Выбрать главу

An der Stelle, wo er aus dem See ausbrach, stand die Ruine – das Ziel ihrer Partie. Sie war nicht groß, aber die eigenartige Schönheit und der wilde entlegene Fleck, an dem sie lag, gaben ihr ein höheres Interesse und tiefere Bedeutung, als sie manche Ruine von architektonisch höherm Werte hat, die aber in der Nähe alltäglicher Häuser liegt und weniger romantisches Beiwerk aufweist.

Das Ostfenster der Kirche war noch unversehrt in allem Ornament und Zierat. Die Seiten waren von Schwibbogen getragen, die, von der Mauer abgelöst, dem Gebäude einen zierlichen, fast flotten Charakter verliehen. Das Dach und Westende der Kirche waren fast ganz zerfallen, das letztere schien die eine Seite eines Vierecks gebildet zu haben, dessen andre beiden Seiten die klösterlichen Gebäude und dessen vierte Seite der Garten ausmachte.

Die Seite dieser klösterlichen Bauten, die über den Bach herüberhing, war zum Teil auf einem steil abstürzenden Felsen gebaut, denn der Platz war zeitweise zu militärischen Zwecken verwendet worden und fiel in den Kriegen Montroses erst nach furchtbarem Blutbade. Die Ausdehnung des ehemaligen Gartens war noch durch ein paar Obstbäume gekennzeichnet. In größerer Entfernung von den Gebäuden standen Eichen, Ulmen und Nußbäume, die alle zu mächtigem Umfange gelangt waren.

Der übrige Raum zwischen der Ruine und dem Hügel war ein kahlgeschnittener Rasen, den täglich die Schafe abweideten. Er war daher in weit besserer Ordnung, als wenn Sichel und Rechen ihn bearbeitet hätten.

Die ganze Szene atmete eine Ruhe, die nicht eintönig wirkte, sondern zu Herzen ging. Das dunkle, tiefe Becken, in welchem der blaue See ruhte – die Wasserlilien, die auf seiner Fläche wuchsen, und die Bäume, die hie und da die Zweige vom Ufer herüberstreckten, klar widerspiegelnd – gab einen entzückenden Kontrast zu der Hast und dem Aufruhr des Baches, der aus ihm herausbrach, wie wenn er einem Kerker entrann, und die Klamm hinabstürzte, den Fuß des Felsens, auf dem die Ruine lag, reißend umkreisend und mit jedem Stein und jedem Felsstück, das ihm den Weg versperren wollte, unter wildem Schäumen schimpfend und polternd.

»Hier war also die Heimstätte der Gelehrtheit in den Tagen der Finsternis, Herr Lovel,« sagte Oldbuck, um den sich jetzt die Gesellschaft gruppiert hatte, während sie den romantischen Anblick, der sich so unerwartet auftat, bewunderte, »hier wohnten die weltmüden Weisen, ganz dem Gedanken an das Künftige hingegeben, oder dem Dienste der Generationen geweiht, die ihnen hienieden folgen sollten. Ich werde Ihnen gleich die Bibliothek zeigen – sehen Sie jenen Mauerstrich dort mit den viereckigen Fenstern – dort war sie – wie ein altes Manuskript in meiner Sammlung besagt, enthielt sie fünftausend Bände.«

Mit diesen Worten führte der Altertümler sie auf einem steilen aber sichern Pfade zu der grünen Rasenfläche hinunter, auf der die Ruinen standen.

»Dort lebten sie,« fuhr der Altertümler fort, »und sie hatten nichts weiter zu tun, als das graue Altertum zu erforschen, Handschriften abzuschreiben und neue Werke zur Belehrung der Nachwelt zu verfassen.«

»Und,« setzte der Baron hinzu, »die Zeremonien des Gottesdienstes mit einem Pomp und einer Feierlichkeit zu verrichten, die der Priesterschaft würdig waren.«

»Und wenn Ihro Erlaucht, Sir Arthur, erlauben,« sagte der Deutsche mit einer tiefen Verbeugung, »die Mönsche mögen auch gemacht haben die seltsamschte Ekschperimente in ihren Laboratorien, sowohl in der Alschymie als in der magia naturalis

»Ich meine,« sagte der Geistliche, »sie hätten genug damit zu tun gehabt, die Zehnten aus der Einwohnerschaft von drei guten Sprengeln einzutreiben.«

»Und alles das,« setzte Fräulein Wardour hinzu, dem Altertümler zunickend, »ohne daß sie von Weibsvolk gestört wurden.«

»Freilich, meine schöne Feindin,« sagte Oldbuck, »dies war ein Paradies, in das keine Eva hineindurfte, und um so mehr müssen wir uns wundern, daß die guten Väter daraus vertrieben worden sind.«

Unter solchen Betrachtungen über die Lebensweise derer, Von denen die Ruinen ehemals bewohnt gewesen waren, gingen sie eine Zeitlang von einer moosbewachsenen Kapelle zur andern. Oldbuck führte sie und erklärte mit großer Verständlichkeit den Grundriß des Gebäudes und las und erläuterte die verschiedenen verwitterten Inschriften, die sich noch auf den Grabmälern der Toten oder unter den leeren Nischen der Heiligenbilder erkennen ließen.

