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»Na, Herr Oldbuck, jedermann in Fairport tut gern Ihnen einen Gefallen. Ich weiß, Sie sind ein vorsichtiger Mann und würden ebenso ungern vierzig wie vierhundert Mark verlieren. Ich will also Ihre Kaution annehmen – meo periculo

»Dann mag Ihr Schreiber den Schein aufsetzen und ich will ihn unterschreiben.«

Nach Erledigung dieser Förmlichkeit machte der Altertümler Edie die erfreuliche Mitteilung, daß er wieder auf freiem Fuße sei, und forderte ihn auf, sich sogleich in Monkbarns einzufinden, wohin er sich selber nach Vollendung des guten Werkes mit seinem Neffen begab.

Neunzehntes Kapitel

Am folgenden Tage befand sich Herr Oldbuck mit seinem Neffen und dem Bettler auf dem Wege zur Hütte Mucklebackits.

»Da wären wir angelangt,« sagte Edie, als sie vor der Tür des Häuschens standen. »Möchte nur wissen, warum Sie sich mit mir so viel Schererei machen? Ich sage Ihnen aufrichtig, viel Lust, hier hineinzugehen hab ich nicht. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, wie die jungen Leute um mich her dahingegangen, sind und ich als alter nutzloser Strunk zurückgeblieben bin, an dem kaum noch ein Blättchen grün ist.«

»Die alte Elsbeth hat Euch als Boten zum Grafen von Glenallan geschickt, nicht wahr?« fragte Oldbuck.

»Nanu!« versetzte der erstaunte Bettler. »Woher wissen Sie das?«

»Lord Glenallan hat mir's selber gesagt,« antwortete der Altertümler. »Er wünscht, ich soll ihre Aussage über Familienangelegenheiten zu Protokoll nehmen, und deshalb nehme ich Euch mit, denn so wie es mit der Alten steht, die zwischen Irrsinn und Bewußtsein schwankt, ist es möglich, daß Euer Anblick ihre Erinnerung auffrischt, was sich auf andre Weise am Ende nicht erreichen läßt. Der Menschengeist will behandelt sein wie verfilzte Seide, man muß erst ein freies Ende finden, ehe man ans Aufknüpfen gehen kann.«

»Davon weiß ich nichts,« sagte der Schnorrer, »aber wenn meine alte Bekannte noch sich selber gleicht, so wird sie uns wohl ein ordentliches Knäuel zu wickeln geben. Es ist förmlich zum Gruseln, wenn sie die Arme bewegt und ihr Englisch spricht wie ein gedrucktes Buch – und dabei ist sie bloß einem alten Fischer sein Weib. Aber freilich, sie hat eine gute Schule genossen und hatte viel los, als sie ein wenig unter ihrem Stande heiratete. Sie kann etwa zehn Jahre älter sein als ich, aber ich besinne mich noch gut darauf, es wurde viel davon gesprochen, als sie den Simon Mucklebackit, Saunders'n seinen Vater, geheiratet hatte. Wie wenn sie eine Adelige gewesen wäre. Sie haben viel Geld bekommen und dann sind sie aus dem Grundgebiet der Gräfin weggezogen und haben sich hier niedergelassen. Aber sie haben es nie zu was bringen können, es hat ihnen nichts so recht geglückt. Aber sie ist doch sehr gebildet, und wenn sie mit ihrem Englisch loslegt, dann kann sie uns allen eine Nuß zu knacken geben.«

Als der Altertümler die Tür öffnen wollte, war er nicht wenig erstaunt, als er Elsbeth in grausig klagendem Tone eine alte Ballade singen hörte:

»Der Hering gern das Mondlicht sieht,

Den Wind liebt die Makrele,

Doch die Auster liebt ein Fischerlied,

Denn sie ist von edlerer Seele.«

Als sorgfältiger Sammler dieser sagenhaften Brocken antiker Poesie, blieb er vor der Schwelle stehen und griff unwillkürlich zu Notizbuch und Bleistift. Von Zeit zu Zeit wisperte die Alte dazwischen, als spräche sie zu Kindern: »Eia popeia, Kinderchens! Bisch! Bisch! Ein hübscheres Liedchen nun!«

»Nun, Frau'n und Männer, schweigt hübsch brav

Und groß und klein gebt acht,

Ich singe vom Glenallan Graf,

Der schlug die Harlaw-Schlacht.

