»Ob das nun Menschen sind oder Gespenster,« sagte der unerschrockene Waldbewohner, »die dort eine so phantastische Zeremonie mit so seltsamem Gebärdenspiel betreiben, ich will gehen und sie um einen Feuerbrand bitten, daß ich unsern Meiler wieder anbrennen kann.«
Gleichzeitig gab er den Gedanken auf, seine Brüder zu wecken. Es herrschte der Glaube, daß derlei Abenteuer, wie er es jetzt vorhatte, nur von einem allein bestanden werden könnten. Er fürchtete auch, seine Brüder könnten ihn von seinem Vorhaben in ihrer Furchtsamkeit abhalten. Er riß daher seinen Eberspeer von der Wand, und nun ging der unerschrockene Martin Waldeck allein auf sein Abenteuer.
Mit dem gleichen Erfolg, aber mit weit höherem Mute überschritt Martin den Bach, stieg den Hügel hinan und näherte sich so weit der gespenstischen Versammlung, daß er in der Hauptfigur deutlich den Harzgeist an seinen Attributen erkennen konnte. Zum erstenmal in seinem sieben befiel ihn ein kalter Schauer. Aber der Gedanke, daß er vor kurzem erst mit kühnen Worten von dem Zusammentreffen gesprochen hatte, das jetzt stattfinden sollte, ja daß er es herbeigewünscht hatte, frischte seinen wankenden Mut wieder auf und er schritt mit verhältnismäßig festem Fuß auf das Feuer zu. Die Gestalten, die es umgaben, erschienen um so wilder, phantastischer und übernatürlicher, je näher er der Versammlung kam.
Mit einem lauten Gelächter mißtönenden, unnatürlichen Klanges wurde er empfangen. Betäubend gellte es ihm in die Ohren und klang ihm entsetzlicher, als ein Konzert der kläglichsten, traurigsten Töne hatte klingen können.
»Wer bist du?« fragte der Riese.
»Martin Waldeck, der Köhler,« antwortete der kühne Jüngling. »Und wer bist du?«
»Der König der Wüste und des Bergwerks,« erwiderte das Gespenst. »Und warum, wozu hast du dich so dreist zu meinen Mysterien herzugedrängt?«
»Ich wollte einen Brand suchen, daß ich mein Feuer wieder anbrennen kann,« antwortete Martin unerschrocken, und dann fragte er beherzt: »Was sind das für Mysterien, die Ihr hier feiert?«
»Wir feiern,« antwortete der Dämon huldvoll, »die Hochzeit des Hermes mit dem schwarzen Drachen. Aber nimm dein Feuer, um das du kamst, und geh wieder. Kein Sterblicher kann uns lange ansehen und doch dabei am Leben bleiben.«
Der Landmann bohrte seine Speerspitze in ein großes Stück lodernden Holzes, das er nur mit Mühe emporheben konnte, und dann wandte er sich nach der Hütte zurück. Hinter ihm erscholl wieder das Gelächter mit verdreifachter Heftigkeit und schallte noch weit in das enge Tal hinunter.
Als Martin nach der Hütte zurückkehrte, war es seine erste Sorge, so erstaunt er auch war über das, was er gesehen hatte, den Brand an den Meiler zu legen, so daß er gut wieder Feuer fangen sollte. Aber nach vielen Versuchen und nach harter Arbeit mit Blasebalg und Schürbalken erlosch die Kohle, die er vom Gespenst mitgenommen hatte, völlig, ohne die andern in Brand gesetzt zu haben.
Er wandte sich um und sah das Feuer noch auf dem Hügel brennen, nur die Gestalten darum her waren verschwunden. Er meinte, der Geist hätte nur Scherz mit ihm getrieben und so gab er der natürlichen Kühnheit seines Gemütes Raum. Er beschloß, das Abenteuer durchzuführen, und kehrte nach dem Feuer zurück, von dem er abermals, unangefochten von dem Dämon, in der gleichen Weise ein glühendes Stück Holzkohle mitnahm, ohne daß es ihm aber auch diesmal gelungen wäre, das Feuer anzustecken. Die Straflosigkeit hatte sein Ungestüm gesteigert, er beschloß ein drittes Mal das Wagestück zu unternehmen, und er hatte wieder das Glück wie die andern Male, daß er das Feuer erreichte. Aber als er sich abermals ein Stück von der brennenden Kohle angeeignet hatte und sich zur Rückkehr wandte, hörte er hinter sich die heisere, übernatürliche Stimme, die ihn zuvor angeredet hatte, die Worte sprechen: »Wage dich nicht ein viertes Mal hierher!«
Der Versuch, das Feuer mit dieser dritten Kohle anzubrennen, erwies sich ebenso erfolglos wie seine vorigen Bemühungen, und Martin gab das hoffnungslose Vorhaben auf und warf sich aus sein Blätterlager, entschlossen, nicht vor dem andern Morgen seinen Brüdern sein übernatürliches Abenteuer mitzuteilen. Vor körperlicher Erschöpfung und innerer Aufregung verfiel er in einen schweren Schlaf, ans dem ihn Rufe des Erstaunens und der Freude erweckten. Erstaunt, das Feuer beim Erwachen erloschen zu finden, hatten seine Brüder sich angeschickt, den Meiler wieder in Brand zu stecken – da hatten sie in der Asche drei riesige Metallblöcke gefunden, die sie mit Kennerblick (denn die meisten Bauersleute im Harz sind praktische Mineralogen) sofort als lauteres Gold erkannten.
