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»Beim Dornbusch also, Herr Lesley, heute abend um 7 Uhr. Die Waffen sind vermutlich Pistolen?«

»Ganz recht. Herr M'Intyre hat die Stunde gewählt, zu der er am besten von Monkbarns entkommen kann – heute früh um 5 Uhr war er mit mir dort, um rechtzeitig, wenn sein Oheim auf wäre, wieder zurück zu sein. Guten Morgen, Herr Lovel!«

Und Lesley verließ das Zimmer.

Lovel war gewiß mutig wie einer, aber niemand kann eine Krise, wie sie jetzt ihm bevorstand, ohne tiefe Gefühle der Beklommenheit und Unsicherheit betrachten. In ein paar Stunden vielleicht war er in einer andern Welt – und das durch eine Tat, die, wie er bei ruhigem Bedacht sich sagen mußte, vom religiösen Gesichtspunkt aus nicht zu rechtfertigen war –, oder er irrte in dieser Welt umher wie ein Kain unter der Last der Blutschuld.

Und all dies konnte erspart werden, wenn er ein einziges Wörtchen sprach. Doch der Stolz flüsterte ihm zu, daß dieses Wort, spräche er es jetzt, einem Beweggrund zugeschrieben würde, der ihn weit mehr entwürdigen müßte, als selbst die ehrenrührigsten Gründe, die man seinem Schweigen unterschieben könnte. Jeder, selbst Fräulein Wardour, hätte ihn dann einen niedrigen, ehrlosen Prahlhans nennen müssen, dem die Furcht vor einem Zweikampf mit Kapitän M'Intyre die Erklärung entriß, die er den ruhigen und vernünftigen Auseinandersetzungen Lesleys verweigert hatte.

Die Unverschämtheit, mit der M'Intyre ihm persönlich gegenübergetreten war, das anmaßende Wesen, das er gegen Fräulein Wardour gezeigt hatte, die Ungerechtigkeit, Arroganz und Unhöflichkeit seiner an einen ihm völlig Fremden gestellten Fragen schienen Lovel recht zu geben, wenn er seine dreiste Zudringlichkeit zurückwiese. Kurz, er faßte den Entschluß, wie das von einem so jungen Manne auch nicht anders erwartet werden mochte, die Augen zu schließen vor allem seiner ruhigeren Vernunft gegenüber und dem Gebot zu folgen, das sein gekränkter Stolz ihm vorschrieb.

Mit diesem Vorsatz suchte er Leutnant Taffril auf.

Der Leutnant empfing ihn mit der guten Lebensart eines Soldaten und der Ungeniertheit eines Seemannes. Mit nicht geringem Erstaunen hörte er den Bericht an, der dem Ansuchen voranging, in dem Duell mit Kapitän M'Intyre als Lovels Sekundant tätig zu sein. Als er geendet hatte, stand Taffril auf und schritt ein paarmal durch das Zimmer.

»Die Sache liegt sehr komisch,« sagte er, »und in der Tat. ...«

»Ich weiß sehr wohl, Herr Taffril, wie wenig ich berechtigt bin, ein solches Ansinnen zu stellen, aber die dringliche Sachlage läßt mir kaum eine Wahl.«

»Gestatten Sie mir eine Frage,« sagte der Seemann. »Sie haben sich geweigert, über Ihre Verhältnisse Auskunft zu geben – geschah das, weil Sie sich irgendeiner Sache zu schämen hätten?«

»Bei meiner Ehre nein. Nichts derartiges liegt vor, und in ganz kurzer Zeit hoffe ich aller Welt die ganze Sache zu enthüllen.«

»Ich hoffe auch, das Geheimnis rührt nicht von falscher Scham über irgendwie niedrige Verhältnisse Ihrer Freunde oder Verwandten her?«

»Nein, mein Wort darauf,« erwiderte Lovel.

»Ich habe wenig übrig für solchen Mumpitz,« sagte Taffril. »Das kann eigentlich auch kein Mensch von mir erwarten. Denn wenn ich von meinen Angehörigen sprechen sollte, so bin ich selber sozusagen im Zwischendeck zur Welt gekommen, und binnen kurzem werde ich eine Verbindung eingehen, die die Welt als sehr minderwertig bezeichnen wird. Ich werde ein liebes gutes Mädel heiraten, in das ich verliebt bin, seit wir auf einem Korridor wohnen, und das hat schon angefangen, lange ehe ich noch hätte ahnen können, daß ich mit der Beförderung solches Glück haben würde.«

»Ich versichere Ihnen, Herr Taffril,« versetzte Lovel, »was auch die gesellschaftliche Stellung meiner Eltern und Anverwandten wäre, ich würde nie daran denken, aus kleinlichem Stolze ein Geheimnis daraus zu machen. Aber meine Lage verbietet mir's für den Augenblick, über meine Familie im geringsten mich auszulassen.«

