»Augenblicklich müssen Sie freilich uns alle im Zaume halten, Herr Oldbuck,« sagte der Graf höflich, »aber ich hoffe. Sie werden nicht im Ernst Einspruch dagegen erheben, daß ich meinem jungen Freunde eine Freude mache.«
»Wenn's ein nützlicher Gegenstand wäre, Mylord,« sagte der Altertümler, »aber kein curriculum – ich sage Ihnen, er wird dann bald auf den Gedanken kommen, sich gar eine quadriga zu halten. Und kaum daß ich davon spreche, da kommt faktisch die alte Postkutsche von Fairport angerasselt – was soll das heißen? Ich habe nicht nach ihr geschickt.«
»Aber ich, Onkel,« sagte Hektor mürrisch, denn seines Oheims Einmischung war ihm nicht sehr angenehm gewesen.
»Du, mein Sohn?« wiederholte der Altertümler. »Und was hast du denn mit der Postkutsche vor? – Soll diese glänzende Equipage – diese biga, wie ich das Ding nennen kann – als eine Vorbereitung zu einer quadriga, oder einem curriculum dienen?«
»Wenn es nötig ist, Onkel,« versetzte der junge Soldat, »dir so genaue Auskunft zu geben, ich habe in Fairport etwas zu besorgen.«
»Wirst du mir erlauben, Hektor, danach zu fragen, was das wohl sein mag?« antwortete sein Oheim, der gern ein wenig seine Autorität über seinen Neffen geltend machte. »Ich dächte doch, Regimentsangelegenheiten ließen sich durch deine wackere Ordonnanz erledigen – ein biederer Mann, der so liebenswürdig ist, sich hier häuslich niederzulassen, seit er hergekommen ist – ich dächte, wie gesagt, der könnte deine Geschäfte besorgen, ohne daß du einen Tag lang zwei Gäule dir mietest und solch' eine Kombination von verfaultem Holz, zerbrochnem Glas und Leder – solch ein Skelett von einer Postkutsche, wie sie da vor der Tür hält.«
»Es sind keine Regimentsangelegenheiten, Onkel, die mich rufen. Und da du darauf bestehst, es zu erfahren, so muß ich dir es ja wohl sagen. Caxon hat mir heute morgen die Mitteilung gebracht, daß der alte Ochiltree, der Bettler, vernommen werden soll, ehe er vor Gericht gestellt wird, und da will ich hinein und sehen, ob sie mit dem alten Kerl gerecht verfahren – das ist alles.«
»Hm! – Davon hab' ich auch gehört, aber ich habe mir nicht denken können, daß es Ernst sei. Und bitte, Kapitän Hektor, der du in allen Streitsachen ziviler oder militärischer Art, zu Lande oder zu Wasser, dich jedermann bereitwillig zum Sekundanten zur Verfügung stellst, was hast du im besondern mit dem alten Edie Ochiltree zu schaffen?
»Er hat als Soldat in der Kompagnie meines Vaters gestanden, Onkel,« versetzte Hektor, »und als ich dabei war, eine sehr große Dummheit zu begehen, da hat er versucht, mich davon abzuhalten, und hat mir einen fast ebenso guten Rat erteilt, wie du selber es nicht besser verstanden hättest.«
»Und mit demselben guten Erfolg, darauf kann ich wohl Gift nehmen – he, Hektor? – Komm, gesteh, der Rat war natürlich vergebens?«
»Allerdings, aber ich sehe nicht ein, warum meine Torheit mich daran hindern sollte, ihm für seine beabsichtigte Güte dankbar zu sein?«
»Bravo, Hektor! Das ist das verständigste Wort, das ich aus deinem Munde gehört habe – aber sage mir doch immer, was du vor hast – ohne Zurückhaltung. Nun, ich will selber mit dir gehen. Junge. Ich bin überzeugt, der alte Mann ist unschuldig, und ich will ihm in dieser Klemme wirksamer behilflich sein, als du es könntest. Und dann sparst du auf diese Weise eine halbe Guinee, und das ist eine Rücksicht, die ich dich öfter im Auge zu haben bitten möchte.«
Lord Glenallan hatte Lebensart genug, sich abzuwenden und mit den Damen zu plaudern, als der Streit zwischen Oheim und Neffe zu lebhaft zu werden begann für das Ohr eines Fremden. Als aber am friedlichen Ton des Altertümlers zu hören war, daß wieder Friede und Freundschaft eingetreten war, nahm der Graf wieder an der Unterhaltung teil. Nachdem der Lord sich kurz hatte berichten lassen, was für eine Beschuldigung gegen den Bettler erhoben worden sei –die Oldbuck übrigens ohne Besinnen der Niederträchtigkeit Dusterschielers zuschrieb – fragte er, ob der Mann früher Soldat gewesen sei? – Die Frage wurde bejaht.
