»Du bist froher gelaunt als ich,« fügte Edie zu dem Vogel, »denn ich kann nicht pfeifen, wenn ich an die schönen Hügel und grünen Täler denke, die ich eigentlich bei solchem Wetter durchstreifen sollte. Aber hier, da hast du ein paar Krumen, weil du so lustig bist! Du hast ja auch noch alle Ursache, zu singen, wie dir der Schnabel gewachsen ist, denn daß du im Käfig sitzt, das hast du dir nicht selber eingebrockt, und ich habe es mir selber zuzuschreiben, daß ich an diesem trübseligen Fleck hier eingekerkert bin.«
Ochiltree wurde in seiner Selbstbetrachtung gestört, denn es kam eine Gerichtsperson herein, um ihn vor den Richter zu führen. So schritt er nun in erhabener Protektion zwischen zwei jammervollen Kreaturen dahin, die alle beide nicht so stämmig waren wie er, um zum Verhör gebracht zu werden. Als der bejahrte Gefangene von den gebrechlichen Wärtern durch die Straßen geführt wurde, riefen die Leute einander zu:
»Seht den alten Kerl, der soll noch jemand überfallen haben – und ist doch schon für's Grab reif!«
Und die Kinder wünschten den Wärtern, die sie bald fürchteten, bald verspotteten, Glück dazu, daß sie diesmal einen Gefangenen hätten, der so alt wäre wie sie selber.
Also geführt, wurde Edie Ochiltree (keineswegs zum erstenmal) vor den ehrwürdigen Amtmann Kleinhans gestellt, der, im Gegensatz zu seinem Namen, ein stattlicher, hochgewachsener Beamter war, bei dem die ihm zugeflossenen Gerichtsgebühren trefflich angeschlagen hatten. Er war ein eifriger Königstreuer aus der alten eifrigen Zeit, ein wenig streng und rücksichtslos in der Ausübung seines Amtes und ein wenig durchdrungen vom Bewußtsein seiner Macht und seiner Bedeutung, sonst aber ein ehrbarer, wohlmeinender und nützlicher Bürger.
»Herein mit ihm, herein mit ihm!« rief er. »Das muß ich sagen, wir leben jetzt in einer entsetzlichen, unnatürlichen Zeit; die Bettler Seiner Majestät, die von seiner Gnade leben, sind die ersten, wenn es gilt, die Gesetze nicht zu halten.
– Hier hat denn nun ein alter Blaurock Diebstahl begangen. Ich vermute, der nächste wird zum Dank für das königliche Privilegium, das ihm Kleidung, Pension und die Freiheit zu betteln gewährt, sich an Hochverrat beteiligen oder mindestens dazu verleiten. Aber nur immer herein mit dem Kerl!«
Edie machte seine Ehrenbezeugung und stand dann, wie gewöhnlich, fest und aufgerichtet, das Gesicht ein wenig seitwärts nach oben gekehrt, wie um jedes Wort zu vernehmen, das der Beamte an ihn richten würde. Auf die ersten allgemeinen Fragen, die nur seinen Namen und sein Gewerbe betrafen, antwortete Edie schnell und exakt, aber als der Beamte, nachdem diese Angaben von dem Schreiber zu Protokoll genommen worden waren, die Frage stellte, wo der Bettler sich in der Nacht befunden hätte, als Dusterschieler das bekannte Unglück widerfahren sei, da fing Edie mit Umschweifen an.
»Können Sie mir sagen, Herr Amtmann, – und Sie kennen sich ja doch, aufs Gesetz aus – was es für mich für Vorteil haben wird, wenn ich Ihnen auf Ihre Fragen Bescheid gebe?«
»Vorteil? Gar keinen jedenfalls, höchstens kann ich Sie in Freiheit setzen, das heißt, wenn Sie wahrheitsgetreue Angaben machen und vor allem unschuldig sind.«
»Aber mir kommt es doch vernünftiger vor, wenn Sie, Herr Amtmann, oder alle andern, die mir was nachzusagen haben, jetzt erst mal beweisen, daß ich schuldig bin, – nicht daß ich beweisen soll, daß ich unschuldig bin.«
»Ich sitze nicht hier,« sagte der Beamte, »um über Rechtsfragen mit Ihnen zu debattieren. Ich frage, wollen Sie nun antworten auf die Frage, ob Sie an dem von mir genannten Abend bei dem Förster Ringan Eichholz gewesen sind?«
»Wahrhaftig, Herr, ich möchte nicht behaupten, daß ich mich noch genau darauf besinnen könnte,« antwortete der vorsichtige Bettler.
