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In wenigen Minuten hatte er Lovel eingeholt, der vielleicht seine Absicht vorausgeahnt hatte und daher im Schritt geritten war. Der junge Soldat, schon von Natur heißblütig, war durch den scharfen Ritt noch mehr in Hitze geraten und brachte sein Pferd mit einem jähen Ruck neben Lovel zum Stehen. Flüchtig griff er an seinen Hut und fragte in hochfahrendem Tone:

»Sie sagten, Herr, Ihre Adresse stände mir zur Verfügung – wie hab' ich das zu verstehen?«

»Sehr einfach, Herr!« versetzte Lovel. »Das heißt, daß ich zur Zeit in Fairport wohne, wie Sie aus dieser Karte ersehen.«

»Und das ist die ganze Auskunft, die Sie mir geben wollen?«

»Ich wüßte nicht, daß Sie ein Recht hätten, mehr zu verlangen.«

»Ich finde Sie, Herr, im Verkehr mit meiner Schwester,« sagte der junge Soldat, »und ich habe ein Recht zu erfahren, wer in den Umgang von Fräulein M'Intyre eingeführt wird.«

»Ich bin so frei, dieses Recht zu bestreiten,« versetzte Lovel in ebenso hochfahrendem Wesen, wie der junge Mann gegen ihn herauskehrte. »Sie finden mich in einer Gesellschaft, die mit der Auskunft, die ich über mich und meine Angelegenheiten zu geben für angebracht gehalten habe, zufrieden ist, und Sie, ein bloßer Fremder, haben gar kein Recht, weiter nachzufragen.«

»Herr Lovel, wenn Sie Offizier sind, wie Sie sagen ...«

»Wenn!« unterbrach ihn Lovel. » Wenn ich Offizier bin, wie ich sage

»Jawohl, so sagte ich, Herr – wenn Sie es sind, dann müssen Sie wissen, daß Sie mir Satisfaktion schuldig sind.«

»Wenn Sie meinen – es soll mich stolz machen, Kapitän M'Intyre, Ihnen in der unter Männern von Ehre allgemein üblichen Weise Satisfaktion zu geben.«

»Sehr wohl, Herr,« versetzte Hektor und wandte sein Pferd und galoppierte nun wieder seinen Angehörigen nach.

Seine Abwesenheit hatte sie schon in Sorge versetzt, seine Schwester hatte halten lassen und steckte den Hals zum Wagen heraus, um zu sehen, wo er stecke.

»Was ist los mit dir?« rief der Altertümler. »Reitest hin und her, als säß dir der Satan im Genick – was bleibst du nicht beim Wagen?«

»Hatte meinen Handschuh vergessen, Onkel,« sagte Hektor.

»Deinen Handschuh vergessen! – Glaube eher, hingeworfen hast du deinen Handschuh – aber ich will dir schon den Standpunkt klar machen, Musjöchen! – Heute nacht sollst du mit mir nach Monkbarns.«

Mit diesen Worten hieß er den Postillon weiterfahren.

Zwanzigstes Kapitel

Früh am andern Morgen sprach ein Herr bei Herrn Lovel vor, der bereits auf war und ihn sofort empfing. Es war ein Offizier, ein Freund des Kapitäns M'Intyre, der gegenwärtig zur Rekrutenaushebung in Fairport weilte. Lovel und er kannten sich flüchtig.

»Ich vermute, Herr,« sagte Herr Lesley (so hieß der Besuch), »Sie können sich denken, was mich so früh zu Ihnen führt.«

»Wahrscheinlich eine Nachricht von Kapitän M'Intyre.«

»So ist es. Er hält sich für beleidigt durch die Art und Weise, wie Sie gestern auf gewisse Fragen geantwortet haben, die er über einen in seiner Familie zugelassenen Herrn sich zu stellen für berechtigt erachtete.«

»Darf ich fragen, Herr Lesley, ob Sie willens gewesen wären, Fragen, die in so hochmütigem Tone, ohne jede Höflichkeit und geradezu in der Form eines Verhörs an Sie gestellt worden wären, zu beantworten?«

»Möglicherweise nicht. Und da ich weiß, wie leicht bei solchen Anlässen mein Freund M'Intyre aus der Haut fährt, so hege ich den innigen Wunsch, als Friedensstifter einzutreten. Jedermann wird es herbeiwünschen, daß Herr Lovel bei seinem durchaus ehrenhaften Charakter alle jene unklare, haltlose Verleumdung abschnitte, die sich nun einmal immer an jemand heftet, über dessen Person nicht alles klippeklar liegt. Wenn er mir gestatten möchte, in freundschaftlicher Vermittlung Kapitän M'Intyre seinen wahren Namen mitzuteilen, denn wir sind zu dem Schlusse gekommen, der Name Lovel ist ein angenommener ....«

