»Das dacht' ich mir doch,« versetzte der Altertümler trocken. »Und ich will einstweilen ohne irgend welche Wünschelrute Ihnen eine ausgezeichnete Wildpastete und eine Flasche vorzüglichen Madeira aus London zeigen, und ich glaube, das hält allem die Stange, was Herrn Dusterschielers Kunst uns nur zu zeigen vermag.«
Das Mahl wurde auf dem grünen Rasen ausgebreitet unter einem großen mächtigen Baume, der die Priorseiche hieß, die Gesellschaft setzte sich darum und tat dem Inhalt des Körbchens alle Ehre an.
Achtzehntes Kapitel
Als der Imbiß beendet war, nahm Sir Arthur den Bericht über die Mysterien der Wünschelrute wieder auf – ein Thema, über das er vor kurzem mit Dusterschieler gesprochen hatte.
»Mein Freund, Herr Oldbuck, wird jetzt soweit eingeweiht sein, daß er den Geschichten, die Sie uns über die letzten Entdeckungen Ihrer Brüder in Deutschland erzählt haben, mit größerer Achtung lauschen wird.«
»Ach, Sir Arthur, das war kein Gegenstand, über den Sie mit diesen Herren hätten reden sollen, weil es eben gerade der Mangel an Glauben und Tschuversicht ist, wodurch das große Unternehmen tscherstört wird.«
»Zum wenigsten lassen Sie meine Tochter die Erzählung vorlesen, die sie aus der Geschichte Martin Waldecks gemacht hat.«
»Ah, das war eine sehr wahre Geschichte, aber Fräulein Wardour, sie ist so klng und so geischtreich, sie wird daraus eine richtige Romantsche gemacht haben, wie Goethe oder Wieland, bei meinem ehelichen Worte!«
»Die Wahrheit zu sagen, Herr Dusterschieler,« antwortete Fräulein Wardour, »in dieser Legende herrschte an sich das Romantische derartig vor dem Wahrscheinlichen vor, daß es für eine Liebhaberin des Feenlandes wie mich selbstverständlich war, die Farben noch ein wenig stärker aufzutragen, um sie in ihrer Art vollkommen zu machen. Aber ich habe sie hier, und wenn wir in diesem Schatten hier bleiben wollen, bis die Hitze des Tages ein wenig nachgelassen hat, und wenn Sie meine minderwertige Ausarbeitung freundlich hinnehmen wollen, so wird vielleicht Sir Arthur oder Herr Oldbuck uns die Geschichte vorlesen.«
»Ich nicht,« sagte Sir Arthur, »ich war nie ein Freund vom lauten Lesen.«
»Ich auch nicht,« sagte Oldbuck, »ich habe meine Brille vergessen. Aber hier ist Herr Lovel, der hat scharfe Augen und eine gute Stimme.«
Das Amt des Vorlesers wurde also an Lovel gegeben, und Fräulein Wardour reichte ihm mit leiser Verlegenheit ein kleines Schreibheft, das er mit leisem Beben entgegennahm. Die Blätter waren beschrieben von jener schönen Hand, nach deren Besitz er als nach dem höchsten Glück der Welt schmachtete. Aber er mußte seine Bewegung unterdrücken, er warf einen Blick über das Manuskript, wie um sich ein wenig an die Handschrift zu gewöhnen, sammelte sich und las der Gesellschaft die folgende Erzählung vor:
»Martin Waldecks Schicksale.« [Die Umrisse dieser Erzählung sind dem Deutschen entnommen, der Verfasser vermag aber im Augenblick nicht zu sagen, in welcher der verschiedenen Sammlungen deutscher Sagen das Original zu finden ist.]
»Die abgelegenen einsamen Höhen des Harzes in Deutschland, vor allem aber der Berg mit Namen Blocksberg oder vielmehr der Brocken, sind Lieblingsschauplätze für Geschichten von Hexen, Dämonen und Erscheinungen. Die Beschäftigungen der Einwohner, die entweder Förster oder Bergmänner sind, stimmen für Aberglauben besonders empfänglich, und die natürlichen Phänomene, die sie in ihrem einsamen oder unterirdischen Gewerbe mit ansehen, werden von ihnen oft auf die Einmischung von Kobolden oder magischen Gewalten zurückgeführt.
Unter den verschiedenen Sagen, die in diesem wilden Lande umgehen, ist eine besonders beliebt und verbreitet, nach der im Harz eine Art Schutzgeist hausen soll in Gestalt eines wilden Mannes von riesigem Wuchse, der ums Haupt und um die Hüften einen Kranz von Eichenblättern und in der Hand eine mit den Wurzeln herausgerissene Fichte trägt. Es steht fest, daß viele Leute beteuern, sie hätten eine solche Gestalt in der gleichen Richtung wie sie mit Riesenschritten dahingehen sehen. Wenn eine enge Klamm zwei Berge trennte, habe sie die Kluft mit einem Satze überschritten. Die Tatsache dieser Erscheinung wird so allgemein zugegeben, daß die moderne Wissenschaft sich mit ihr hat abfinden müssen und sich nur dadurch hat helfen können, daß sie sie auf eine optische Täuschung zurückführt. [Der Schatten desjenigen, der das Spukbild sieht, fällt auf eine Nebelwolke gleich dem Bilde, das die Laterna magica auf ein weißes Tuch wirft, und durch diese Luftspiegelung soll das sogenannte Brockengespenst entstehen.]
