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Nach dieser Vereinbarung trennten sich die beiden Freunde.

Siebzehntes Kapitel

Der Freitagsmorgen war so heiter und schön, wie wenn keine Vergnügungspartie geplant wäre; denn in der Tat ist dies in Romanen wie im wirklichen Leben ein seltenes Zusammentreffen. Unter dem erheiternden Einfluß des Wetters und in der Freude, daß er noch einmal Fräulein Wardour sehen solle, trabte Lovel in besserer Stimmung, als er seit langem gehabt hatte, nach dem Platze, wo die Gesellschaft zusammenkommen sollte.

In mancher Hinsicht schien die Zukunft offener und heller vor ihm zu liegen. Die Hoffnung, ob sie auch erst wie die Morgensonne durch Wolken und Regenschauer brach, schien doch nun sich anzuschicken, den Pfad vor ihm zu beleuchten. Wie bei solcher Stimmung zu erwarten war, traf er als erster an dem Platze ein, und wie ferner vorauszusehen war, haftete sein Blick so gespannt auf der Straße nach Schloß Knockwinnock, daß er die Ankunft der Abteilung Monkbarns nicht eher gewahr wurde, als bis der Postillon, der hinter ihm herangepoltert kam, ihm sein Juhuhp! zurief.

In dieser Kutsche waren untergebracht: zuvörderst die stattliche Gestalt des Herrn Oldbuck selber, zweitens die kaum minder umfängliche Person seiner Ehrwürden des Herrn Heulmeier, Pfarrers von Trotcosey, dem Sprengel, in welchem Monkbarns und Knockwinnok lagen. Der ehrwürdige Herr trug eine krause Perücke und darüber einen Dreispitz. Die Perücke war das Vorbild der drei noch übrigen Perücken des Sprengels, die untereinander verschieden waren – so bemerkte Monkbarns – wie die drei Vergleichungsgrade: Sir Arthurs war der Positiv, seine der Komparativ und die gewaltige graue des Pfarrers der Superlativ. Der Pfleger dieser antiken Kopfputze meinte bei einer Gelegenheit, wo sie alle drei beieinander waren, nicht gut fehlen zu dürfen, und hatte sich hinten auf den Wagen gesetzt, um »zur Hand zu sein, wenn die Herren vorm Mittagessen rasch noch mal frisiert sein wollten.«

Zwischen den massigen Gestalten von Monkbarns und dem Prediger war wie ein kleiner überflüssiger Gegenstand das schlanke Figürchen der Marie M'Intyre eingeklemmt worden – ihre Tante hatte es vorgezogen, einen Besuch in der Pfarre zu machen und sich lieber mit Fräulein Beckie' Heulmeier einmal hübsch auszuplaudern, als, eine Besichtigung der Ruinen der Abtei St. Ruth mitzumachen.

Als zwischen der Monkbarns-Gesellschaft und Lovel die Begrüßung eben beendet war, kam die Kutsche des Barons, eine offene Kalesche, auf dem Versammlungsplatze schneidig vorgefahren. Mit den dampfenden Pferden, den schmucken Kutschern, dem Wappen am Schlag und den beiden Leibjägern stach sie kraß ab gegen die ausgeleierte »Familienfuhre«, die den Altertümler und seinen Anhang hergebracht hatte.

Den Vordersitz im Wagen hatten Sir Arthur und seine Tochter inne. Beim ersten Blick, den die junge Dame mit Lovel wechselte, errötete sie stark, aber sie hatte sich augenscheinlich vorgenommen, ihn als Freund zu begrüßen, und nur als solchen, und in ihrem Wesen lag Fassung und Höflichkeit zugleich, als sie seinen verwirrten Gruß erwiderte.

Sir Arthur ließ die Kalesche halten, um seinem Retter freundlich die Hand zu drücken und zu versichern, daß es ihm ein großes Vergnügen sei, ihm persönlich Dank abzustatten, und dann setzte er hinzu, wie die Herren nebenher einander vorstellend:

»Herr Dusterschieler, Herr Lovel.«

Lovel nahm, da es nicht zu umgehen war, Notiz von dem deutschen Adepten, der auf dem Rücksitz im Wagen saß – ein Platz, der gewöhnlich geringern Personen oder Untergebenen angewiesen wurde. Das breitfertige Grinsen und die kriechende Verneigung, mit der sein ziemlich flüchtiger Gruß von dem Ausländer erwidert wurde, erhöhten noch den innerlichen Widerwillen, den Lovel schon gegen ihn gefaßt hatte. Aus dem unfreundlichen Scheelblick, den der Altertümler unter seinen buschigen Brauen nach ihm hinwarf, ging deutlich die gleiche Abneigung hervor.