»Genügt vollständig,« sagte der ehrliche Seemann, »geben Sie mir Ihre Hand. Ich werde Ihnen in der Geschichte beistehen, so gut ich kann. Aber unangenehm bleibt die Chose doch. Aber was denn? Nächst unserm Vaterlande hat unsere eigene Ehre den größten Anspruch auf uns. Sie sind ein couragierter und geistreicher Bursche, und ich gebe es offen zu, Herr Hektor M'Intyre ist mit seinem langen Stammbaum und seinem Familiendünkel ein rechter Maulaffe. Wissen Sie was? Wir wollen zusammen zu Mittag speisen und alles Weitere in Ordnung bringen. Mit der Handhabung der Waffe sind Sie doch wohl vertraut?«

»Nicht besonders,« antwortete Lovel.

»Bedauerlich – M'Intyre soll ein guter Schütze sein.«

»Tut mir auch leid,« sagte Lovel, »um seinet- wie um meinetwillen. Muß eben zur Selbstverteidigung so gut zielen, wie es geht.«

»Na, ich lasse unsern Wundarzt hinkommen,« sagte Taffril, »ein kluger junger Mann – versteht sich aufs Zuflicken einer Schußwunde ausgezeichnet. Will auch Lesley sagen – ein guter Kerl und ein Landsmann von mir – daß der Arzt für beide Parteien sein soll. Kann ich sonst noch was für Sie tun – im Falle die Sache schief geht?«

»Ich hätte Ihnen nur wenig aufzutragen,« sagte Lovel. »In diesem kleinen Briefchen befindet sich der Schlüssel zu meinem Schreibtisch und zu meinem kleinen Geheimnis. In meinem Schreibtisch liegt ein Brief –« er schluckte einen Schluchzer hinunter, der ihm plötzlich in die Kehle stieg – »den ich Sie eigenhändig an die Adresse zu befördern bitte.«

»Ich verstehe,« sagte der Seemann. »Nein, mein Freund, schämen Sie sich nicht deswegen. Ein liebevolles Herz kann schon auf einen Augenblick ein paar Tränen schimmern lassen, wenn das Schiff klar zum Gefecht macht. Und verlassen Sie sich darauf, was Ihre Aufträge betrifft, Dan Taffril wird sie achten als das Vermächtnis eines sterbenden Bruders. Doch das ist ja direkt Stuß! Wir müssen nun alles in Ordnung bringen, und Sie werden mit mir und meinem kleinen Wundarzt hier gerade 'rüber um 4 Uhr zu Tisch sein.«

»Abgemacht,« sagte Lovel.

»Abgemacht!« stimmte Taffril bei, und die ganze Sache war geregelt.

Es war ein schöner Sommerabend, und der Schatten des einsamen Dornbusches fiel schon lang auf den kurzen grünen Rasen des engen Tales, das von den Wäldern um St. Ruth her umsäumt wurde.

Lovel und Leutnant Taffril kamen mit dem Wundarzt zu einem Zwecke hierher, der mit dem milden friedlichen Charakter der Stunde und des Platzes in keinem Einklang stand. Taffril und Lovel waren in tiefem Gespräch, aus Furcht vor Entdeckung hatten sie ihre Pferde mit dem Diener des Leutnants nach der Stadt zurückgeschickt. Der Gegner war noch nicht zur Stelle. Aber als sie den vereinbarten Platz erreichten, saß da auf den Wurzeln des alten Dornbusches eine Gestalt, die in ihrem Verfall noch ebenso kraftvoll war wie die von Moos überwucherten starken und verrenkten Zweige, die ihm zum Baldachin dienten. Es war der alte Ochiltree.

»Das ist fatal,« sagte Lovel. »Wie sollen wir den alten Kerl los werden?«

»He, Vater Adam!« rief Taffril, der den Bettler schon lange kannte. »Hier habt Ihr eine halbe Krone – Ihr müßt mal hinunter nach den »Vier Pferdehufen« – nach dem kleinen Wirtshaus, wißt Ihr – und nach einem Diener mit blau-gelber Livree fragen. Wenn er noch nicht da ist, wartet Ihr auf ihn. Sagt ihm, er möge in etwa einer Stunde zu seinem Herrn kommen. Auf alle Fälle habt Ihr selber zu warten, bis wir zurückkommen, und – und – na, macht, daß Ihr hier weg kommt – los, los, lichtet den Anker!«

»Schön Dank für Ihr Almosen,« sagte Ochiltree, das Geldstück einsteckend, »aber bitt' um Entschuldigung, Herr Taffril, Ihren Auftrag kann ich jetzt gleich nicht ausführen.«

»Warum nicht, Mann? was kann Sie daran hindern?«

»Ich möcht' ein Wort reden mit dem jungen Herrn Lovel.«