»Hatte er nicht,« fuhr seine Lordschaft fort, »einen groben, blauen Kittel mit zinnernem Schild? – War er nicht groß, mit einem interessanten Gesicht, grauem Haar und Bart – ein Mann, der sich auffallend gerade hält und auch in einem selbstbewußten, freimütigen Tone redet, der einen starken Gegensatz zu seinem Berufe bildet?«
»All dies gibt ein genaues Bild von dem Manne,« entgegnete Oldbuck.
»Ich fürchte freilich, ich werde ihm in der gegenwärtigen Lage nicht viel nützen können,« fuhr Lord Glenallan fort, »wenn es aber derselbe ist, dann bin ich ihm Dank schuldig, denn er war der erste, der mir Nachrichten von größter Wichtigkeit gebracht hat. Ich würde ihm gern ein behagliches Alter sichern, wenn er nur erst aus seiner derzeitigen schwierigen Lage heraus ist.«
»Ich fürchte, Mylord,« sagte Oldbuck, »es würde ihm schwer fallen, seine Landstreicher-Gewohnheiten aufzugeben und den freundlichen Vorschlag Eurer Lordschaft anzunehmen, wenigstens weiß ich, daß der Versuch schon einmal ohne Erfolg gemacht worden ist. Das Publikum im großen und ganzen anzubetteln, betrachtet er als Unabhängigkeit im Vergleich dazu, daß er seinen Lebensunterhalt von einer einzigen Person beziehen sollte. Er ist insoweit Philosoph, als er ein Verächter aller gewöhnlichen Regeln und einer geordneten Zeiteinteilung ist. Wenn er Hunger hat, dann ißt er, wenn er Durst hat, trinkt er, wenn er müde ist, schläft er, und so gering sind seine Ansprüche in dieser Hinsicht, daß er sicher noch nie schlecht gegessen hat oder schlecht einquartiert gewesen ist. Dann ist er gewissermaßen das Orakel des Kreises, in dem er seine Runde macht, – der Genealoge, der Neuigkeitskrämer, der Hundedoktor oder auch wohl gar der Gottesmann. Ich sage Ihnen, er hat zu viele Pflichten und läßt sich ihre Ausübung sehr angelegen sein, als daß er sich leicht zur Aufgabe seines Gewerbes bereden ließe. Aber es sollte mir aufrichtig leid tun, wenn sie den armen alten Mann mit dem leichten Herzen auf Wochen ins Gefängnis stecken würden. Ich bin überzeugt, die Haft würde ihm das Herz brechen.«
Damit schloß die Besprechung. Lord Glenallan verabschiedete sich von den Damen und stellte Kapitän M'Intyre seine Besitzungen zum Jagen frei, was mit Freuden angenommen wurde.
Dann nahm Lord Glenallan Platz in seinem Wagen und die vier schönen Pferde führten ihn davon. Oldbuck und sein Neffe aber setzten sich in die Fairporter Postkutsche, die unter Knarren und Rasseln der berühmten Seestadt zuholperte und sich freilich ganz anders ausnahm, als die Equipage des Grafen, die schnell und leicht und weich wie im Fluge verschwunden zu sein schien.
Siebzehntes Kapitel
Dank der Mildtätigkeit der Leute in der Stadt und mit Hilfe der vielen Vorräte, die er mit in die Haft gebracht hatte, hatte Edie Ochiltree es ein paar Tage ganz gut ausgehalten und den Mangel an Freiheit um so weniger hart empfunden, als das Wetter sehr schlecht geworden war.
»Das Gefängnis,« sagte er, »ist gar kein so schlechter Platz als immer gesagt wird. Man hat doch ein gutes Dach über'm Kopf, das das Wetter abhält. – Wenn die Fenster auch keine Scheiben haben, so ist es dafür nur luftiger und angenehmer zur Sommerzeit. Und Leute sind auch genug da, mit denen man einen Plausch haben kann, und ich habe ja Brot genug, was brauch' ich mich da um das Weitere zu grämen?« Der Mut unsers Bettlers begann indessen doch ein wenig zu sinken, als die Sonnenstrahlen heiter auf die rostigen Sparren seines vergitterten Fensters fielen und ein armer, kläglicher Hänfling, dessen Bauer ein armer, kläglicher Schuldhäftling sich wahrscheinlich ans Fenster hatte hängen dürfen, ihn mit seinem Pfeifen begrüßte.