Die Teilnehmer der Partie grüßten einander überhaupt nur oberflächlich, bis sie von dem Platz des Zusammentreffens aus etwa noch drei englische Meilen weiter gefahren waren. Dann machten die Wagen Halt beim Schilde des Gasthofes zu den vier Pferdehufen – einer kleinen Herberge. Hier öffnete Caxon untertänig die Tür der Postkutsche und ließ das Trittbrett herunter, während die Insassen der Baronskalesche von ihren höfischeren Dienern aus der Equipage hinauskomplimentiert wurden.

Hier fanden nun von neuem Begrüßungen statt. Die jungen Damen schüttelten sich die Hand, und Oldbuck, vollkommen in seinem Element, setzte sich als Führer und Cicerone an die Spitze der Partie, die von hier aus zu Fuße sich nach ihrem Ziele begeben sollte. Er traf Sorge, Lovel dicht an seiner Seite zu halten, weil er der dankbarste Zuhörer der Gesellschaft war, und warf ab und zu ein erklärendes Wort Fräulein Wardour und Marie M'Intyre zu, die als nächste folgten. Den Baron und den Prediger ließ er beiseite, weil er sehr wohl wußte, daß die beiden sich einbildeten, sie verstünden das alles ebenso gut, ja wohl noch besser als er; und Dusterschieler war, abgesehen davon, daß er ihn als Charlatan ansah, in so enger Beziehung zu seinem befürchteten Verlust bei dem Bergwerksgeschäfte, daß er seinen Anblick gar nicht vertragen konnte. Diese beiden letzteren Satelliten kreisten daher um den Planeten Sir Arthur, der ja auch als die wichtigste, vornehmste Person der Gesellschaft auf diese Aufmerksamkeit das meiste Anrecht hatte.

Es trifft sich oft, daß die schönsten Punkte schottischer Landschaft in einem abgelegenen Tale liegen, und man kann im ganzen Lande herumreisen, ohne von der großen Nähe einer wahren Sehenswürdigkeit etwas zu merken, wenn nicht Absicht oder Zufall einen an den Fleck selber führt. Das ist besonders in der Gegend um Fairport herum der Fall, die im allgemeinen offen, ohne Einschnitte und flach daliegt. Aber doch gelangt man hie und da, wenn man einem Gewässer oder einem kleinen Flusse weiter folgt, in Schluchten oder, wie man dort zu Lande sagt, Klammen, auf deren hohen Felsenrändern Bäume und Gestrüpp aller Art sich festgenistet haben und in üppiger Fülle wuchern – was durch den unerwarteten Kontrast zu dem allgemeinen Gesicht der Gegend um so reizender wirkt.

Diesen Eindruck hatte man in hohem Maße, wenn man den Ruinen von St. Ruth sich näherte. Der Weg war eine ganze Strecke lang nur ein Schafpfad, der am Abhang eines steilen kahlen Hügels entlang führte. Allmählich aber – der Pfad schlängelte sich um die Flanke der Höhe herum und führte zu Tal – erschienen Bäume, erst vereinzelt, verkümmert und versehrt, mit Flocken Wolle an den Stümpfen. Die Wurzeln waren ausgehöhlt zu Schlupfwinkeln, in denen die Schafe gern ruhen, ein Anblick, der allerdings einen Bewunderer des Malerischen mehr entzücken mochte als einen Pflanzer oder Forstmann.

Allmählich wurden die Bäume dichter und bildeten Gruppen, deren Ränder von Dorngestrüpp und Haselsträuchern umsäumt waren – auch in der Mitte wucherte verdichtendes Gesträuch. Und endlich schlossen diese Gruppen sich so dicht aneinander, daß die Landschaft entschieden als Waldland bezeichnet werden konnte, obwohl hie und da unter dem Laubdach eine breite Lichtung sich öffnete oder ein kleiner Fleck Moor- oder Heideland lag, der kein Wachstum hatte aufkommen lassen.

Die Seiten des Tales begannen einander näher zu kommen. Das Rauschen eines Baches ließ sich unten vernehmen, und wenn der Wald sich auftat, konnte man das Wasser klar und reißend unter dem grünen Baldachin dahinbrausen sehen.

Oldbuck nahm nun die ganze Vollmacht eines Cicerone auf sich und legte der Gesellschaft ans Herz, nicht um eines Fußes Breite von dem Pfade abzubiegen, den er ihr weisen werde, wenn sie den vollen Genuß von ihrem Ausfluge haben wollten. Und nachdem sie ihm durch eine Bresche in einer alten, zerfallenen Mauer gefolgt waren, sahen sie sich denn auch in der Tat plötzlich vor einem ebenso unerwarteten wie interessanten Bilde.

Sie standen ziemlich hoch am Hange der Klamm, die sich plötzlich zu einer Art Amphitheater aufgeschlossen hatte mit einem reinen, tiefen See in der Mitte und einem Stückchen ebnen Bodens um ihn her. Von da ab stiegen dann die Felsenränder ziemlich steil empor. Aus diesem See entsprang der sprudelnde tosende Bach, der der ganzen Klamm entlang ihr Gefährte gewesen war.