»Gewiß. Sie werden aber erst recht nichts mit ihm anfangen können. Er gab mir deutlich zu verstehen, daß er wisse, wie gefährlich es sei, als Angeklagter vor Gericht eine Aussage zu machen. Dadurch sei schon mancher ehrlicherer Mann, als er, an den Galgen gekommen.«
»Na, aber, Amtmann,« sagte Oldbuck, »Sie haben also nichts dagegen, wenn ich mir den Gefangenen vornehme?«
»Nicht das geringste, Monkbarns. – Unten hör ich den Unteroffizier, wir werden derweil noch ein paar Griffe klopfen. – Junge, trage mein Gewehr und Seitengewehr in die Stube unten, dort machts weniger Lärm, wenn wir Chargierungen machen.«
Und so ging der kriegerische Amtmann hinaus.
»Hektor, mein Junge,« sagte Oldbuck, »häng dich an ihn. Häng dich an ihn. Beschäftige ihn auf eine halbe Stunde, mein Sohn – füttre ihn mit ein paar Kriegslehren – lobe seine Uniform und seine Tüchtigkeit.«
Kapitän M'Intyre, der wie viele seines Berufes mit unendlicher Verachtung auf diese bürgerlichen Soldaten blickte, erhob sich nur widerstrebend und bemerkte, er wisse nicht, was er zu Herrn Kleinhaus sagen solle, und es sei doch zu lächerlich, einen solchen alten von der Gicht geplagten Menschen mit kriegerischen Waffen hantieren zu sehen.«
»Kann schon sein, Hektor,« sagte der Altertümler, der, selten jemand unbedingt zustimmte, »kann schon so sein in diesem und in einigen andern Fällen, aber das Land ist eben zurzeit zu vergleichen mit den kleinen Gerichtshöfen, wo die Parteien sich selber vertreten, weil sie nicht Kleingeld genug haben, um sich einen solchen Helden von der Anwaltskammer zu leisten. Im einen Falle läßt sich die Pfiffigkeit und Redegewandtheit der Advokaten entbehren, und so hoffe ich auch, baß wir im andern Falle mit unsern Herzen und Flinten zurecht kommen werden, wenn wirs auch nicht zur Manneszucht solcher Kampfhähne wie Ihr bringen werden.«
»Ich habe sicherlich nichts dagegen einzuwenden, Onkel, daß die ganze Welt sich in den Haaren läge und bekämpfe, wenn sie nur mich dabei in Ruhe lassen möchte,« sagte Hektor und erhob sich mit mürrischer Unlust.
»Ja, du bist allerdings ein sehr ruhiger Mensch,« brummte sein Oheim. »Du kannst deine Zank- und Kampflust ja keine fünf Minuten lang bezähmen.«
Aber Hektor hatte keine Lust, seinen Onkel in dieser Tonart weiter zu hören.
Achtzehntes Kapitel
Um nun den Angeklagten zu vernehmen, wozu ihm die Befugnis erteilt worden war, hielt es der Altertümler für besser, sich nach dem Zimmer zu begeben, in das Ochiltree gebracht worden war. Er wollte nicht, daß die Vernehmung irgendwelchen amtlichen Anstrich hätte, deshalb ließ er ihn nicht in das Zimmer des Beamten bringen. Er sah den alten Mann am Fenster sitzen, das aufs Meer hinaussah. Während er auf die Landschaft herabblickte, traten ihm unwillkürlich große Tränen in die Augen und rollten ihm über die Wangen hinab in den grauen Bart.
Sein Gesicht war dabei friedlich und ruhig, und seine Haltung sprach Geduld und Ergebung aus. Oldbuck war an ihn herangetreten, ohne bemerkt zu werden, und weckte ihn jetzt aus seinen Betrachtungen mit den freundlichen Worten:
»Es tut mir leid, Edie, daß ich Euch in so tiefer Niedergeschlagenheit wegen dieser Sache finde.«
Der Bettler fuhr auf, trocknete sich hastig die Augen mit dem Rockärmel, und indem er versuchte, im gewöhnlichen Tone der Gleichgültigkeit und Spottlust zu sprechen, sagte er mit trotzdem merklich zitternder Stimme:
»Hätt' mirs denken können, daß Sie es wären, Monkbarns, oder doch so einer wie Sie, der mich hier stört – denn es ist ein großer Vorteil der Gefängnisse und Gerichtshöfe, daß die Herren jederzeit hereindürfen, wenn es ihnen Spaß macht und daß die, die drin sind, gar nicht einmal fragen dürfen, was sie drinnen zu suchen haben.«
»Na, Edie, ich hoffe,« sagte Oldbuck, »was Euch augenblicklich Kummer macht, das läßt sich wieder aus der Welt schaffen.«
»Und ich hätte gehofft, Monkbarns,« erwiderte der Bettler in vorwurfsvollem Tone, »Sie hätten mich besser gekannt, als daß Sie glauben könnten, ich würde wegen einer solchen Lappalie Tränen vergießen. Haben doch meine Augen schon ganz andres Leid gesehn! – Über ich habe nämlich das arme Mädel, Caxon seine Tochter, gesehen, die suchte Trost, aber es könnt ihr niemand keinen geben. Seit dem letzten Sturm hat man nichts mehr von Leutnant Taffril seiner Brigg gehört. Und im Hafen geht das Gerücht, ein königliches Schiff sei am Riff von Rattray gescheitert und versunken mit Mann und Maus. Gott verhüts! Denn dann war auch der arme junge Lovel, den Sie so gern hatten, Monkbarns, mit zu Grunde gegangen.«