In früheren Zeiten stand der Geist mit den Einwohnern in vertrauterm Verkehr, und nach den Traditionen des Harzes pflegte er mit der Willkür, die man gewöhnlich diesen erdgeborenen Kräften zuschreibt, sich in die Angelegenheiten der Sterblichen einzumischen, bald zu ihrem Wohl, bald zu ihrem Wehe. Es wurde aber auch beobachtet, daß selbst seine Gaben, – sich nach langer Zeit erst für die, denen sie verliehen worden waren, als verderbenbringend erwiesen, und es war nichts Seltenes, daß die Hirten, in der Sorge um ihre Herden, lange Gebete verfaßten, deren Quintessenz immer eine Warnung war, in irgendwelchen unmittelbaren oder mittelbaren Verkehr mit dem Harzgeiste zu treten. Die Schicksale Martin Waldecks sind oft von den Alten ihren Kindern erzählt worden, wenn sie leichtsinnig über eine Gefahr spotteten, die nach ihrer Meinung nur eine Sache der Einbildung sei.
Ein fahrender Kapuziner hatte sich die Kanzel der kleinen, mit Stroh gedeckten Kirche eines Dörfleins im Harzbezirk, mit Namen Morgenbrod, zu eigen gemacht. Hier predigte er nun gegen die Gottlosigkeit der Bewohner, gegen ihre Gemeinschaften mit bösen Feinden, Hexen und Elfen und vor allem mit dem Waldkobold des Harzes.
Die Lehren Luthers hatten sich schon unter der Bauernschaft verbreitet, denn das Vorkommnis fällt unter die Regierung Karls V., und sie verlachten den ehrwürdigen Mann und verhöhnten ihn um des Eifers willen, mit dem er bei der Sache war. Je heftiger er nun gegen sie wetterte, um so mehr wuchs auch ihr Widerspruch. Es paßte den Einwohnern nicht, daß ein stiller Geist, der so viele Menschenalter hindurch den Brockenberg bewohnt hatte, kurzweg mit Baal, Astaroth und Beelzebub selber zusammengeworfen und in Grund und Boden verdammt wurde.
Die Befürchtung, daß der Geist sich an ihnen rächen könnte, weil sie einem solchen ungerechten Urteil ihr Ohr liehen, wurde noch durch das nationale Interesse, das sie für ihren Geist hatten, bestärkt. Ein wandernder Mönch, sagten sie, der heute hier ist und morgen wieder weg, mag reden, was ihm gefällt. Wir aber, die ständigen und alten Einwohner des Landes, sind der Gnade des beleidigten Geistes anheimgegeben und müssen natürlich für alles büßen. Durch solche Betrachtungen aufgebracht, begnügten sich die Einwohner schließlich nicht mehr mit Schmähungen, sondern griffen zu Steinen, und als sie den Priester mit einem wackern Hagel überschüttet hatten, jagten sie ihn aus ihrem Sprengel hinaus, daß er anderswo gegen die Geister predigen möge.
Drei junge Männer waren auch mit dabei gewesen und waren eben auf der Heimkehr zu der Hütte, wo sie der mühseligen und ärmlichen Beschäftigung oblagen, Holzkohle für die Hochöfen zu bereiten. Unterwegs kam die Rede natürlich auf den Harzgeist und auf die Lehren des Kapuziners.
Max und Georg Waldeck, die beiden älteren Brüder, waren allerdings der Meinung, daß die Sprache des Kapuziners unbedacht und verwerflich gewesen sei, hegten aber die volle Überzeugung, daß es im höchsten Grade gefahrvoll sei, seine Gaben anzunehmen oder irgend welchen Verkehr mit ihm zu pflegen. Er sei wohl mächtig, das gaben sie zu, aber auch launisch und willkürlich, und die, die mit ihm Verkehr hätten, kämen selten zu einem guten Ende.
Hätte er nicht dem tapfern Ritter Eckbert von Rabenwald das berühmte schwarze Roß gegeben, mit dem er alle Kämpen auf dem großen Turnier zu Bremen besiegt habe? und hätte nicht dasselbe Roß sich nachher mit ihm in einen so tiefen schauerlichen Abgrund gestürzt, daß man Roß und Reiter nie wieder gesehen habe? Hätte er nicht der Dame Gertrud Trodden einen seltsamen Zauber, Butter zu bereiten, anvertraut? und sei sie nicht nachher als Hexe von dem Oberkriminalgericht des Kurfürstentums verbrannt worden, weil sie sich dieser Verleihung bedient hätte?