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»Ach, armer Bursche! es gibt überhaupt nichts Traurigeres! Außer denn Sie hätten sich, wie das bei jungen Leuten manchmal so ist, in irgend ein albernes Frauenzimmer verliebt.«

Dann fragte er weiter, wobei er manchmal so freundlich war, sich seine Fragen selber zu beantworten. Denn von seinen antiquarischen »Stöbereien« her hatte dieser gute alte Herr eine wahre Wonne daran, aus Vermutungen, die oftmals gar keine feste Grundlage hatten, Theorien aufzubauen; und da er, wie der Leser schon bemerkt haben muß, ziemlich rechthaberisch war, so ließ er es sich nicht gern bieten, sich in faktischen Angaben oder in Urteilen berichtigen zu lassen, und sei es selbst von denen, die vor allem an den Gegenständen, über die er Betrachtungen anstellte, beteiligt waren. So fuhr er denn fort, sich Lovels literarische Laufbahn selber auszumalen. »Und womit wollen Sie den Anfang machen?« fragte er dann schließlich.

»Ich habe vorderhand noch nicht daran gedacht, etwas zu veröffentlichen.«

»Na, bloß keine solche Romanzen oder so einen Quark von Novellen! Sie mühten sich gleich auf erhabenen Boden stellen. Was meinen Sie zu einem echten Epos? zu dem altmodischen, aber großartigen historischen Gedicht, das zwölf oder vierundzwanzig Bande lang war – so etwas müßten wir machen – den Stoff will ich Ihnen verschaffen: Die Schlacht zwischen den Kaledoniern und den Römern – die Kaledoniade, oder der siegreich abgewehrte Einfall, so müßte der Titel sein! Das würde auch dem gegenwärtigen Geschmack entsprechen und Sie könnten damit einen Schlager machen.«

»Aber Agricolas Einfall ist ja nicht siegreich abgewehrt worden.«

»Nein doch, aber Sie sind ein Dichter – Sie können sich eine dichterische Freiheit erlauben und die Römer trotz Tazitus aufs Haupt schlagen lassen.«

»Und Agricolas Lager soll aufgeschlagen sein auf dem Kaim of – wie nannten Sie es doch gleich,« antwortete Lovel, »trotz Edie Ochiltree?«

»Nichts mehr davon, sofern Sie mich lieben! Und doch können Sie nach beiden Seiten hin das rechte treffen, trotz der Toga des Historikers und dem blauen Kittel des Bettlers.«

»Ein vortrefflicher Rat – wohl, ich will mein bestes tun! Sie werden mir freundlichst mit Ihrer Lokalkenntnis zur Hand gehen?«

»Ob ich will, Mann! Ei, ich schreibe die kritischen und historischen Noten zu jedem Gesange und werde den Plan zur Geschichte selber entwerfen. Ich habe selber poetische Begabung, nur habe ich es nie fertig gebracht, Verse zu schreiben. Mit meinem Namen möchte ich allerdings nicht an die Öffentlichkeit treten – im Vorwort kann ja der Dank für die Beihilfe eines gelehrten Freundes ausgesprochen werden, wie Sie das machen wollen – schriftstellerische Eitelkeit liegt mir durchaus fern.«

Diese Erklärung machte Lovel Spaß, denn sie stand in offenkundigem Widerspruch zu der großen Begierde, mit der der alte Herr eine Gelegenheit, an die Öffentlichkeit zu treten, ergriff. In der Tat war der Altertümler sehr erfreut, denn wie viele Männer, die ihr Lebenlang im Verborgenen literarische Untersuchungen betrieben haben, hegte er den geheimen Ehrgeiz, etwas drucken zu lassen und war bisher nur immer durch mangelndes Selbstvertrauen, Furcht vor der Kritik und gewohnheitsmäßige Gleichgültigkeit und Aufschub für später davon abgekommen.

»Aber,« dachte er bei sich, »ich kann meine Pfeile hinter dem Schild meines Verbündeten her loslassen, und falls es sich herausstellen sollte, daß er kein Dichter erster Klasse ist, so bin ich für seine Mangelhaftigkeit nicht verantwortlich, und die guten Noten werden für einen unbedeutenden Text entschädigen. Aber er ist – er muß ein guter Dichter sein – er hat alles, was dazu gehört – er beantwortet selten eine Frage, ehe sie nicht gestellt worden ist – er trinkt seinen Tee kochend heiß – er ißt, ohne zu wissen, was er in den Mund steckt. Das ist der echte divinus afflatus, der den Dichter über die Beschränktheit dieser irdischen Dinge hinausträgt. Auch seine Traumgeschichte deutet auf dichterischen Wahnsinn – ich muß daran denken, Caxon zu ihm zu schicken, der muß darauf sehen, daß er des Nachts seine Kerze auslöscht – Dichter und Träumer sind hierin leicht sehr nachlässig.«

Dann wandte er sich an seinen Gefährten und fuhr laut also fort:

»Ja, mein lieber Lovel, ich will Ihnen die vollständigen Noten liefern, ich denke, wir können meine ganze Abhandlung über die Kunst des Lagerbaues aufnehmen.«

»Aber wir müssen auch die Herstellungskosten bedenken,« sagte Lovel, der absichtlich versuchen wollte, ob diese Andeutung auf den Eifer seines Mitarbeiters abkühlend wirken würde.