»Jawohl! Gott verhüts!« wiederholte der Altertümler angstvoll. »Lieber wollt ich, in Monkbarns flöge der rote Hahn auf! Mein armer teurer Freund und Mitarbeiter! – gleich will ich nach dem Hafen gehen.«
»Ich weiß, Sie werden dort nichts weiter hören, als was ich Ihnen sagte, Herr,« entgegnete Ochiltree. »Die Gerichtsdiener hier waren nämlich sehr freundlich (soweit das überhaupt solche Leute sein können) und sie haben alle Zeitungen und Berichte durchgesehen und doch nichts genaues herausbringen können.«
»Es kann nicht der Fall, sein – es soll nicht sein,« sagte der Altertümler, »und ich will es nicht glauben. – Taffril ist ein ausgezeichneter Seemann – und Lovel (mein armer Lovel!) hat alle Eigenschaften eines vernünftigen und liebenswürdigen Gefährten zu Lande und Wasser. – Er ist ein so vornehmer edler Charakter, daß ich mit ihm, wenn ich das überhaupt je täte, selbst eine Seereise machen könnte – aber allerdings werde ich das nie tun, höchstens fahr ich mal über den Forth, fragile mecum solvere phasclum. Aber wie gesagt, mit ihm riskierte ichs, denn er ist so einer, an dem die Elemente ihre Rache nicht auslassen würden. Nein, Edie, es ist nicht der Fall und es kann nicht sein. Es ist eine Erfindung der nichtsnutzigen Weibsperson, der Fama, die ich am liebsten mitsamt ihrer Trompete am Galgen sehen würde, denn sie bringt mit
ihren Unkenrufen, nur ehrliche Leute aus der Ruhe. – Nun aber sagt mir, wie Ihn in diese Teufelsküche geraten seid.«
»Fragen Sie mich, Monkbarns, als Magistratsperson, oder tun Sie es bloß aus persönlichem Interesse?«
»Lediglich aus persönlichem Interesse,« versetzte der Altertümler.
»Dann tun Sie Ihr Notizbuch und Ihren Bleistift weg, denn ich sage Ihnen nicht ein Sterbenswörtchen, solange Sie das Schreibzeug bei der Hand haben. Die sind für Leute wie unsereinen ein Greuel. Hols der Henker! So ein Federfuchser wie der da drüben, kann schwarz auf weiß was hinschreiben, wofür man dann baumeln kann, ehe man noch überhaupt weiß, was man gesagt hat.«
Monkbarns willfahrte der Grille des alten Mannes und steckte sein Notizbuch ein.
Nun berichtete Edie mit großem Freimut, was dem Leser an der Geschichte schon bekannt ist. Er erzählte ihm, was in den Ruinen von St. Ruth zwischen Dusterschieler und dessen Gönner vorgefallen war und was er selber mitangesehen hatte. Er gestand offen ein, daß er der Versuchung nicht habe widerstehen können, den Schwarzkünstler noch einmal zu dem Grabe Schwarzrocks zu locken, weil er ihm einmal seine Schwindeleien gründlich habe versalzen wollen. Den Steenie, der ja ein leichtsinniger Bursche gewesen wäre, hätte er ohne Schwierigkeiten dazu bestimmt, ihm behilflich zu sein. So hätten sie beide sich den Jux gemacht, aber die Sache sei zu einem bösern Ende gekommen, als sie beabsichtigt hätten. Was die Brieftasche Dusterschielers anbetreffe, so habe er gleich am Abend noch Steenie gesagt, daß es ihm gar nicht lieb, sei, sie in seinen Händen zu wissen; der Fischer hätte sie aber ganz ohne Absicht an sich genommen, hätte auch vor allen Bewohnern der Hütte fest versprochen, sie am folgenden Tage wieder abzuliefern. Daran hätte ihn dann sein unerwarteter Tod gehindert.
Der Altertümler überlegte einen Augenblick und sagte dann:
»Euer Bericht klingt sehr nach Wahrheit, und soweit ich die beteiligten Personen kenne, glaube ich auch daran in allen Stücken. Aber ich glaube auch, daß Ihr noch weit mehr wißt, als Ihr sagen wollt, das heißt, was die Schatzgräberei anbelangt. Ich vermute, Ihr habt die Rolle des lar famaliaris im Plautus gespielt, das ist so eine Art Kobold, um ihm einen Namen zu geben, der Euch plausibel ist – der wacht über verborgenen Schätzen. Ich kann mich erinnern, daß Ihr der erste wart, den wir getroffen haben, als Sir Arthur seinen erfolgreichen Fischzug in Schwarzrocks Grab getan hatte, und daß auch Ihr, als die Arbeiter die Sache aufgeben wollten, der erste wart, der in die Grube sprang und den Schatz dann erst entdeckte. Dies alles müßt Ihr mir nun erklären, wenn ich Euch nicht so übel mitspielen soll, wie Euclio der Staphyla in der Aulularia des Plautus.«