»Wir wollen keinen Kohlenbrenner bei unsern ritterlichen Spielen haben!«
Außer sich vor Zorn zog Martin sein Schwert und schlug den Herold nieder, der auf den allgemeinen Protest hin sich weigerte, ihn in die Listen einzutragen. Hundert Schwerter fuhren sogleich aus der Scheide, um dieses Verbrechen zu rächen, das den damaligen Begriffen nach eins der schwersten war, allein von Gotteslästerung und Königsmord überboten.
Waldeck wehrte sich wie ein Löwe, aber er wurde überwältigt, und auf der Stelle wurde ihm von den Richtern des Turniers der Prozeß gemacht. Er hatte den Frieden des Reiches gebrochen und die heilige Person eines Herolds erschlagen, und als entsprechende Ahndung ward über ihn, verhängt, daß ihm schmählich die rechte Hand abgeschlagen, ihm auch seine Adelsrechte abgesprochen und er aus der Stadt vertrieben werden sollte. Als ihm die Waffen abgenommen worden waren und er die Verstümmelung, die das harte Urteil über ihn verhängte, erlitten hatte, wurde er, das beklagenswerte Opfer seines Ehrgeizes, dem Pöbel überliefert. Der verfolgte ihn mit lautem Geschrei, ihn als Teufelskünstler und Tyrann verwünschend. Und schließlich fiel denn der Pöbel über ihn her. Seine Brüder (denn die Söldner waren geflüchtet) konnten ihn endlich nach vieler Mühe aus den Händen der Menge retten, die ihre Grausamkeit befriedigt hatte und, da er vom Blutverlust und den erlittenen Mißhandlungen halb tot war, von ihm abließ.
Sie fanden kein anderes Gefährt, ihn wegzuschaffen – so sinnreich war die Grausamkeit ihrer Feinde, – als einen Köhlerkarren, wie sie ihn früher selber benutzt hatten. Auf eine Schütte Stroh betteten sie ihn und konnten nicht hoffen, irgend ein Obdach zu erreichen, ehe noch der Tod ihn von seinen Qualen erlösen würde.
Auf dieser jammervollen Fahrt waren sie an die Grenze ihrer Heimat gelangt und befanden sich in einem Hohlweg zwischen zwei Bergen – da sahen sie eine Gestalt auf sich zukommen – auf den ersten Blick schien es ein alter Mann zu sein. Aber als er näher kam, nahmen Glieder und Wuchs an Größe zu, der Mantel fiel ihm von den Schultern, der Pilgerstab verwandelte sich in eine bei den Wurzeln herausgerissene Fichte, und die gigantische Gestalt des Harz-Geistes schritt in all ihrer Furchtbarkeit an ihnen vorüber. Als er bei dem Karren anlangte, auf dem der unglückliche Waldeck lag, zogen seine Züge sich breit auseinander zu einem Grinsen unsäglicher Verachtung und Boshaftigkeit.
»Wie behagt dir das Feuer, das meine Kohlen angefacht haben?« fragte er den Dulder.
Während seine Brüder vor Entsetzen kein Glied zu rühren vermochten, schien bei Martin in einem letzten Aufflammen feines Mutes noch einmal die Kraft zu erwachen. Er richtete sich in dem Karren auf, runzelte die Stirn und schüttelte die linke Faust nach dem Gespenst hin, mit einem Blick des Hasses und Trotzes. Der Kobold verschwand mit seinem gräßlichen schallenden Lachen, und Waldeck sank nunmehr nach dieser letzten Anstrengung in völlige Erschöpfung.
Die erschreckten Brüder kehrten ihr Gefährt nach den Türmen eines Klosters, die in einem Fichtenwalde am Wegesrande sich erhoben. Ein barfüßiger langbärtiger Kapuziner empfing sie barmherzig, und Martin lebte nur noch so lange, daß er die erste Beichte seit dem Tage, da er reich geworden war, ablegen und Absolution von ebendemselben Priester erlangen konnte, den am selben Tage vor drei Jahren die Menge – und er mit – aus Morgenbrod vertrieben hatte. Daß er drei Jahre sich seines unsicheren Reichtums erfreut hatte, und daß er dreimal nach. dem gespenstischen Feuer auf dem Hügel gegangen war, wurde für eine geheimnisvolle mystische Wechselbeziehung erklärt.
Die Leiche Martin Waldecks wurde bestattet in dem Kloster, wo er seinen Geist ausgehaucht hatte. Seine Brüder aber nahmen das Kleid des Ordens an und starben nach einem Leben der Mildtätigkeit und der Andacht. Sein Land, auf das niemand Anspruch geltend machen konnte, lag brach, bis der Kaiser es als verfallenes Lehen an sich nahm, und die Ruinen des Schlosses, das Waldeck nach seinem eigenen Namen genannt hatte, werden noch jetzt von Wald- und Bergleuten gemieden als Heimstätte böser Geister.
