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»Na, das is nune ganz wurscht!« sagte Frau Briefbeutel. »Ich habe nischt d'rgegen, daß Sie die Briefe sich von außen angucken dun – gucken Se, das Siegel hier hat e Anker druff. Den hat er sicher mit eenem von seine Knöppe druffgedrickt.«

»Herzeigen! herzeigen!« sagten die Weiber vom ersten Bäcker und vom ersten Schlächter und fielen über den mutmaßlichen Liebesbrief her.

Frau Hackebein war eine große Frau und hielt den kostbaren Brief zwischen ihren Augen und dem Fenster empor. Frau Kurzweck war eine kleine steife Person und reckte sich, so hoch es gehen wollte, um auch etwas zu sehen.

»Der is von ihm,« sagte die Schlächterin. »In der Ecke hier kann ich seinen Namen Richard Taffril lesen.«

»Halten Sie ihn doch e bißchen tiefer, Gutste,« rief Frau Kurzweck. »Denken Sie denn, Sie kenn alleene bloß Geschriemnes lesen?«

»Pst! pst! ums Himmelswillen!« rief Frau Briefbeutel. »s is wer im Laden!« dann setzte sie laut hinzu: »Geh, sieh nach de Gunden meine Gleene!«

Die Kleine – Frau Briefbeutels dienstbarer Geist – rief gleich darauf vom Laden herein:

»Hanne Caxon is es, Frau Meestern, ob e Brief für sie da wäre?«

»Sag ihr,« erwiderte die zuverlässige Postmeisterin, indem sie ihren Gefährtinnen zublinzelte, »sie soll morchen frieh um zehne noch emal widdergummen – mir han noch geene Zeit gehabt, die Post zu sortieren – die hats egal brenzlich, als ob ihre Brief mehr wert wärn, als die von de besten Koofleite in der Stadt.«

Das arme Hannchen, ein sehr bescheidenes und sehr schönes Mädchen, konnte sich nur in ihren Mantel hüllen, um ihre Enttäuschung nicht sehen zu lassen, und wieder heimkehren, noch eine Nacht das Herzweh zu erdulden, das verzögerte Hoffnung schafft.

»Nu, ihr Vater is bloß e Balbier un sie is enne Mantelnäherin,« sagte die mildherzige Frau Hackebein. »Was so eener bloß einfällt, mit e Leitnant zu verkehren!«

»Das is ja richtig,« sagte Frau Briefbeutel, »aber für de Post sin se grade was scheenes diese Liebesbriefe – gucken Se, da sin fimf oder sechs Briefe für Sir Arthur Wardour – merschdendeels sin se mit Oblaten zugeklebt, nich mit Siegellack – da gibt's bald e großen Krach, das kenn Se mir gloom.«

»Ja, ja, Hochmut kommt vor dem Fall,« sagte Frau Hackebein. »Bei mein' Mann hat er e ganzes Jahr lang schon keene Rechnung mehr bezahlt. Ich gloobe, bei die Leite stinkt's schone.«

»Na, un bei uns seit e halm Jahre nich!« setzte Frau, Kurzweck hinzu. »Ich gloobe, mit die steht's schone brenzlich!«

»Da is e Brief,« unterbrach sie die gewissenhafte Postmeisterin, »da is e Brief von sein' Sohn, den Kapitän – sieht ganz so aus, nach den Siegel zu schließen. Er wird wahrscheinlich nach Hause gommen un sehen, was aus dem Feier zu retten is.«

Mit dem Baron waren sie nun fertig – jetzt kam der Gutsbesitzer an die Reihe.

»Zwee Briefe für Monkbarns – die sin von e paar von sein gelehrten Freinden. Ganz eng sin se beschriem bis ans Siegel nunter und bloß, damits keen Doppelbrief kosten dut. Wenn er selber e Brief wegschickt, dann nutzt ers Gewicht so genau aus, daß enne Stecknadel dazugetan, das Iebergewicht fertig machen däte – un nich e eenzchesmal dut er zuviel nein!«

»Ja, das is e Geizkragen, der Herr von Monkbarns,« sagte Frau Hackebein. »Der handelt Sie im August um eene Hammelkeile ebenso wie um e Rindervertel!«

»Na, ich willn nischt Schlechtes nachsagen,« setzte Frau Kurzweck hinzu, »die Leite nehm 's Friehstick von uns, un er gommt alle Wochen bezahln.«

»Na, nu sehn Sie aber emal hier!« unterbrach sie Frau Briefbeutel. »Hier gibts was zu sehn! Was däten Sie wohl drum gäm, wenn Sie wißten, was in dem Briefe drinne stehn dut? Das is enne ganz neie Sorte – so eenen habch noch nich gesehn – an Herrn William Lovel, Wohlgeboren, bei Frau Hadoway, Hohe Straße, Fairport. Das is der zweete Brief, der an ihn gommt, seit er hier is.«

»I du liebe Giete! Lassen Sie doch emal sehn! I du liebe Giete, dun Sie doch emal herzeigen! Das is ja der Mensch, von dem de ganze Stadt nischt weeß – un e hibscher Kerl is es ooch – i lassen Se doch emal sehn!«

»Ne, ne, meine lieben Damen, bleim Sie mir von Leibe! Gehn Se weg!« rief Frau Briefbeutel, »Das is keener von die gewehnlichen Briefe – hier is enne Anweisung vom Amt in Edinburgh dabei, daß der Brief durch Eilboten an den jungen Mann bestellt werden soll, oder nachgeschickt, wenn er nich zu Hause is. Ne, ne, liebe Damen, lassen Sie die Finger dad'rvon. Hier derf mer keene Mätzchen machen.«

»Aber von außen kenn Sie 'n uns doch emal angucken lassen!«

Von außen war nichts zu sehen. Die Sendung war in starkes, dickes Papier gehüllt, das für die neugierigen Augen der Klatschbasen undurchdringlich war, wenn sie auch darauf hinstierten, als sollten ihnen die Augen aus den Höhlen fallen. Das Siegel war ein guter tiefer Wappenabdruck, und es war nicht daran zu denken, es zu lösen.

»Na, mir wolln e bischen drieber schwatzen,« sagte die Postmeisterin. »Gleene, bring Deewasser! Ich dank Ihnen ooch scheen, Frau Gurzweckn, fier die scheenen Guchen. Den Laden machen mir zu, bis mei Mann heemegommt.«

»Aber wollen Sie nich erscht den Brief an Herrn Lovel schicken?« fragte Frau Hackebein.

»Ich will unsern gleen David schicken, der alte Caxon hat mir gesagt, Herr Lovel war heite 'n ganzen Tag in Monkbarns. Wenn Sie mir Ihr Färd borchen wollten, da kennt er hinreiten.« Dementsprechende Weisungen wurden erteilt, das ungefüge Pony wurde aus dem Stall geholt und gesattelt – und David (einen ledernen Postsack um die Schulter) wurde auf den Sattel gehoben, wobei ihm eine Träne im Auge glänzte, er bekam auch eine Peitsche in die Hand. Der Schlächterbursch führte das Tier zur Stadt hinaus, und als es seine Peitsche knallen und sein wohlbekanntes Halloh hörte, setzte es sich in Bewegung und trabte gegen Monkbarns zu.

Der Ritt verlief jedoch so einfach nicht. Als das Tier verspürte, wie David, dessen kurze Beine nicht hinreichten, das Gleichgewicht zu bewahren, auf seinem Rücken auf und nieder hüpfte und hin und her rutschte, da fing es an, den Peitschenhieb und den Zuruf des Schlächterburschen zu vergessen und sich an die schwächlichen Weisungen seines neuen Reiters gar nicht zu kehren.

Zuerst verfiel es nur in eine langsamere Gangart, das war nun freilich seinem Reiter gar nicht unangenehm, denn dem tat schon der Leib weh von dem schrecklichen Galopp bisher, er benutzte die Gelegenheit dieses gemütlichen Schrittganges und knabberte ein Stück Pfefferkuchen, das ihm die Mutter mit auf den Weg gegeben hatte. Allmählich fing nun das Pony an, den Rand des Weges abzugrasen. Verblüfft über diese Anzeichen eigenwilliger Auflehnung, und vor lauter Angst, daß er herunterfallen könnte, erhob der kleine David, dem der Zügel entfallen war, die Stimme und weinte laut.

In dieser hilflosen Lage fand ihn Edie Ochiltree, der gerade des Weges daherkam,

»Wer bist du und wohin willst du?« fragte er ihn.

»Ich bin der kleine David,« heulte der Bengel, »und soll mit einem Briefe nach Monkbarns.«

Das Herz des alten Edie war rasch gerührt, wenn es sich um ein Kind handelte. »Ich habe zwar dort jetzt nichts zu suchen,« dachte er, »aber das ist schließlich doch immer noch das beste an meinem Leben, daß ich nie einen falschen Weg gehen kann. In Monkbarns werden sie mir gern Obdach gehen, und so will ich denn den Jungen hier hinbringen.«

Er griff daher nach den Zügeln des Tieres.

Auf dem Hügel Kinprunes, wohin der Altertümler Lovel geführt hatte, erging sich der alte Herr, wieder ausgesöhnt mit dem geschmähten Platze, des langen und breiten über die Szenerie, die zu einer Beschreibung von Agricolas Lager im Morgengrauen zu wählen sei, als er den Bettler und seinen Schützling erblickte.

Der Bettler erklärte, was ihn herführe, und der kleine David, der absolut auf einer buchstäblichen Ausführung seines Auftrages bestehen und nach Monkbarns reiten wollte, war nur schwer dazu zu bewegen, den Brief an den Adressaten auszuhändigen, obwohl er diesen eine halbe Meile noch vor dem Ziele seines Rittes traf.