»Was ist die Ursache,« fragte endlich Fräulein Wardour, »daß uns die Tradition nur so wenige magere Berichte Von den Insassen dieser stattlichen Gebäude hinterlassen hat? Und doch sind sie mit so großem Aufwand an Arbeit und Geschmack errichtet worden, und ihre Eigentümer waren ihrerzeit Leute von so ehrfurchtgebietender Macht und Bedeutung. Der gemeinste Turm eines freibeuternden Barons oder Grafen, der von Lanze und Schwert lebte, ist durch seine besondere Sage geweiht, und der Schäfer erzählt einem ganz genau, wie die Bewohner geheißen haben und was sie für Heldentaten verrichtet haben. Aber fragt man einen Landmann, was es mit diesen schönen und ausgedehnten Ruinen für eine Bewandtnis habe, mit diesen Türmen, Bogen, Kreuzfenstern, die unter so großen Kosten errichtet worden sind – dann machen drei Worte seine Antwort aus: »Die Mönche haben's gebaut vor langer, langer Zeit.«

Die Frage war etwas kompliziert. Sir Arthur sah zum Himmel hinauf, als ob er eine Antwort von oben erwarte – Oldbuck kratzte sich hinter dem Ohr – Lovel meinte, die Frage lasse sich am besten lösen, wenn man darauf zurückginge, welche Ereignisse den stärksten Eindruck auf den Geist der großen Masse hinterließen.

»Nicht solche,« führte er aus, »die dem allmählichen Vordringen eines befruchtenden Baches glichen, sondern die, die der kopfüber dahinbrausenoen Wut einer gewaltigen, unheilvollen Flut glichen. Die Abschnitte, in die die große Menge sich die Zeit zerlegt, sind in der Regel Zeiten des Grausens oder der Verwirrung, und sie rechnen nach einem Erdbeben, einem Unwetter oder dem Ausbruch bürgerlicher Unruhen. Da nun die Geschehnisse solcher Art am längsten und deutlichsten in der Erinnerung des großen Volkes fortleben,« schloß er, »so kann es uns nicht wunder nehmen, daß man des wilden, grimmigen Kriegsmannes gedenkt und daß die friedlichen Äbte der Vergessenheit anheimgefallen sind.«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, meine Herren und Damen,« sagte der Deutsche, »und indem ich Sir Arthur und Fräulein Wardour und diesen würdigen Geischtlichen und Herrn Oldenbuck, der ja mein Landschmann ist, und auch den guten Herrn Lofel um Vertscheihung bitte, so möchte ich meine Meinung dahin äußern, daß dies alles zurücktschuführen sei auf die Hand des Ruhmes.«

»Was für 'ne Hand?« rief Oldbuck.

»Die Hand des Ruhmes, mein guter Meister Oldenbuck – und das ist sehr ein großes schreckliches Geheimnis – das die Mönsche pflegten zu verbergen unter ihren Schätschen, als sie vertrieben wurden aus ihren Klöschtern durch die sogenannte Reformatschon.«

»Was Sie sagen! davon müssen Sie uns mehr erzählen,« sagte Oldbuck. »Diese Geheimnisse sind interessant.«

»Je nun, mein guter Meister Oldenbuck, Sie werden mich auslachen – aber die Hand des Ruhmes ist sehr wohl bekannt in den Ländern, wo Ihre Vorfahren gelebt haben – und es ist die Hand abgeschnitten von einem Toten, der wegen Mordes am Galgen hat gehangen, und gantsch derbe gedörrt im Rauche von Wachholderholtsch – und wenn Sie noch ein bißchen von – was Sie nennen Eibenholtsch hintschutun tschu dem Wachholderholtsch, so wird es damit nicht besser, das heißt vielmehr, es wird dadurch nicht schlechter – dann nehmen Sie noch von dem Fette des Bären und des Dachses und des großen Ebersch, wie man auch nennt das Wildschwein, und das von einem kleinen Säugling, das noch nicht getauft wurden ist (darauf kommt's vor allem an) – und daraus machen Sie eine Kertsche und stecken Sie zur richtigen Stunde und Minute und unter der richtigen Tscheremonie in die Hand des Ruhmes, und derjenige so da nach Schätschen sucht, wird niemals keine finden.« »Auf diesen Schluß leiste ich einen leiblichen Eid,« sagte der Altertümler. »Und hatte man in Westfalen, Herr Dusterschieler, die Gepflogenheit, diesen eleganten Leuchter zu verwenden?«