Inzwischen hatte Juno, die mit dem merkwürdigen Instinkt der Hunde ganz genau wußte, wer sie leiden mochte und wer ihr übel wollte, mehrmals zur Tür hereingelugt, und da sie nichts bemerkt hatte, was ihr an der gefürchteten Person des Altertümlers diesmal Furcht hätte einflößen können, war sie endlich keck hereingekommen. Sie sah, daß sie ganz unbehelligt blieb, und dadurch kühn gemacht, fraß sie in der Tat Herrn Oldbucks geröstetes Brot auf, während dieser in seiner Lobrede auf den Ring begeistert fortfuhr, bis er sich endlich, unterbrach:
»Hollah! da ist mein Röstbrot verschwunden! Und ich sehe schon, welchen Weg es gegangen ist! Hu, du Musterexemplar von Weibsvolk!« – und mit diesen Worten hob er die Faust gegen Juno, die spornstreichs aus der Stube sauste. – »Doch da nach Homer Jupiter im Himmel auch seiner Juno nicht Herr zu werden vermochte, und da der Dresseur dieser Juno auf Erden ebenso wenig Glück gehabt hat, so müssen wir uns eben mit dem Beest abfinden und es verbrauchen, wie es ist.«
Nach diesem milden Urteilsspruch, der der Juno volle Verzeihung gewährte, setzte sich die Familie an die Morgenmahlzeit.
Elftes Kapitel
Der Altertümler war bald an den wenigen Hütten, die um die Muschelklippe herumstanden, angelangt. Neben ihrem gewöhnlichen schmutzigen, unbehaglichen Aussehen hatten sie jetzt noch die trübseligen Zutaten von Trauerhäusern. Die Boote waren alle auf den Strand gezogen; und obwohl das Wetter schön und günstig war, war doch der Sang, den die Fischer auf See anzustimmen pflegten, verstummt, und auch das Geschrei der Kinder und das schrille Lied der Mutter, wenn sie draußen vor der Tür die Netze flickte, war heute nicht zu hören.
Ein paar von den Nachbarn – einige in den antiken,, aber gut gehaltenen schwarzen Anzügen, die meisten aber in ihren alltäglichen Kleidern, alle aber mit dem Ausdruck der Trauer über ein so plötzliches und unerwartetes Unglück – standen um die Tür der Mucklebackitschen Hütte herum und warteten, »bis die Leiche käme«. Als der Laird von Monkbarns kam, machten sie ihm Platz und zogen die Hüte, wie er vorbeiging, mit einer Gebärde schwermütiger Höflichkeit, und er erwiderte ihre Grüße in derselben Weise.
Im Innern der Hütte bot sich ein charakteristisches Bild. Die Leiche im Sarge lag in der hölzernen Bettstelle, in der der junge Fischer zu Lebzeiten geschlafen hatte. Ein Stückchen davon stand der Vater, dessen verwittertes Gesicht, beschattet von graugesprenkeltem Haar, schon manche stürmische Nacht und manchen gefahrvollen Tag mitangesehen hatte. Was er an seinem Sohne verloren hatte, das bedachte er anscheinend bei sich mit dem starken Gefühl schmerzlichen Kummers, das harten und rauhen Charakteren eigen ist und sich fast in Haß gegen die Welt und alle, die nach dem Tode des geliebten Wesens in ihr bleiben, äußert.
Der alte Mann hatte die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, seinen Sohn zu retten, und war nur durch Gewalt zurückgehalten worden, als er einen erneuten Versuch in einem Augenblick hatte machen wollen, wo er, ohne dem Opfer helfen zu können, selber hätte umkommen müssen. All dies brodelte jetzt, wie es schien, in seiner Erinnerung.
Von der Seite starrte er nach dem Sarge hin, wie nach einem Dinge, das er nicht gerade ansehen konnte, von dem er aber doch den Blick nicht abzulenken vermochte. Auf die notwendigen Fragen, die ab und zu an ihn gerichtet wurden, gab er kurz, barsch und fast wütend Antwort.
Seine Familie hatte bis jetzt noch kein Wort des Trostes oder des Beileids an ihn zu richten gewagt. Sein mannhaftes Weib, das sonst die ganze Familie, wie sie sich mit Recht rühmte, unter ihrer Fuchtel hatte, war durch diesen herben Verlust schweigsam und unterwürfig geworden; vor ihrem Manne hatte sie die Ausbrüche ihres mütterlichen Schmerzes verbergen müssen.
Seit das Unglück geschehen war, hatte er Nahrung von sich gewiesen, und da die Frau selber nicht wagte, sich ihm zu nähern, so hatte sie an diesem Morgen in liebevoller Kriegslist ihr jüngstes und liebstes Kind mit etwas Essen zu ihm geschickt. Er hatte es zuerst mit zorniger Heftigkeit von sich gestoßen, daß das Kind erschrocken war, dann aber hatte er den Jungen an sich gerissen und mit heißen Küssen bedeckt.
»Du wirst ein braver Bursch werden, Patie – und du wirst nicht ersaufen – aber du kannst nie – niemals das werden, was er mir gewesen ist! – Seit seinem zehnten Lebensjahre ist er mit mir hinausgesegelt, und er hat in der ganzen Gegend nicht seinesgleichen gehabt. Es heißt, der Mensch muß sich in alles fügen, ich will's versuchen.«
In einer andern Ecke der Hütte, das Gesicht mit der darübergeworfenen Schürze bedeckt, saß die Mutter. Wie groß ihr Schmerz war, das verriet ihr Händeringen und das krampfhafte Wogen ihrer Brüste, das ihre Kleidung nicht verbergen konnte. Zwei ihrer Klatschschwestern, die ihr geflissentlich die gemeinplätzigen Redensarten, daß man sich mit unabänderlichem Mißgeschick abfinden müsse, ins Ohr flüsterten, konnten sie in ihrem Schmerze nicht trösten und schienen daher bemüht, ihren Jammer zu betäuben.
Aber die Gestalt der alten Großmutter war die auffallendste Erscheinung in dieser Gruppe der Trauer. Sie saß auf ihrem gewöhnlichen Platz mit ihrer gewöhnlichen Apathie und Interesselosigkeit an den Vorgängen um sie her. Ab und zu bewegte sie die Hände, als drehe sie ihre Spindel, die aber weggelegt worden war, dann suchte sie erstaunt mit den Augen nach dem gewohnten Arbeitszeug, dann schien sie verdutzt über die schwarze Farbe des Kleides, das sie ihr angezogen hatten, und verwirrt so viele Leute um sich zu sehen. Dann endlich hob sie mit geisterhaftem Blick die Augen zu dem Bette, in welchem der Sarg ihres Enkels stand, und nun erst wurde ihr klar, welch unsägliches Unglück sie getroffen hatte.
Dieser Wechsel von Gefühlen – Verwirrung, Verwunderung und Schmerz – schien sich auf ihrem sonst leblosen Gesicht öfter abzuspielen. Aber sie sprach kein Wort und vergoß keine Träne, auch konnte kein Mitglied der Familie an einem Blick oder ihrer Miene erkennen, bis zu welchem Grade sie das ungewöhnliche Treiben um sie her verstand. So saß sie unter der Trauergesellschaft wie ein Bindeglied zwischen den Hinterbliebenen und dem Toten, den sie beweinten – ein Wesen, in dem das Licht des Lebens schon verdunkelt war durch die zunehmenden Schatten des Todes.
Als Oldbuck dieses Haus der Trauer betrat, wurde er von allen Seiten mit stummem Gruße empfangen, und der schottischen Sitte entsprechend wurde Wein und Branntwein und Brot unter den Gästen herumgereicht. Als diese Erfrischungen herumgetragen wurden, hielt die alte Elsbeth zum großen Schreck der Anwesenden das Mädchen, das sie brachte, an, nahm ein Glas zur Hand und stand auf. Das Lächeln des Irrsinns spielte auf ihrem verschrumpften Gesicht, wahrend sie mit hohler, zitternder Stimme sagte:
»Auf euer aller Wohl, Leute! Und mögen wir noch oft so lustig zusammenkommen!«
Dieser Spruch, der Unheil zu verkünden schien, flößte allen Entsetzen ein, sie rührten das Getränk nicht an und stellten die Gläser hin, sich vor Grauen schüttelnd, und wer da weiß, wie viel Aberglauben noch heute unter den gewöhnlichen Leuten besonders bei solchen Anlässen im Schwange ist, kann sich hierüber nicht wundern. Aber als das alte Weib das Getränk kostete, rief sie plötzlich mit kreischender Stimme:
»Was ist das? – Das ist ja Wein. Wie kommt Wein in meines Sohnes Haus? Ach,« fuhr sie plötzlich mit unterdrücktem Seufzer fort, »jetzt besinn ich mich auf die traurige Ursache.«
Das Glas fiel ihr aus der Hand, sie starrte eine Weile auf das Bett, in dem der Sarg ihres Enkelkindes stand, und allmählich sank sie in den Stuhl zurück und bedeckte Augen und Stirn mit ihrer verwelkten, wachsbleichen Hand.