»Oder ob Sie im Laufe dieses Tages oder dieser Nacht,« fuhr der Beamte fort, »mit Steenie oder Steffen Mucklebackit zusammengetroffen sind? – Den Mann haben Sie doch wohl gekannt, wie?«
»O, sehr gut hab' ich Steenie gekannt, den armen Jungen,« antwortete der Gefangene, »aber ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich ihn in der letzten Zeit gesehen habe.«
»Sind Sie im Laufe dieses Abends' zu irgendeiner Zeit in den Ruinen von St. Ruth gewesen?«
»Amtmann Kleinhans,« sagte der Bettler, »wenn Euer Ehren nichts dagegen haben, dann wollen wir einer langen Geschichte rasch ein Ende machen, und ich will Ihnen sagen, ich habe nicht die geringste Lust, irgendeine dieser Fragen zu beantworten. Ich bin ein viel zu alter Landstreicher, als daß ich mir noch das Maul verbrennen sollte.«
»Schreiben Sie,« sagte der Beamte, »der Beschuldigte weigert sich auf irgendwelche Fragen zu antworten, aus Rücksicht darauf, daß er sich, wenn er die Wahrheit sagte, in Verlegenheiten bringen könnte.«
»Nein, nein,« sagte Ochiltree, »ich will nicht, daß das zu Papier gebracht wird als Antwort von mir – ich wollte damit nur gesagt haben, daß es, soweit ich für meine Person mich erinnern kann, noch nie zu was gutem geführt hat, wenn man müßige Fragen beantwortet.«
»Schreiben Sie,« sagte der Amtmann, »der Beschuldigte kennt sich durch langjährige Erfahrung auf gerichtliche Verhöre aus, und da er oft Nachteil dabei erfahren hat, wenn er ihm vorgelegte Fragen beantwortet hat, so verweigert er – –«
»Nein, nein, Amtmann,« wiederholte Edie, »auch auf diese Weise lasse ich mich nicht von Ihnen fangen.«
»Dann diktieren Sie die Antwort selber, Freund,« sagte der Beamte, – und der Schreiber wird sie wörtlich, wie Sie sie sagen, niederschreiben.«
»Na, ja, na, ja,« sagte Edie, »das nenn ich doch ehrlich gehandelt. Das will ich tun, ohne weiter Zeit zu versäumen.
– Also, Nachbar, Sie können hinschreiben, daß Edie Ochiltree, der Beschuldigte, sich die Freiheit nimmt, –nein, das darf ich auch nicht sagen, – ich bin kein Freiheitsmensch, – bei den Aufständen in Dublin hab' ich gegen diese Sorte gefochten, und außerdem eß' ich nun schon eine liebe lange Zeit des Königs Brot. Halt, lassen Sie mal sehen – ja – jawohl – schreiben Sie, daß Edie Ochiltree, der Blaurock, für sich das Privilegium – geben Sie acht, daß Sie das Wort auch richtig schreiben, es ist so lang – das Privilegium, das alle Untertanen dieses Landes genießen, beansprucht, nicht ein Wort auf alle heute an ihn gestellten Fragen zu antworten,
ehe ihm nicht gezeigt wird, was es für einen Zweck haben soll. Das schreiben Sie hin, Sie Mann.«
»Also, Edie,« sagte der Beamte, »da Sie mir keine Auskunft in der Sache geben wollen, muß ich Sie wieder ins Gefängnis schicken, bis Sie nach erledigter Anklage herausgelassen werden können.«
»Nun ja doch, Herr, sofern es des Himmels und der Menschen Wille ist, du liebe Güte, so muß ich mich halt drein schicken,« versetzte der Schnorrer. »Gegen das Gefängnis hab' ich nichts weiter einzuwenden, nur ist es eine böse Sache, daß man überhaupt nie ein bißchen raus kann. Und wenn es Ihnen, Herr Amtmann, recht wäre, dann will ich auch mein Wort darauf geben, daß ich an Gerichtsstelle erscheinen will an jedem Tage und an jedem Orte, wohin ich bestellt werde.«
»Ich denke, mein guter Freund,« antwortete Amtmann Kleinhans, »Ihre Bürgschaft ist nicht weit her, wenn Ihnen der Hals in der Schlinge sitzt. Ich möchte fast glauben, Sie würden auf alle unsere Vorladungen pfeifen. Aber wenn Sie mir eine ausreichende Sicherheit geben könnten, dann schließlich ...«
In diesem Augenblicke traten der Altertümler und Kapitän M'Intyre herein.
»Guten Morgen, meine Herrn,« sagte der Beamte, »Sie finden mich bei meiner schweren Berufsarbeit, wie gewöhnlich – beschäftigt, die Vergehen des Volkes zu ahnden – für die res publica zu sorgen, – Herr Oldbuck – dem König unserm Herrn zu dienen, Kapitän M'Intyre – denn Sie wissen doch Wohl, daß ich zum Schwerte gegriffen habe.« »Das Schwert gehört ja wohl auch zu den Wahrzeichen der Justiz,« antwortete der Altertümler. »Aber ich hätte geglaubt, die Wagschale hätte Ihnen besser angestanden, Herr Amtmann.«