»Die Kosten,« sagte Herr Oldbuck, blieb stehen und suchte mechanisch in seiner Tasche herum. »Das ist wahr, ich will Ihnen was sagen, ich glaube, ich kenne einen Buchhändler, der sehr viel auf meine Meinung gibt. Ich werde Papier und Druck bezahlen, und für Sie will ich soviel Exemplare verkaufen lassen, als irgend möglich ist.«

»O, mir geht es nicht um den Verdienst,« antwortete Lovel lächelnd. »Ich möchte nur dabei nicht etwa Geld zusetzen.«

»Pst! pst! dafür wollen wir schon sorgen! Die Verleger sollen uns dafür schon aufkommen. Ich wünsche sehnlichst, daß Ihre Arbeiten belohnt werden. Sie werden natürlich den fünffüßigen Jambus wählen, ganz ohne Frage! – das macht sich bei einem historischen Stoffe großartiger, und, wie mich dünkt, mein Freund, schreiben sich die Jamben auch leichter.«

Über diesem Gespräch hatten sie Monkbarns erreicht, wo sie gerade zur rechten Zeit eintrafen, denn eben läutete Hanne die Glocke zum Mittagstisch.

Fünfzehntes Kapitel

Wir lassen Herrn Oldbuck und seinen Freund beim Mittagsmahl und begeben uns in die Hinterstube beim Postmeister zu Fairport, wo eben die Frau Postmeisterin, da der Herr Postmeister selber nicht zugegen ist, damit beschäftigt ist, die letzte Post von Edinburgh zur Bestellung zu sortieren.

In Landstädtchen ist dies dann oft die Stunde, zu der Klatschbasen sich das Vergnügen machen, die Postmeisterin zu besuchen, um an der Außenseite von Briefen oder, sofern ihnen damit nicht zuviel nachgeredet wird, manchmal auch an dem, was darin steht, ihre Neugierde zu befriedigen oder allerlei Schlüsse über den Briefwechsel ihrer Nachbarsleute zu ziehen. Zwei Frauenzimmer dieser Sorte waren diesmal zugegen, um Frau Briefbeutel in ihrer amtlichen Tätigkeit zu unterstützen oder vielmehr zu behindern.

»Ei, Gott soll hüten,« sagte die Schlächtersfrau, »da sind ja zehn, elf, zwölf Briefe an Tennant & Co. – die Leite machen mehr Geschäfte als alle anderen in der Stadt.«

»Ja, aber sehen Sie nur, Frau Gevattern, da sind zwei davon so dick versiegelt, vielleicht sind nur Wechsel drin, die zum Protest kommen.«

»Ist noch kee Brief da für Hanne Caxon?« fragte die Frau der Schinken und Gekröse. »Der Leitnant is doch nu drei Wochen weg.«

»Vorchen Dinnstag war eener gekommen,« sagte die Postmeisterin.

»E Brief vom Schiffe?«

»Freilich!«

»Der war jedenfalls vom Leitnant,« sagte die Wurstmadame ein wenig enttäuscht, »ich hätt mersch nich lassen traimen, daß er, wo er erscht weg war, noch hinter ihr hergucken däte.«

»I du meine Giete, hier is schone widder eener!« sagte Frau Briefbeutel.

»E Brief vom Schiffe – Poststempel Sunderland.«

Alle stürzten hinzu und griffen danach.

»Ne, ne, meine Damen!« wandte Frau Briefbeutel ein. »Davon habe ich noch die Nase voll! Wissen Sie noch, was forne Schererei mein Mann vom Amte in Edingburgh gehabt hat, weil sich Aily Bisset beschwert hatte – der ihren Brief hatten sie uffgemacht, Frau Kurzweck.«

»Ich un uffgemacht?« entgegnete die bessere Hälfte des ersten Bäckers von Fairport. »Meine Gutste, Sie wissen doch wohl selber, wie ich den in die Hand bekam, da war er schon von selber uffgegangen ... Was gonnt ichn nachens dadervor? sollten doch de Leite bessern Siegellack zum Zuklähm nähm!«