Aber diese und noch viele andere Beispiele, die sie dafür anführten, daß die anscheinenden Wohltaten des Geistes zu guter Letzt Unglück und Verderben im Gefolge hätten, machten nicht den geringsten Eindruck auf Martin Waldeck, den jüngsten der Brüder.
Martin war jugendlich, rasch und ungestüm. Er war ein Meister in all den Fertigkeiten, die einen Bergbewohner auszeichnen, und die Vertrautheit mit all den Gefahren, die sie mit sich bringen, hatte ihn mutig und unerschrocken gemacht. Er lachte über die Furchtsamkeit der Brüder.
»Redet mir nicht solche Torheiten,« sagte er, »der Geist ist ein guter Geist – er lebt unter uns, als wäre er selber ein Bauer wie wir – er streift auf den einsamen Höhen und in den Verstecken der Berge herum wie ein Jäger oder Ziegenhirt – und wer den Harz und seine wilden Landschaften liebt, kann nicht gleichgültigen Herzens sehen, wie es den kühnen Kindern dieses Bodens ergeht. Aber wenn der Geist so boshaft wäre, wie ihr ihn machen wollt, wie könnte er dann Macht über Sterbliche erlangen, da sie ja bloß sich seiner Gaben bedienen, ohne daß sie sich verpflichten, sich seinem Willen zu unterwerfen? Nicht die Gaben des Koboldes sind es, die uns Gefahr bringen, sondern in dem Gebrauche, den wir davon machen, liegt unsere eigene Verantwortung. Und sollte der Geist jetzt selber vor mir erscheinen und mir eine Gold- oder Silbergrube zeigen, so wollte ich schon wacker zu graben anfangen, ehe er noch den Rücken gekehrt hätte, und würde mich sicher wissen unterm Schutze eines, der weit größer ist als er, dabei würde ich aber den Reichtum, den er mir gezeiget hätte, zu wohltätigem Gebrauche verwenden.«
Hierauf erwiderte der ältere Bruder, schlecht erworbener Reichtum werde selten gut angewendet. Martin aber erklärte voller Eigendünkel, er würde sich in seinen Gewohnheiten, seiner Gesinnung und seinem Charakter nicht im geringsten ändern, und wären auch alle Schätze des Harzes sein eigen.
Sein Bruder bat Martin, nicht so wild über so eine Sache zu schwatzen, und mit einiger Mühe gelang es ihm, ihn davon abzubringen, indem er seine Gedanken auf die bevorstehende Eberjagd lenkte. Unter diesem Gespräch kamen sie nach ihrer Hütte, einem elenden Wigwam, der an der einen Seite einer wilden, engen, romantischen Schlucht in der Einöde des Brockens lag. Sie lösten ihre Schwester ab, die unterdessen an dem Kohlenmeiler gewacht hatte, denn der Brand bedarf ständiger Beobachtung und Aufmerksamkeit. Dann teilten sie sich in die Wache über Nacht, wie es immer ihre Gewohnheit war. Einer hielt stets die Wache, während seine Brüder schliefen.
Max Waldeck, der älteste, hatte während der ersten Stunden der Nacht die Wache, und er erschrak sehr, als er an dem gegenüberliegenden Rande der Schlucht, – ein riesiges Feuer erblickte, um das Gestalten mit phantastischen Gebärden herumtanzten. Max wollte erst seine Brüder rufen, aber er dachte an die tollkühne Art des jüngsten, und da es doch unmöglich war, den älteren zu wecken, ohne den jüngsten zu stören und da er auch das Bild für einen Spuk des Harzgeistes hielt, der sie vielleicht für Martins waghalsige Worte an diesem Abend strafen wollte, so hielt er es für das beste, zu seinem Schutze die Gebete herzumurmeln, die ihm bekannt waren, und mit großer Furcht und tiefem Mißbehagen die seltsame und beängstigende Erscheinung zu beobachten. Das Feuer hatte eine Weile geloht und verblaßte dann in der Finsternis mehr und mehr, bis es völlig erloschen schien, und der Rest von Maxens Wache war nur noch durch die Erinnerung an den überstandenen Schrecken gestört.
Nun hatte Georg den Platz seines ältern Bruders inne, der sich zur Ruhe niedergelegt hatte. Die Erscheinung eines riesigen lodernden Feuers an der andern Seite der Schlucht zeigte sich abermals dem Auge des Wächters. Wie zuvor war es von Gestalten umgeben, die, wie an schattenhaften Formen zu erkennen war, sich zwischen dem rotglühenden Licht und dem Zuschauer befanden und es gespenstisch umschwirrten, als betrieben sie eine mystische Zeremonie.