»Bedaure sehr, Herr – eine solche Vermittlung kann ich nicht zugeben.«

»Oder wenigstens,« fuhr Lesley fort, »sind wir des Glaubens, es sei nicht der Name, unter dem sich Herr Lovel jeder Zeit ausgezeichnet hat – wenn Herr Lovel die Güte haben wollte, diesen Umstand klarzustellen, was er meiner Ansicht nach schon aus Gerechtigkeit gegen sich selber tun sollte, dann bürge ich für eine gütliche Erledigung dieser unangenehmen Angelegenheit.«

»Das heißt also, Herr Lesley, wenn ich mich bereit finden lasse, Fragen zu beantworten, die keinem Menschen zukommen und die mir jetzt gestellt werden unter der Androhung, den Zorn des Kapitäns M'Intyre auf mich zu lenken – dann wird Kapitän M'Intyre sich bereit finden lassen, die Sache auf sich beruhen zu lassen? Herr Lesley, ich habe hierzu nur eins zu sagen – ich bezweifle nicht, daß mein Geheimnis, wenn ich eins hätte, Ihrer Ehre ohne Bedenken anvertraut werden könnte, aber ich fühle mich nicht veranlaßt, die Neugierde irgendwessen zu befriedigen. Kapitän M'Intyre hat mich in einer Gesellschaft getroffen, die allein schon für alle Welt zur Genüge Bürge dafür ist, daß ich ein Ehrenmann bin, und er vor allen hätte sich hierbei beruhigen sollen. Er hat meiner Meinung nach kein Recht, weiter zu gehen oder nach dem Rang, Stammbaum oder den Verhältnissen eines Fremden zu fragen, der, ohne nach einem intimen Verkehr mit ihm zu trachten, zufällig bei seinem Oheim zu Mittag speist oder in Gesellschaft seiner Schwester einen Ausflug macht.«

»In diesem Falle wünscht Kapitän M'Intyre Sie wissen zu lassen, daß Ihre ferneren Besuche in Monkbarns und alle Beziehungen zu Fräulein M'Intyre ihm unangenehm sind und zu unterbleiben haben.«

»Ich werde sicherlich,« sagte Lovel, »Herrn Oldbuck besuchen, wann es mir paßt, ohne mich an die Drohungen oder an die Reizbarkeit seines Neffen im mindesten zu kehren. Den Namen der jungen Dame achte ich zu hoch (allerdings kann es im übrigen eine oberflächlichere Bekanntschaft überhaupt nicht geben) – um ihn in eine solche Erörterung einzubeziehen.«

»Da dies Ihr Entschluß ist, Herr,« antwortete Lesley, »verlangt Kapitän M'Intyre, daß Herr Lovel, sofern er nicht für einen sehr fragwürdigen Charakter erklärt werden wolle, ihm die Ehre geben werde, heute abend um 7 Uhr an dem hohen Dornbusch dicht bei den Ruinen von Sankt Ruth mit ihm zusammenzutreffen.«

»Ganz ohne Frage werde ich mich ihm stellen. Es ist da nur eine Schwierigkeit – ich muß einen Freund finden, der mich begleitet, und wo soll ich einen finden in dieser kurzen Frist, da ich in Fairport niemand kenne? Trotzdem aber werde ich zur Stelle sein, darauf kann Kapitän M'Intyre rechnen.«

Lesley hatte zum Hute gegriffen und war schon an der Tür, da kehrte er noch einmal zurück, wie aus Teilnahme an Lovels eigentümlicher Lage, und sagte zu ihm:

»Herr Lovel, die ganze Sache ist so seltsam, daß ich nicht umhin kann, noch einmal Ihnen den Fall vorzuhalten. Sie müssen in diesem Augenblick selber zugeben, wie mißlich es ist, daß Sie ein Inkognito wahren wollen, für das, davon bin ich überzeugt eine unehrenhafte Veranlassung nicht vorliegt. Dennoch macht dieses Geheimnis es Ihnen zur Schwierigkeit, sich in einer so heikeln Lage den Beistand eines Freundes zu verschaffen – ja, ich muß hinzusetzen, daß von vielen Seiten es dem Kapitän M'Intyre gewissermaßen als Don-Quixoterie angerechnet werden dürfte, daß er Sie fordert, da doch Ihr Charakter und Ihre Verhältnisse so in Dunkel gehüllt sind. Da mir selber aber daran gelegen sein muß, eine so schwere Verantwortung mit einem geeigneten Sekundanten zu teilen, so will ich Ihnen mitteilen, daß Leutnant Taffrils Kanonenbrigg hier angelegt hat. Er selber wohnt zur Zeit beim alten Caxon. Ich glaube, Sie kennen ihn ebenso gut wie ich, und so wie ich Ihnen ganz gewiß sehr gern diesen Dienst erwiesen hätte, wenn ich nicht schon von der andern Seite beansprucht wäre, so wird er sich, davon bin ich überzeugt, auf ein Ansuchen Ihrerseits sofort dazu bereit erklären.«