»Das wage ich kaum zu hoffen,« sagte der Graf mit einem tiefen Seufzer, »warum sollte denn mein Bruder es mir verschwiegen haben?«
»Nein, Mylord! warum hätte er im Gegenteil Eurer Lordschaft mitteilen sollen, daß ein Wesen noch lebt, welches Sie für den Abkömmling ....«
»Sehr wahr – er hat offenbar in guter Absicht geschwiegen. Wenn in der Tat irgend etwas das Grausen des gespenstischen Traumes, der mir das Dasein vergiftet hat, noch hätte erhöhen können, so wäre es das Bewußtsein gewesen, daß ein solches Kind des Elends noch am Leben sei.«
»Also,« fuhr der Altertümler fort, »wenn es auch voreilig wäre, wenn man jetzt nach über zwanzig Jahren die Überzeugung aussprechen würde, daß Ihr Sohn, noch am Leben sein müsse, weil er als kleines Kind nicht umgebracht worden wäre, so meine ich doch, Sie sollten ohne Säumen mit den Erhebungen beginnen.«
»Das soll geschehen,« versetzte Lord Glenallan und griff schnell nach der ihm so gebotenen Hoffnung, der ersten, die er seit vielen Jahren wieder hegte. »Ich will an einen treuen Verwalter meines Vaters schreiben, der in derselben Stellung auch bei meinem Bruder Neville gewesen ist – aber, Herr Oldbuck, ich bin nicht Erbe meines Bruders.«
»Nicht! – das ist ja schade, Mylord – es ist ein ansehnliches Gut, und die Ruinen des alten Schlosses von Neville-Burg allein – die stolzesten prächtigsten Reste der anglo-normannischen Architektur, die wir in dieser Gegend überhaupt haben – sind ein Besitz, der sehr hoch zu halten ist. Ich dachte, Ihr Vater hätte keinen Sohn oder nahen Verwandten sonst.«
»Das hatte er auch nicht, Herr Oldduck,« erwiderte Lord Glenallan; »aber mein Bruder hat sich zu andern politischen Parteien geschlagen und auch eine andere Religion angenommen, als bisher in unserm Hause üblich gewesen ist. Wir waren schon lange durch entgegengesetzte Gesinnungen auseinander gekommen, und auch meine unglückliche Mutter hat nicht hinreichend Einfluß über ihn gewinnen können. Kurz, es gab einen Familienstreit, und mein Bruder, der über seine Besitzungen frei verfügen konnte, hat die ihm erteilte Befugnis sich zu nutze gemacht und einen Fremden zu seinem Erben erkoren. Das ist mir bisher völlig gleichgültig gewesen, denn wenn weltliches Besitztum das Elend leichter machen könnte – ich habe ja genug, ja übergenug! Aber jetzt sollte es mir doch leid tun, wenn deswegen sich irgendwelche Schwierigkeiten in unsern Nachforschungen ergeben sollten. Und ich ahne schon, daß das der Fall sein wird. Denn wenn ich einen gesetzlichen leiblichen Sohn habe, und mein Bruder ohne Nachkommen gestorben ist, so fielen jetzt meines Vaters Besitztümer diesem meinem Sohne zu. Es ist daher nicht wahrscheinlich, daß der von meinem Bruder gewählte Erbe, wer er auch sein mag, uns bei einer Untersuchung behilflich sein dürfte, die so sehr zu seinen Ungunsten ausfallen könnte.«
»Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist auch der Verwalter, von dem Eure Lordschaft gesprochen hat, auch bei ihm in Dienst,« sagte der Altertümler.