Am Bennachie der Pibroch klang,

Am Don und ringsumher,

Gar blutig war der Waffengang,

Das Hochland trauert schwer.

Den nächsten Vers kann ich nicht mehr, mein Gedächtnis ist jetzt so schwach, und ich hab an so mancherlei zu denken gehabt. Der Herr führe uns nicht in Versuchung!«

Ihre Stimme erstarb in undeutlichem Murmeln.

»Es ist eine historische Ballade!« sagte Oldbuck begierig.

»Ja, aber es ist doch recht traurig,« sagte der Bettler, »wenn man ein Menschengemüt so völlig zerstört sieht, daß es alte Balladen singt, wo doch eben im Hause der Tod zu Gaste gewesen ist.«

»Still! Still!« sagte der Altertümler. »Sie hat wieder angefangen.«

Und ehe er noch ausgeredet hatte, erklang das Lied:

»Gezäumt die Rappen stehn zu Hauf,

Die Schimmel sonder Zahl,

Und stolze Ritter satteln auf,

Von Kopf zu Fuß in Stahl.

Kaum eine Meile ging's im Trab –

Holla! was ficht euch an?

Sprengt Donald nicht ins Tal herab

Mit zwanzigtausend Mann?

Breit weht der Banner stolzer Schwall,

Die Schwerter blinken hell,

Der Pibroch klingt im Widerhall,

Er schmettert laut und grell.

Der Graf im Bügel hoch sich hob

Und rief im Jubel aus:

Auf, Ritter werb um Ruhm und Lob,

Hier gilt es harten Strauß!

Was möchte wohl, mein Knappe brav,

Jetzt deine Losung sein,

Wärst du von Glenallan der Graf

Und ich wär Roland Cheyne?

Flucht wäre Schande, Knappe mein,

Und Kampf bringt Todesschlaf!

Was tätst du nun, mein Roland Cheyne,

Wärst du Glenallans Graf?

»Ihr müßt wissen, Kinderchen, dieser Roland Cheyne, so arm und alt ich auch hier am Kamin sitze, war mein Vorfahr, und ein fürchterlicher Mann war er an diesem Tage in der Schlacht, besonders seit der Graf gefallen war. Denn er machte sich's selber zum Vorwurf, daß er diesen Rat gegeben hatte, den Kampf zu wagen.«

Ihre Stimme klang lauter, als sie den kriegerischen Rat ihres Ahnherrn sang:

»Wär ich der Graf Glenallan, traun,

Und Ihr wärt Roland Cheyne,

So ließ ich schießen Rappes Zaum,

Den Sporn drückt ich ihm ein.

Und sind sie tausend auch an Zahl

Und wir nur ein paar Schock,

So tragen wir das Kleid von Stahl,

Sie nur den Schottenrock.

Mein Roß braust ihre Reih'n hindurch,

Wie es durchs Moorland bricht,

Wer edle Normann kennt die Furcht

Vor Hochlandsknappen nicht.«

»Hörst du, Neffe,« sagte Oldbuck, »deine gälischen Ahnen standen nicht eben in hoher Achtung bei den Kriegern des Tieflandes.«

»Ich höre,« sagte Hektor, »ein schwachsinniges altes Weib eine blödsinnige Ballade singen. Ich bin überrascht, Onkel, daß du, der du von Ossians Gesängen nichts hören willst, an solchem Tratsch Geschmack findest. Ich habe noch nie eine armseligere Dreierballade gehört, und ich glaube, bei jedem Hausierer oder Bänkelsänger finden wir bessere. Es wäre eine Schande, wenn ein solches Gefasel an der Ehre des Hochlandes rühren könnte.« Und er warf den Kopf in die Höhe und schnaufte verächtlich.

Die Alte hörte wohl ihre Stimmen, denn sie brach ihr Lied ab und rief:

»Nur herein, ihr Herren, nur herein, wer in guter Absicht kommt, bleibt nicht auf der Schwelle stehn.«

Sie traten ein, und zu ihrer Verwunderung sahen sie die Alte ganz allein. Wie ein Gespenst saß sie am Herde, runzlig, elend und widerlich, wackelnd und zitternd, triefäugig und von mißfarbiger Leichenblässe.