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In diesem Augenblick trat der Geistliche in die Hütte, und nachdem er stumm und traurig von den Leuten drinnen begrüßt worden war, trat er auf den Vater zu und schien ihm ein paar Worte des Trostes und des Beileids zuzusprechen, aber der alte Mann war nicht imstande, darauf zu hören, dennoch nickte er mürrisch und schüttelte dem Prediger die Hand, wie um ihm für seine gute Absicht zu danken. Aber er war entweder nicht imstande oder nicht willens, ihm mit Worten zu antworten.

Der Priester schritt dann zur Mutter, indem er so langsam, leise und behutsam über den Boden hinschritt, als ob er fürchtete, daß die Dielen wie unsicheres Eis unter seinen Füßen einbrechen könnten, oder daß das erste Echo eines Trittes irgend einen magischen Zauber lösen und die Hütte mit all ihren Einwohnern in einen unterirdischen Abgrund versenken könnte.

Der Inhalt dessen, was er zu dem armen Weibe sagte, ließ sich nur aus ihren Antworten entnehmen, wie sie unter halb ersticktem Schluchzen nach jeder Pause in seiner Rede mit schwacher Stimme sagte:

»Ja, Herr Pastor, ja – Sie sind sehr gütig, gewiß doch, sehr gütig! – Freilich, freilich – wir müssen uns drein schicken! – Aber, ach du lieber Gott, der arme Steenie, der Stolz meines Herzens, er war so hübsch und stattlich, und eine Stütze und Hilfe für seine Familie und ein Trost für uns alle und eine Freude für jeden, der ihn angesehen hat! Ach, mein Junge, mein Junge, mein Junge! was liegst du denn dort, und ach, weshalb bin ich noch am Leben, daß ich dich beweinen muß!«

Gegen diesen Ausbruch von Kummer und natürlicher Liebe war nicht anzukämpfen. Oldbuck hatte wiederholt zu seiner Schnupftabakdose gegriffen, um seine Tränen zu verbergen, die trotz seines schnurrigen, kaustischen Temperaments bei solchen Gelegenheiten leicht sich einstellten. Die Frauen, die da waren, wimmerten, die Männer hielten sich die Hüte vors Gesicht und sprachen leise miteinander.

Inzwischen sprach der Geistliche seinen geistlichen Trost der alten Großmutter zu. Zuerst hörte sie – oder wenigstens schien es so – auf das, was er sagte, doch mit ihrer gewohnten Apathie und Bewußtlosigkeit. Aber als er in eindringlicherer Rede ihrem Ohre so nahe kam, daß der Sinn der Worte ihr deutlich verständlich wurde, da nahm ihr Gesicht sofort den starren, ausdrucksvollen Zug an, der ihr in ihren lichten Augenblicken eigentümlich war. Sie richtete Kopf und Leib empor, schüttelte das Haupt in einer Weise, die zum mindesten Ungeduld, wenn nicht gar verächtliche Ablehnung seines Zuspruches verriet, und bewegte die Hand leichthin, aber mit einer so vielsagenden Gebärde, daß alle, die es sahen, erkennen konnten, wie wenig ihr an dem geistlichen Trost gelegen war, den sie mit unnahbarer Geringschätzung von sich weise.

Der Prediger trat zurück, wie von Abscheu ergriffen, und indem er sanft die Hand hob und wieder fallen ließ, schien er zugleich Verwunderung, Kummer und Mitleid mit ihrem entsetzlichen Geisteszustande zu hegen. Die Umstehenden schienen diese Gefühle zu teilen, und ein Flüstern lief von Mund zu Mund und gab kund, wie sehr ihr verbissenes, wahnwitziges Wesen sie alle mit Grausen erfüllte.

Inzwischen waren aus Fairport noch einige erwartete Gäste angekommen, und die Trauergesellschaft war nun vollzählig. Wieder wurde Wein und Branntwein herumgereicht und das stumme Begrüßen wiederholte sich. Die Großmutter nahm zum zweitenmal ein Glas zur Hand, trank den Inhalt und rief:

»Hahaha! Zweimal an einem Tage habe ich Wein getrunken! Wann wäre das schon mal dagewesen, ihr Leute! Noch nie!«

Die vorübergehende Röte wich aus ihrem Gesicht, sie setzte das Glas hin und sank wieder auf den Platz, von dem sie sich erhoben hatte.

Als die allgemeine Verblüffung gewichen war, bedeutete Oldbuck, dem bei all diesen Vorgängen das Herz blutete, dem Prediger, es sei wohl Zeit, nun die Feierlichkeit zu vollziehen. Der Vater war unfähig, Weisungen zu geben; aber der nächste Verwandte der Familie gab dem Zimmermann ein Zeichen, der in solchen Fällen in dieser Gegend den Dienst des Leichenbestatters verrichtet.