»Das ist sehr wahrscheinlich, und da der Mann Protestant ist, so wird er einem protestantischen Erben günstiger gesonnen sein als einem Katholiken – wenn allerdings mein Sohn im Glauben seines Vaters erzogen worden ist – oder wenn er überhaupt noch lebt!«
»Wir müssen uns ganz genau darüber informieren,« sagte Oldbuck, »ehe wir uns in die Sache einlassen. Ich habe einen Freund in York, mit dem ich wissenschaftlich korrespondiere, ich will an diesen Herrn, Dr. Dryasdust, sofort schreiben und mich ganz genau über den Charakter des Mannes, der Ihren Bruder beerbt hat, erkundigen, und wer für ihn die Geschäfte besorgt, und was sonst noch Klarheit in die Angelegenheit Eurer Lordschaft bringen kann. Inzwischen kann Eure Lordschaft die Beweise für die Ehe aufbringen, die sich doch wohl noch beschaffen lassen werden.«
»Ohne Frage,« versetzte der Graf, »die Zeugen, die vor Ihren Nachforschungen seinerzeit zurückgezogen wurden, sind noch am Leben. Mein Erzieher, der die Ehe eingesegnet hat, war nach Frankreich geschickt worden und ist vor kurzem als Emigrant, als ein Opfer seiner Königstreue und seiner Religion, wieder in seine Heimat geflüchtet.«
»Das ist eine glückliche Folge der französischen Revolution, das müssen Sie zum mindesten zugeben, Mylord,« sagte Oldbuck; »aber nichts für ungut, ich will mich Ihrer Sache so warm annehmen, als wenn ich in Politik und Glauben eines Bekenntnisses mit Ihnen wäre. Und hören Sie auf meinen Rat – wenn Sie irgend eine Sache sauber und sorgfältig besorgt haben wollen, so legen Sie sie in die Hände eines Antiquars, denn da ein Antiquar stets seine Begabung und seinen Forschereifer an kleinen Dingen betätigt, so ist er wichtigen Dingen stets trefflich gewachsen, denn Übung macht den Meister.«
Sechzehntes Kapitel
Am Morgen des folgenden Tages wurde der Altertümler, der ein Langschläfer war, eine Stunde früher, als er sonst aufzustehen pflegte, von Caxon aus dem Bett geholt.
»Was ist los?« rief er gähnend und streckte die Hände nach der großen dicken Repetieruhr aus, die auf seinem seidnen Taschentuch wohlbehalten gebettet neben seinem Kopfkissen lag. »Was ist denn los, Caxon? Es kann noch nicht 8 Uhr sein.«
»Nein, Herr, – aber Mylords Diener ist zu mir gekommen, denn er hält mich für Ihren Valet-de-Champ, – so heißt's ja wohl. Der große Mann ist schon vor Sonnenaufgang aufgestanden und nach der Stadt gegangen, um einen Boten nach seinem Wagen zu schicken, und der wird bald da sein, und bevor er wegfährt, möchte er Euer Ehren sehen.«
»Ach was!« rief Oldbuck, »diese großen Herren verfügen über Zeit und Haus eines Mannes, als wenn sie ihr eigen wären. Na schön, einmal und nicht wieder. Hat sich Hanne nun über Steenies Tod beruhigt?«
»Na, immer noch nicht ganz, Herr,« erwiderte der Barbier, »sie ist heute morgen mit der Schackelade wieder nicht recht bei Sinnen gewesen und hätte sie gar leicht ins Spülichtfaß gegossen und dann hat sie sie in ihrer Aufregung allein getrunken – aber schließlich hat sie sich beruhigt, weil ihr Fräulein M'Intyre gut zugeredet hat.«
»Also ist mein ganzes Weibsvolk schon auf den Beinen und spukt herum, und ich kann nicht länger mich an meinem ruhigen Bett erfreuen. Alle Ordnung in meinem Haushalt ist zum Kuckuck. Langt mir meinen Rock her. – Und was gibt's denn in Fairport?«
»Nun, Herr, was soll es dort weiter Neues geben als die große Neuigkeit von ,Mylord,« sagte der alte Mann, »der ist doch die zwanzig Jahre lang über seine Schwelle gekommen, und jetzt besucht er Euer Ehren!«
»Aha!« sagte Monkbarns. »Und wie denkt man denn nun darüber?«
»Allerdings, Herr, darüber herrschen verschiedene Meinungen. Die Kerle, die sogenannten Dehmelkraten, die gegen den König sind und gegen Perücken und Haarpuder – eine Bande von Spitzbuben – die sagen, er war gekommen, um mit Eurer Ehren darüber zu sprechen, daß er seine Hochlandsleute herunterkommen lassen will, um in die Zusammenkünfte der Volksfreunde einzugreifen – und wie ich den Leuten sagte, daß Euer Ehren sich in solche Dinge niemals einmische, wo es Schlägereien und Blutvergießen setzen könnte, da haben Sie gesagt, wenn Euer Ehren das auch nicht täte, dann tät's doch Ihr Neffe, der war ja bekannt als Königstreuer und kämpfe gern, bis ihm's Blut an die Knie ginge, und Sie wären der Kopf und er wäre die Hand, und der Graf brächte die Mannschaft und das Silber.«
»Na,« sagte der Altertümler lachend, »da bin ich nur froh, daß dieser Krieg mich nichts weiter kosten wird als einen guten Rat.«
»Nein, nein,« sagte Caxon, »das denkt auch keine Menschenseele, daß Euer Ehren selber mitkämpfen oder auch nur einen Pfifferling Silber für irgendwelche Partei ausgeben würde.«