sich so klar auf meine Verhältnisse anwenden läßt?«
Der Altertümler brach in lautes Lachen aus.
»Entschuldigen Sie, mein junger Freund, aber so betrügen wir blöden Sterblichen uns selber und schauen draußen nach Beweggründen um, die doch nur in unserem eigenen launischen Willen entsprungen sind. Ich denke, ich kann Ihnen erklären, wie dieses Gesicht entstanden ist. Gestern nach Tisch waren Sie so tief in Gedanken versunken, daß Sie meine Debatte mit Sir Arthur nicht verfolgt haben, bis wir wegen der Pikten-Könige in Streit gerieten, der dann zu so jähem Abbruch kam. Aber ich erinnere mich, daß ich Sir Arthur ein von meinem Ahnherrn gedrucktes Buch gezeigt habe und daß ich ihn auf den Wahlspruch aufmerksam gemacht habe. Ihr Geist war anderswo, aber Ihr Ohr hat mechanisch die Worte aufgefangen und behalten, und Ihre geschäftige Phantasie, die obendrein noch durch das Ammenmärchen meiner Schwester Griselda außer Rand und Band gebracht worden war, hat diese Brocken deutscher Sprache in Ihren Traum verwebt. Daß der Verstand im Wachen nach einem so läppischen Umstand griff, als nach einem Vorwand und einer Entschuldigung, um bei einem Unternehmen zu beharren, das fortzuführen er keine bessere Berechtigung finden konnte – das ist eben weiter nichts als so ein Gaukelspiel oder Hokuspokus, wie es die Gescheitesten unter uns ab und zu spielen, um einer Neigung zu folgen auf Kosten des Verstandes.«
»Allerdings,« sagte Lovel, tief errötend, »ich glaube, Sie haben recht, Herr Oldbuck. Ich müßte wohl in Ihrer Achtung sinken, wenn ich einer so nichtssagenden Geschichte auch nur auf einen Augenblick Bedeutung und Wirkung in die Zukunft beimessen wollte; ich befand mich aber in einem Widerstreit von Gefühlen und Entschlüssen, und Sie wissen, ein wie leichtes Tau ein Boot zu ziehen vermag, wenn es auf den Wellen schwimmt, während ein Kabel es kaum ein Stückchen wegrücken kann, wenn es auf den Strand gezogen ist.«
»Recht, recht,« sagte der Altertümler, »in meiner Achtung fallen? Nicht ein bißchen – nur um so mehr habe ich Sie lieb, Mann – ei, nun haben wir jeder unser Märchen, und ich brauche mich nicht mehr so zu schämen, daß ich mich mit dem verflixten Prätorium da blamiert habe – aber ich bin immer noch fest überzeugt, daß Agricolas Lager hier in der Drehe herum gewesen ist. Und nun, Lovel, mein Junge, seien Sie offen zu mir, warum haben Sie Ihr Land und Ihren Beruf verlassen und halten sich hier so müßig in Fairport auf? Lust zum Faulenzen, fürchte ich.«
»Das stimmt auch,« sagte Lovel, indem er sich geduldig in ein Verhör fügte, dem er nicht gut ausweichen konnte. »Doch ich bin so von der Welt losgelöst, habe so wenige, an denen ich ein Interesse habe oder die an mir ein Interesse haben, daß eben dieser Zustand der Einsamkeit mich unabhängig macht. Wer so dasteht, daß es ihn ganz allein angeht, ob es ihm gut oder böse geht, der hat auch ein gutes Recht, sich seinem Schicksal ganz nach seinem Geschmack zu überlassen.«
»Verzeihen Sie, junger Mann,« sagte Oldbuck, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte und stehen blieb. » Sufflamina! ein bißchen verpusten! – Ich will annehmen, daß Sie keine Freunde haben, die an Ihrem Erfolg im Leben teilnehmen oder sich freuen würden, daß Sie nicht zurückblicken können auf die, denen Sie Dankbarkeit schuldig sind – noch auch vorwärts auf die, denen Sie Schutz gewähren sollen – aber es liegt Ihnen deswegen nicht weniger ob, stetig und unentwegt auf dem Pfade der Pflicht weiterzuwandeln – denn daß Sie tätig sind und mitarbeiten, das sind Sie nicht nur der Gesellschaft schuldig, sondern auch in demütiger Dankbarkeit dem Wesen, das Sie zu einem Mitgliede der Gesellschaft gemacht hat und Ihnen die Fähigkeiten gegeben hat, Ihnen selber und andern zu helfen.«
»Aber ich bin mir gar nicht bewußt, daß ich solche Fähigkeiten besitze,« sagte Lovel, ein wenig ungeduldig; – »ich verlange selber nichts von der Gesellschaft, als die Erlaubnis, harmlos meines Weges durchs Leben zu pilgern, ohne andere anzurempeln oder mich von andern anrempeln zu lassen. Ich bin keinem Menschen was schuldig – ich habe die Mittel, ein völlig unabhängiges Leben zu führen, und so bescheiden sind meine Wünsche in dieser Hinsicht, daß diese meine Mittel, wenn sie auch beschränkt, fast noch zu reichlich für mich sind.«
»Je nun,« sagte Oldbuck, nahm die Hand weg und ging weiter, »wenn Sie so durch und durch Philosoph sind, daß Sie denken, Sie hätten ja Geld genug, dann ist dazu nichts weiter zu sagen. Ich wüßte auch nicht, daß ich befugt wäre, Ihnen einen Rat zu geben. Sie haben die akme – die Höhe der Vollkommenheit erreicht. Und wie kam denn Fairport dazu, die auserlesene Wohnstätte so selbstverleugnender Philosophie zu werden? Es gibt in Fairport kaum einen, der nicht ein ausgesprochener Verehrer des goldenen Kalbes wäre – des ungerechten Mammons – ei, sehen Sie, Mann, selbst ich bin derartig von der schlechten Nachbarschaft angesteckt, daß ich mitunter Neigung verspüre, mit vor dieser Gottheit zu Kreuze zu kriechen.«
»Mein Zeitvertreib ist in der Hauptsache die Literatur,« antwortete Lovel, »und Verhältnisse, die ich nicht erwähnen kann, haben mich bewogen, den Militärdienst zu verlassen, und so habe ich mich denn in Fairport niedergelassen, weil ich an diesem Orte am wenigsten Störungen in meiner Beschäftigung ausgesetzt bin, wie sie der regere gesellschaftliche Verkehr in einer vornehmeren Stadt mit sich gebracht hätte.«
»Aha!« versetzte Oldbuck pfiffig. »Jetzt verstehe ich so langsam, in welchem Sinne Sie das Motto meines Ahnherrn anwenden. Sie sind einer, der sich um die Gunst des Publikums bewirbt, wenn auch nicht von jener Art, wie ich zuerst vermutete. – Sie haben den Ehrgeiz, als literarische Person zu glänzen, und Sie hoffen, Gunst zu verdienen durch Fleiß und ausdauernde Arbeit.«
Lovel fühlte sich durch die fast zudringliche Wißbegier des alten Herrn in die Enge getrieben und meinte, es sei das beste, ihn in dem Irrtum zu lassen, auf den er ganz ohne eigentlichen Grund nun wieder gekommen war.
»Zu Zeiten bin ich allerdings so töricht gewesen,« erwiderte er, »derartige Gedanken zu hegen.«