Das Knarren der Sargnägel verkündete nun, daß der Deckel über dem letzten Hause eines Menschen sich schlösse. Der Sarg war mit einem Tuche bedeckt worden und wurde von den nächsten Verwandten auf Querhölzern getragen. Man wartete nur auf den Vater, der, wie es üblich war, das Kopfende tragen sollte. Ein paar der ihm näher stehenden Leute sprachen zu ihm, aber er schüttelte zum Zeichen der Weigerung Hand und Kopf. Mehr in guter Absicht, aber ohne Aussicht auf Erfolg, wollten die Anverwandten ihn dringlicher dazu auffordern, da trat Oldbuck zwischen den trostlosen Vater und seine wohlmeinenden Quälgeister und sagte ihnen, er als Grundherr des Verstorbenen wolle selber »das Haupt des Toten zum Grabe tragen«.

Trotz der traurigen Stunde fühlten doch die Verwandten die Herzen höher schlagen vor Freude über diese große Auszeichnung des Lairds, und durch diese Huldigung, die Oldbuck von Monkbarns den alten Sitten des schottischen Volkes darbrachte, gewann er sich mehr Popularität, als durch alle die Summen, die er jährlich zu wohltätigen Zwecken verteilen ließ.

Der Leichenzug setzte sich nun in Bewegung. Voran schritten die Büttel mit ihren Amtsstäben, sie waren der schottischen Sitte gemäß in fadenscheinige, schwarze Röcke gekleidet und trugen Jagdmützen, die mit Krepp garniert waren. Der Kirchhof war etwa eine halbe englische Meile entfernt, und der Zug bewegte sich mit der bei solchen Anlässen üblichen Feierlichkeit – die Leiche wurde in die mütterliche Erde gebettet – und als die Totengräber ihre Arbeit getan und die Grube zugedeckt hatten, zog Oldbuck den Hut und grüßte die Teilnehmer, die in traurigem Schweigen dabei standen, und mit diesem Abschiedsgruß gingen die Leidtragenden auseinander.

Der Geistliche bot dem Altertümler seine Begleitung an, aber Herr Oldbuck, noch zu sehr unter dem Eindruck, den das Verhalten des Fischers und seiner Mutter auf ihn gemacht hatte, und bewegt von Mitleid, vielleicht auch von jener Neugierde, die uns lockt, das, was zu sehen uns Schmerz bereitet hat, näher zu ergründen, zog er einen einsamen Rückweg an der Küste entlang vor, in der Absicht, noch einmal im Vorbeigehen in der Hütte vorzusprechen.

Zwölftes Kapitel

Der Sarg war aus der Hütte getragen worden. In regelmäßiger Folge, je nach ihrer Stellung oder Verwandtschaft mit dem Toten, hatten die Leidtragenden die Hütte verlassen, wahrend die kleineren Kinder hinter der Bahre ihres Bruders drein geführt wurden, ohne den Sinn der Feierlichkeit zu begreifen. Dann erhoben sich auch die Klatschschwestern und nahmen die Mädchen mit sich, um die unglücklichen Eltern allein zu lassen, daß sie ihr Herz gegeneinander ausschütten und durch gegenseitige Aussprache ihren Kummer lindern möchten.

Sie erreichten jedoch ihre gut gemeinte Absicht nicht. Kaum hatte die letzte die Tür leise hinter sich zugezogen, da warf der Vater einen hastigen Blick um sich, und als er gesehen hatte, daß niemand Fremdes mehr da war, da fuhr er auf, schlug die Hände wild über seinem Haupte zusammen, und halb stürzend, halb taumelnd warf er sich auf das Bett, auf dem der Sarg gestanden hatte, begrub das Gesicht in den Betttüchern und machte seinem Schmerz in voller Leidenschaft Luft.

Vergebens unterdrückte die unglückliche Mutter Schluchzer und Tränen – entsetzt durch das ungestüme Herzeleid ihres Mannes, das um so furchtbarer wirkte, als es einen Mann von hartem, festem Wesen und robuster Figur völlig darniederwarf – vergebens zog sie ihn an den Rockschößen und flehte ihn an, er solle doch aufstehen und daran denken, daß er noch ein Weib habe und andere Kinder, die ihn trösteten und ihm zur Seite ständen.

Er hörte nicht auf ihr Flehen, das noch in einer zu frühen Stunde seines Grames kam, er blieb liegen und schluchzte so bitterlich und so heftig, daß das Bett schütterte, und mit geballten Fäusten zerknüllte er die Betttücher und seine Beine zuckten krampfhaft, so tief und furchtbar war die Qual und Not dieses Vaters.