Georg war zwar ebenso vorsichtig, aber doch beherzter als sein Bruder. Er beschloß, sich die seltsame Erscheinung aus größerer Nähe anzusehen, er überschritt das Wässerchen, das zwischen den beiden Hängen der Schlucht dahinfloß, kletterte an der entgegengesetzten Seite empor und näherte sich bis auf einen Pfeilschuß dem Feuer, das augenscheinlich noch ebenso hell lohte, als wie er es zuerst wahrgenommen hatte.
Die Erscheinungen, die es umschwirrten, glichen den Schemen, die ein wilder Traum hervorbringt, und er fühlte sich bestärkt in dem Gedanken, der ihm von vornherein gekommen war, daß die Gestalten nicht der Menschenwelt angehörten. Unter diesen seltsamen unirdischen Gestalten unterschied Georg Waldeck die eines Riesen, der ganz behaart war und in der Hand eine mit den Wurzeln ausgerissene Fichte trug, mit der er ab und zu das lodernde Feuer zu schüren schien. Er trug nichts weiter als ein Gewinde von Eichenblättern um Stirn und Lenden.
Dem verborgenen Zuschauer sank das Herz, als er die wohlbekannte Erscheinung des Harzgeistes erkannte, wie sie ihm so oft von den alten Hirten und Weidmännern beschrieben worden war, die seine Gestalt durch die Berge hatten schreiten sehen. Er wandte sich und wollte flüchten, aber er besann sich, tadelte sich seiner Feigheit wegen und sprach bei sich selber den Vers des Psalmisten: »Alle guten Geister loben den Herrn!« – der in diesem Lande für eine wirksame Beschwörungsformel gilt. Dann wandte er sich noch einmal nach dem Fleck, wo er das Feuer gesehen hatte, aber es war nicht mehr sichtbar.
Der bleiche Mond allein beleuchtete die Seite des Tales, und als Georg mit zitterndem Schritt, feuchter Stirn und unter der Kappe zu Berge gestiegenem Haar nach dem Flecke hinging, wo eben noch das Feuer zu sehen gewesen war – der Platz war an einer verwitterten Eiche unfehlbar kenntlich – da war auf dem Waldboden nicht die geringste Spur von dem, was er gesehen hatte, zu entdecken. Moos und wilde Blumen zeigten keine Brandspuren, und die Zweige der Eiche, die vor kurzem noch umhüllt von Flammen und Rauch erschienen waren, zeigten sich benetzt vom Tau der Mitternacht.
Mit bebenden Schritten kehrte Georg zur Hütte zurück. Er dachte wie sein älterer Bruder und beschloß, nichts zu sagen, um in Martin nicht die tollkühne Neugier zu erwecken, die seiner Meinung nach nicht ganz frei von Gottlosigkeit war.
Nun war Martin an der Reihe zu wachen. Der Hahn im Hause hatte schon den ersten Schrei getan, und die Nacht war so gut wie vorüber. Als er den Meiler untersuchte, in welchem das Holz sich in Kohle zu verwandeln hatte, sah er zu seiner Verwunderung, daß das Feuer nicht hinreichend unterhalten worden war, denn über seinem nächtlichen Wege und seinen Folgen hatte Georg ganz den Hauptzweck seiner Wache vergessen.
Martins erster Gedanke war, die Schlummerer aufzurufen, aber als er sah, daß seine beiden Brüder ungewöhnlich fest und tief schliefen, da mochte er sie nicht aus der Ruhe reißen und machte sich daran, den Meiler ohne ihre Hilfe wieder in Ordnung zu bringen. Aber was er aufhäufte, schien feucht und zu dem Zwecke nicht geeignet, denn statt zuzunehmen, schien das Feuer nur noch mehr zu erlöschen. Martin ging nun, um von einem Holzstapel, wo sorgsam ausgesuchtes und getrocknetes Reisig aufeinander gehäuft war, ein paar Zweige zu holen, aber als er zurückkehrte, war das Feuer völlig aus.
Das war nun ein ernster Übelstand und drohte ihnen die Arbeit mehrerer Tage zu vernichten. Der Wächter, außer sich vor Verdruß, wollte nun Licht machen, um das Feuer wieder anzufachen, aber der Zunder war feucht, und seine Bemühungen blieben auch hier erfolglos. Nun wollte er seine Brüder wecken, denn die Sache duldete jetzt keinen Aufschub mehr, da flimmerten Blitze von Licht nicht nur durch das Fenster, sondern durch jeden Spalt der roh gebauten Hütte, und nun sah auch er die gleiche Erscheinung, die zuvor seine Brüder in Schrecken gesetzt hatte. Zuerst wollte nun auch er seine Brüder wecken, dann aber schloß er aus den Gebärden derer, die im Feuer zu arbeiten schienen, daß er eine übernatürliche Erscheinung vor sich habe.