Ihre freudigen Beglückwünschungen wurden allerdings ein wenig gedämpft, als sie von Martin erfuhren, auf welche Weise er den Schatz erlangt hatte. Da sie selber die nächtliche Erscheinung gesehen hatten, konnten sie an seinem Bericht nicht im mindesten zweifeln. Der Versuchung, den Reichtum ihres Bruders zu teilen, konnten sie jedoch nicht widerstehen. Martin Waldeck war nun das Oberhaupt der Familie und kaufte Land und Wälder und baute ein Schloß, erlangte ein Adelspatent und wurde zur Entrüstung aller alteingesessenen Adligen der Gegend mit den vollen Vorrechten eines Mannes von hohem Hause belehnt.
Sein Mut in den Feldzügen des Landes wie in Privatfehden und die große Zahl von Söldnern, die er unterhielt, schützten ihn eine Zeitlang gegen den Haß, den seine plötzliche Erhebung und seine Arroganz und Dünkelhaftigkeit ihm zugezogen hatten.
Und nun war an Martin Waldecks Beispiel, wie es schon in manchen andern Fällen gewesen war, zu erkennen, wie wenig ein Sterblicher die Wirkung plötzlichen Wohlstandes auf seinen Charakter voraussehen kann. Die schlimmen Veranlagungen seiner Natur, die die Armut zurückgehalten und unterdrückt hatte, reiften und zeitigten ihre unglückselige Frucht, denn nun trat die Versuchung heran und nun hatte er ja auch die Mittel, all seinen Gelüsten nachzuhängen.
Eine böse Leidenschaft erweckte die andere. Der Teufel der Habgier rief den Dämon des Stolzes auf, und der Stolz wurde unterstützt durch Grausamkeit und Tyrannei. Waldeck war immer kühn und waghalsig gewesen, jetzt machte ihn das Vermögen wild und anmaßend. Bald war er verhaßt, nicht nur bei den Edelleuten, sondern im gleichen Maße unter dem niedern Volke, das mit doppeltem Unmut sah, wie die tyrannischen Rechte des Adels so gewissenlos von einem Manne ausgeübt wurden, der selber aus der Hefe des Volkes emporgestiegen war.
Sein Abenteuer war zwar sorgfältig geheim gehalten worden, doch begann man jetzt auch davon zu murmeln, und die Geistlichkeit begann schon den Beklagenswerten, der zu einem so großen Reichtum gelangt war, – und nicht einen beträchtlichen Teil der Kirche vermacht hatte, als einen Zauberer und Bundesgenossen der Geister zu brandmarken. Umgeben von Feinden in der großen Öffentlichkeit und im privaten Verkehr, gepeinigt von vielen Fehden und von der Kirche mit Exkommunikation bedroht, beklagte Martin Waldeck, oder wie er jetzt hieß, Baron von Waldeck, oftmals bitterlich, daß er nicht mehr der unbeneidete und unbelästigte, wenn auch von schwerer Arbeit bedrückte arme Köhler von früher war.
Aber unter all diesen Schwierigkeiten verließ ihn der Mut nicht, der vielmehr zu wachsen schien, je dringender die Gefahren wider ihn anstürmten, bis ein unglücklicher Zufall seinen Sturz beschleunigte.
Der regierende Herzog von Braunschweig hatte zu einem festlichen Turnier alle deutschen Edelleute von freier adliger Herkunft eingeladen, und Martin Waldeck, glänzend bewaffnet, begleitet von seinen beiden Brüdern und einem vornehm ausgerüsteten Gefolge, hatte die Anmaßung, unter der Ritterschaft der Provinz zu erscheinen, und stellte das Ansuchen, sich in die Listen einzuzeichnen. Das schien der Höhepunkt seiner Dünkelhaftigkeit zu sein. Tausend Stimmen riefen: