»Nur zu viel, Bruder, nur zu viel. In wieviel Gefahren, und verzeih mir, manche davon waren recht unvernünftig und unrühmlich – hat dich nicht schon dieses zufahrende ungestüme Wesen gebracht! Laß nicht solche Wolken die, Zeit verdüstern, die du jetzt bei uns zubringen willst, sondern laß unsern alten Wohltäter seinen Verwandten sehen wie er ist: hochherzig, lieb und flott, nicht roh, starrsinnig und ungestüm.«
»Schön,« sagte Kapitän M'Intyre, »da hab' ich meine Gardinenpredigt weg – so will ich denn mich guter Manieren befleißigen! Ich will gleich bei eurem neuen Freunde den Höflichen machen – will mal 'n kleinen Plausch veranstalten mit diesem Herrn Lovel.«
Mit diesem Vorsatz, mit dem er es für den Augenblick völlig ehrlich meinte, begab er sich wieder zu der Gesellschaft, die vor ihnen einherging. Sir Arthur sprach jetzt über die' neuesten Nachrichten aus dem Auslande und über die politische und militärische Lage des Landes – Themata, über die eine Meinung zu äußern sich jedermann für befähigt hält. Es war die Rede auf eine Schlacht vom vergangenen Jahre gekommen, und Lovel hatte sich zufällig ins Gespräch gemischt und eine Behauptung inbetreff dieser Schlacht geäußert, von deren Richtigkeit Kapitän M'Intyre nicht überzeugt zu sein schien. Er äußerte seine Zweifel in höflicher Form.
»Hier mußt du deinen Irrtum zugeben, Hektor,« sagte sein Oheim, »freilich kenn' ich keinen, der weniger gern ein Unrecht eingestünde – aber du warst damals in England, und Herr Lovel war wahrscheinlich selber mit in dieser Schlacht.«
»So rede ich mit einem Militär,« sagte M'Intyre. »Darf ich fragen, welchem Regiment Herr Lovel angehört?«
Herr Lovel nannte die Nummer seines Regiments.
»Es ist komisch, daß wir uns noch nie gesehen haben, Herr Lovel. Ich kenne Ihr Regiment sehr gut und habe mehrmals mit ihm in einem Quartier gelegen.«
Eine Röte fuhr über Lovels Gesicht.
»Ich bin seit einiger Zeit nicht mehr bei meinem Regiment gewesen,« erwiderte er. »Ich bin im letzten Feldzuge zum Generalstab abkommandiert gewesen, unter Sir...«
»Was Sie sagen! das ist ja noch wunderbarer, denn ich habe allerdings nicht unter Sir... gedient, aber ich hatte Gelegenheit, die Namen aller Offiziere zu lesen, die unter ihm gestanden haben, und ich kann mich eines Lovel nicht erinnern.«
Bei diesen Worten errötete Lovel abermals so tief, daß es der ganzen Gesellschaft auffallen mußte, während Kapitän M'Intyre mit einem verächtlichen Lachen seinen Triumph zu zeigen schien. Lovel hatte inzwischen sein Notizbuch hervorgezogen und einen Brief herausgesucht, den er aus dem Umschlag nahm und M'Intyre reichte.
»Sie kennen höchstwahrscheinlich die Handschrift des Generals,« sagte er, »eigentlich' sollte ich ja wohl nicht diese überschwenglichen Äußerungen seiner Achtung und Hochschätzung meiner Wenigkeit zeigen.«
In dem Schreiben sprach der betreffende Offizier seine hohe Anerkennung eines vor kurzem geleisteten militärischen Dienstes aus. Kapitän M'Intyre überflog es und konnte nicht bestreiten, daß es in der Handschrift des Generals geschrieben war, aber er gab es zurück mit den trocknen Worten, daß die Adresse fehle.
»Die Adresse, Kapitän M'Intyre,« antwortete Lovel im selben Tone, »steht Ihnen zur Verfügung, sobald es Ihnen beliebt, sie sich auszubitten.«
»Ich werde sicherlich darauf zurückkommen,« sagte der Soldat.
»Nanu, nanu!« unterbrach sie Oldbuck. »Was soll denn das bedeuten? Laßt mal eure Eisenfresserei, ihr Bürschchen! Seid ihr vom Kriege in der Ferne hergekommen, um häuslichen Zank in unserm friedlichen Lande anzustiften? Seid ihr denn wie die Schlächterhunde, die, wenn das Schlachtvieh weggebracht worden ist, übereinander herfallen und sich beißen und ehrlichen Leuten, die dabei stehen, an die Waden fahren?«
Sir Arthur meinte, die jungen Herren würden sich doch hoffentlich nicht über eine solche Kleinigkeit wie eine Briefadresse ereifern?
Die beiden Gegner stritten jede derartige Absicht ab, und während sie hochrot erglühten und ihre Augen flammten, beteuerten sie doch, sie seien noch nie in ihrem Leben so ruhigen Blutes gewesen. Aber das Vergnügen des Ausflugs hatte einen merklichen Riß bekommen, das Gespräch bewegte sich von nun an durchaus in den Grenzen gesellschaftlicher Vorschriften, und Lovel, der sich kalten, mißtrauischen Blicken allerseits ausgesetzt glaubte und wohl verspürte, daß seine ungenauen Antworten seltsame Gedanken über seine Person wachgerufen haben mußten, entschloß sich schweren Herzens, auf das Vergnügen, den Abend in Knockwinnock zu verbringen, wie er es sich zuerst vorgenommen hatte, zu verzichten.
Er gab daher als Entschuldigung an, daß ihn ein heftiges Kopfweh befallen habe, wie er es seit seiner Erkrankung noch nicht gehabt habe – er schrieb es der Hitze des Tages zu. Sir Arthur, den er der Förmlichkeit halber bat, ihn für den Abend zu beurlauben, hörte mehr auf den plötzlich erwachten Verdacht, als auf die Dankbarkeit für früher getane Dienste und drängte ihn nicht mehr, sein Versprechen zu halten, als es der gute Ton allenfalls verlangte.
Als Lovel sich von den Damen verabschiedete, schien Fräulein Wardour besorgter, als je bisher. Sie warf einen Blick, den Lovel allein bemerken konnte, nach Kapitän M'Intyre hin, ihn als die Ursache ihrer Besorgnis bezeichnend, und in einem Tone, weit leiser als sie sonst zu sprechen pflegte, sprach sie die Hoffnung aus, es möge eine nicht minder angenehme Einladung sein, die Herrn Lovel bewege, sie des Vergnügens seiner Gesellschaft zu berauben.
»Es handelt sich um keine Einladung,« versicherte er ihr, »nur das Leiden ist wiedergekehrt, das mich seit einiger Zeit ab und zu befällt.«
»In solchem Falle ist das beste Mittel Klugheit, und ich – jeder, der es gut mit Herrn Lovel meint, wird erwarten, daß er das Mittel anwendet.«
Lovel verbeugte sich und errötete tief, und Fräulein Wardour wandte sich ab, als fühle sie, daß sie zu viel gesagt hätte, und stieg in den Wagen. Nun hatte Lovel sich von Oldbuck zu verabschieden.
»Was, Mann!« rief dieser. »Sie wollen uns doch nicht etwa verlassen wegen der Zudringlichkeit und des Ungestüms Hektors? Ei, das ist ein gedankenloser Bengel – seit der Zeit schon, wo er noch in den Armen der Amme gelegen hat, ist er eine verzogene Range – wenn ich ihm das Stück Zucker, um das er nergelte, nicht hab' geben wollen, hat er mir sein Spielzeug an den Kopf geworfen – und Sie haben doch zuviel Verstand, als daß Sie sich um so einen schrulligen Jungen kümmern sollten? Ich will ihn schon mit der Zeit Mores lehren und alles ins rechte Geleise bringen.«
Aber Lovel bestand darauf, nach Fairport zurückzukehren.
Da schlug der Altertümler einen ernstern Ton an.
»Nehmen Sie sich in acht, junger Mann, und erwägen Sie wohl, was jetzt in Ihnen sich regt. Das Leben ist Ihnen zu nützlicherem und wertvollerem Zweck gegeben und Sie müssen es erhalten, um die Literatur unsers Landes zu zieren, sofern es nicht Ihre Pflicht ist, es zur Verteidigung des Landes oder zur Rettung der Unschuldigen in die Schanze zu schlagen. Der Krieg zwischen zweien ist dem zivilisierten Altertum ganz unbekannt und von allen Albernheiten, die die gotischen Stämme aufgebracht haben, die gröbste, ruchloseste und grausamste. Lassen Sie mich nichts mehr von diesen albernen Zänkereien hören, und ich will Ihnen auch meine Abhandlung über das Duell zu lesen geben.«
»Aber ich versichere Ihnen, mein lieber Herr, es ist nichts zwischen Kapitän M'Intyre und mir vorgefallen, und es liegt kein Anlaß zu einer so schätzenswerten Vermittlung vor.«
»Sehen Sie zu, daß dem so sei, denn sonst, meiner Treu, – ich sekundiere Ihnen beiden, – das heißt, ich leuchte Ihnen heim!«
Mit diesen Worten stieg der alte Herr in die Postkutsche, bei der Marie M'Intyre ihren Bruder zurückgehalten hatte. Aber Hektor verstand es doch, ihrer Vorsicht ein Schnippchen zu schlagen. Als er zu Pferde saß, ritt er langsam hinter dem Wagen her, bis sie um die Ecke der Chaussee von Knockwinnock gebogen waren, und dann warf er den Kopf seines Pferdes herum, gab ihm die Sporen und galoppierte in der entgegengesetzten Richtung davon.