Unglück brachte rasch und schlimm erworbner Reichtum mit sich – wie zu ersehen war aus dem Schicksal Martin Waldecks.
Neunzehntes Kapitel
Die aufmerksamen Zuhörer zollten der schönen Kopistin dieser Sage den Dank, den die Höflichkeit erforderte. Oldbuck allein rümpfte die Nase und bemerkte, Fräulein Wardour habe hier fast die Geschicklichkeit eines Schwarzkünstlers bewiesen, indem sie eine tiefe und schätzenswerte Moral aus einer recht albernen, lächerlichen Sage gezogen habe.
»Die Mode, soviel ich weiß, will es nun einmal, daß solche extravaganten Hirngespinste bewundert werden. Was mich aber betrifft:
Ein englisch Herz und furchtlos ist das meine,
Ihm tun Gespenster nichts noch rasselnde Gebeine.«
»Wenn Sie erlauben, mein guter Herr Oldenbuck,« sagte der Deutsche, »Fräulein Wardour hat der Geschichte – aber das macht sie mit allem so, was sie anfaßt – eine wirklich allerliebste Wendung gegeben. Aber all die Geschichten von dem Hartschgeischt, wie er in den wilden Bergen herumgeht mit einem großen Fichtenstamm als Spatschierstock und dem grünen Krantsch um Kopf und Leib – die sind alle wahr – so wahr ich ein ehrlicher Kerl bin.«
»Gegen eine so gute Bürgschaft läßt sich nichts einwenden,« versetzte der Alteitümler trocken.
Das Gespräch wurde hier unterbrochen durch die Ankunft einer neuen Person.
Ein junger, hübscher Mann war's, fünfundzwanzig Jahre mochte er alt sein, er trug eine militärische Uniform und in Blick und Wesen verriet sich sofort sein Soldatenberuf, ja, vielleicht etwas aufdringlicher, als mit dem Benehmen eines Mannes von guter Lebensart und Erziehung vereinbar ist, bei dem berufsmäßige Manieren nicht vorherrschen sollen. Die Mehrzahl der Ausflügler begrüßte ihn sofort.
»Mein lieber Hektor!« sagte Fräulein M'Intyre, erhob sich und nahm seine Hand.
»Hektor, Priamos' Sohn, von wannen kommst du?« fragte der Altertümler.
»Von Fife, mein Lehnsherr«, antwortete der junge Soldat, und als er die Anwesenden und besonders Sir Arthur und Fräulein Wardour höflich begrüßt hatte, fuhr er fort: »Wie ich nach Monkbarns ritt, dir meine Huldigung darzubringen, hört ich von dem Dienstvolk, ich würde die ganze Gesellschaft hier bei den Ruinen finden, so nahm ich gern die Gelegenheit wahr, so vielen Bekannten auf einmal meine Reverenz zu erweisen.«
»Und auch einem neuen, mein wackrer Trojaner,« sagte Oldbuck, »Herr Lovel, dies ist mein Neffe, Herr Kapitän M'Intyre. –Hektor, ich empfehle dir Herrn Lovel zur nähern Bekanntschaft.«
Der junge Soldat heftete sein scharfes Auge auf Lovel und grüßte ihn mit mehr Zurückhaltung als Herzlichkeit; und da unser Freund seine Kälte fast hochfahrend fand, so erwiderte er den Gruß ebenso unnahbar und stolz. So schien sich im eisten Augenblick ihrer Bekanntschaft ein Vorurteil voreinander herausgebildet zu haben.
Die Beobachtungen, die Lovel im weiteren Verlauf ihrer Partie machte, waren nicht dazu angetan, ihm diesen neuen Teilnehmer sympathischer zu machen. Kapitän M'Intyre widmete sich in der Zuvorkommenheit, die von seinem Alter und seinem Stande erwartet werden konnte, dem Dienste Fräulein Wardours und erwies ihr bei jeder möglichen Gelegenheit Aufmerksamkeiten, die Lovel um alle Welt ihr am liebsten selber erwiesen hätte, nur hielt ihn die Furcht ab, ihr zu mißfallen.
Einmal mit trostloser Niedergeschlagenheit, dann wieder mit reizbarer Achtsamkeit sah er mit an, wie der hübsche junge Soldat all die Pflichten eines werbenden Kavaliers auf sich nahm und ausübte. Er reichte Fräulein Wardour die Handschuhe, half ihr den Schal umlegen, begleitete sie, als es weiterging, beseitigte bereitwillig alle Hemmnisse auf dem Wege und reichte ihr den Arm wo der Pfad schwierig und rauh war, wenn er sprach, wandte er sich vor allen an sie, und so oft es ging oder die Umstände es gestatteten, sprach er nur mit ihr. Dies alles, das wußte Lovel, konnte nur so die egoistische Galanterie sein, mit der die jungen Männer gern sich das Ansehen gaben, als wüßten sie die Aufmerksamkeit der hüschesten Name, die sonst an niemand Gefallen finden mochte, auf der Stelle an sich zu fesseln.